Soko Friedhof Grabschönheiten (2005) - ein Review von DarkForrest

Soko Friedhof: Grabschönheiten - Cover
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6.00
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic


DarkForrest
02.11.2022 17:19

Soko Friedhof, das Side-Project von Untoten, hat es im Laufe der Jahre geschafft, den einen oder anderen Song rauszupumpen, mit dem sie auch ganz unabhängig vom Main-Project etwas Bekanntheit in den Clubs erlangen konnten. Das goldene Zeitalter dürfte für die Soko wohl die Mitte der 2000'er mit Hits wie "Blutrünstiges Mädchen" oder "Uniform" gewesen sein. Aber auch lange danach sollte David A. Line mit seiner Soko noch am Start sein und einigermaßen regelmäßig CDs in sehr unterschiedlich starker Qualität auf den Markt werfen.

Angefangen hat das ganze allerdings als ein Underground-Projekt von vielen. Damals, als die Untoten noch schrammligen Grindcore / Punk machten, gab es im Berliner Underground eine ganze Handvoll Bands mit ähnlichem Sound und Soko Friedhof war neben Projekten wie Engelwerk, Candys Thrash Till Death oder Festival Der Geisteskranken nur ein Kandidat von vielen, welcher der schwarzen Szene kranken und abgefuckten Sound geliefert hat. Insgesamt war das ganze vielleicht ein wenig elektronischer und gruftiger als der Rest dieser bunten Truppe an Bands, aber gerade die frühen Soko-Werke klangen noch deutlich mehr nach dem Rest vom berliner Underground als zum Beispiel ein "Blutrünstiges Mädchen". Das erste richtige Album, was nach ein paar Sampler-Beiträgen 1999 im minimalistischen Cardsleeve als Beilage zum "Maul"-Magazin erschien nennt sich "Grabschönheiten" und wurde passenderweise 2005 - also ein Jahr nach dem Erfolg von "Blutrünstiges Mädchen" - nochmal neu aufgelegt, damit die neu gewonnenen Fans direkt mal hören konnten, wie bescheiden die Soko damals angefangen hat.

"Grabschönheiten" hat damals noch auf einen sehr minimalistischen Ansatz gesetzt. Vocals gibt es hier fast gar keine. Stattdessen wurden Sprachsamples (unter anderem aus der deutschen Version von "Akte X" oder der englischen Version von "The Evil Dead") nicht nur hier und da mal eingestreut wie bei vielen anderen Bands aus der Szene, sondern bilden hier einen wichtigen musikalischen Grundpfeiler. Daneben haben wir recht simple Elektro-Arrangements, hier und da mal ein paar schrammligen Gitarren und erstaunlich viele Drums. Die Gitarren klingen angenehm dreckig, nehmen nicht zu viel Platz ein und wurden offenbar von irgendwem selbst gespielt. Bei den Drums bin ich mir da nicht so sicher. Entweder haben wir es hier mit einem sehr schlechten Drumcomputer zu tun oder irgendwer hat in der Kanalisation von Kreuzberg ein Schlagzeug aufgestellt und im Vollrausch einfach mal ein bisschen drauf rumgehauen. Gut klingt das jedenfalls nicht.

Überhaupt klingt alles furchtbar amateurhaft. Das kann man als positiv oder negativ betrachten, aber wirklich rund klingt das Ganze oft noch nicht. Inhaltlich ging es damals schon viel um's Okkulte und Satanistische - gewürzt mit einer ordentlichen Prise Erotik und sicher auch nicht ganz ohne Ironie, aber wir sind hier definitiv noch nicht im Comedy- oder Parodiebereich angekommen wie auf ein paar späteren Soko-Alben. Nachdem David A. Line in all den Jahren auf wirklich fast allen Arten versucht hat zu schockieren, wirkt "Grabschönheiten" schon recht dezent. Vielleicht konnte sich damals der eine oder andere Katholik noch darüber aufregen - heutzutage dürfte dieses Album allerdings nicht mehr das Mittel erster Wahl sein, um seine Eltern zu schockieren. Trotzdem: ein gewisser Shock-Value und ziemlich viel Angefucktheit sind hier auch heute noch zu finden, wirken hier aber etwas subtiler als so manch späterer Angriff David A. Lines auf den guten Geschmack. Das muss aber nicht unbedingt schlecht sein und ist mir deutlich lieber als ein plumpes Pornorap-Album wie "Mord" oder "Drom".

