:Wumpscut: Music For A Slaughtering Tribe (1993) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Music For A Slaughtering Tribe - Cover
1
Review
4
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
16.02.2020 08:25

Heute gehe ich mal zu den Anfängen von :Wumpscut: zurück, was gar nicht mal so leicht ist, denn die wirklich allerersten Werke "Defcon" und "Small Chambermusicians" aus dem Jahr 1991 dürften mittlerweile so selten sein, dass ich mir nicht mal sicher bin, ob Rudy Ratzinger persönlich noch Exemplare besitzt. Deshalb bin ich mal so frei und bezeichne "Music For A Slaughtering Tribe" aus dem Jahr 1993 als das erste "richtige" Album. Ich denke das ist auch fair, denn im Gegensatz zu den experimentellen ersten Songs, die immerhin später auf der einen oder anderen Compilation re-released wurden, klingt "Music For A Slaughtering Tribe" nach einem echten Album mit Songs, die über ein paar Soundexperimente hinausgehen und sich auch eher in den typischen späteren :Wumpscut: Sound einfügen.

Jetzt haben wir aber auch schon die nächste Schwierigkeit: das Ding ist in ziemlich vielen Versionen erschienen - jeweils mit unterschiedlichem Cover, teilweise unterschiedlichem Umfang und sogar anderer Reihenfolge der Songs. Immerhin: auf jedem Cover ist ein menschlicher Schädel zu sehen. Diese Konsistenz ist irgendwie cool. Der Vollständigkeit halber beziehe ich mich mal auf die aktuellste Version, die 2011 erschienene "Monument Edition". Monumental stimmt auf jeden Fall. Das ursprüngliche Album geht schon fast 1 Stunde. Hier wurden gleich noch 2 CDs draufgepackt und wir kommen auf eine Laufzeit von gut 165 Minuten. Jep: fast 3 Stunden. Das gründliche Durchhören vor dem Review hat diesmal also durchaus seine Zeit gedauert.

Was kriegen wir also für unser Geld geboten? Eine recht schlicht gehaltene Longbox mit obligatorischem Schädel-Motiv und erstaunlich wenig Schnickschnack - keine übertriebene Packung mit Shirt, Kalender, Handtuch, Keyholder, Kühlschrankmagnet oder Kondomen (alles übrigs schonmal als Merch dabei gewesen). Nope, sogar ein Booklet wäre hier zu viel des Guten gewesen. "Hier ist die Box. Hier sind deine 3 CDs. Und jetzt hör dir die Scheiße an, statt dir irgendwelchen nutzlosen Merch in's Regal zu stellen." - soll mir recht sein. Schauen wir lieber auf die Songs: wir haben auf CD1 klarerweise das Album. Soweit so gut. CD 2 und 3 beinhalten eine Mischung aus den Remixes, die schonmal auf der 2-CD Version drauf waren und einigen netten Spielereien, wie Instrumentals oder frühe Entwürfe der Songs. Alles ist grob nach Songs angeordnet. CD 2 bietet alles, was es so zu den Songs bis "Dudek" gibt CD 3 behandelt die restlichen Songs. Warum "grob"? Weil die Reihenfolge nicht ganz eingehalten wird. Warum ist das doof? Weil die Tracklist eindeutig nicht so aufgebaut ist, dass man die Bonus CDs am Stück hört (es sei denn man ist scharf drauf fünfmal hintereinander den gleichen Song in verschiedenen Versionen zu hören), sondern eher auf Übersichtlichkeit gesetzt wird, die genau dann flöten geht, wenn 2-3 Songs dann doch an falscher Stelle einsortiert werden. Sowas ist einfach inkonsistent. Und wie zum Fick kann es sein, dass ein Remix ("Float") von der 2-CD Version fehlt?!

Aber lassen wir mal das extreme Nitpicking, denn wir haben ja echt was vor uns. Stürzen wir uns lieber direkt auf die erste CD, das erste "richtige" Album und den ersten echten Hit "Soylent Green", mit dem :Wumpscut: in den Clubs damals überraschend ein Durchbruch gelungen ist. Selbst wenn ich mir heute im Club etwas von :Wumpscut: wünsche und der DJ sich dazu herablässt, mir diesen Wunsch zu erfüllen, spielt er zu 90% "Soylent Green" und es dürfte auch der Song sein, den die meisten mit "Music For A Slaughtering Tribe" verbinden. Irgendwo ist das verständlich, denn das Ding sprüht nur so vor Ideen. Über 6 Minuten, keine Minute klingt wie die andere und trotzdem ist alles höchst tanzbar. Das Sahnehäubchen sind natürlich die Samples aus dem gleichnamigen Sci-Fi Film bzw. "… Jahr 2022 … die überleben wollen", wenn ihr den sperrigen deutschen Titel bevorzugt. Übrigens ein großartiger Film, den ich ohne den Song nie gesehen hätte. Das einzige, was die Qualität minimal schmälert ist vielleicht die etwas später erschienene deutsche Version (die hier übrigens nicht auf der Bonus CD enthalten ist). Textlich ist die etwas mehr on Point als das Original und die Vocals klingen auf diesem Album noch etwas primitiv, was gerade zu diesem Song nicht so perfekt passt.

