President Fruitley

President Fruitley
Registriert seit: 29.10.2007

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Bewertungen: 235 Reviews: 48
Genres: Blues, Dark Wave/Gothic, Hörspiel/Hörbuch, Jazz, Klassik, Pop, Punk, Rock, Singer/Songwriter/Liedermacher, Ska, Sonstiges, Soul/R&B, Soundtrack, Volksmusik/Folklore, World Music
Bewertungsverteilung von President Fruitley
0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5 5 5.5 6 6.5 7 7.5 8 8.5 9 9.5 10
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6.0: 9.7560975609756% (4x)

6.5: 31.707317073171% (13x)

7.0: 53.658536585366% (22x)

7.5: 31.707317073171% (13x)

8.0: 63.414634146341% (26x)

8.5: 87.80487804878% (36x)

9.0: 100% (41x)

9.5: 70.731707317073% (29x)

10.0: 90.243902439024% (37x)

Die letzten Bewertungen
9.0 für Hazmat Modine: Extra-Deluxe-Supreme (2015) (28.09.2015 19:43)
9.0 für Benja Men, The: Goodbye, Smile Mile (2013) (11.12.2013 01:58)
10.0 für Dota: Wo Soll Ich Suchen (2013) (04.09.2013 21:26)
10.0 für Rose Windows: Sun Dogs, The (2013) (28.07.2013 16:44)
10.0 für Wolf People: Fain (2013) (08.07.2013 16:05)
7.5 für Kinks, The: Phobia (1993) (26.06.2013 20:46)
8.0 für Kinks, The: UK Jive (1989) (20.06.2013 12:35)
Insgesamt 235 Bewertungen vorhanden. Alle anzeigen
Die letzten Reviews

28.09.2015 19:43 - Hazmat Modine: Extra-Deluxe-Supreme (2015)

9.0 / 10
Die Rolle des Orchesterleiters hat Wade Schuman inne, ein Mann mit sowohl kompositorisch als auch stimmlich dezenten Ähnlichkeiten zum großen Tom Waits (auch wenn zu deutlicheren Übereinstimmungen noch jede Menge ungefilterte Zigaretten und Whisky von Nöten wären). Es ist nur ein vager Vergleich, aber sicherlich ist wohl niemand deswegen beleidigt. Ihr 2015er Album erhielt den bescheidenen Namen Extra-Deluxe-Supreme, was eine Extra-Deluxe-Supreme-Tonträgerausgabe naheliegend erscheinen lassen würde. Vielleicht wird das eines Tages folgen, wer weiß. Allgemein sei angemerkt, dass als Grundvoraussetzung für den Genuss des Albums eine prinzipiell Mundharmonika-freundliche Einstellung vorherrschen sollte. Ist das der Fall, werden über 50 Minuten feinste Arrangements geboten, stets getragen durch reichlich Blechbläser und dem Gehörgang schmeichelnde Gesangsharmonien. Musikalisch quietscht und trötet sich das Ensemble ziemlich breit gefächert durchs Blumenbeet diverser Blues/Pop/Reggae-Varianten, und als i-Tüpfelchen wird es in zwei Liedern ergänzt um ALASH, einem tuwinischen (ja, es ist nicht blamabel wenn das jetzt gegoogelt wird) Fidel-Flöte-Banjo-Kehlkopfgesangstrio. Die Themen kreisen ums Scheitern und um die mittelschweren bis schweren Nöte im Leben, mit kleinem Hang zur Hoffnung auf Erlösung (das mag wohl der Gospelanteil sein, von dem im Waschzettel die Rede ist). Erfreulich diesseitig ist jene Erlösung im Eröffnungsstück 'Another Day': I was living out the sentence of my self-inflicted doom, Deep below the city I had loved. Bitter as I wandered, should have known a better way, Up there with the living, that's the only place I want to stay: Another day! Versuch und Irrtum, zerstörerische Abhängigkeiten, allgemeines Lebenspech und verkorkste Lebensentwürfe – mit solchen Widrigkeiten muss sich in zehn Liedern auseinandergesetzt werden. Dazu gesellt sich in den Texten aber auch meistens eine Portion Optimismus, Aufbruch, oder mindestens störrischer Fatalismus. We keep it up, push it up, and deal with the stress. Slip it up and slop it, do our best to adress. I try to account when I make a mess, but I keep fucking up even doing my best. - All Of My Days Kurz vor Ende des Albums wird in 'End Of Sweet Dreams' einfach alles ans Böse erinnernde verbrannt (nicht sehr nachhaltig im ökologischen Sinne, aber durchaus eine Problemlösungsstrategie, die funktionieren kann), bevor das letzte Lied 'Most Of All' herzerfrischend rabiat eine konkret adressierte Hasserklärung ausspricht: And the cops will always treat you well, And the dealers all will go broke. The lawyers never lie my friend, And the singer never will choke. Dogcatchers can't catch that dog, And the king can never fall. Doctors never lose a man, And I love you most of all! Extra-Deluxe-Supreme ist absolut hörenswert, mit besonderem Lob an die Instrumentenauswahl. Die Liste der zum Einsatz gekommenen Instrumente ist lang und bisweilen exotisch, und genau das sorgt für eine spannende Vielfalt auf Albumlänge, zusammengehalten durch den knarzenden Gesang und hübschen Harmonien. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2015/09/hazmat-modine-extra-deluxe-supreme.html [Review lesen]

28.09.2015 19:41 - I'm From Barcelona: Growing Up Is For Trees (2015)

9.0 / 10
Wie geht man mit einer Band bestehend aus 27 Menschen auf Europa-Tour? Garnicht, denn der gemeine Bandnightliner hat nur Platz für 16 Menschen. Deswegen schrumpften I'm From Barcelona zeitweise zusammen, was die organisatorische Brisanz einer großen Tour allerdings sicherlich nicht auf erträgliche Maße geschmälert haben wird. Beim Durchzählen der Köpfe und Körper im aktuellen Video scheinen sie sich wieder etwas vermehrt zu haben, und das ist ausdrücklich zu begrüßen. Wer bereits das Vergnügen hatte einem der Kindergeburtstage Konzerte beizuwohnen, weiß um die Bedeutung der schieren MusikerInnenmasse. Es liegt uns das mittlerweile fünfte Studioalbum der sympathischen Großpopgruppe vor, welches den wundervollen Titel 'Growing Up Is For Trees' trägt. Die vergangenen Werke der letzten zehn Jahre können sich sehen lassen – vom epochalem Erstlingswerk, zum teilweise überraschend introvertierten Zweitling, dem kuriosen, aber wirklich ungemein empfehlenswerten Kraftakt 27 Songs From Barcelona, zum wieder zu der anfänglichen Orientierung gewendetem Forever Today aus dem Jahr 2011. Das neue Werk ließ demnach geschlagene vier Jahre auf sich warten, sodass die Erwartungen automatisch hoch angesetzt sind. Das dazugehörige erste Lebenszeichen, 'Violins' samt Video, gab zugegebenermaßen das Gefühl eines großen vorhandenen Potentials, welches nicht so recht genutzt wurde. Während der Eindruck beim Musikvideo wohl so bleiben wird, entwickelt sich das Lied im Gehörgang mit der Zeit ganz gut. Damit steht es stellvertretend für große Teile des Albums - ein paar mal wirken lassen hilft auf die Sprünge. Doch neben 'Violins' sind wir noch mit neun weiteren, neuen Stücken beglückt. Wir hören uns mal durch das Album: 'Helium Heart' ist durchaus cheesig, aber die leichte Rockreminiszenz à la 'Roadrunner' von den Modern Lovers reißt es wieder raus. Es folgt 'Lucy', ein selbst für ihre Bandverhältnisse äußerst zügiges, kraftvolles Stück. Das Lied macht Spaß, bleibt sofort im Ohr, und ist definitiv eines ihrer besten Werke im gesamten Schaffen. Erkennbar ist dies eindeutig daran, dass das Lied geradezu zwanghaft zur ständigen Schleife nötigt, aus der man sich erstmal mühsam wieder befreien muss. 'Growing Up Is For Trees', das Titelstück, bleibt recht ruhig, und begeistert mit einem gelungenen Text über die Schwierigkeiten ein Liebeslied zu verfassen. Am Ende ist ein wenig unbeholfenes Klaviergeklimper zu hören – wohl der kompositorische Beginn eines jeden guten Liebesschnulzenklassikers. 'Gotta Come Down' erinnert an das Vorgängeralbum. Sehr glatt, sehr schön vielstimmig. Die Menschenmasse der Band wird zu selten genutzt, aber immerhin an dieser Stelle. Dem schließt sich auch 'Not Just Anything' an, bleibt aber weniger hängen und hat etwas von einer B-Version von 'Violins'. Beim flotten 'Sirens' wähnt man sich wieder etwas mehr in der Bandvergangenheit. Live wird das Stück mit Sicherheit sehr überzeugend, um nicht zu sagen gut tanzbar sein. Hier darf sich auch endlich der Bläsersatz mal so richtig in den Vordergrund schieben. 'Benjamin' ist ein mit kleinen Countryanleihen gespicktes, sehr sympathisches Lied über Fernweh. Wieder sorgen die Bläser für die Extraportion Eingängigkeit, welche das Lied eine Weile im Gehör verweilen lässt. Erstaunlich ähnlich ist 'Departure', sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Es ist eine winzige Prise unaufgeregter, aber unterm Strich das leicht bessere dieser beiden schönen Fernwehlieder. Das gut fünf Minuten lange 'Summer Skies' beschließt das Album. Im Vergleich zum Restalbum erscheint es doch besonders unaufgeregt, und lebt vor allem von einem spärlichen, repetitiven Text. Gegen Ende wird ein wenig gejammt, aber zum Glück in Maßen und nicht eine halbe Stunde lang. Zum Ausklingen genau die richtige Wahl. Wir halten fest, das neue Album von I'm From Barcelona geht als gut gelungen durch, auch wenn an der ein oder anderen Stelle das Potential der Band leider nicht ausgeschöpft wurde. Das Album möchte ein paar mal gehört werden, bevor es seine ganze Wirkung entfaltet, und besonders 'Departure', 'Growing Up Is For Trees', und 'Helium Heart' sind gelungene, zukünftige I'm From Barcelona-Klassiker. 'Lucy' ist nicht nur besonders gelungen, sondern ein Hit, und sollte als solcher bitte auch entsprechend gewürdigt werden. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2015/03/im-from-barcelona-growing-up-is-for.html [Review lesen]

