:Wumpscut: The Mesner Tracks (1996) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Mesner Tracks, The - Cover
1
Review
3
Ratings
7.00
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Elektronische Musik: Industrial
Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
22.08.2020 09:38

1993 konnte Rudy Ratzingers Projekt :Wumpscut: sich mit dem ersten Album "Music For A Slaughtering Tribe" so richtig durchstarten und sich einen Namen in der Szene machen. Natürlich gab es vorher schon den einen oder anderen Release, allerdings wird man schnell merken, dass es gar nicht mal so einfach ist, sich einen Überblick über die ganz frühen :Wumpscut: Werke zu verschaffen. Viele der ganz alten Songs sind auf Samplern erschienen und die Original Tapes und Vinyls von "Defcon", "Small Chambermusicians" oder "The Oma Thule Single" sollten mittlerweile alles andere als leicht zu bekommen sein.

Da wäre eine Compilation, die das ganze Alte Zeug enthält doch mal eine gute Idee, oder? Tja, das dachte sich Ratzinger wohl auch und zwar nicht nur einmal und so wird es hier auch nicht weniger kompliziert. Mittlerweile haben wir die "Preferential Legacy" LP, die damals als Bonus auf "Bunkertor 7" beilag und heutzutage ebenfalls vergriffen ist, aber 2003 als CD nochmal neu aufgelegt wurde, die "Blutkind Compilation" und "The Menser Tracks". Das sind die, die mir so aus dem Stand einfallen und falls noch irgendjemand hier mitliest: herzlichen Glückwunsch - du bist einer von gefühlt 5 Leuten weltweit, die sich für diesen alten Kram interessieren. (-;

"The Menser Tracks" wurde 1995 als erste von den 3 Compilations alter Songs veröffentlicht und fällt durch zwei Besonderheiten auf. Erstens konzentriert man sich hier vor allem auf die Samplerbeiträge und nicht so sehr auf "Defcon" und "Small Chambermusicians" und zweitens wurde alles nochmal fleißig geremixed und neu aufgelegt. Also selbst wenn ihr den ganzen alten Scheiß im Original euer Eigen nennt, könnt ihr hier zugreifen und bekommt nochmal recht exklusives Material. Interessanterweise wurde "The Menser Tracks" selbst immer wieder neu veröffentlicht, dürfte soweit ich weiß aber inhaltsgleich sein. Ich habe die Original Version von 1995 und die hat ein ziemlich cooles Booklet mit einigen sehr stimmungsvollen Hochglanzfotos und Ankündigungen kommender Werke wie etwa dem damals noch nicht erschienenen "Embryodead".

Bevor ich die Songs jetzt alle durchgehe sei vielleicht noch gesagt, dass ich keinen einzigen der ganzen alten Sampler gehört habe und entsprechend nichts zur Originalversion sagen kann und damit auch keine Ahnung habe, ob die jeweilige Version hier besser oder schlechter klingt. Los geht es mit einer Remastered Version von "Overtures", welches im Original 1993 auf 'nem Sampler erschien und eher ein recht kurzes instrumentales Intro darstellt. Instrumentals sind bei den ganz alten Sachen eh eher die Regel als die Ausnahme, aber "Overtures" ist wirklich nichts besonderes in meinen Ohren und klingt bei weitem nicht mehr so episch wie vielleicht noch 1993.

"Mother [Maternal Instinct]" ist da schon eine ganz andere Geschichte. Das Original ist 1994 erschienen und war zum Release von "The Menser Tracks" noch gar nicht so alt. Hier wurde die Sampler Version wohl aber nochmal deutlich aufgemotzt: knapp 9 Minuten ist dieser Remix lang und jede Sekunde davon wirkt gut durchdacht. Obwohl sich die Melodie als roter Faden durch den ganzen Song zieht, werden Tempo und Intensität immer mal wieder gewechselt genauso wie Rudys Vocals, die immer mal wieder unterschiedlich hart und digital verzerrt sind. Auch heute noch ziemlich beeindruckend. So richtig dreht die Compilation aber mit "Ain't It Mad, Yet [B-Mix]" auf. Ich weiß nicht, wie das Original von "The Oma Thule Single" klingt, aber bei dem Ding muss ich immer wieder aufpassen, in den Öffis nicht laut mitzusingen. Die Vocals hat laut Booklet ein gewisser Künstler namens Clone 137 beigesteuert und die sind dermaßen brutal, dass ich es schade finde, über diesen Song hinaus nichts weiter von ihm gehört zu haben. Auch die eigentlich recht einfach gehaltenen sehr EMB - lastigsten musikalischen Elemente machen sofort süchtig. Wundert mich fast, dass der Song nicht wie so viele andere alte :Wumpscut: - Songs in weiteren Versionen verarbeitet wurde.