An sich mag ich aber die eher "rohe" Qualität der verzerrten Vocals, die auch perfekt zu den nächsten beiden Songs passt. "On The Run" ist eine absolut Runde Sache: schnell, brutal, guter Refrain, gutes Timing. "Koslow" dagegen ist ein fucking Meisterwerk: das Introsample mit Hannibal Lecter aus "Silence Of The Lambs" und der unpolierte, drückende Sound der einfach so drauflos dröhnt sind ganz sicher nicht jedermanns Sache, aber ich kann einfach nicht anders als direkt lauter zu machen. Spätestens hier wird mir auch immer wieder bewusst, dass "Music For A Slaughtering Tribe" nicht unbedingt gut für's Gehör oder das Verhältnis zu den Nachbarn ist, denn dieses Album klingt am besten, wenn man es sehr laut hört.

Mit "Fear In Motion" haben wir schon das nächste Meisterwerk. Rudy Ratzinger ist eine verdammte 1-Mann-Armee, die das Album mit allem drum und dran wirklich aus eigener Hand zusammengebastelt hat mit Ausnahme einer Aleta Welling, welche hier die Vocals übernommen hat und meine Güte! Das Konzept der monotonen Frauenstimme wurde auch auf den neueren Werken immer mal wieder eingesetzt (siehe "Your Last Salute" oder "Killuh") aber nie wieder in der Perfektion erreicht wie hier. Das liegt sicherlich einmal am Kontrast zur dramatischen Musik, aber auch nicht zu knapp am Talent von der Sängerin. Alleine der markerschütternde Schrei zur Mitte macht mir jedes Mal Gänsehaut. "Dudek" ist dagegen eine etwas ruhigere Nummer, welche eine ziemlich einprägsame Melodie hat und genau damit auch spielt. Freut euch auf einen hartnäckigen Ohrwurm!

Etwas stumpf präsentiert sich das Instrumental "Default". Die Tatsache, dass es im Vergleich zum Rest eher primitiv klingt mag daran liegen, dass es in einer längeren Version schon auf "Defcon" zu hören war und damit wirklich zu den ganz alten Dingern gehört. Ich kenne das Original nicht, aber zumindest in der Version gefällt es mir mit seinem einfachen Charme - guter Song übrigens für's Fitnessstudio. Danach gibt's wieder auf die Fresse: "Bleed" ist kurz, kommt schnell auf den Punkt trifft genau den Geschmack von Leuten wie mich, die solch bösen Lärm wie auch schon "Koslow" abfeiern. In eine relativ ähnliche Richtung geht auch "Concrete Rage", außer dass der Song sich mehr Zeit lässt und ein wenig seiner Rohheit gegen einen komplexeren und ausgereifteren Aufbau eintauscht.

Danach passiert etwas sehr merkwürdiges: die Songs werden auf einmal deutlich ruhiger und langsamer. Das liegt sicher auch an der Anordnung (die ja nicht auf jeder Version gleich ist) aber gerade hier fällt das so stark auf, dass man schon von einem Genrewechsel von Aggrotech / Industrial zu Dark Ambient sprechen kann. Das ist ziemlich ungewohnt und das Ergebnis in meinen Ohren eher durchwachsen. Das fast 6 minütige "Believe In Me" mit seinen gesprochenen Vocals und sehr abrupt einsetzenden Streichinstrumenten holt mich zum Beispiel kaum ab. Die Grundstimmung ist zwar angenehm düster aber so ganz ohne Melodie, an der ich mich etwas festhalten kann bin ich irgendwie raus.

"She's Dead" ist dagegen mit seinem monotonen Beat, den recht eigenwilligen Vocals und den vielen Samples angenehm beunruhigend. Schön auch zu hören, wie die Synths, die wir ein Album später auf "Bunkertor 7" in sehr ähnlicher Form hören werden in diesem Kontext eine komplett andere Wirkung haben. "Rotten Meat" ist mit seinem extrem langsamen Ansatz und den Flüster-Vocals wieder eher nicht so meins.

