:Wumpscut: Blutkind (2000) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Blutkind - Cover
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1 Review
2
2 Ratings
7.75
∅-Bew.
Typ: Compilation/Best-Of
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM


DarkForrest
06.12.2020 14:44

Weil ich es einfach nicht lassen kann, muss ich noch weiter in Rudy Ratzingers alten Giftschrank rumwühlen und mich durch seine uralten Werke hören. Nach "The Menser Tracks" und "Preferential Legacy" bleibt eigentlich nur noch eine Veröffentlichung übrig: die 2000 erschienene "Blutkind"-Compilation.

Ähnlich wie "Preferential Legacy" legt sie den Schwerpunkt auf alte Werke von "Defcon" und "Small Chambermusicians" sowie bisher unveröffentlichte alte Werke. Einige Unterschiede fallen trotzdem direkt auf. Als erstes sei vielleicht erwähnt, dass "Preferential Legacy" im Jahr 2000 noch nicht als "Preferential Tribe" rereleased wurde und damit selbst nur für sehr wenige Leute zugänglich war. "Blutkind" war also die erste Möglichkeit für die breite Masse zu hören, was Rudy früher so alles verbrochen hat. Im Gegensatz zu "Preferential Tribe" haben wir es hier auch nicht mit einer Collection voller bunter Bonussongs zu tun. Es gibt als nette Zugabe gerade mal zwei ganz neue Songs - der Rest bezieht sich diesmal wirklich knallhart auf altes Material.

Ich weiß, dass das jetzt super subjektiv ist, aber "Blutkind" schafft es außerdem nach meinem Geschmack unglaublich hässlich zu sein. Über das Cover kann man sich evtl. noch streiten, aber die seltsame Farbkombination aus grüngrau und rot macht mir Augenkrebs. Das schlimmste ist aber das Jewelcase selbst, welches so dick wie 3 normale Jewelcases ist und damit rege ich mich jetzt nicht mal nur über die Platzverschwendung auf (obwohl ich es natürlich schon eher danach bewerte ob ich es mir gut in's Regal stellen kann, anstatt ob ich damit gut Menschen erschlagen kann) - es sieht einfach nur total klobig aus. Aber immerhin gibt es ein 20-seitiges Booklet. Das ist cool, denn solche Compilations haben oft gar keine richtigen Booklets, sondern nur irgendwelche Katalo...oh, etwa die Hälfte davon ist einfach nur ein Katalog, aus dem man alte :Wumpscut: - CDs bestellen kann. Aber immerhin enthält der Rest ein paar ganz nette Infos über die einzelnen Songs, was so schon okay ist.

Aber genug über Äußerlichkeiten aufgeregt, denn es warten 33 mehr oder weniger gute Tracks auf uns. 8 davon waren in genau der Form bereits auf "Preferential Legacy" und damit auch auf "Preferential Tribe" zu hören. Grundsätzlich sind sämtliche "Preferential Legacy"-Tracks, die auch auf "Defcon" und "Small Chambermusicians" vertreten waren, hier auch vertreten, während sämtliche Tracks, die auf "Preferential Legacy" zum ersten Mal veröffentlicht wurden, hier fehlen. Somit haben wir sowohl eher beliebte Songs wie "Pornography" oder "Stomp" (die ich gar nicht mal so mag) als auch nicht so beliebte wie "The Hellion" oder "Phase Shifter" (die ich eigentlich ziemlich klasse finde).

Ein paar Songs sind Versionen von "Music For A Slaughtering Tribe"-Songs, zwei Songs sind völlig neu und der Rest ist altes Material, welches ausschließlich hier veröffentlicht wurde und auch das Herzstück der Compilation und wahrscheinlich der eigentliche Sellingpoint ist. Um mich nicht zu wiederholen spare ich mir mal die bekannten Songs und gehe auf alle anderen der Reihe nach ein.

"Hang Him Higher" ist einer von zwei ganz neuen Songs und von den beiden wahrscheinlich der gefälligere. Wir haben hier alles, was den modernen :Wumpscut:-Track ausmacht, inklusive Lyrics und Strophen (was ansonsten auf "Blutkind" kaum vorhanden ist). Ich muss sagen, dass gefühlt sehr viel Arbeit in "Hang Him Higher" geflossen ist, denn Melodie, Vocals und Samples scheinen perfekt aufeinander abgestimmt und es ist fast schon schade, dass das Stück eher unbekannt bleibt, da es auf keinem regulären Album veröffentlicht wurde.