Noch mehr retro wird's mit den nächsten beiden Songs. "War Combattery 2 [Fixed]" ist zwar in der Form 1994 auf 'nem Sampler erschienen, aber das Original "War Combattery" stammt ursprünglich von "Defcon" aus dem Jahr 1991. Wenn ich beide Versionen vergleiche, dann wurde bei Teil 2 tatsächlich einiges "gefixed", denn während der erste Teil alles andere als gut gealtert ist, wurde hier ordentlich dran rumgebastelt, die Soundqualität erhöht und insgesamt eine ganz tanzbare Nummer geschaffen, die mich ein bisschen an "Default" auf "Music For A Slaughtering Tribe" erinnert. "Lindbergh [Ocean Part]" ist ebenfalls ein Song, der auf "Defcon" zurück geht, später auf einem Sampler neu aufgelegt wurde und jetzt in seiner wahrscheinlich besten Version zu hören ist. Für damalige :Wumpscut: - Verhältnisse ist der Song erstaunlich wenig aggressiv. Während auf den Alben ab den 2000'ern ja immer mal wieder ein ganz entspanntes Instrumental seinen Weg in die Tracklist findet, war das 1995 sicher noch nicht die Norm, aber das Ding kann sogar ganz gut mit den neuen Sachen mithalten und gefällt mir sehr.

"Black Death" im muted concept ist eine ganz interessante Idee. Im Prinzip ist es einfach nur eine instrumentale Version vom french concept auf der "Dried Blood" Single - statt einer weiblichen Stimme, die uns französische Vocals in's Ohr spricht und Rudy, der auf Englisch dagegen anschreit gibt es jetzt nur noch die Musik. Während vielen hier sicher ein wichtiges Element fehlen wird, finde ich es ziemlich spannend zu hören, wie sehr der Song einfach nur durch das Duell zwischen den Synths und der Gitarre getragen wird. Meiner Meinung nach eine gute Wahl für eine EP instrumentale Version.
Als nächstes hätten wir die remastered Version von "In The Night", die erschienen ist bevor uns die "Gomorra" Single mit dem full range Track verwöhnt hat. Schwer, mir hier ein Urteil zu bilden. "In The Night" ist absolut großartiges Material - schnell, hart, trotzdem noch tanzbar und :Wumpscut: in seiner absoluten Blüte. Auch diese eher abgespeckten Version ist für mich immer noch absolutes Gold, aber wenn ich die erweiterte "Gomorra" - Version habe, dann gibt es für mich keinen echten Grund mehr, mir die "Mesner Tracks" Version in die Playlist zu hauen.

"Running Killer" stellt eine kleine Besonderheit dar, denn dieser Song wurde vorher noch gar nicht veröffentlicht und wenn ich ganz ehrlich bin, dann verstehe ich auch warum. Das ganze Ding ist ziemlich monoton und langweilig. Wahrscheinlich war diese Compilation eine ganz gute Gelegenheit, das Teil trotzdem noch raus zu rotzen, aber insgesamt kann es mit der Qualität der meisten Songs auf "The Menser Tracks" nicht mithalten. Deutlich mehr begeistert bin ich von "Crate [T-1 Theme]", denn wie der Name vermuten lässt, gibt es offenbar einen :Wumpscut: Remix vom Terminator Theme, womit zwei wirklich großartige Dinge aufeinanderprallen und zu meiner Erleichterung ist sogar was richtig geiles draus geworden.

"UK Decay [Remastered]" ist ursprünglich auf einem Sampler namens "Elektrotrauma" im Jahr 1993 erschienen und ich finde der Name "Elektrotrauma" ist auch in diesem Track Programm. Mit 2.37 eher kurz, wird hier aber keine einzige zehntelsekunde verschwendet und es gibt dermaßen konstant auf die Fresse, dass bei mir keine Wünsche offen bleiben. "Cold Cell [Remastered]" ist ebenfalls ein Samplerbeitrag aus dem Jahr 1993 und fällt durch französische Vocals von Selene auf - genau der Selene, die auch schon die Vocals auf "Black Death" eingesprochen hat. Manch einer steht vielleicht auf diese Form von monotoner Frauenstimme, von der :Wumpscut: immer mal wieder Gebrauch machen sollte, aber meinen Geschmack trifft das einfach nicht. Da helfen auch speziell bei "Cold Cell" die düsteren Orgelklänge im Hintergrund nicht.

