:Wumpscut: Born Again (1997) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Born Again - Cover
1
Review
2
Ratings
7.25
∅-Bew.
Typ: Compilation/Best-Of
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
31.03.2019 09:12

Eines musste man Rudi Ratzinger wirklich lassen: bei :Wumpscut: wusste man nicht nur immer, was man bekommt sondern auch ungefähr wann man es bekommt. Pünktlich im Frühjahr stand ein neues Album vor der Tür. Wem das nicht reichte, der konnte sich ausgefalle Fanboxes mit allem möglichen Krempel dazu kaufen, hat dafür aber auch immer eine Remix CD zum Album bekommen. Außerdem gab es dann noch eine DJ-Dwarf Single mit noch mehr Remixes zum Album. Alles sehr geordnet, aber auch etwas langweilig. Gerade die DJ-Dwarf Singles waren zu bestimmten Zeiten schonmal innovativer als die letzten Jahre, als auch mal Remixe von älteren Alben oder sogar von :Wumpscut: für andere Interpreten darauf waren. Das ist zuletzt etwas eingeschlafen und zusätzlich zur Remix CD einfach nur mit noch mehr Remixes bombardiert zu werden war immer etwas… ermüdend.

Aber es gab auch ganz andere Zeiten. 1997 als es die DJ Dwarf CDs noch kein Thema waren und es auch zu den Alben auch noch nicht die obligatorische Remix CD gab, hatte Ratzinger gerade das Lieblingsalbum werdender Eltern “Embryodead” draußen. Und meine Fresse: Was für ein Album! Dieses hat seiner Zeit zwar auch eine Box mit Bonus CD (welche aber deutsche Version der Songs vom Debut Album bot) erhalten aber eine Remix CD, die sich direkt auf den Embryotot bezieht blieb erstmal aus. Und hier kommt jetzt endlich “Born Again”, welches im gleichen Jahr erschien in's Spiel. Auf “Born Again” finden sich Hauptsächlich Remixe zu “Embryodead” aber auch 2 komplett neue Songs, 2 Remixe zum guten “Bunkertor 7” und sogar ein Remix von :Wumpscut: für Aghast View. Stellt es euch also als eine Art “DJ Dwarf 0” vor.

Wer “Embryodead” kennt, weiß nicht nur, dass das Album vor Atmosphäre nur so platzt sondern auch, dass neben ein paar tanzbaren Stücken wie “War” oder “Golgatha” auch viele sehr langsame Endzeit - angehauchte Stücke zu finden sind. Diese clubtauglich machen zu wollen klingt auf jeden Fall spannend, aber auch nicht einfach. Finden wir also raus, ob der kleine Bruder von “Embryodead” das unerwünschte Kind in der :Wumpscut: Familie ist oder nicht.

Los geht es gleich mal mit dem “Scintillating MIXX” von “Is It You”, was bei mir die Messlatte schonmal seeeehr hoch legt. Das Original ist so ziemlich einer der Songs, die mir am meisten Gänsehaut gemacht haben - ever. Der Remix? Naja… viel wird durch ihn nicht gewonnen. Alles in allem wird hier ein großartiger Song auf 6.38 Minuten gestreckt. Zumindest klingt es so und das Ergebnis wirkt dann entsprechend etwas verwässert. Ich bleibe klar beim Original, aber wenn wir den Vergleich zum Original weglassen klingt das Ergebnis immer noch gut. Schätze “Is It You” ist einfach unverwüstlich. Als nächstes erwartet uns der “Born Again Remixx” (offenbar ganz wichtig die Remixe mit 2 x zu schreiben) von “Womb”, einem dieser Songs bei denen ich es spontan schwierig finden würde, einen guten tanzbaren Remix, ähm Remixx zu kreieren. Und das Ergebnis gibt mir recht. Wir haben jetzt eine Version, zu der man theoretisch tanzen könnte - mehr nicht. Das ganze klingt weder als Tanznummer gut, noch bleibt viel von der verstörenden Atmosphäre des Originals. Nichts ganzes und nichts halbes also.

Als ich gerade anfange an der ganzen Idee von “Born Again” zu zweifeln, kommt dann plötzlich der “Deejaydead Remixx” von “Angel” daher und ich nehme alles zurück. Das noch ruhigere und düsterere “Angel” habe ich wirklich für kaum remixbar gehalten, aber was hier draus gemacht wurde - wow! Tanzbar und trotzdem noch sehr dunkel. Läuft aktuell sehr oft bei in der Anlage. Auch der “Deejaydead Remixx” von “Embryodead” kann sich hören lassen. Alles wirkt hier sehr aufwendig und hochwertig und geht am Ende auf. Die “Roughly Distorted Version” von “Golgatha” lässt sich dagegen in 3 Phasen aufteilen. Phase 1 in der ich nach über 1.30 Minuten ramdom Gegrunze dachte, dass wir es hier mit einem seltsamen Experiment zu tun haben, Phase 2 in der der Remix mit wunderbar stampfenden Beats einsetzt und Phase 3 in der völlig unnötigerweise Vocals dazu kommen, die ihm wieder etwas an Qualität rauben.