"Koslow" war einer der absoluten Kracher auf "Music For A Slaughtering Tribe" - ideal für Leute wie mich, die ihre Musik laut und dreckig mögen. Hier haben wir das "First Take" dazu - noch ohne Vocals. An sich natürlich eher dafür gedacht, um interessierten Leute mal einen Song während der Entstehung zu zeigen, aber dafür lässt sich diese Version sogar ganz gut hören. "Anaesthetics" klingt dagegen für altes Material erstaunlich gut entwickelt. Das Grundgerüst ist sicher sehr simpel (so wie bei den meisten ganz alten Songs) aber die Umsetzung ist dafür erstaunlich gefällig und lässt mich doch immer wieder zum Takt mitwippen.

Was ich an grundsätzlich an den frühen Werken von :Wumpscut: aber auch anderen Projekten, die mal so eine minimalistische Phase hatten mag, ist wie mit einfachsten Mitteln eine melancholische bis beängstigende Atmosphäre aufgebaut werden kann, wenn man sich drauf einlässt und die Umsetzung stimmig ist. "Time Ticks Away" ist ein klasse Beispiel dafür. Die Musik bereitet gekonnt ein ziemliches Unbehagen und obendrauf wird man mit verzerrten Stimmen terrorisiert - gefällt mir gut. "Flangegod" klingt dagegen wie eine etwas einfachere Version von "Default", die einfach noch ein paar Synths obendrauf bekommen hat - passt.

Danach wird es etwas langweilig mit "Irak" im Doppelpack - einmal im "First Take" und einmal im "Second Take". Beides klingt sehr ähnlich und beides kann man sich im Grunde sparen, wenn man "Irak2" hat, welches ja auch auf CD 2 vertreten ist. Dann doch lieber "Logic Of War", denn manchmal braucht es nichts weiter als eine einfache und fesselnde Melodie, die ordentlich in Szene gesetzt wurde.

"Neolith" ist spannend, da es eines der wenigen Werke von "Small Chambermusicians" ist, die auf "Preferential Legacy" ausgelassen wurden. Sehr ruhige und gefällige Nummer, die sich ganz angenehm hören lässt. "Run Like Hell Part 1" klingt eher wie die Skizze für einen Song, der nie erschienen ist und mir doch etwas zu unfertig. "Run Like Hell Part 2" hat musikalisch erstmal gar nichts mit Teil 1 zu tun und ist eher mal was für die Ambientfreunde unter uns, die bei einer Aneinanderreihung von diversen verzerrten Soundeffekten Gänsehaut bekommen.

Falls ihr mal eine :Wumpscut:-Karaokeparty veranstalten wollt, liefert euch "Blutkind" auch noch eine instrumentale Version von "Soylent Green". Kann man sich zwar auch so anhören, aber da bevorzuge ich dann doch eher einen der Remixes. Zum Abschluss von CD 1 gibt es dann "Default" im "Alternative Take". Also erstmal weiß ich nicht, ob Rudy seine eigenen Songs nicht kennt oder ich was an den Ohren habe, aber das ist eindeutig nicht "Default" sondern "Dudek". Ansonsten ist es mir mit all den Effekten, die eingefügt wurden einfach viel zu überladen, gerade bei der kurzen Laufzeit.

CD 2 beginnt mit "Praise Your Fears" - dem zweiten ganz neuen Song, der etwas experimenteller ist als "Hang Him Higher" und auch etwas einfacher gestrickt. Ganz nett für zwischendurch und nett als Bonustrack sicher gut auf "Blutkind" aufgehoben. "The Dark Chamber" klingt dagegen für einen alten Song erstaunlich modern und setzt schon erstaunlich viel auf Vocals und Lyrics. Lediglich an der etwas veralteten Soundqualität kann man ganz gut erkennen, dass das Ding wohl nicht 2000 entstanden ist. Hört sich so aber ganz gut.