27.06.2015 15:15 - Orchestre Miniature In The Park: Songs About The Sun (2015)

10.0 / 10
Dies ist keine gewöhnliche Albumrezension. Wir sind beide persönlich stark befangen was das erste Album vom Orchestre Miniature in the Park angeht, weil wir beide in das Projekt verstrickt sind. Ich ganz besonders, da ich mich glücklich schätze Teil dieser Band zu sein und es somit sozusagen mein eigenes Album ist, welches ich hier besprechen sollte. Das ist nicht so einfach. Natürlich finde ich es großartig, und natürlich sollten alle Menschen es kaufen und lieben, aber das mögen Außenstehende vielleicht ganz anders sehen. Die nachfolgenden Sätze sind ausnahmsweise kein Lob und keine Kritik einer zugesteckten Aufnahme, sondern ein höchst persönlicher Blick auf das eigene Schaffen (und das Schaffen vieler befreundeter Menschen). Als das Orchester im letzten Jahrzehnt geboren wurde ging es vor allem darum in Parks zu gehen und Lieder über die Sonne und den Sommer auf Kinderinstrumenten zu covern. Über die Jahre kamen immer mehr Menschen dazu (und es gingen natürlich auch viele), brachten tolle Ideen mit und sorgten dafür, dass das Orchester an den seltsamsten Orten spielt (Gorch Fock, ZDF Morgenmagazin, re:publica), aber auch auf den wichtigen Berliner Bühnen und generell überall. Es wuchs nicht nur ein festes Repertoire an Covern, sondern auch langsam aber stetig ein Œuvre an eigenen Liedern. Im Jahr 2015 ist es höchste Zeit diese endlich auf ein richtiges Album zu pressen, denn sie haben es verdient. Zehn der dreizehn Lieder auf Songs About the Sun sind unsere eigenen, und die restlichen drei Cover verwuchsen mit den Jahren so sehr mit dem OMP, dass sie sich wie unsere eigenen anfühlen. Im Album steckt viel Liebe und die Mitwirkung von über 40 OMPies über die vielen Jahre, in denen jeweils ein paar Lieder aufgenommen wurden. Diese bunten Kombinationen an verschiedenen Besetzungen sind viel Wert, fügt es doch dem Album viele unterschiedliche Nuancen zu und lässt es somit nicht langweilig werden. Auch wer nicht dabei war kann erahnen, dass beispielsweise zwischen dem Einstiegslied 'Songs About the Sun' und dem folgenden 'Welcome Juliet' etliche Jahre liegen. Die Band entwickelt sich und bekommt immer wieder andere Facetten durch neue Instrumente und Talente. Die Lieder haben erstaunlich oft einen traurigen Kern, der live eher untergeht und wohl erst in der Studioaufnahme so richtig zur Geltung kommt. Diese Ambivalenz zwischen Musik und Text war für mich schon immer anziehend. 'Pill That Makes the Sun Shine' handelt von Psychopharmaka, 'On This Sunny Day' von Selbstmord und 'Fräulein Sommer' von der klassischen zerbrochenen Liebesbeziehung. Die ganze schwere Last der Themen wird von der aufmunternden Musik aufgehoben. Sie ist sozusagen die Sonne in diesen Liedern, die textlich eigentlich wenige bis keine sonnige Elemente enthalten. Ich vermute dieses Konzept überträgt sich eher unbewusst auf das Publikum. Der traurige Text rückt in den Hintergrund weil die fröhliche Musik stärker ist. Als Studioaufnahme wirken die Texte präsenter und geben dem Album eine ausgewogenere Note verglichen mit den Livedarbietungen. Auch wenn ich die traurigen Lieder sehr mag, so sind sie doch zum Glück nur ein Teil des Albums. Die unmissverständlichen, direkten Werke bilden sogar in der Mehrheit. Aus der Feder vom OMP-Flötisten Friedemann stammt das wunderbare 'Die Sonne ist da', welches genau den Inhalt hat, den der Titel verspricht. 'May the Sun Always Shine' gehört ebenfalls zu dieser Kategorie, wobei es als einfaches Ich-wünsche-Dir-alles-Gute-Lied ohne (versteckten) Witz ein gewisses Alleinstellungsmerkmal unter unseren Liedern hat. Am ähnlichsten (wenn auch inhaltlich in die ganz andere Richtung gewendet) ist ihm noch 'Thank You For This Moment', welches zu meinen absoluten OMP-Highlights gehört. Das hängt vor allem mit meiner Vergötterung von I'm From Barcelona zusammen, denn es erinnert mich stark an einige Lieder ihres ersten Albums. Der Name eines der großen OMP-Einflüsse fiel soeben, doch es gibt zu diesem Thema noch mehr zu sagen. Ein anderes Role Model sind Pianosaurus, und nicht ohne Grund ist deren großartiges Stück 'Sun Will Follow' Bestandteil von ungefähr jedem OMP-Konzert. Das Lied wurde von uns so sehr ins Herz geschlossen und adoptiert – es musste einfach mit auf das Album. Außerdem ist mit 'All Summer Long' noch ein Cover von Phoebe Kreutz vertreten, mit der wir dankenswerterweise schon mehrmals zusammen spielen durften. Das dritte Cover versteckt sich gut, denn es klingt wie das prototypische OMP-Lied. 'Ich, Du und die Sonne' stammt erstaunlicherweise nicht von uns, sondern von einem Hamburger Musiker namens Goldmütze. Neben den alten OMP-Klassikern 'Welcome Juliet' (die Leute sollten bei Konzerten und auf der Platte schließlich höflich begrüßt werden) und 'Komm raus zum Spielen' (Klaus Cornfields 'My Way' und ältestes Lied des Orchesters) findet sich mit 'Sheriff Chefboss' auch ein Lied aus der Feder von Ex-OMP-Mitglied Toni Kater, welches von uns live nur ein einziges Mal dargeboten wurde und auf dem Album somit als (Fast-)Studiolied ein echtes Novum ist. Nur das Titelstück wurde noch nicht erwähnt. 'Songs About the Sun' eröffnet das Album mit der Feststellung, dass Lieder über die Sonne überflüssig sind. Dass das Album gerade mit diesem Lied, und vor allem mit nichts als einer verzehrten E-Gitarre anfängt, stimmt mich sehr glücklich. Die Erwartungshaltung an den Inhalt muss schließlich an irgendeiner Stelle enttäuscht werden und dafür gibt es keinen besseren Platz als ganz am Anfang. Das Album ist eine Herzensangelegenheit. Sicher mögen das alle Musikschaffenden von ihren Werken behaupten, doch hinter diesen gut 40 Minuten Musik stehen acht Jahre Bandgeschichte, diverse Studiosessions, hunderte Auftritte, Touren, Chaos, kaum zählbare unterschiedliche Besetzungen und die Hingabe an den Moment. Dies ist alles auf Songs About the Sun zu hören und hat für viele Menschen eine große Bedeutung als aktueller oder vergangener Teil ihres Lebens. Es wird für längere Zeit unser einziges Album sein und damit das erste wirkliche Festhalten des sich stetig wandelnden Orchesters in einem Statuts Quo. Außerdem wird es ein Begleiter auf jedes Konzert sein, ein gutes Geschenk an alle neuen und alten Bekanntschaften und Belohnung für das Orchester und alle, die unsere Musik mögen. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2015/05/orchestre-miniature-in-park-songs-about.html [Review lesen]

