:Wumpscut: Bunkertor 7 (1995) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Bunkertor 7 - Cover
1
Review
3
Ratings
9.00
∅-Bew.
Aka: Bunker Gate Seven
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
23.04.2020 08:08

Die alten :Wumpscut: Alben sind ja so eine Wissenschaft für sich. Alleine schon die Frage danach, was überhaupt zu den alten Alben zählt. Ich habe jetzt schon öfter gelesen, dass "Bunkertor 7" von einigen Fans gar nicht mehr als eines der Alben mit ganz ursprünglichem :Wumpscut: Sound betrachtet wird. Echt? Für mich war das eigentlich immer einer der :Wumpscut:-Klassiker schlechthin. Teilweise wird angemerkt oder auch kritisiert, dass es viel langsamer, leiser und weniger hart als beispielsweise ein "Music For A Slaughtering Tribe" sei. Naja, ich denke das ist Ansichtssache. Auch "Music For A Slaughtering Tribe" hatte eine gute Anzahl Songs, die weder durch Lärm noch durch Härte überzeugen. Hört euch einfach mal "The Day's Disdain" oder "My Life" an und urteilt selbst, ob deren Selling Point darin besteht, alles nieder zu reißen.

Trotzdem muss man fairerweise sagen, dass sich schon etwas im Sound verändert hat, aber nicht erst mit "Bunkertor 7", sondern für mich schon ab den beiden EPs "Dried Blood" und "Gomorra". Wer die Dinger gehört hat, sollte eigentlich nicht vom Sound von "Bunkertor 7" überrascht sein. Wo genau liegt denn jetzt meiner Meinung nach der Unterschied zu den ganzen alten Sachen wie "Defcon" oder eben dem ersten richtigen Album "Music For A Slaughtering Tribe"? Insgesamt geht es auf "Bunkertor 7" etwas harmonischer zu. Alles ist melodischer und in Sachen Härte auch ausgeglichener. Das heißt zwar, dass es ganz krasse Lärmgranaten wie "Koslow" oder "Bleed" tatsächlich kaum noch gibt, aber eben auch weniger von dem minimalistischen Dark Ambient Kram wie "She's dead" oder "Float". Das macht die Sache schonmal definitiv besser anhöhrbar und auch für Neulinge, die eine Kostprobe von Classic :Wumpscut: haben wollen zum besseren Einstieg als "Music For A Slaughtering Tribe".

Falls man sich dann tatsächlich dazu entschieden haben sollte, sich "Bunkertor 7" zuzulegen, stellt sich natürlich noch die Frage nach der Version, denn diese sind schon wie beim Vorgänger zahlreich. Es ist das erste Album, was in der bei späteren Alben sehr populären Box Version heraus kam - inklusive Shirt, Postkarten, Bonus LP mit alten Songs von "Defcon" und "Small Chambermusicians" und heute wahrscheinlich schwerer zu bekommen als Klopapier. Irgendwann gab es dann noch die Re-Sample Version, welche nochmal in Remix Form neu aufgelegt wurde. Wenn ihr aber am meisten "Bunkertor 7" für eure Kohle haben wollt, dann bietet sich vielleicht die 2011 erschienene Final Edition mit sowohl dem Original als auch der Re-Sample Version an. Da ich pragmatisch veranlagt bin und habe ich mich natürlich für letztere entschieden, welche übrigens in einem extragroßen Jewelcase kommt, damit man am Ende nicht weiß, wo man es sich hinstellen soll, da es so eigentlich immer in der Sammlung hervorsticht.

So haben wir jetzt also ein Album und eine CD mit Remixes bzw. "Prestigious Remixes" wie es auf der CD heißt. Eigentlich fast das gleiche Konzept wie bei den neueren Alben mit Bonus CD, aber eben nur fast. Auf den neueren Alben sind die Remixes ja eher willkürlich gewählt, sodass es gerne mal zwei bis drei geeignete Songs gibt, welche die Grundlage für alle Remixes auf der Bonus CD stellen. Hier wurde dagegen jeder einzelne Song genau einmal neu abgemischt, was die Sache doch etwas spannender macht. Gehen wir doch diesmal zur Abwechslung nicht alles CD für CD, sondern Song für Song durch und schauen, wie sich original und Remix unterscheiden. Grundsätzlich machen die meisten Remixes die Songs eher tanzbar und schleifen einige Ecken und Kanten ab, was sich sowohl positiv als auch negativ auf die jeweiligen Stücke auswirken kann.

