:Wumpscut: Deliverance (2001) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Deliverance - Cover
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8.50
∅-Bew.
Aka: DJ Dwarf One
Typ: Single/EP
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
12.04.2021 08:08

Als Rudy Ratzinger angefangen hat mit "Boeses Junges Fleisch" eine etwas neue und experimentellere Richtung einzuschlagen, hat er gleichzeitig das Konzept der Single-CD für sich entdeckt und angefangen, ziemlich regelmäßig einzelne Songs als Single auszukoppeln. Dabei hat er wirklich die unterschiedlichsten Varianten ausprobiert. Durchgesetzt haben sich am Ende die DJ Dwarf Singles, aber gerade in der :Wumpscut:-Phase der frühen 2000'er haben sie einige Zeit mit anderen Arten von Single-CDs koexistiert.

Die DJ Dwarf Singles waren dabei auch nicht schon immer das, was sie heute sind. Ein Modernes :Wumpscut:Album kommt in der Regel in der Box-Version mit einer Remix-CD als Bonus und die entsprechende DJ Dwarf ist dann einfach nochmal eine Bonus-CD mit weiteren Remixes des Albums. Das war aber nicht immer so. Teilweise gibt es etwas interessantere Versionen mit exotischeren Songs drauf, während gerade die sehr frühen DJ Dwarfs auch gerne mal einfache Promo-Singles mit einer kleinen handvoll Tracks von einem aktuellen Release waren. "DJ Dwarf One" dagegen ist nochmal ein spezieller Fall, denn hier haben wir nichts anderes als die "Deliverance"-Single unter anderem Namen. Alles ist hier komplett inhaltsgleich, außer halt der Name und die Tatsache, dass "DJ Dwarf One" auf 2000 Exemplare limitiert ist.

Unabhängig, ob wir das ganze jetzt "Deliverance" oder "DJ Dwarf One" nennen, haben wir es hier mit einer recht klassischen Single-CD zu tun, bei der "Deliverance" vom "Wreath Of Barbs"-Album im Vordergrund steht. Wir haben hier den Song in einer gekürzten Version, 3 Remixes und noch ein… sagen wir mal etwas spezielleres Stück als Bonus.

"Wreath Of Barbs" spielt mal wieder mit ein paar neuen Ideen, ist entsprechend recht abwechslungsreich geworden und hat kaum den einen Song, der das Album am besten repräsentiert, aber ich denke "Deliverance" war eine ganz gute Wahl für eine Single. Er ist vergleichsweise melodisch und tanzbar, dabei trotzdem einer der härteren Songs und nicht zu experimentell, sondern etwas, was noch sehr viele klassische :Wumpscut:-Elemente durchklingen lässt. Gleichzeitig ist er einer von zwei Songs, welcher auf sehr interessante Art und Weise verzerrte Vocals beinhaltet, die fast schon roboterhaft klingen. Eine andere Besonderheit von "Wreath Of Barbs" ist Aleta Welling, welche damals auf "Music For A Slaughtering Tribe" "Fear In Motion" eingesprochen hat und auf diesem Album etwas häufiger zum Einsatz kommt. Da das bei "Deliverance" nicht der Fall ist, hat sie auf dieser Single eigentlich nicht viel zu tun, allerdings wurde trotzdem daran gedacht, sie einzubauen: sie darf nämlich die Songtitel ankündigen. Eine ziemlich coole Idee, mit der ein wichtiger Part des Albums trotzdem irgendwie auch auf "DJ Dwarf One" vorhanden ist.

Los geht das ganze mit "Deliverance" im Radio-Mix, welcher um ca. eine Minute kürzer ist als das Original. Selten kommt es vor, aber ich bevorzuge hier tatsächlich mal die gekürzte Version gegenüber dem Original. "Deliverance" ist tatsächlich ziemlich schnell und tanzbar und wenn ich es höre, dann komme ich gerne direkt zur Sache. Dafür ist mir das ausschweifende Intro im Original dann etwas zu lang. Der Radio-Mix sorgt nicht nur für eine dichtere Erfahrung, sondern schafft es auch die Atmosphäre des Originals 1:1 so beizubehalten. Von daher: endlich mal ein Radio-Mix, der sich lohnt.