"Cry Weisenstein Cry" im Mäxmix (Original aus "Small Chambermusicians") ist wahrscheinlich der experimentellste Song auf "The Menser Tracks". Hier wurde so einiges an Geschrei und Geräuschen zu einer Soundcollage zusammengewürfelt, aber während mich sowas generell eher wenig anspricht, muss ich zugeben, dass "Cry Weisenstein Cry" irgendwie funktioniert und ich mir das doch das eine oder andere Mal geben kann. Mit "Tell Me Why [First Take]" wird sogar "Bunkertor 7" - Territorium betreten. Auch hiervon bin ich angenehm überrascht. Im Grunde ist das Teil wohl eher als Instrumentale Skizze gedacht, welche auf ihr absolutes Grundgerüst reduziert wurde, die man sich eher mal aus Interesse anhört um zu hören wie so ein :Wumpscut: Song entsteht und weniger, weil es gut klingt. Aber im speziellen Fall von "Tell Me Why" entsteht aber eine sehr angenehm melancholische Atmosphäre, die mich doch das eine oder andere Mal zu diesem First Take zurückkehren lässt. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass sich das prima auf "Bunkertor 7" als Outro geeignet hätte, wenn es nicht schon ein eigenes Outro gegeben hätte.

Zum Schluss wird es nochmal richtig Ambient - lastig. Fairerweise muss ich sagen, dass ich kein großer Ambient - Fan bin und schon die zweite Hälfte von "Music For A Slaughtering Tribe" bei mir total Hit or Miss war. Dementsprechend kann "Ceremony [Remastered]" (ein ziemlich alter Samplerbeitrag von 1991) nicht viel Eindruck bei mir machen. Klingt mir eher nach Standard - atmosphärischen Klängen, die man für so ziemlich jedes Gothic - oder Metalalbum als "episches" Intro benutzen könnte, wenn einem gar nichts mehr einfällt. "Jesus Gone [Remastered]" fällt in eine ähnliche Kategorie, stammt aber ursprünglich von "Small Chambermusicians", ist im Gegensatz zu "Ceremony" fast schon ein wenig nervig und unangenehm anzuhören und erstreckt sich über gut 11 Minuten - wow!

Bis auf den eher schwachen Ausklang gibt es auf "The Menser Tracks" für mich aber kaum Anlass zu meckern - ganz im Gegenteil. Ich hatte damals eher eine Compilation erwartet, die ich mir zu "Forschungszwecken" mal anhöre, um meine Neugier zu befriedigen, was Rudy Ratzinger so ganz früher getrieben hat, ohne irgendwelchen obskuren Samplern aus den frühen 90'ern hinterher zu jagen und mir das Ding dann nicht mehr wirklich anzuhören. Bekommen habe ich mehr als solides Material, welches erstaunlich gut gealtert ist. Einige Songs, die außerhalb dieser Compilation nicht mehr erschienen sind wie "Ain't It Mad Yet" sind bei mir schon seit vielen Jahren immer mal wieder wichtiger Bestandteil meiner :Wumpscut: - Playlist. Der Fokus von "The Menser Tracks" ist aber eindeutig darauf gelegt, die alten Sachen etwas zeitgemäßer zu machen und gut hörbares Material zu liefern. Wer hier eine vollständige Sammlung der alten Samplerbeiträge sucht, wird hier also nicht fündig und "Defcon", "Small Chambermusicians" und "The Oma Thule Single" werden hier eh nur ganz grob angerissen. Das originale, unbearbeitete Material gibt es hier auch nicht zu hören, was für mich absolut okay ist und die Nummer zu einer deutlich besser hörbaren Angelegenheit macht als "Preferential Legacy" oder "Blutkind". Auf der anderen Seite lasse ich dann natürlich bei Songs wie "Jesus Gone" oder "Running Killer" natürlich nicht die Ausrede gelten, dass diese ja alt und nicht mehr zeitgemäß sind. Das kann den Gesamteindruck aber nur geringfügig schmälern. Ich würde :Wumpscut: Neulingen jetzt zwar nicht unbedingt dazu raten, direkt mit "The Menser Tracks" anzufangen, als Fan bin ich aber froh, diese kleine Perle in meiner Sammlung zu haben.

Punkte: 8.5 / 10