Als Besonderheit gibt's diesmal sogar mit "Open Gate" ein eigenes Intro und mit "Close Gate" ein eigenes Outro, was man in der Form auf anderen :Wumpscut: Alben nicht zu hören bekommt, soweit ich mich jetzt richtig erinnere. Beides zwar für sich genommen nichts besonderes, aber gleichzeitig wird die Atmosphäre des Albums mit beiden Tracks ganz gut eingefangen und ist als Einführung bzw. Ausklang eine nette Spielerei. Hier wurde übrigens auch auf der Remix CD nichts verändert. Der erste "richtige" Song "Torn Skin" geht dann eher gemütlich los und: ja, das klingt seltsam für einen Song, welcher mit Schreien / Stöhnen beginnt und Lyrics wie
"Give me your warm Skin,
now wrap it around.
You will get it back
when your corpse is found."
enthält. Wenn man davon aber mal absehen kann, dann hat es :Wumpscut: 1-Mann-Armee Rudy Ratzinger hier geschafft einen sehr harmonischen Song mit angenehmen ruhigem Akustiggitarrenintro und sehr weichen Synths zu erschaffen, dass nebenbei noch recht tanzbar geworden ist. Der Remix versucht es trotzdem noch etwas tanzbarer zu machen. Die elektronischen Elemente scheinen hier etwas dominanter und der Beat etwas mehr catchy. Am Ende mag ich beide Versionen sehr und obwohl sich beide hörbar unterscheiden, haben sie beide eine sehr ähnliche Wirkung auf mich.

Bei "Dying Culture [2nd Movement]" wird es schon interessanter. Auf "Dried Blood" hatten wir ja schon den Vorgänger "Dying Culture [First Movement]". Im Prinzip ist es hier der gleiche Song aber auf Speed. Es geht deutlich mehr ab und er wurde an den richtigen Stellen aufgemotzt, sodass ich diese Version dem eh schon sehr nettem Original vorziehe. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie man da noch einen drauf setzen will, da wir ja hier quasi schon einen Remix haben. Zum Glück hat man nicht versucht, den Remix vom Remix noch extremer zu gestalten, sondern geht einen ganz anderen Weg und nimmt wieder deutlich Tempo raus. Stattdessen haben wir recht minimalistische Arrangements mit düsteren Pianoklängen im Hintergrund, die den perfekten Kontrast zu den harten Vocals und Samples bilden. Ich liebe es total in dieser Version.

Mit "Bunkertor 7 [German Texture]" wird es dann wieder etwas schneller. Während Rudy heute munter zwischen deutschen und englischen Texten wechselt und zwischendurch auch mal ganze Alben auf deutsch veröffentlicht hat, war das damals noch eine Neuheit und ist hier auch der einzige Song mit deutschen Lyrics. Geschadet hat es jedenfalls nicht, immerhin haben wir einen absoluten Klassiker und Ohrwurm. Der Remix kann irgendwie nicht mehr viel neues beitragen. Ja, etwas tanzbarer und gefälliger klingt er durchaus und nachdem ich mich daran gewöhnt habe, dass jemand an diesem Klassiker rumgefummelt hat, kann ich mich auch drauf einlassen, aber ich bevorzuge doch das Original.

Richtig schön brutal wird's dann mit "Mortal Highway". Hier bekommt man noch ganz gut das, was der eine oder andere vielleicht von "Music For A Slaughtering Tribe" vermissen mag: gepflegten und kompromisslosen Lärm vom feinsten. Diesen Song auf der richtigen Lautstärke laufen lassen und es ist komplett unmöglich, ruhig sitzen zu bleiben. Den Remix stellt diesmal nicht der Meister persönlich, sondern das Projekt Stillste Stund. Auch hier wird eher eine andere Richtung eingeschlagen als bei Original. Hier fehlen mir aber eindeutig die wuchtigen Klänge. Wenn man die mal weglässt wird ein kleines Problem, welches sogar einige Songs auf "Bunkertor 7" haben, recht deutlich. Musikalisch kann das Album einiges bieten, aber wenn wir wirklich nur bei den Texten und Vocals bleiben, haben wir gar nicht mal so viel Inhalt. Man verlässt sich hier schon sehr auf markante Hooklines und wenn man mal einen guten Teil der Musik runterschraubt wird's schnell stumpf und repetitiv.

Bei "Corroded Breed" geht's mir ähnlich: das Original ist ein absoluter Klassiker, der in den richtigen Momenten schnell und hart daherkommt, aber im Hintergrund genug Spielereien bereit hält, um nicht langweilig zu werden. Der Haujobb Remix ist an sich nicht schlecht, aber auch hier stehen die Vocals viel zu sehr im Vordergrund, die gefühlt zusätzlich nochmal etwas krasser verzerrt wurden und jetzt doch etwas sehr nach Gejaule klingen. Auch hier war es natürlich von Anfang an schwierig, mit dem Original mitzuhalten.

Vielleicht hat "Die In Winter" da mehr Remix Potenzial? Dieser Song, mit dem ich früher eher wenig anfangen konnte, ist mir im Laufe der Jahre doch ein wenig an's Herz gewachsen. Zumindest vom Tempo her, geht es fast schon gemütlich zu und Rudys Art, den Text wie ein Gedicht vorzutragen weiß ich mittlerweile mehr zu schätzen als früher, als ich einfach nur noch mehr Lärm wollte. Der :Wumpscut: Remix lässt dabei erstaunlich viel unverändert. Ich würde sogar sagen, dass der Eindruck und die Atmosphäre, die das Ding vermittelt 1:1 so bestehen bleiben. Alles klingt ein bisschen moderner, aber "Die In Winter" bleibt hier klar "Die In Winter".