Der "Alternative Club Remix" ist der einzige Remix, von dem ich mir etwas mehr erwartet hätte. Das ganze klingt eher wie ein reines Instrumental von "Deliverance". Ich würde zwar sagen, dass der ganze Aufbau zumindest schon ein wenig umgebastelt wurde, da man allerdings im Grunde nur die Vocals entfernt und nichts neues hinzugefügt hat, wirkt es etwas unspektakulär. Ich würde sagen, dass das Original im Club wesentlich mehr Leute auf die Tanzfläche lockt. Um es entspannt im Hintergrund laufen zu lassen, sicherlich okay und für :Wumpscut:-Nerds immer cool, sowas auf CD zu haben, aber gerade gegenüber den anderen beiden Remixes verblasst es doch recht schnell.

Das zeigt vor allem der "Reminescing Mix", denn wenn es darum geht, "Deliverance" entspannt im Hintergrund laufen zu lassen, dann wäre das auf jeden Fall die erste Wahl bei mir. Obwohl durchaus ein treibender Beat vorhanden ist, der das ganze trägt, klingt dieser Remix unglaublich verträumt, leicht melancholisch aber vor allem einfach nur angenehm für die Ohren. Ich erwische mich regelmäßig dabei, wie ich ihn ein paar Mal in der Endlosschleife höre und mich von ihm hypnotisieren lasse.

Der "Soldatengrab Remix" lenkt das Ganze dann zum Schluss in eine nochmal deutlich melancholische Richtung. Hier sind wieder etwas mehr Strukturen vom Original zu erkennen, aber deutlich schwerfälliger, langsamer und tiefer. Während der "Reminescing Mix" entspannt und verträumt klingt, wirkt der "Soldatengrab Remix" einfach nur melancholisch, schwer und fast schon erdrückend und ist auf seine Art ebenfalls richtig gut gelungen.

Zum Schluss beschäftigt sich Rudy nochmal ausgiebig mit dem Satansmord von Witten, welcher damals sehr aktuell und in den Medien sehr präsent war. Neben der extrem reißerischen Aufmachung war es im Narrativ der Nachrichtensendungen vor allem wichtig den einen Sündenbock zu finden, der als Erklärung für diese Bluttat herhalten konnte: die schwarze Szene. Auf "DJ Dwarf One" befinden sich gleich zwei Tracks, die sich dieser Thematik annehmen. Das erste würde ich als eine Art Intro bezeichnen und ist auf der Rückseite der CD gar nicht erwähnt. Es ist ein Zusammenschnitt diverser Nachrichtenberichte, bei dem recht schnell klar wird, wie gut die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben gemacht haben. Ein kleiner Auszug aus den ganzen journalistischen Meisterleistungen:
- In der schwarzen Szene vermischen sich Aberglaube, Hass, Sadismus und Naziverehrung zu einer mörderischen Mixtur
- :Wumpscut: ist eine Black Metal Band
- Der Mord wird in der Szene sehr begrüßt werden

Im Anschluss hätten wir dann unter dem Titel "Ruda" noch eine kleine Collage aus weiteren Berichten zu dem Thema unterlegt mit dezenten Industrialsounds.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist der musikalische Wert, den das Ganze hat sicherlich begrenzt, zumal das Intro ein gutes Stück länger ist als der eigentliche Song. Aber das war wohl auch nicht der Sinn dahinter. Als humorvolle Auseinandersetzung mit der grässlichen Berichterstattung über den Mordfall funktioniert es dagegen allemal. Öfter als 2-3 mal wird man sich das ganze zwar nicht anhören, da das jetzt aber auch nicht gerade ganz vorne auf ein Album geklatscht wurde, ist das kein Problem und macht sich als nettes kleines Extra auf "DJ Dwarf One" ganz gut.

Am Ende kann sich die allererste DJ Dwarf wirklich hören lassen. Besonders beeindruckt bin ich davon, wie dem Song "Deliverance" wirklich sehr unterschiedliche Gesichter gegeben wurden und je nach Remix das Gefühl beim Hören doch extrem schwankt, aber das ganze fast immer perfekt aufgeht. Vergleicht man das Ganze mit moderneren DJ Dwarfs oder Remix-Exzessen wie der "Totmacher"-Single, dann bekommt ihr zwar vergleichsweise wenig Tracks, dafür aber auch kaum überflüssigen Ballast. Falls ihr also den Song "Deliverance" mögt oder einen groben Eindruck wollt, wie "Wreath Of Barbs" klingt, macht ihr mit dieser Single nichts falsch.

Punkte: 8.5 / 10