Soko Friedhof Ghosts Of Berlin (2012) - ein Review von DarkForrest

Soko Friedhof: Ghosts Of Berlin - Cover
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5.00
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic


DarkForrest
20.11.2021 07:56

Anfang der 2010'er befand sich Soko Friedhof in einer ordentlichen Identitätskrise. Nachdem David A. Line in einem Zustand geistiger Umnachtung auf die Idee gekommen ist, seinem Projekt eine gute Dosis Assi-Rap im Stil von Blokkmonsta oder K.I.Z. zu verpassen und sich damit nicht einmal, sondern gleich zweimal öffentlich in die Hose geschissen hat, sollte "Back To Schwarz Vol. 1" (wir warten übrigens immer noch auf Vol. 2) es wieder richten. Das Ergebnis war ein seltsames Werk, das nicht so richtig wusste, was es darstellen sollte und einfach mal wild alles zusammen gemischt hat, wofür Soko Friedhof irgendwann mal stand. Das ganze hat ungefähr so gut zusammen gepasst wie Nutella und Salami. Es war immerhin eine leichte Steigerung von absolutem Rotz zu unterdurchschnittlich, aber es war klar, dass A. Lines kleines Sideproject zu diesem Zeitpunkt schon deutlich bessere Zeiten gesehen hat.

Dass die Soko auch in der heutigen Zeit noch was reißen und ein paar neue Ideen auf den Tisch bringen kann, hat man schließlich ab 2016 bewiesen, indem das Projekt wieder in den Untergrund ging und dort im sehr kleinen Stil CDs veröffentlicht wurden, die teilweise auch echt was getaugt haben. Doch bevor es dazu kam, sollte es noch eine Zeit geben, in der drei Alben auf ganz konventionelle Weise in recht kurzen Abständen unter's Volk gebracht wurden - quasi die letzten Alben, die man noch ganz normal auf eBay oder Amazon erwerben konnte. Ich habe mir die als braver Fanboy natürlich auch alle pünktlich gekauft, allerdings war zu diesem Zeitpunkt die Luft für mich schon derart raus, dass ich in jedes davon nur mal kurz reingehört habe, ohne mich wirklich näher damit zu beschäftigen, bis "Devil's Mark" 2016 wieder mein Interesse geweckt hat. Habe ich diesen drei Alben eine faire Chance gegeben? Nö! Deshalb hole ich das jetzt mal nach.

Den Anfang macht das 2012 erschienene "Ghosts Of Berlin", welches die undankbare Aufgabe hat, nach dem völlig unstrukturierten "Back To Schwarz Vol. 1" die künftige Marschrichtung vorzugeben. Der Name hat mich dabei direkt mal aufhorchen lassen, da das Album genauso heißt wie ein Klassiker auf "Die Geschichte Eines Werwolfs". Und tatsächlich haben wir es hier mal wieder mit einem Konzeptalbum zu tun. Soko Friedhof "Erzählen Geschichten, die das urbane Leben schreibt, ein dunkles Großstadtmärchen." - wie wir vom Text auf der Homepage erfahren. Im Booklet sehen wir einen traurig dreinschauenden David A. Line, der seinen Gothic-Look gänzlich unironisch zu tragen scheint, ein Großteil der Songtitel ist englisch und tatsächlich: es wird diesmal auf schwarzen Schlager gesetzt.

Alles in allem ist das ungewohnt schwere Kost, nachdem man mit Soko Friedhof über viele Alben hinweg eigentlich eine Parodie der schwarzen Szene verbunden hat und ein Album wie "Ghosts Of Berlin" vielleicht eher als Output der Untoten erwarten würde. Es spricht aber auch dafür wie orientierungslos man damals war, wenn man sich nach all dem herumexperimentieren ausgerechnet an einer Mischung aus dem alten "Die Geschichte Eines Werwolfs" und klassischem schwarzen Schlager orientieren möchte. Aber okay: zumindest innerhalb der Soko war diese Ausrichtung damals noch ziemlich frisch und unverbraucht.