Insgesamt werden uns hier 12 Tracks geboten, auch wenn uns auf der Rückseite der CD nur 10 Stück versprochen werden. Das Intro und "Bondage" werden einfach mal unterschlagen. Ist ja an sich nicht schlecht, wenn man mehr bekommt, als einem versprochen wird, sorgt aber direkt mal für Verwirrung, wenn man sich das Album digitalisieren will. Das "Intro" ist eh eine etwas merkwürdige Geschichte, da es mit seinen knapp 3 ½ Minuten eher mal ein vollwertiger Song ist. Gleichzeitig will er nicht so recht zum Rest des Albums passen mit seinen Violinen und der eher gothiclastigen Atmosphäre, die später im Album überhaupt nicht mehr aufgegriffen werden. Für sich genommen ohne Kontext kann ich damit aber auch wenig anfangen, da das ganze eher Spannung aufbaut, ohne dass es so etwas wie einen richtigen Payoff gibt. Als Intro für ein Live-Konzert stelle ich mir das ziemlich geil vor. So in der Form kann ich damit aber wenig anfangen.

"... Und Ass Sein Herz" geht da schon etwas mehr nach vorne: wir haben hier ein paar treibende Beats, gut platzierte dezente Keyboards und sehr passende Samples. Alles ist recht stumpf und repetitiv, aber auf eine Art und Weise, die gut passt und so gewollt ist. "Blutende Maria" hat eine ganz coole Idee: man bedient sich Sprachsamples von einem monotonem satanistischen Singsang aus einer "Akte X" - Folge, welche die Musik begleiten sollen. Darauf war man wohl so stolz, dass daraus der Titeltrack für den Sampler "A Tribute To Sexmania - Blutende Maria" geworden ist, welcher auf dem Sampler auch mehrmals in verschiedenen Versionen vertreten ist. Was in der Theorie ganz nett klingt, ist in der Praxis weniger mein Ding. Der "Gesang" passt nicht mit der etwas zu schnellen und chaotischen elektronischen Musik zusammen und beißt sich eher damit. Außerdem hört der Track aus irgendeinem Grund mitten im Song plötzlich auf, was mich jedes Mal beim Hören leicht irritiert.

"Klistier" kommt musikalisch etwas entspannter daher und Samples harmonieren hier super mit der sehr eingängigen und fast schon hypnotischen Musik. Bloß die absolut ranzigen Drums nerven hier etwas, aber insgesamt kann ich mir "Klistier" ganz gut anhören. "Bondage" besteht quasi aus zwei Teilen. Die erste Minute ist eine wilde Kakophonie aus allen möglichen kaputten menschlichen und tierischen Lauten, die man sich vorstellen kann, und aus irgendeinem seltsamen Grund bin ich ein großer Fan davon. Aber auch der zweite Part in Form einer erotischen Ballade kann sich auch heute noch sehr gut hören lassen. Keine Ahnung, warum dieser Song es nicht auf den "A Tribute To Sexmania" - Sampler geschafft hat, denn dort würde er perfekt hinpassen. Nachdem Soko Friedhof auf späteren CDs straight up mit Porno-Samples experimentiert hat, klingt das hier fast schon zahm, aber musikalisch ist es irgendwie gut gealtert.

Auch "Schwarzer Mund" kann mich heute noch ziemlich begeistern. Zum ersten Mal werden wir hier mit Vocals konfrontiert und die sind angenehm düster und harmonieren perfekt zu den treibenden Elektro-Klängen. Das ganze klingt für mich fast wie eine sehr basale Version von "Die Rache Der Hurenkinder" - vielleicht etwas weniger kultig, aber wenn das Ding so wie es ist im Club laufen würde, wäre ich auf der Tanzfläche. Weniger gut gealtert ist für mich "Friedhofsruhe". Ich weiß, dass ich den Track ganz früher mal irgendwie faszinierend fand, aber mittlerweile ist mir das Ding bestehend aus ein paar Samples aus "The Evil Dead" und den hier sehr präsenten Shitty-Drums doch etwas zu einfach gestrickt. Wenn man's sehr minimalistisch mag, dann kann man das vielleicht ganz interessant finden, aber mein Ding ist das heute nicht mehr.