"Frozen Images" ist ein Ambient-Stück, was auch mir gefällt und eine angenehm surreale Atmosphäre verbreitet. "Clinics" ist dagegen eher was für alle, die es etwas gröber mögen. Hat auch irgendwie Potential und ich mag vor allem Rudys Geschrei hier ganz gerne, aber auch "Clinics" wurde wohl nicht ohne Grund nie veröffentlicht, denn so eine ganz runde Sache ist das hier noch nicht. Für die etwas speziellen Geschmäcker gibt es mit "K-U-T-T" noch eine etwas härtere Ohrenmassage (keine Ahnung, wie ich das sonst beschreiben soll) und mit "Equal Eye" wieder ein bisschen was atmosphärisches.

So richtig hervor sticht für mich aber erst wieder "Slovakian Hell" - ein ganz langsamer aber intensiver Stampfer, der ein bisschen an "Logic Of War" erinnert, aber für mich sogar noch etwas besser umgesetzt wurde. "March Of The Crying" ist zwar als bisher unveröffentlichter Track gelabled, allerdings kann ich überhaupt keinen Unterschied zu "Batavion" auf "Preferential Legacy" feststellen.

Extrem weird aber auch schön sind "To The Sky" und "Eternal", die eigentlich Geschwister sein könnten, obwohl zweiteres auf "Small Chambermusicians" erschienen ist, "To The Sky" dagegen nicht. "Tschüsch Domos" und "Zech Groove" stammen dagegen beide von "Small Chambermusicians" und haben es beide nicht auf "Preferential Legacy" geschafft und ich kann auch ganz gut verstehen warum. Keine Ahnung, was das genau darstellen soll, aber im Grunde ist das extrem stumpfe Musik unterlegt mit wirren Rufen, die mich irgendwie daran erinnern, wenn in die U-Bahn jemand im feinsten Drogenrausch steigt und seine Gedanken unbedingt mit seiner Umgebung teilen muss. Vielleicht verstehe ich alter Banause auch den künstlerischen Wert dahinter nicht, aber rein akustisch kann ich damit wirklich gar nichts anfangen, außer dass es mich beim ersten Mal hören zum Lachen gebracht hat.

Damit wären wir auch durch "Blutkind" durch und das Ergebnis ist okay, aber auch nicht überragend. Man muss sich schon sehr für ganz alte :Wumpscut:Songs interessieren, um damit etwas anfangen zu können. Sicher wurde es zu einer Zeit veröffentlicht als "Preferential Legacy" noch nicht der breiten Masse zur Verfügung stand und ist daher auch so gut gealtert, aber auf der anderen Seite ist "Preferential Legacy" nach wie vor durch seine nette Auswahl auch am Stück eine ganz bereichernde Hörerfahrung. Das kann man von "Blutkind" nicht unbedingt sagen - schon alleine dadurch, dass die Reihenfolge der Tracks ganz offensichtlich nicht danach sortiert wurde, dass man sie direkt hintereinander hört. Stattdessen ist es vielleicht mit den Bonus CDs der Monumental Edition von "Music For A Slaughtering Tribe" zu vergleichen: ein netter Einblick für wirklich interessante Fans in alte Tage und darin, wie so mancher Klassiker entstanden ist.

Selbst wenn ihr :Wumpscut: mögt und den ganz alten Scheiß hören wollt, würde ich auf jeden Fall erstmal "Preferential Tribe" empfehlen und erst wenn euch davon der "Preferential Legacy"-Part gefallen hat und ihr unbedingt noch tiefer in den Kaninchenbau eintauchen wollt dann wäre eventuell der Zeitpunkt mal über "Blutkind" nachzudenken. Ich meine ich liebe :Wumpscut:, ich habe wirklich jedes Album, ich schlafe in :Wumpscut:-Bettwäsche… na gut, das nicht. Aber ich bin schon sehr offen für alles, was Rudy Ratzinger je rausgehauen hat und selbdt ich bin mir nicht sicher, inwieweit "Blutkind" eine große Bereicherung in meiner Sammlung ist. Ein paar sehr coole Schätze wie "Time Ticks Away" und "Slovakian Hell" verbergen sich zwar tatsächlich in der Tracklist und einige gute Stücke aus "Preferential Legacy" sind auch mit dabei, aber der Anteil an Ausschussware ist schon ziemlich hoch.

Punkte: 5.5 / 10