Damit das ganze auch ordentlich aufgezogen wird, hat A. Line sich diesmal Unterstützung von Maria Von Lilienstein geholt, die beim letzten Album schon auf dem Cover posieren durfte, aber hier zusätzlich noch einen guten Teil der Vocals stellen darf. Überhaupt steht die gesangliche Leistung hier stark im Vordergrund, während die Musik hier teilweise eher nur nettes Beiwerk ist. Samples aus Filmen gibt's Soko-typisch aber weiterhin recht viele, die in die Songs eingebaut wurden.

Ganz grob gibt es da gleich ein paar Sachen, die positiv auffallen, aber auch welche, die direkt nerven. Ich freue mich zum Beispiel, dass A. Line endlich wieder weibliche Unterstützung bei den Vocals bekommen hat. Auch muss man sagen, dass beide gesanglich einen guten Job machen. Die beiden harmonieren sehr gut zusammen, haben jeweils eine recht variable Stimme und setzen diese hier auch voll und ganz ein. Auf der anderen Seite klingt die Musik dafür oft erstaunlich einfach, austauschbar und fast schon billig. Der Sound wurde hier diesmal extrem glatt gebügelt. Eine gewisse Faszination von "Die Geschichte Eines Werwolfs" ging für mich ja davon aus, dass die Songs zwar balladesk bis kitschig, aber trotzdem noch ein gutes Stück weit abgefuckt waren. Auf "Ghosts Of Berlin" sucht man Ecken und Kanten vergebens. Auch sind die Songs inhaltlich sehr simpel gestrickt. Beim Songwriting hat man hier sehr auf Wiederholung gesetzt, sodass man die selben Lines innerhalb eines Songs immer und immer wieder zu hören bekommt und nach einer Minute schon genau weiß, wie sich der Rest des Tracks anhören wird. Das führt immerhin dazu, dass die einzelnen Songs selbst dann gut zur Geltung kommen, wenn man nur mit einem Ohr hinhört und dass das Album insgesamt sehr leicht zugänglich ist. Gleichzeitig wirkt das Album dadurch erschreckend oberflächlich und wird ziemlich schnell langweilig, wenn man versucht es aktiv zu hören.

Aber mal sehen, was die einzelnen Songs so taugen. "Und Ich Breite Meine Schwingen!" hat damals glaube ich entschieden dazu beigetragen, dass ich in das Album lediglich reingehört habe, da es direkt mal eine abschreckende Wirkung auf mich hatte. Bevor wir gleich mit einigen Balladen hintereinander konfrontiert werden, geht es hier nochmal etwas flotter zur Sache. Allerdings klingt hier alles so kitschig und poppig, dass mir schon fast die Lust auf den Rest des Albums vergeht. Immerhin: Von Liliensteins deutscher Refrain und A. Lines englische Strophen sind gut aufeinander abgestimmt und während in den meisten Songs auf "Ghosts Of Berlin" ein Protagonist klar im Vordergrund steht, werden die Vocals hier schön im Duett aufgeteilt.

Das etwas träge "In My Age" kann meine Laune leider nur geringfügig steigern. Wenn ich es in drei Worten beschreiben müsste, würde ich sagen: langsam, monoton, repetitiv. Gerade A. Line wirkt hier so, als müsste er seine Stimmbänder erst einmal aufwärmen. Nett finde ich die Elektromusik, die sich sehr dezent in ihrer Intensität steigert und dann wieder abklingt.
Sehr ähnlich könnte man "Little Girl" beschreiben, nur dass sich diesmal Von Lilienstein mit einer etwas monotonen Gesangsleistung aufwärmen muss.

Erst mit "Is There Anyone At Home?" bekommen wir etwas Abwechslung. Die fast schon festliche Musik bildet einen schönen Kontrast zu A. Lines tiefen und dunklen Vocals und die Melodie setzt sich ziemlich schnell im Kopf fest. Mit knapp 5 ½ Minuten ist mir dieses Spektakel etwas zu lang, da es sich doch etwas schnell abnutzt, aber dennoch bleibt der Song in Erinnerung. So richtig meine Aufmerksamkeit bekommt das Album aber bei "Breathing Together", auf dem Von Lilienstein mit einer sehr starken Gesangsleistung glänzen kann, bei der sie sehr gut die leisen Töne trifft und problemlos zwischen englischen und deutschen Lyrics wechselt. Zum ersten Mal bin ich halbwegs beeindruckt.