30.12.2014 18:44 - Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen: Alle Ampeln Auf Gelb! (2014)

9.5 / 10
Als der Festsaal Kreuzberg abbrannte, war meine erste Assoziation mit jenem Verlust das jährliche Superpunk-Spektakel an diesem Ort, jeweils immer ein oder zwei Tage vorm Jahreswechsel. Das Feuer und das folgende, traurige Ende des Festsaals fiel zeitlich auch ungefähr mit der Auflösung der Gruppe Superpunk zusammen. Die Trauer über den Verlust von Superpunk konnte allerdings bald in Freude über die freudige Neugründung der Gruppe Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen umgemünzt werden. Nun liegt bereits ihr zweites Album vor. 'Alle Ampeln auf Gelb!' soll, ginge es nach meinen Wünschen, alles Schöne an den verblichenen Superpunk enthalten, ergänzt mit einer frischen Brise. Als Fazit muss man direkt feststellen: Die Platte erfüllt diese Erwartungen! Die frische Brise kommt vornehmlich aus echten Blasinstrumenten. Ansonsten ist es natürlich nicht allzu sehr verwunderlich, dass die Unterschiede für den Konsumierenden nicht sehr groß erscheinen. Nie waren Herrn Friedrichs Texte mehr Bildungsmusik. Auf jedem unter seiner Mitwirkung entstandenen Album konnte man etwas lernen, doch 'Alle Ampeln auf Gelb!' eröffnet besonders viel launigen Gesprächsstoff für die nächste Party. Eben diese Gelegenheiten werden (naheliegenderweise) in 'Alleine auf Partys' besungen. Dort ohne Begleitung zu erscheinen eröffne ganz andere Möglichkeiten der Beobachtung und neuen Bekanntschaften. Offensichtlich wurden einige dieser Begegnungen an dieser Stelle vertont. Thematisch hangelt sich das Album durch ein buntes Potpourri, allerdings fällt eine gewisse Personenfixierung ins Ohr. Interessante Persönlichkeiten, die vermutlich noch nie besungen wurden, werden mit ohrwurmigen Liedern geadelt. Ich muss zugeben, ich kannte keinen davon.* Das mag nicht der Regelfall sein, denn insbesondere Cineasten sollten eigentlich mit den Namen Werner Enke und Dr. Fritz Fassbender vertraut sein. Letzterer existiert auf der Platte nur im Titel des Instrumentals 'Song for Dr. Fritz Fassbender'. Das ist ein cleverer Schachzug, die Unwissenden dazu zu bringen die Suchmaschine anzuwerfen. Werner Enke könnte man eigentlich kennen, das Unwissen ist in dem Fall eher selbstverschuldet. Mit ihm eröffnet das Album, sehr krawallig übrigens. Den Aspekt finde ich interessant, denn es sind diverse eher schepperige Lieder auf dem Album zu hören. Ich möchte nicht nostalgisch werden, aber es erinnert mich schon an einige Hits einer gewissen anderen Band. (Entschuldigung, aber 'Das Unglück bin ich' ist doch nur eine alternative Version von 'Mein zweiter Name ist Ärger'.) Die ganze Anleihendiskussion möchte ich aber nicht weiterführen. Natürlich sind die Lieder voll von popmusikalischen Referenzen, aber das macht im Falle Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen eben auch den besonderen Hörgenuss aus. Ich habe in der nachbarschaftsbeschallenden Dauerrotation drei eindeutige Favoriten ausgemacht, die ich hiermit allen Interessierten ganz besonders ans Herz legen möchte. Da wäre zuallererst das Titelstück 'Alle Ampeln auf Gelb!' zu nennen. Es ist wieder ein Lied über einen Menschen, den ich beschämenderweise vorher nicht kannte und dankbar bin, dass sich dieser Zustand nun geändert hat. Peter-Ernst Eiffe. Ein faszinierender Typ, der leider etwas vergessen wurde. Man kann den Namen entweder googeln, oder aber einfach das Lied hören, denn es ist im Grunde ein vertonter Wikipedia-Artikel. Ich freue mich über die so präsente Würdigung jenes 'Alle Ampel auf Gelb!'-Slogans. Und bitte, welche andere Band im Universum kann ein flottes, großartiges Tanzlied schreiben, in dem 'Statistisches Landesamt' vorkommt? Meine besondere Empfehlung Nr. 2 enthält ähnlich wundervolle Wörter, wie beispielsweise 'Arbeiterwohlfahrtsbutze'. Es handelt sich um das wirklich wunderschön balladige 'Begrabt mich bei Planten un Blomen'. Das Lied ist eine würdige Hymne an diesen netten, recht pittoresken Park in Hamburg. Ich möchte jetzt bitte dort in der Sonne liegen und das Lied soll durch den Park schallen! Wie wir wissen, wenn die Gefahr besteht romantisch zu sehr eingelullt zu werden, muss dem eine gänzlich andere Emotion entgegensetzen werden. Diese hast das Lied 'Rock Pop National' im Angebot. Es ist eine Hymne, die beispielweise dem Echo Pop wie auf den Leib geschrieben wurde. Sie ist aber eigentlich viel universeller, denn wer hat sich nicht schon gefragt, warum eigentlich diese ganze Scheiße unter dem Label 'Rock Pop National' gehört wird? Ich höre schon Rufe - "Mäßige dich, da gibt es auch schöne Sachen". Mag sein, dass nicht alles schlimm ist. Diese Haltung kann ich akzeptieren, aber im Großen und Ganzen ist diese giftige Hasshymne mehr als angebracht. Der Rest des Albums ist freilich auch nicht zu verachten, aber man sollte auch nicht alles verraten und lieber selbst herausfinden was z.B. hinter 'Der Amateur' steckt und warum 'The Out-Crowd' sich so gut im Gehirn festsetzt und dort in der internen Wiedergabe einige Rotationen mehr dreht. Als Fazit möchte ich kurz und knapp sagen, dass das Album sehr viel Spaß macht und kann es besten Gewissens allen musikliebenden Menschen empfehlen. Und es kann an alle 'Rock Pop National-Fans' verschenkt werden, damit die auch mal sehen wieviel Seele Musik haben kann. *Albert Hofmanns Erfindung ist mir natürlich - sozusagen rein platonisch - bekannt. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2014/05/die-liga-der-gewohnlichen-gentlemen.html (7.5.2014) [Review lesen]

11.12.2013 01:58 - The Benja Men: Goodbye, Smile Mile (2013)