Dafür habe ich mich bei den letzten Hördurchgängen ein wenig in "The Day's Disdain" verliebt, auch wenn es im Grunde nur aus ruhigen Orgelklängen besteht und die Intensität gegen Ende nur ein ganz kleines bisschen erhöht wird, wenn die ganze Klangkulisse um Drums ergänzt wird. Ziemlich heftig, was hier aus minimalen Mitteln an Atmosphäre herausgezogen wird. "Float" sind dagegen auch eher mal minimale Ergebnisse. Sorry: für knapp 2 Minuten Dröhnen mit ein paar Stimmen im Hintergrund ist auch mein Geschmack nicht ausgefallen genug. "My Life" biegt es dagegen wieder gerade und bietet einen sehr ruhigen fast schon entspannten Song, der sowohl im Kontrast zum Text als auch dem Album als solchen steht und den ich hier null erwartet hätte.

Damit wäre das Hauptalbum abgeschlossen. Wühlen wir uns jetzt mal durch das Bonus Material. Wie zu erwarten bringt die Monument Edition einiges zum Thema "Soylent Green" mit. Allerdings fehlen mir hier auch ein paar Sachen. Ganz merkwürdig finde ich zum Beispiel, dass es ausgerechnet von diesem Song kein Instrumental gibt. Dass eins existiert ist sogar klar, da es schon damals auf der "Blutkind" Compilation erschienen ist. Dass man es nicht doppelt raushauen wollte kann auch kein Grund sein, da das ebenfalls schon bekannte Instrumental von "Koslow" hier vorhanden ist. Das ist einfach merkwürdig und inkonsistent.

Dafür haben wir gleich zwei Versionen vom Haujobb Remix. Beide recht lang. Eine Version baut wirklich viele Samples vom Film ein und ist schon fast eine kleine Nacherzählung, die andere verzichtet darauf. Beide setzen aber auf ruhigen entspannten Techno, der ganz gemütlich im Hintergrund vor sich hinplätschert. Habe schon deutlich schlechteres gehört. Trotzdem noch viel besser gefällt mir der knackige Brain Leisure Remix mit seinen Gitarrenriffs im Hintergrund - wirklich ordentliche Arbeit und etwas, was ich sehr gerne laufen lasse, wenn ich Bock auf instrumentale Remixe von :Wumpscut: Songs habe. Schließlich hätten wir noch den Draft von "Soylent Green". Es ist was es ist: eine frühe Skizze. Eher etwas, was man sich aus Interesse anhört, wenn man wissen will wie so ein :Wumpscut: Song entsteht. Schön, dass wir auch mal sowas zu hören kriegen.

Von "On The Run" gibt es lediglich ein Instrumental, was wohl eher der Vollständigkeit halber dabei ist, denn ohne Vocals fehlt dem Ding leider echt was. "Koslow" funktioniert aus irgendeinem Grund in der instrumentalen Version deutlich besser und behält einiges von seinem Charme. Kann sogar manchmal Spaß machen, diese Version richtig schön laut laufen zu lassen. "Fear In Motion" ohne Aleta Welling ist auch irgendwie interessant anzuhören, verliert so aber natürlich wirklich einen ganz großen Teil von dem, was den Song ausmacht hat. Haujobb machen dagegen wieder einen Song in ihrem eigenen Stil draus, so sehr dass man kaum noch das Original dahinter erkennen kann. Auch dieser Remix dürfte für den typischen Industrial Hörer wieder sehr entspannt klingen. Ich finde ihn jedenfalls ganz nett, umgehauen hat er mich aber nicht. Die Norweger von Remyl lassen auf ihren Remix dagegen schon deutlich mehr vom Original übrig, sogar die Vocals. Der Ansatz hier scheint darin zu bestehen die monotonere Seite des Songs zu betonen, indem man alles extra repetetiv darstellt. Das hat tatsächlich was und erzeugt eine komplett andere Atmosphäre als vorher, allerdings fehlt mir hier die Intensität. Der Schrei etwa, der hier zu einem immer wieder eingesetzten Sample mutiert ist hat so natürlich alles von seiner Heftigkeit verloren. Trotzdem schöner Gegenentwurf.