Mit “Wumpsex” haben wir dann den ersten neuen Song und ja ich gebe zu: der Name hat mich neugierig gemacht. Was wir haben ist eine recht brachiale instrumentale Nummer, die eher auf Minimal - Elemente setzt. Sicher nicht jedermanns Sache und vielleicht ein ganz kleines bisschen mit “Dried Blood Of Gomorrha” vergleichbar, auch wenn der eine oder andere Fan mich jetzt steinigt. Aber ich mags sogar ziemlich. Den zweiten Versuch “Womb” tanzbar zu machen, macht der “Miserable Days MIXX” und was soll ich sagen? Es soll wohl einfach nicht sein. Abgesehen davon, dass ich das Ergebnis für sogar noch weniger clubtauglich halte, wird der Atmosphäre auch hier kein Gefallen getan. Bleibt einfach beim Original.

Die “Revenge And Nemesis Version” von “War” hat einen sehr interessanten Ansatz. Dem Original (übrigens ebenfalls ein großer Favorit von mir) wird einiges von seiner brachialen Härte genommen und stattdessen einiges an Melodie hinzugefügt. Diese ist aber so krank und kaputt, dass ich es einfach nur großartig finde. Hätte so schon völlig ausgereicht. Warum da nach ca. 4 Minuten wieder Vocals einsetzen und das ganze zu einer light - Version des Originals machen müssen, bleibt mir ein absolutes Rätsel. Der zweite neue Song “Man’s Complete Idiot” kann leider nicht ganz mit “Wumpsex” mithalten. Ersteres wirkt zwar roh und hat seine Ecken und Kanten, passt aber so dank minimalistische Härte. “Man's Complete Idiot” wirkt dagegen unfertig oder eher wie unverwendetes Material, welches man einfach unbearbeitet noch auf die CD gehauen hat. Auf “Blutkind” würde das klargehen aber nicht hier.

Interessant wird es dann nochmal mit der “Distant Vocals Version” des eigentlichen instrumentalen “Thorns” vom “Bunkertor 7” Album. Ich liebe das Original und weiß nicht, ob ich mir je dachte: “Mensch, female Vocals wären hier großartig.” aber hier haben wir genau das. Und was soll ich sagen? Nach dem ersten WTF - Moment passt das sogar sehr gut. Am Ende des Tages mag ich beide Versionen und finde dieses Experiment hier sehr spannend. Etwas random wirkt dagegen das “Instrumental Take 1” von “Down Where We Belong”. Von allen Songs auf “Embryodead” ist das tatsächlich einer der, die für mich am wenigsten ein Instrumental gebraucht hätte, aber gut - hier ist es und viel mehr kann ich dazu eigentlich auch kaum schreiben, außer dass es einfach “da ist“.

“Born Again” neigt sich dem Ende zu und bietet neben einem weiteren ganz brauchbaren weiteren Remix von “Embryodead” einen :Wumpscut: Remix von “Vaporize”, welches ursprünglich von Aghast View stammt. Da ich jetzt kein Aghast View Hörer bin, kann ich das Original jetzt schlecht als Referenz nehmen um zu vergleichen wie gut Rudi seinen Job als Remixer gemacht hat, aber zumindest kann ich sagen, dass ich die Version so wie sie hier zu hören ist mag, sie sich gut auf “Born Again” einfügt und mir sogar spontan Lust macht, Aghast View doch nochmal auszuchecken. Schade eigentlich, dass die Remixe für andere Interpreten zuletzt auf den :Wumpscut: Releases so ein wenig verloren gegangen sind. Zum Schluss bleibt noch der “Haujobb Edit 2” von “Die In Winter”, ein ganz gerne neu veröffentlichter Song. Hier haben wir das Problem, dass ich das Original nicht so sehr mag und da schon ein Remix nötig wäre, der das Ding komplett auf den Kopf stellt, um mir das Ergebnis schmackhaft zu machen, was hier nicht der Fall ist. Deshalb kann ich letztlich auch wenig hiermit anfangen, was aber natürlich höchst subjektiv und nicht die Schuld von Haujobb ist.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, wie ich die ganze Geschichte jetzt bewerte. Gar nicht mal so einfach - gerade bei Remixen. Wie bewerte ich zum Beispiel einen Remix, der dem Original deutlich unterlegen ist, aber für sich trotzdem noch ganz nett klingt (ich schiele hier gerade zu “Is It You”)? Sicherlich ist “Born Again” auch eher als Ergänzung zu “Embryodead” zu betrachten, trotzdem haben wir es hier mit einem eigenständigen Release zu tun und da gelten für mich andere Kriterien als für eine Bonus CD. Und zum Glück bietet “Born Again” auch mehr als die durchschnittliche Bonus CD der letzten :Wumpscut: Alben. In Sachen Abwechslung sogar deutlich mehr als die letzten “DJ Dwarf” Singles. “Born Again” ist also keine Totgeburt. Leider gibt es auch einige deutliche Schönheitsfehler, die meiner Meinung nach komplett hätten vermieden werden können. Das fängt schon bei der Auswahl der Songs an und endet bei teilweise inkonsequenter Umsetzung (siehe Remixe von “Golgatha” oder “War”). Trotzdem bin ich froh “Born Again” in meiner Sammlung zu haben und die CD endlich mal wieder rausgekramt zu haben. Das eine oder andere Stück dürfte wohl noch einige Zeit in der Playlist bleiben. Sicher nicht die CD erster Wahl für :Wumpscut: Einsteiger, aber für Fans und alle, die “Embryodead” mögen sicher ganz spannend.

Punkte: 7 / 10