9.0 / 10
Es liegt ja groß im Trend Kinder zweisprachig zu erziehen, und wie auch immer man das in manchen Fällen finden mag – sollte es sich um Englisch und Deutsch handeln ist Goodbye, Smile Mile prädestiniert im kindeseigenen CD-Player zu landen (um an dieser Stelle mal Kritik loszuwerden – stilecht sollte das Album eigentlich auch als Kassette erscheinen). Auf der einen CD in Deutsch, auf der anderen in Englisch, wird die Geschichte von Jolly Joe erzählt, dessen Eltern von Smile Mile (Spaßtal) nach Crueltown (Hassstadt) ziehen. Jolly Joe will natürlich nicht weg, und weil er Smile Mile so vermisst und in der neuen Schule gemobbt wird macht er sich von Crueltown alleine auf den Weg zurück durch den Wald. Wir haben es hier mit einer sehr guten Umsetzung der Konzeptalbenidee zu tun. Sicherlich wendet es sich inhaltlich an Kinder, aber auch als Nicht-Kind kann man sehr viel Spaß am Album (was strenggenommen ein Doppelalbum ist) haben. Zum Einen ist die Strukturierung einer konkreten Geschichte in gut 30 Minuten so gut gelungen wie selten zuvor - die meisten Konzeptalben die ich kenne neigen dazu ihren roten Faden zwischendurch zu verlieren oder ein Thema zu generell beleuchten zu wollen. Zum Anderen erfreut mich die musikalische Darbietung. Das ganze Album ist außerordentlich stimmig arrangiert und abwechslungsreich. Ich habe bei den meisten Liedern das Gefühl mir etwas Bekanntes zu hören, ohne ein konkretes Lied benennen zu können. Es wirkt so als wären die schönen Harmonien und die Instrumentierung den popmusikalischen Highlights der späten 60er und frühen 70ern entliehen. An der einen Stelle denkt man, hm, das ist doch aus einem Beatles-Stück. An anderer Stelle fühlt man sich ein bisschen an das Album Odessey & Oracle von The Zombies erinnert. Am stärksten jedoch ist für mich das Assoziation mit einem meiner liebsten Kinks-Alben – Schoolboys in Disgrace. Als Konzeptalbum über die Schulzeit kommen dort inhaltliche Parallelen dazu (z.B. beim Thema Mobbing in 'Super Goober' bzw. 'Jack The Idiot Dunce'). Allein deshalb dürfte Goodbye, Smile Mile zur kindlichen Früherziehung sehr nützlich sein; vielleicht bewahrt es sie davor in späteren Jahren einem schlechten Musikgeschmack zu frönen. Besonders kinderfreundlich finde ich den Erzähler, der vor jedem Lied in wenigen Sekunden zusammenfasst was passiert, das macht es sehr leicht allem zu folgen, auch wenn es nicht die Muttersprache ist. Achtung, Spoiler: Wie es sich gehört ist eine Lebensweisheit inklusive. Auf seinem Irrweg durch den Wald trifft Jolly Joe den kinderfressenden Bär, der auch ausgelacht wird: „Mach dir nichts draus, wenn dich andere auslachen. Du kannst es sowieso nicht allen recht machen. Ich weiß das, alle haben mich kritisiert, weil ich ein kinderfressender Bär bin, den Fleisch nicht interessiert.“ Es folgt ein gewagter Reim von Bär auf Vegetarier (bei den deutschen Texten merkt man an einigen Stellen dass das Songwriting auf Englisch war, aber die Übersetzung ist trotzdem deutlich besser als z.B. bei der englischen KOOK von Tocotronic oder dem beatleschen Kleinod 'Komm gib mir deine Hand'), und dann brechen sie auf zurück nach Hassstadt. Und die Moral von der Geschicht': vor Problemen weglaufen lohnt sich nicht. Ich möchte aber anmerken dass es Ausnahmen gibt, liebe Kinder. Ist man z.B. im späteren Leben professionelle/r Bankräuber/in, sollte man sehr gut vor den Problemen wegrennen können. In den meisten Fällen hat aber der kinderfressende Veggibär recht. Auch Kant hat in den meisten Fällen recht, aber dafür braucht es wohl ein anderes Konzeptalbum. Erstveröffentlichung: www.tantepop.de/2013/12/the-benja-men-goodbye-smile-mile.html [Review lesen]

04.09.2013 21:26 - Dota: Wo Soll Ich Suchen (2013)

10.0 / 10
Auf einem Konzert von Dota Kehr bekommt man von ihr meistens zu hören, dass ihre Lieder entweder traurig oder beängstigend seien. Auf einem Konzert von Dota Kehr bekommt man außerdem oft Lieder zu hören, welche sich auf keinem Album befinden. Manches Werk ist nur wenige Wochen alt und hat noch keinen Anfang und kein Ende. Andere Stücke trägt sie über Jahre im Liverepertorie mit sich herum bis sie endlich auch aus der Konserve zugänglich gemacht werden. Das ist, auch wenn ich die Intention nicht unterstellen möchte, garkeine schlechte Taktik Leute wiederholt in die Konzerte zu locken. Für Menschen, die sie in aller Regelmäßigkeit live erleben, ist ein neues Studioalbum von Dota eine Begegnung mit einigen neuen, aber auch einigen bereits gehörten Liedern in einem neuen Gewand. Was auffällt ist, wieviel Liebe zum Detail, zum perfekten Arrangement im ganzen Album steckt. Man hört es vom Anfang bis zum Ende und denkt, ja, es passt alles zusammen. Es fehlt nichts, und selbst die Streicher- und Bläserarrangements erdrücken nie das eigentliche Lied. Auf die Spitze getrieben wird das in 'Konfetti', einem Lied, welches weder traurig noch beängstigend ist, sondern genau das aktiv zu verhindern versucht. "So stell ich es mir vor, ich seil mich ab, ich spring die letzten Meter, weil das Drahtseil nicht reicht. Kein Kränze, keine Kerzen, nur Konfetti. Und bitte sorg dafür, dass sie João Bosco spielen, dann gibt ́s Schnaps und großen Schmaus. Schnaps und großen Schmaus." Der politische Moment fehlt auf keinem Album von Dota, so auch hier nicht. Die Themen sind aber weniger plakativ verpackt als auf dem Vorgängeralbum Bis auf den Grund. Dort gab es das Lied 'Utopie' über Wut, hier gibt es 'Das Wesen der Glut' über den Zorn. Während 'Utopie' sich sehr direkt an die Zuhörer wendet und sie nahezu zum „Ich habe viel zu viel Ärger, und viel zu wenig Wut“-Mantra animiert, ist 'Das Wesen der Glut' eher zurückhaltend in seiner Umsetzung und thematisiert als Swing despotische Unterdrückungsversuche. Wir denken im Jahr 2013 zwangsläufig an die gewaltsame Räumung und Sperrung des Gezi-Parks. Die Glut findet sich als Motiv bereits in 'Warten auf Wind', einem drängenden Lied über den letzten Funken des Antriebs, der oft nötig ist, damit man sich überwindet. 'Nicht messen' hat mit seiner textlichen Direktheit Seltenheitswert auf dem Album. Es ist ein ruhiger, aber bestimmter Protest gegen den ewigen Vergleich im Leben. Auch wenn man das nicht gerne auf sich selbst beziehen möchte, hinterlässt das Lied doch eine gewisse selbstkritische Haltung, denn wie so oft kann zwischen Anspruch und Realität eine große Lücke sein. Sollte sich bei einigen Hörern ein leises 'nicht vergleichen, nicht vergleichen' penetrant im Gehirn festsetzen, hat das Lied etwas erreicht. "Als ging es nur um Ziele und sie zu erreichen, der Anfang des Unglücks wäre sich zu vergleichen, das weiß jeder, ahnt jeder, trotzdem der Wettstreit, was machst Du aus Deiner Zeit?" Diverse Wetterphänomene spielen auf dem Album eine Rolle. Das mag langweilig klingen, fügt aber alles auf ganz wunderbare Weise zusammen, zumal jene nicht der Zweck, sondern nur das Mittel sind um Gedanken auszudrücken. Schon im ersten Lied des Album, 'Hoch oben', dienen Wind und Regen als literarische Mittel für einen berührenden Text über das Loslassen müssen. Sie hat recht, es ist wohl oft wie beim Drachen steigen lassen. "Wir sind auf den Teufelsberg gestiegen, ich lauf los, nur