"Dudek" welches eh sehr stark auf seine Melodie gesetzt hat funktioniert natürlich auch im Instrumental noch ziemlich gut. Auch der Brain Leisure Remix ist dabei nicht zu verachten. Danach gibt's den "Default" Overkill. Welche Version darf's denn sein? Remix, alte Version, ganz alte Version oder sogar Version ohne Bass? Ja: selbst für Leute, die sich das Ding ohne Bass antun wollen gibt es eine Version, die dann natürlich entsprechend klingt. Der Aghast View Remix gefällt mir ziemlich gut und überholt sogar das Original an Qualität. Denn während das Original ja doch recht simpel ist, zeigt sich der Remix deutlich abgerundeter und holt einiges aus dem Ding raus - nicht übel. Falls ihr es dagegen doch lieber etwas primitiver mögt: kein Problem: mit der Oldest bzw. Oldest But One Version könnt ihr euch noch frühere Varianten geben. Ich muss sogar sagen, dass die sehr minimalistische Oldest But One Version eine ziemliche Faszination auf mich ausübt, da sie sich trotz sehr wenig Inhalt immer noch ganz gut hören lässt. Die Oldest Version, die sogar die Samples vermissen lässt wird dann aber selbst mir zu öde.

"Bleed" gibt's nur im Instrumental und ähnlich wie "Koslow" funktioniert das sogar immer noch ziemlich gut, ich bleibe aber lieber beim Original. "Concrete Rage" klingt dagegen ähnlich wie "On The Run" ohne Vocals nicht mehr wirklich so toll. Irgendwie aber echt interessant zu hören bei welchem Song Rudys Vocals wie sehr ein tragendes Element darstellen. Zum ruhigeren Part des Albums gibt es eher weniger Bonusmaterial. Bei "She's Dead" hätten wir einen kurzen Ct Draft, welcher bis auf die Vocals eigentlich schon fast alles beinhaltet und eben nur auf ca. 2 Minuten runter bricht. Der Kirilian Camera Remix kommt aber ziemlich gut und macht den Song deutlich gefälliger als das Original.

Falls ihr absolute Musik Nerds seid könnt ihr euch "My Life" noch in State A, B bzw. C anhören. Sicher nicht uninteressant, dass wir mal die schrittweise Entwicklung von so 'nem Song präsentiert bekommen, aber meinem auf stumpfen Lärm eingestellten Gehört entziehen sich dann die feinen Unterschiede zwischen den Versionen doch zu sehr. Den Abschluss bietet dann das Instrumental von "Rotten Meat". Das Original hat mich nicht wirklich überzeugt, diese Version macht es für mich weder viel besser noch schlechter.

So, das war jetzt eine ganze Menge :Wumpscut:. Erstmal zum eigentlichen Album: "Music For A Slaughtering Tribe" ist echt beeindruckend geworden und zeigt wie sehr Rudy damals voller Ideen war. Von den 14 Songs hat jeder seinen ganz eigenen Stil und teilweise gehen diese sehr weit auseinander. Auch wenn mich nicht jeder davon komplett überzeugt ist die Trefferquote doch sehr hoch und mit "Soylent Green", "Koslow" oder "Fear In Motion" sind totale Meisterwerke dabei, die für mich auch heute noch zu den besten :Wumpscut: Sachen ever zählen. Nur das letzte Drittel schwächelt leider etwas.

Die Monument Edition an sich ist dagegen so eine Sache. Die Remixe sind nach wie vor Top Notch und es ist selten, dass mich so viele Remixe bei einem Album überzeugen können. Der Rest wirkt teilweise etwas unvollständig, was für so eine finale Edition natürlich schade ist. Ansonsten fällt es mir schwer bei den ganzen Instrumentals und Entwürfen die Qualität zu beurteilen. Es wird sicher kaum jemanden geben, der mal eben Bock hat sich den Draft von "Soylent Green" oder "My Life" in State B anzumachen. Es sind eher interessante Features für Fans, die schon fast einer Art Making Of gleichkommen. Man pickt sich den die Version raus, die man sich gerne anhören mag, statt eine der Bonus CDs am Stück zu hören. Das ist sicherlich mal ganz spannend, verliert im Gegensatz zu den Remixes aber natürlich auch sehr schnell an Reiz, wenn man es einmal gehört hat.

Als abschließende Version aber sicherlich die beste Alternative für alle, die das Album noch nicht haben. Wer bereits die 2-CD Version mit den Remixes sein eigen nennt, sollte sich überlegen, ob er das restliche Bonusmaterial noch unbedingt braucht. Wer mit :Wumpscut: einsteigen will könnte evtl. auch etwas überfordert mit "Music For A Slaughtering Tribe" an sich sein. Ich empfehle eher "Embryodead" wenn es etwas Älteres sein soll. Für Fans gehört "Music For A Slaughtering Tribe" natürlich zum absoluten Pflichtprogramm und ich hatte sehr viel Spaß dabei, mir das Ding zum ersten Mal seit langem wieder mal komplett anzuhören.

Punkte: 8 / 10


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