Auch "Speak To Me!" kann ich mir ganz gut anhören. Treibende Beats und ein kräftiger Gesang von A. Line lassen den Song lebendig wirken und bringen endlich wieder etwas Tempo in das Album. Das eher poppige "Can You Make Me Whole Again?" klingt mir dagegen viel zu platt. Alleine der Refrain nervt schon.

Das elektrolastige "The Tube" bringt fast alles mit, was "Speak To Me!" gerade schon demonstriert hat. Ich würde sagen, dass es noch etwas schneller daherkommt (und damit auch in Sachen Geschwindigkeit die Nummer 1 auf dem Album ist) dafür aber etwas an Kraft und Intensität vor allem bei den Vocals einbüßt. Kann man sich ganz gut anhören, aber ich weiß nicht, ob knapp 7 Minuten hätten sein müssen. Wirklich positiv überrascht hat mich dann wieder "Sodomie", welcher in Ansätzen sogar sowas ähnliches wie Härte mitbringt. Aber tatsächlich: wir hören schrammelige Gitarren und sehr kraftvolle Vocals von beiden Sängern und das geht auch noch so gut auf, dass ich einigermaßen begeistert bin. Im Gegensatz zu allen anderen Songs davor, kommt "Sodomie" auch als einzelner Song ohne das ganze Konzept des Albums zur Geltung.

Für "The Devil Has An Eye On Me" zeigt sich A. Line nochmal von seiner zarten Seite. Der Gesang wirkt hier sehr soft und fast schon zerbrechlich, ohne dabei schwach rüber zu kommen, was ganz nett ist. Für etwas mehr Stimmung sorgt das erstaunlich fröhliche "Everybody Seems". Damit wäre dann doch noch eine Nummer auf dem Album für alle, die einfach nur gerne zu "Ghosts Of Berlin" abtanzen wollen. Den Abschluss macht dann A. Line, indem er mit "Breathing" nochmal den Song "Breathing Together" auf seine eigene Art interpretiert - mit Akustikgitarre und düsterer Stimme. Ein erstaunlich starker Abschluss und das perfekte Gegenstück zu "Breathing Together".

Reicht das, damit mich das Album überzeugt? Nicht so ganz. Immerhin muss ich positiv anmerken, dass das Album nicht ganz so lieblos hingeschissen wirkt wie die letzten Alben davor. Dementsprechend gibt es auch keine richtig peinlichen Momente. Und die Kombination aus "Breathing Together" und "Breathing" sowie das sehr starke "Sodomie" zeigen mir, dass in dem Konzept durchaus Potential steckt und es eine ganz gute Idee war, dem Album nochmal eine Chance zu geben und mich nicht vom uninspirierten ersten Drittel abschrecken zu lassen. Es ist nämlich tatsächlich so, dass sich die guten Songs eher mal in der zweiten Hälfte verstecken.
Trotzdem: Soko Friedhof kann mit mehreren wirklich guten Balladen dienen. Alleine auf "Die Geschichte Eines Werwolfs" haben wir "Ghosts Of Berlin", "Eliminate Your Pain" oder auch "Scum Of The Earth" und selbst ein Album wie "Devil's Mark", welches eher auf Classic Soko setzt hat "Drag Me To Hell". Einen derart bleibenden Eindruck kann bei mir leider kein einziger Song auf "Ghosts Of Berlin" hinterlassen und das ist schade.

Als Soundtrack für Spaziergänge durch das nächtliche Berlin oder musikalische Untermalung für einen nebligen Novembertag taugt die CD aber durchaus mal für die eine oder andere Runde, gerade wenn man sie nebenbei im Hintergrund laufen lässt. Wer Soko Friedhof vor allem wegen Alben wie "Blutrünstiges Mädchen" oder "Klingeltöne Satans" schätzt, ist wohl nicht unbedingt die Zielgruppe von "Ghosts Of Berlin". Wer aber unkomplizierten schwarzen Schlager ohne zu große Ecken und Kanten sucht, könnte es dagegen aber wesentlich schlechter treffen als mit "Ghosts Of Berlin".

Punkte: 5 / 10