ein paar Schritte. Es gelingt und der Drachen fliegt und zieht ungestüm. Und natürlich kann man fragen, was das Drachen- steigen bringt, man steht nur rum und hält die Schnur, aber die Seele fliegt mit ihm. [..] Du hast Flügel an den Füßen und den Schelm in Deinem Blick und musst alleine auf die Reise. Ich steh am Fenster, sehe Dir nach, schau zu den Wolken und zurück mit einem Stück Schnur in der Hand seltsamerweise." Hier haben wir wieder den liebgewonnenen Verweis auf Berlin, wie auch schon z.B. in den älteren Liedern 'Kanal' oder 'Ö.P.N.V.', der einem Teil der Adressaten hilft ein konkretes Bild im Kopf zu haben. Als Anfang des Albums erinnert 'Hoch oben' schon ein wenig an 'Transparent', dem Anfang von Bis auf den Grund. In der Mitte des Albums findet sich das kurze Stück 'Zwei Falter'. Es wirkt wie ein Textfragment, welches eigentlich kein Lied sein wollte, sondern eher ein achtzeiliges Gedicht. Gesprochen hätte diese kleine Naturbeobachtung auch gut an die Stelle gepasst, wohl aber den Fluss des Albums gestört. Ganz ähnlich ist 'Licht' aufgebaut. Es ist ebenfalls eine detaillierte Naturbeobachtung, in dem Fall über die Brechung des Lichts im Wasser. Die Fische bekommen noch ein bisschen ab, und dann verschwindet das Licht im Nichts.Das Lied wird vor allem durch die Melancholie in der Stimme getragen. Vielleicht ist das der einzige Grund für seine Existenz – der Ausdruck einer Melancholie aufgrund der Endlichkeit, selbst von Licht. Der kryptischste Text des Albums ist 'Stadt am Meer'. Man muss dazu sagen, im Booklet ist neben dem Text ein Bild von schlechter Qualität (also das Bild, nicht das Booklet) abgedruckt, welches ich im ersten Moment mit der Explosion in Fukushima assoziieren würde. Im Lied geht es dann allerdings um die Vorstellung, alle Bewohner einer großen Stadt hätten über Nacht die Koffer gepackt und seien gegangen – und am nächsten Morgen wacht die erzählende Person auf und ist alleine. Die Natur erobert die Stadt zurück und sie hat als einzige Freunde die Tiere, die sich dann die Stadt als Lebensraum zurückholen. Am Ende verlässt sie endlich selbst die Stadt. Die Betonung liegt auf dem großen zeitlichen Abstand zwischen dem Verschwinden aller Menschen und dem Aufbruch des Protagonisten. Hier bleibt viel Spielraum für die eigene Interpretation, oder einfach die Möglichkeit das ohne Urteil auf sich wirken zu lassen. Zu 'Stadt am Meer' passt das Lied 'Rauschen'. Dieses Mal sind zwar andere Menschen und jede Menge Möglichkeiten vorhanden, doch es kann alles durch eine tiefe innere Leere nicht mehr wahrgenommen werden. Ursache für diesen Zustand sei ein mit Mühe erlegtes Monster und das Fehlen desselben. Es ist der mit Abstand depressivste Text des Albums, denn egal welche Dämonen besiegt wurden; sie waren das einzige was das Leben überhaupt mit Inhalt gefüllt hat. "Ich taste im Dunkeln, obwohl es nichts verheißt, in dieser Geisterstadt nicht ein Monster mehr, das mich beißt. Ich schau durch fremde Fenster, Leute reden, sie lachen, es lärmt, es geht um Drachen und Monster, für mich ist alles gleich weit entfernt." Ähnlich diffus bleibt das Titelstück 'Wo soll ich suchen'. Erneut dienen Bilder aus der Natur zur Beschreibung des Gemütszustandes. Was gesucht wird bleibt offen, es läge nahe eine Suche nach Glück im Allgemeinen zu interpretieren, aber man kann es auch ganz einfach offen lassen bzw. den Fokus auf das beschrieben Sicherheitsbedürfnis und das Zögern bei der Suche legen. Das Diffuse, Bedrückende wird wunderbar durch das Arrangement untermalt, inkl. Bratschensolo zum Schluss. 'Im Tausch' bietet eine Sicht auf zwischenmenschliche Nähe, in welcher gegeben wird ohne etwas zu erwarten. Bei dem Text fiel mir direkt das das gegensätzliche behauptende Lied 'Liebe ist ein Tauschgeschäft' von Bernadette LaHengst ein. Wie man es auch dreht und wendet, vielleicht ist ja der Tauschhandel einfach nicht so direkt wie beim, nunja, normalen Tauschhandel, aber letztendlich doch vorhanden. Wer begnügt sich schon langfristig damit immer nur zu geben. "Manchmal sieht so es aus, doch dann trügt nur der Schein. Ich weiß. Es gibt nichts im Tausch. Und was wird aus uns, wenn nicht? Irgendwann endet der Rausch. Dann bleibt alles beim Alten, man kann eh nichts behalten, man gibt es weiter und es gibt nichts im Tausch." Ein Teil der Lieder ist schon etliche Male auf Konzerten dargeboten wurden, eines davon ist 'Sommer'. An dieser Stelle muss ich sagen, sie spielt es ungefähr seit Anfang 2010 (?), und es ist in der langen Zeit mein Lieblingslied von Dota geworden. Das sind drei Jahre, in denen es ausschließlich live zu hören war. Jetzt eine Konserve davon zu haben, noch dazu eine gelungene Umsetzung als Studioversion, ist ein sehr besonderer Umstand. Für mich vereint das Lied alles wundervolle, was auf dem Album geboten wird. Es ist, für mich, eines der besten deutschsprachigen Lieder überhaupt, deswegen finde ich es schwer hier in wenigen Zeilen adäquat darüber zu schreiben, oder überhaupt darüber zu schreiben. Ich lasse es einfach und überlasse es anderen Worte dazu zu verlieren. Stattdessen verliere ich eben jene lieber noch über das letzte Lied des Albums – 'Risse'. Es ist ebenfalls ganz wundervoll und 'Bis auf den Grund' nicht ganz unähnlich. Der Verlust und die Frage nach dem warum stehen im Mittelpunkt. Ratlosigkeit, Fehlersuche und der Gedanke, ob Glück nicht nur aus der Ferne existiere. Dota schafft es auf mysteriöse Art solche Texte nie kitschig oder oberflächlich werden zu lassen. Das ist unter den gegenwärtigen popmusikalischen Textern fast ein Alleinstellungsmerkmal. Warum sie in der Lage ist solch großartige Lieder zu verfassen weiß ich nicht, aber ich bin froh dass sie es regelmäßig tut. Das Album weist Parallelen zu älteren Alben auf, insbesondere zu Bis auf den Grund, ist aber eine erneute musikalische sowie lyrische Steigerung, was ich für schwer möglich gehalten hätte. "Es sind viele Fahrräder da. und badende Nymphen im Teich im Körbchenbikini und jeder Tagtraum ist mückenstichreich. Es riecht nach Schlamm und nach Pommes, im Imbiss am Boden nach Ost-PVC und mit Gras in den Kniekehlen verbringen wir den Tag am See. Es gibt Limonade mit Wespen und dich und mich und für jeden ein Eis. Und selbst mit nassen Haaren ist es noch heiß. Ich hab noch Platz auf dem Handtuch und Du bist für die Wahrheit zu schön. Komm, öffne die Augen und ich zähle bis zehn. Die Sonne wird das letzte sein, was wir sehen. Komm, lass Dich blenden! Lass Dich blenden! […] Der Tag zieht noch lange auf seinen Schwingen dahin. Wir rücken Stück für Stück weiter, immer wenn ich im Schatten bin. Ich trag die Sonne auf den Schultern. Und den Sommer unter den Nägeln mit nach Haus. Im letzten Licht gehen die anderen schon voraus. Vier Füße in Turnschuhen auf der Umgehungsstraße bei wenig Verkehr. Und ich will nie wieder glauben, Glück sei irgendwie anders und irgendwie mehr. So kann ́s gar nicht bleiben Denn Du bist für die Wahrheit zu schön. Ich schließe die Augen und zähle bis zehn. So behalt ich Dein Bild, so will ich dich immer sehen. Und lass mich blenden." - 'Sommer' Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2013/08/dota-wo-soll-ich-suchen.html [Review lesen]