Mit "Bunkertor 7 [Reprised]" haben wir das erste Instrumental auf dem Album und streng genommen schon ein Remix zum eigentlichen "Bunkertor 7", auch wenn der eigentliche Song nur noch im Ansatz zu erkennen ist hinter den ganzen stampfenden Industrial Sounds. Ich habe mich damals sofort in das Teil verliebt und für eine schnelle Dosis Krach bin ich dafür auch heute noch jederzeit zu haben, zumal sich der Krach doch auch immer wieder sehr nett mit richtig ruhigen Passagen abwechselt. Falls ihr euch jetzt fragt, wie man das noch remixen soll - die Antwort lautet: gar nicht. Dieser Remix ist in als einziger Song in gar keiner Version auf der zweiten CD.

Ebenfalls etwas langsamer kommt "Capital Punishment" daher und ähnlich wie "Die In Winter" sind die Lyrics hier eher mal als angenehme Ausnahme etwas interessanter als das meiste auf "Bunkertor 7". Trotzdem geht "Capital Punishment" für mich noch einige Schritte weiter als "Die In Winter", legt ab der zweiten Hälfte nochmal deutlich an Intensität zu und wird richtig kraftvoll, so dass selbst ich davon Gänsehaut bekomme. Der Remix schafft es tatsächlich, daraus eine tanzbare Clubnummer zu machen und dabei erstaunlich wenig von der ursprünglichen Atmosphäre einzubüßen. Keine Ahnung, ob das nötig war. Beeindruckend, dass es gelungen ist, ist es aber trotzdem.

"Thorns" ist nach Ratzingers Aussage nur mal eben aus einer Laune heraus entstanden und zeigt, wie sehr der gute Rudy damals echt auf dem Höhepunkt seines Schaffens gewesen sein muss, wenn dann so etwas dabei herauskommt. Eigentlich wirklich nur ein recht simpel gestricktes Instrumental mit dezenten Synths und Akustiggitarren und trotzdem kann ich es mir immer wieder anhören. Das gruselige daran: der Remix, der die Gitarren noch etwas mehr in den Vordergrund rückt und ganze sechseinhalb Minuten geht, gefällt mir sogar noch besser. Ich will gar nicht wissen, wie oft ich beide Versionen schon in der Endlosschleife gehört und mich komplett in ihnen verloren habe.

"Tell Me Why" ist der einzige Song vom Originalalbum mit dem ich bis heute wenig anfangen kann. Weder die komischen Flöten (?) Sounds, noch der ganze Aufbau an sich reißen mich so richtig mit und ich hätte überhaupt kein Problem damit gehabt, wenn das Album stattdessen mit "Thorns" geendet wäre. Der Remix kann es da eigentlich nur besser machen und was soll ich sagen? Genau das tut er. Jetzt ist das ganze eine wirklich ordentliche Industrialnummer, zu der ich im Club jederzeit meinen alten Hintern auf die Tanzfläche schwingen würde. Vielleicht sogar weniger originell als die Ursprungsversion, aber definitiv näher an meinem persönlichen Geschmack dran.

Selbiger wird mit "Bunkertor 7" auch als Gesamtkunstwerk erstaunlich gut getroffen. Insgesamt eine sinnvolle Weiterentwicklung zu "Music For A Slaughtering Tribe" bzw. wurde das Niveau der überragenden EPs hier fast über ein ganzes Album aufrecht gehalten. Das ist schon eine Leistung in so kurzer Zeit so viel geiles Material raus zu hauen. Wirkliche Schwächen gibt es kaum. Mal der eine oder andere Song, der nicht so ganz zündet und an manchen Stellen vermisse ich sogar die primitive und brutale Wut eines "Music For A Slaughtering Tribe". Aber wenn wir auf der anderen Seite einen deutlich abgerundeteren Sound, eine viel höhere Trefferquote an guten Songs und nach wie vor mehrere echte Meisterwerke haben, geht das so total klar.

Die Remix CD ist auch eine ziemliche Bereicherung. Wenn ich mich zwischen Original und Re-Sample Version entscheiden müsste, würde ich zwar das Original bevorzugen, aber wenn man schon beide Versionen am Stück haben kann, würde ich definitiv zu beiden CDs raten. Wenn ich mir ein eigenes "Bunkertor 7" aus der jeweils von mir bevorzugten Version zusammenstellen würde, dann wären wir schon sehr nah am perfekten Album dran. Falls jemand sich für :Wumpscut: interessieren sollte und nicht weiß, wo er einsteigen soll, würde ich zumindest für die klassischen Releases "Bunkertor 7" in genau dieser Version empfehlen - dazu vielleicht noch "Fuckit" in der 2-CD Version für die moderne Variante und ihr habt das perfekte Einsteigerset.

Punkte: 9 / 10