Ein echter Klassiker ist dagegen "S.A.T.A.N.". Alleine das Intro ist so herrlich bekloppt, dass ich heute immer noch grinsen muss, wenn das Ding läuft. Aber auch abseits des WTF-Faktors kann man sich "S.A.T.A.N." gut anhören. "Go To Hell" hat ebenfalls Vocals, klingt aber im Gegensatz zu "Schwarzer Mund" etwas punkiger und ranziger - eigentlich ein typischer Song für Festival Der Geisteskranken. Für sich genommen nicht unbedingt eine Offenbarung, aber nett für ein wenig Action zwischendurch.

Die nächsten beiden Songs sind nicht unbedingt schlecht gealtert - sie waren eher mal für meinen Geschmack nie gut. "Das Ist Meine Hölle" klingt wie eine chaotische Mischung von Sound und Samples, die überhaupt nicht miteinander harmonieren will. "Gott Lebt" ist zumindest von der Idee her in Ordnung, aber derart scheiße abgemischt, dass mir bei den viel zu lauten Drums und willkürlichen Schnipseln aus Operngesang (?) jedes Mal die Ohren bluten.

Bleibt nur noch "Fake Me!". Offenbar muss ich meine Aussage von vorhin zurücknehmen: schon auf "Grabschönheiten" hören wir ziemlich plumpe Porno-Samples. Davon mal abgesehen geht "Fake Me!" ziemlich gut nach vorne. Außer den Samples haben wir gut nach vorn stampfende Mucke, die ordentlich Druck macht und gernretechnisch schon fast an den Grenzen zu Industrial kratzt. Das ist ganz nett, aber reicht auch nicht wirklich aus, um mir länger im Gedächtnis zu bleiben.

Und dieser Eindruck, den der letzte Song hinterlässt, beschreibt eigentlich das ganze Album recht gut. "Grabschönheiten" hat sicher seine Momente. "Bondage", "S.A.T.A.N." oder "Schwarzer Mund" gehören zum Beispiel dazu - alles gute Songs, die ich mir heute noch anhören kann. Der Großteil geht aber eher mal irgendwie nur in Ordnung, verblasst aber komplett gegen spätere Soko-Klassiker. Und zwischendurch kann die Musik sogar ziemlich nerven. Das Problem bei diesen ganz alten Songs ist, dass die Soko ihren Stil noch nicht so richtig gefunden hat. Ist jetzt zwar nicht so, dass Soko Friedhof überhaupt soetwas wie einen einheitlichen Stil hätte, aber zumindest sticht das eine oder andere spätere Album doch etwas mehr hervor, während "Grabschönheiten" noch zu sehr im Berliner Underground unterwegs ist und dort einfach nicht so richtig mit "Festival Der Geisteskranken", "Engelwerk" oder "Untoten" mithalten kann, wenn es darum geht, einfach nur einen maximal gestörten Sound zu fabrizieren.

Vielleicht war die Soko ja auch ursprünglich nicht als ernsthaftes Projekt, sondern eher als A. Lines musikalische Spielwiese (oder Mülleimer) gedacht, aber in dem Fall würde ich leider sagen: Joa, hört man auch. Auf der anderen Seite ist es wieder spannend zu hören wie fast jede spätere Facette von Soko Friedhof im Ansatz auf "Grabschönheiten" zu erkennen ist: treibender Elektro, Gothic-Kitsch, Parodie und Comedy, Erotik, billige Schocker - alles ist hier in einer sehr einfachen Form enthalten. Nur während spätere Alben gerne mal eines dieser Konzepte mehr oder weniger erfolgreich in den Vordergrund rücken und mehr auf eine Karte setzen, haben wir hier fast das gesamte Spektrum, aber in etwas oberflächlicherer Form.

Um sich einzelne gute Stücke rauszupicken oder eine kleine Reise in die Vergangenheit zu machen, ist "Grabschönheiten" allemal geeignet, aber als Einstieg in die Soko würde ich es ehrlich gesagt niemandem empfehlen.

Punkte: 6 / 10