28.07.2013 16:44 - Rose Windows: Sun Dogs, The (2013)

10.0 / 10
Folgendes ereignete sich in dem Moment, als ich vor rund fünf Minuten The Sun Dogs hören wollte: eine apokalyptische Regenschauer ließ sich vom Himmel fallen und seitdem kann man durch meine Fenster sehen: nichts. Jetzt mag das kaum etwas Besonderes sein. Doch da Rose Windows zum einen das Wort Fenster in ihrem Namen tragen und zum anderen beinahe brachial in ihr beeindruckendes Album einsteigen, finden wir das erwähnenswert. Diese wabernden Gesänge, fast schon bedrohlich und dann eine Flöte und hysterische Streicher-Arrangements. Wenn man denkt, es könnte glatt so weitergehen, sind da die hämmernden Gitarren von Native Dreams, dem zweiten Stück auf The Sun Dogs. Und wenn man dann eben dieses plötzliche Wettergeschehen erlebt - wem dies auch jemals widerfahren wird, der weiß, wie das hier gemeint ist. Jedenfalls: Rose Windows sind nicht - wie es auf den ersten Blick wirken mag - eine Hippietruppe, die mit unorigineller Musik durch die Lande zieht. Ganz im Gegenteil! Die Damen und Herren verpacken einfach das, was sie an Musik aufgesogen haben in etwas, das ihnen wohl selbst gefallen könnte. Tradition wird hier groß geschrieben und doch ist es keinesfall langweilig. Jeder Akkord, jede noch so mystische Textzeile machen hier einfach sind. Musikalische Revolutionen können gerne andere ausrufen und dann doch verpuffen. Rose Windows machen Musik, die dich ganz tief in dir drin packt. Mag kitschig klingen, ist aber so. Denn wenn es nicht gerade die Stimme der zu verehrenden Rabia Shaheen Qazi (eine Perönlichkeit, wie sie da durch das Video zu Wartime Lovers stolziert und man sich niemals trauen würde, nach einem Autogramm zu fragen. Egal wie sehr man heimlich in sie verliebt sein mag) ist, dann ist da dieses Gemenge aus dumpfen Gitarren, einem dumpfen Schlagzeug und diesen epischen, manchmal nun eben auch bedrohlich wirkenden Melodien. Es ist sofort klar, dass wenn man die Möglichkeit hat, diese Band live zu sehen, jedes einzelne Lied durch Mark und Bein gehen. Wartime Lovers mag das vielleicht eingängigste Lied auf The Sun Dogs sein und es lässt dich nun einmal schnell zu einem Blumenkind werden. Doch das Album hat so viel Wundervolles zu bieten, das man bei jedem Mal neu entdeckt, wenn man es hört. Man möchte The Mamas & The Papas danken, dass sie existierten. Nicht nur, weil sie selbst wundervolle Lieder fabrizierten, sondern auch solche Bands wie die Rose Windows beeinflussten. Ja, wir wollen glauben, dass auch heute noch möglich ist, sich hippiesk zu verhalten und das ehrlich zu meinen. Rose Windows glauben wir das. Und wenn man dann die gepflückten Blumen aus dem Haar verliert, weil man den Kopf zu Liedern wie Walkin With A Woman oder Heavenly Days zu heftig geschüttelt hat, dann geht das Herz auf - weil Rockmusik so wunderbar ehrlich sein kann. Höchstwahrscheinlich hätte man noch viel komplexere Gedanken zu diesem wirklich beeindruckenden Debütalbum loswerden können. Dazu sind wir aber gerade nicht in der Lage - Rose Windows und The Sun Dogs haben uns nämlich gerade an einen viel schöneren Ort mitgenommen und da möchten wir jetzt erst einmal bleiben. Was trotzdem noch gesagt werden muss: das Albumcover ist großartig. Bitte mal genauer anschauen! P.S. Draußen scheint jetzt plötzlich die Sonne. Oder ist das doch nur Einbildung? Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2013/07/rose-windows.html [Review lesen]

08.07.2013 16:05 - Wolf People: Fain (2013)

10.0 / 10
Jajaja, wir sind Fans folkloristischer Musik. Und auch folkloristischer Gitarrenmusik. Wenn eine Band dann das alles mit unglaublich klaren Strukturen, wunderbarer Aufgeräumtheit und unschlagbar unaufgesetzter Coolness zusammenmischt, muss eine Superband hervorkommen: Wolf Peope. Mit Fain haben sie auf dem wohl besten Label der Welt (Jagjaguwar) ein wunderschönes Album veröffentlicht, das sich bitte jeder kaufen sollte, der alle oben genannten Elemente ebenfalls schätzt. Diese unfassbar klare und unerschütterbare Stimme wäre ja schon genug (When The Fire Is Dead In The Grate!!), diese Band zu mögen. Wenn sich dazu dann aber auch noch so ein dumpfes Gitarrenspiel gesellt, diese wunderbare Gelassenheit jeglicher Instrumentalisierung und diese Atmosphäre, die auf Fain in jeder Sekunde aufrecht erhalten wird - oha, wir bleiben leicht atemlos zurück. Und das meinen wir ernst. Wolf People gehört zu den wohl spannendsten Gitarrenmusikkombos, die es derzeit auf dieser Welt gibt. Neben Unknown Mortal Orchestra und vielleicht auch Pond sind sie derart talentiert und auch noch musikalisch interessiert, dass man wieder eine Freude an diesem sogenannten Musikgeschäft bekommt. Wenn einmal im Jahr ein solches Album wie Fain oder eben nunmal II von Unknown Mortal Orchestra erscheint - ich nehme dafür alle Passengers, Lenas, Cascadas, Mumford & Sons I,II,III und wasweißichnoch dankend hin und werde mich nicht mehr beschweren. Fain gibt dir Musik, die dir ganz ehrlich deinen Kopf so sehr aufräumt, dass jegliche Anspannung von dir abfällt und du wirklich ehrlich froh bist, dass es Gitarren, Schlagzeuge und Bässe gibt. Das reicht nämlich manchmal schon, um wunderbare Melodien voller Anmut (ist wirklich so, ehrlich) zu schaffen. Und dann noch diese Stimme! Was auch immer der Mann da für Geschichten erzählen mag, ich glaube sie alle und ich möchte sie glauben. Ach herrje, wir sind offensichtlich begeistert vom neuen Album der Wolf People. Aber Schmähschriften zu lesen macht ja auch weniger Spaß und zudem nimmt man am Ende eher selten gute Musik für sich selbst mit. Bei Wolf People sollte bitte jeder aufmerksam zuhören und dann auch noch zu den Konzerten gehen. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2013/05/wolf-people-fain.html [Review lesen]

26.06.2013 20:46 - The Kinks: Phobia (1993)

7.5 / 10
Es ist das letzte Studioalbum und das einzige, welches die CD als hauptsächliches Tonträgermedium hat. Offensichtlich wollte man diesen Umstand ausnutzen, denn die CD ist vollgepackt mit einer Spielzeit von gut 76 Minuten, sodass das letzte auch gleichzeitig das umfangreichste Kinks-Album geworden ist. Quantität und Qualität haben miteinander aber wie immer nichts zu tun. Unter den 16 Liedern finden sich einige an guten und sogar den Hörer überraschenden Ideen, aber ich bin geneigt auch recht viel als unnötiges Füllmaterial anzusehen. Es ist nicht nur die Anzahl der Lieder, die das Album etwas unübersichtlich macht, sondern auch deren Länge. Im Durchschnitt sind die Lieder fast fünf Minuten lang, ohne dass das in den meisten Fällen begründbar wäre, z.B. durch eine aufwendige Komposition wie bei 'Shangri-La'. Das Titelstück 'Phobia' gibt einen Schwerpunkt des Albums vor, nämlich mehr oder weniger irrationale Ängste und generell eher negative Gemütszustände. Es ist aber kein Konzeptalbum, denn es finden sich noch diverse andere Themen. 'Phobia' ist ein recht typisches Lied für das ganze Album mit seinem umfangreichen Text und den harten Gitarren. Genauer gesagt ist es immer die Abwechslung zwischen hartem Rock und sehr seichten Liedern, die das Album prägt. "Crowded rooms, too many faces Suffocation, open spaces Everybody gotta weird sensation That they wanna keep trapped inside Maybe it's a sexual deviation Hiding beneath a respectable guise If you are of this persuasion There is just one explanation - phobia" Nach 'Phobia' folgt 'Only a dream', welches sehr sanft schwebt und im ersten Moment überaus freundlich klingt, aber doch das Happy End vorenthält. Was mir an den Texten außerdem auffällt, ist eine situative Beschreibung konkreter Ereignisse in vielen Liedern, deutlich stärker als bei den Kinks in der Regel üblich. Zum Beispiel in 'Don't' – das Lied beschreibt wie der Protagonist durch die große Stadt läuft und einen Selbstmörder beobachtet, der vom Hochhaus springen möchte. Da hätten wir auch wieder den negativen Gemütszustand. Es ist eines der leider zuvielen Lieder des Albums, die nicht wirklich hängen bleiben weil ihnen die Seele fehlt, um das mal etwas pathetisch auszudrücken. Das trifft auch auf 'Still searching', 'Surviving', 'Close to the wire' und 'Wall of fire' zu. Ich möchte garnicht unbedingt von 'uninspiriert' reden, aber sie haben es nicht geschafft diesen Liedern etwas zu geben, an das man sich auch nach einiger Zeit noch erinnert. 'Drift away', ein Lied über Realitätsflucht, schafft dies immerhin mit einer eingängigen Melodie und dem gelungenen Wechsel hin und her zwischen seicht und hart. Das Verzweifeln an der Realität bis zur Flucht in Tagträumereien schließt an die anderen Stücke zum gestörten Geisteszustand gut an. Ähnlich verhält es sich mit 'Over the edge'. Es geht wieder ums Durchdrehen ob der schlimmen politischen und gesellschaftlichen Zustände, musikalisch eingängig umgesetzt. Dave Davies bearbeitet die gesellschaftliche Apokalypse ebenfalls - in 'It's alright (Don't think about it)' geht es aber mehr um die spirituelle Flucht vor dem Ungemach, musikalisch im Grunde schon Metal, was bei dem Thema etwas überrascht. Auf ihre alte Tage boten die Kinks in Sachen Gitarrenarbeit erstaunlicherweise einiges, was im Gesamtwerk keine Referenzen findet. Bei so einem umfangreichen Album ist die Was soll das?-Abteilung auch gut gefüllt. Da hätten wir z.B. 'Babies' im Angebot. Ray Davies lässt seinen Gedanken zum Thema Babies mit recht obskuren Textzeilen freien Lauf, und es wird nicht so ganz klar wo das Lied hingehen soll, weder inhaltlich noch musikalisch. Vielleicht hätte man das lieber im Giftschrank behalten sollen. 'The Informer' führt zu einer ganz anderen Was soll das?-Frage. Ich würde zu gerne seine Gedanken zu dem Lied kennen. Es geht um einen, nun ja, Spion, mit dem sich der Protagonist trifft, obwohl der Spion auf der Flucht ist. Der Text impliziert, es sei eine große Leistung dass beide sich einfach auf ein Bier treffen, emotional wie organisatorisch. Wie Ray Davies auf den Text kommt? Keine Ahnung. 1991, im Entstehungsjahr, werden sich solcherlei Geschichten (vielleicht etwas weniger dramatisch) sicherlich mal zugetragen haben, aber das sonst so präsente Autobiografische des Album wäre an der Stelle wohl zu weit hergeholt, vermute ich. Auf jeden Fall ist es eine ganz nett anzuhörende Ballade. "They say you went and moved across the border So it's hard to believe That you're sitting here with me tonight I know you're on the run, you shouldn't be here But do you feel the fear When you meet an old friend and the enemy's near" 'Somebody stole my car' finde ich auch etwas seltsam, genau gesagt das Gejammere über die Schlechtigkeit der Großstadt, weil das Auto samt Handy geklaut wurde und man jetzt auf den Raten sitze ohne ein Auto zu haben. Was hängen bleibt ist das Ende, wo man den Beatles Tribut zollt und sich ein passendes „Beep-beep mm beep-beep, yeah“ aus 'Drive my car' gönnt. Das bleibt erstaunlicherweise nicht die einzige Beatles-Anleihe. Auch 'Did ya', Bonus-Lied auf den meisten Ausgaben des Albums, kann mit einer 'Penny Lane'-Anleihe aufwarten (eine Erinnerung an 'Sunny Afternoon' gibts auch zu hören). Und auch hier passt es, denn wie in 'Penny Lane' geht es um die Straßen, in denen die Davies-Brüder aufgewachsen sind, allerdings geht es um einen Rückblick auf die vergangenen Hoffnungen der 60er-Jahre. Dieser fällt denkbar pessimistisch aus - und so entlässt man einen Teil der Album-Hörer aus dem letzten Kinks-Album. Ein anderer Teil bekommt 'Scattered' als letztes Lied. Es ist wirklich schön, aber auch 'Scattered' berichtet vom Zerfall und von Verlust. Am Ende ist es eher versöhnlich als traurig, damit hat das Lied auf Phobia Seltenheitswert. 'Scattered' ist ein Highlight, aber das größte Highlight habe ich mir für den Schluss aufgehoben – 'Hatred (A Duet)'. Der Bruderhass der Gallagher-Brüder von Oasis ist nichts im Gegensatz zu dem was Ray und Dave Davies in 30 Jahren Kinks aufzubieten haben. Es ist kaum vorstellbar wie die beiden es geschafft haben drei Jahrzehnte zusammen in einer Band zu sein (auch noch als einzige Mitglieder von Anfang bis Ende). Nach all dieser Zeit veröffentlichen sie dann auf ihrem letzten Album ein Duett (!), in dem sie ihren gegenseitigen Hass aufeinander besingen. Laut Text sei der Hass auf den Bruder das einzige was sie gemeinsam haben. Das ist natürlich auch Koketterie mit dem marketingtechnisch günstigen Bruderzwist, aber eine Reunion der Kinks scheitert ja tatsächlich seit 1996 an der gegenseitigen Abneigung. Ok, eigentlich ist es ein großer Witz - im Prinzip das lustigste Lied was die Kinks jemals fabriziert haben. Oasis hätten es mal covern sollen (die haben ja sowieso im Grunde nur Kinks und Beatles plagiiert), aber mit dem Begriff Selbstironie können die Herren wahrscheinlich nichts anfangen. [DAVE and RAY] Hate's the only thing we have in common There's no escape, we'll always be this way So we might as well just learn to live together 'Cos we're gonna be this way till our dying day [DAVE] If you keep on putting me down Rub my name into the ground I'll drag the dirt all over town about you [RAY] And if you spread the filth on me I'll only have one remedy I'll spill the beans, you'll see I've got a mouth, too [RAY] Your attitude is downright rude Your jokes upon me, they're so crude [DAVE] Why don't you just drop dead and don't recover? [RAY] I'm the mirror to your mood. You hate me [DAVE] and I hate you [RAY] So at least we understand each other Phobia ist kein übermäßig gutes Kinks-Album, aber es hat eigentlich alle wesentlichen Bestandteile für gute Unterhaltung – Drama, Obskuritäten und kleine Geschichten. 'Scattered' ist überdurchschnittlich gut und 'Hatred' nahezu ein Geniestreich. Hätten sie das Album kompakter gestaltet, wäre es um Längen besser. So wie es ist, ist es okay und bietet einen guten Abschluss des Kinks-Œuvre. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2013/06/album-fur-album-kinks-phobia-1993.html [Review lesen]

20.06.2013 12:35 - The Kinks: UK Jive (1989)

8.0 / 10
Die einzige „Recherche“-Tätigkeit vor dem Verfassen einer Rezension für diese Serie ist ein Blick auf den jeweiligen Wikipedia-Artikel. Nicht nur für die Informationen die dort stehen, sondern auch für die die dort nicht stehen. Je weiter man in der Kinks-Diskographie vorblättert, desto kürzer werden die Artikel. Das zeigt das zunehmende Desinteresse an den späteren Alben. Zu UK Jive finden sich nur noch zwei knappe Aussagen: "It is a concept album about modern day society, and was one of The Kinks' most poorly received albums." - en.wikipedia.org/wiki/UK_Jive Beide Behauptungen verwundern mich nach der intensiveren Beschäftigung mit dem Album. Klar, es kam nicht gut an und war ein Ladenhüter, aber ich kann das nicht so recht nachvollziehen. Das Album bietet einige gute Momente und ist nicht unbedingt eines der schlechteren der Kinks. Die Aussage es sei ein Konzeptalbum kann ich genauso wenig bestätigen. Thematisch wie musikalisch sind die Lieder recht breit gefächert, und natürlich könnte man das alles unter dem Thema 'Moderne Gesellschaft' zusammenfassen, aber das ginge auch bei Schätzungsweise 90% aller popmusikalischen Werke, die nicht von Liebe handeln. So gesehen hätten z.B. auch alle anderen Kinks-Alben aus den 80ern dieses Konzept. Wenn man 'Moderne Gesellschaft' als Oberbegriff bereits als Konzept ansieht, dann ist es also ein Konzeptalbum. Im Kinks'schen Sinne ist es kein Konzeptalbum. Wie gesagt, es erwartet uns eine recht bunte Mischung. Auffällig ist die zu den Vorgängeralben deutlich bessere Produktion und die spürbare Reife der Band in der musikalischen Darbietung. Durchaus ungewöhnlich ist der Einstieg ins Album, denn 'Aggravation' ist einerseits eine veritable Mischung aus Punk und Funk, andererseits aber auch über sechs Minuten lang und fordert deshalb einiges an Aufmerksamkeit vom Zuhörer. Inhaltlich wird uns direkt der denkbar pessimistischste Text geboten (und das bei sechs Minuten äußerst ausführlich) - es gehe ja immer nur abwärts mit der Gesellschaft und außer einer gewissen Attitüde hat der Ich-Erzähler keine Lösung im Angebot. Der große Hit des Album folgt gleich an zweiter Stelle - 'How do I get close'. Er schließt sich in der pessimistischen Haltung den Zeitgeist betreffend ans Eröffnungslied an, hat jetzt allerdings eine bestimmte Person als Adressat (wobei im Verlauf des Textes noch der Hinweis folgt, dass viele Menschen gemeint seien), die gefragt wird wie man sich denn nur nah sein soll in einer Welt, in der es lediglich ums wirtschaftliche Überleben gehe. Kommunikation sei oberflächlich und emotionslos geworden durch die ganze Leere und Einsamkeit des modernen Lebens. Vom Inhalt ausgehend könnte das Lied ganz gut in die Preservation-Ecke passen, aber die musikalische Umsetzung hat ganz klar die Handschrift der Kinks der 80er Jahre, hier im besten Sinne zu verstehen. Das Lied ist überaus eingängig und war wohl so ziemlich die beste Wahl für die zweite Single (samt obskurem Musikvideo). "In this world without feeling, Where words have no meaning, If I were lying, lying, I'd have more chance of reaching you but I'm, Crying, crying, but I can't get my message through, How do I get close to you? Get close to the sinners trying hard to repent Get close to the homeless wasters and the innocent Get close to the souls ignored and forgotten by the Establishment. People get afraid to touch in case it rubs off on them" 'UK Jive' bricht mit den ersten beiden Liedern, und zwar sowohl in seiner musikalischen und textlichen Fröhlichkeit als auch damit ein eher aus der Zeit gefallenes Thema zu behandeln (zumindest offenkundig), eben jenen Tanz (Entschuldigung liebe Jive-TänzerInnen). Meine Kenntnisse über die Angesagtheit von Modetänzen im UK sind limitiert, aber ich vermute der Jive war nicht unbedingt 1989 der letzte Schrei. Der Bezug auf 'Mom' und 'Dad' deutet doch eindeutig auf Kindeheitserinnerung (soviel zum Thema 'Moderne Gesellschaft'). Die politische Note fehlt allerdings auch hier nicht: "Mum's all annoyed dad forgot the inflation He blew all his wages by half past nine." Vor allem an dieser Stelle wird alles wunderbar verknüpft: "Swing your partner to the left, swing he back to the right. Don't stand in the middle and act cool all night. Everybody act a fool, jump around, lose your mind You gotta swing to the left, then back to the right You gotta learn to swing both ways. When you're jiving in the U.K. O.K. U.K." Wie nicht anders zu erwarten bei dem Text bietet das Lied Möglichkeiten zu ausufernden Tanzeinlagen. Wenn es ein Versuch war einen Tanzhit zu landen ist das natürlich kläglich gescheitert, aber die Eingängigkeit ist mal wieder ganz beachtlich. Außerdem steht das Lied damit in einer guten Kinks-Tradition mit Liedern übers Tanzen, und außerdem in der noch besseren Kinks-Tradition von politischen Liedern. Die Kombination ist natürlich interessant in Hinblick darauf, dass das Album so heißt wie das Lied, und wir im Folgenden gedanklich den Titel mit den restlichen Titeln in Bezug setzen können. (Das macht aber bitte jede/r selbstständig, sonst artet das in eine ausgewachsene Hausarbeit aus.) 'Now and then' ist was der Titel suggeriert – ein Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein weiteres Lied, welches gut in die Preservation-Ära passen würde, allerdings fehlt ihm der zweideutige Moment, den frühere Werke oft auszeichneten. Hier ist es so – früher war alles besser, und hoffentlich wird’s mal wieder wie früher. Klingt furchtbar, aber es die Thatcher-Ära gemeint bzw. im Vergleich dazu das UK der 60er und 70er Jahre. In dem Fall muss man ihm zweifelsohne zustimmen. Wieder wurde das Lied gefällig produziert und eckt nicht an, wie auch das folgende 'What are we doing'. Eingängigkeit scheint das Hauptaugenmerk in dieser Phase des Albums zu sein, denn mit Ausnahme des ersten Liedes zielen bis hierhin alle Lieder darauf. 'What are we doing' betrachtet den Wirtschaftswachstumsfanatismus aus der ökologischen Ecke, denn der berühmte saure Regen wird besungen. Das steht aber nicht im Mittelpunkt des Liedes. Es ist mehr so ein Wir-Außenseiter-gegen-den-Rest-der-Welt-Werk, welches relativ Allgemein gehalten ist und somit universeller funktioniert als die meisten anderen Lieder des Albums. 'Entertainment' war zu der Zeit der Albumveröffentlichung schon acht Jahre alt und stammt aus den produktiven Sessions zu Give The People What They Want . Es ist ok, aber doch sehr berechenbar. Vielleicht ist es auch nur die abgestumpfte Perspektive aus dem 21. Jahrhundert, die es berechenbar erscheinen lässt. Jedenfalls ist man doch heutzutage daran gewöhnt dass die Medien Sex und Gewalt für Auflage bzw. Quote brauchen. Sicherlich ist das eine kritische Betrachtung wert, aber wenn wir mal in uns gehen wird uns klar, dass diese Themen schon immer den besten Unterhaltungswert hatten (Brot und Spiele fürs Volk) und Menschen nunmal Voyeure sind. Das ist nicht schön, aber wenigstens müssen die Leute dann nicht selbst Amok laufen für ihre persönliche Unterhaltung. "There's been another assassination T.V. cameras moving in. To shoot the bloodstains on the pavement And get them on the News at Ten. Will he live or will he die, before we go on the air? Yes, the networks are all there, in the name of Entertainment." Hier sind wir an einem sehr pessimistischen Punkt, der sogleich mit 'War is over' wieder gebrochen wird (der aufmerksame Zuhörer erkennt spätestens jetzt ein Konzept – Optimismus und Pessimismus wechseln sich regelmäßig ab). Das Lied hat die berüchtigte Zweideutigkeit, die Ray Davies-Texte so interessant macht. Was genau sagt uns dieser Text? Gut, der Krieg ist zuende, aber war es das wert? Oder feiert er die vergessenen Helden, die gegen Deutschland gekämpft haben ('Auf Wiedersehen')? Die patriotischsten Soldaten sind gestorben, aber sind das nun Helden oder Idioten? Das Lied lässt viel Spielraum, und das ist gut so. Damit passt es auch gut zwischen dem pessimistischen 'Entertainment' und dem überaus optimistischen 'Down all the days (till 1992)', dem Single-Vorboten des Albums. Dazu hat man sich also das denkbar positivste Lied ausgesucht. Aus heutiger Sicht wirkt es natürlich antiquiert mit seiner Zukunftsvision von 1992, aber das macht es auch interessant; interessant ebenfalls, weil als Aufnahmezeitraum Januar bis März 1989 angegeben ist. Der Text beruft sich also nicht etwa auf den Fall der Mauer (so klingt er nämlich), sondern offenkundig auf die europäische Annäherung der Nachkriegszeit. Er freue sich darauf wenn die alten Wunden heilen, die die Kriege gerissen haben. Dass alle Nationen eins werden bis 1992 ist zwar schon mehr als ordentlich übertrieben, aber im Grunde nimmt es die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft vorweg. Aus der britischen Ecke hört man das ja leider eher selten. (Ich hoffe ich habe keine Ironie überhört, solche optimistischen Texte sind direkt verdächtig. Dann nehme ich das Gesagte natürlich sofort zurück und finde die Kinks doof.) "I'm losing all my bitterness It's time to find some happiness Around the earth, the sky, the sea Down all the days Bon soir, my little senorita, c'est magnifique Au revoir, my little fraulein baby, it's so tragique Achtung parlez vous Englese, bon appetit Jawohl, mambo Italiano, ca va, O.K. I'm on my way Down all the days." An der Stelle wird es wieder Zeit für Pessimismus – 'Loony Balloon'. Damit ist unser netter kleiner Heimatplanet gemeint, den wir zugrunde richten. Ich mag das Lied, es hat einerseits natürlich viel Endzeitliches, aber irgendwie auch diese beunruhigend beruhigende Art. Man kennt das, wenn der Fatalismus soweit voranschreitet, dass eigentlich auch alles egal ist und man eben nochmal Party macht solange es geht. Hiermit könnte das Album ziemlich gut enden, aber einer wurde noch vergessen: Dave Davies. Auf der Original-LP darf er noch ein Lied, auf den anderen Veröffentlichung ganze drei Lieder beisteuern. Die letzten drei Lieder sind somit spürbar aus einem anderen Guss als der Rest des Albums. Vielleicht könnte man es am besten als eine Art Bonus-EP begreifen. 'Dear Margret' ist eine erneute Abrechnung mit Good Ol' Maggie, und eine der besseren in der Popmusikwelt, die sich ja mit dem Thema durchaus reichhaltig beschäftigt hat. 'Bright Lights' bleibt im Ohr hängen, allerdings weiß ich ehrlich gesagt ohne Recherche nicht wer die besungene Dame sein soll, aber ich schaue es auch nicht nach weil es mir letztendlich nicht wichtig erscheint. Der Refrain bleibt zurück; dieses durch die hellen Lichter an eine bestimmte Situation erinnert werden. Jeder Mensch hat solche Momente, ganz plötzlich an lang vergessene Begebenheiten denken zu müssen wegen eines Geruchs, einer Bewegung etc., und ich denke diese Art der Erinnerung ist der Kern des Textes. Auch an dieser Stelle könnte das Album wieder gut aufhören und den Hörer mit seinen Erinnerungen zurücklassen, aber es folgt noch 'Perfect Strangers'. Der Name erinnert natürlich an 'Strangers', einem wundervollen Dave Davies-Stück aus dem Jahr 1970. 'Perfect Strangers' kommt mir vor wie eine Fortsetzung von 'Bright Lights', oder besser gesagt wie eine alternative Version. Es wird klar warum die Stücke nicht auf der ursprünglichen LP sind – sie durchkreuzen die Gesamtkomposition des Albums. Diese ist nämlich ziemlich gut durchdacht (und aus der Perspektive natürlich schon eine Art Konzept). Die Aufteilung in ¾ Ray Davies und das letzte Viertel Dave Davies erscheint etwas experimentell und geht nicht wirklich auf, aber wie ich schon anmerkte, es hilft wenn man sich die letzten drei Lieder als eigenständige EP denkt. UK Jive hat nicht die Klasse der besten Kinks-Alben, aber es ist wirklich nicht schlecht und wartet mit respektablen Highlights auf. Ich kann durchaus empfehlen es mal auf sich wirken zu lassen – vielleicht entdeckt ja der geneigte Kinks-Interessierte noch das ein oder andere Kleinod, welches bis jetzt untergegangen ist. Erstveröffentlichung: http://www.tantepop.de/2013/06/album-fur-album-kinks-uk-jive-1989.html [Review lesen]

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