Roger Waters Us + Them (2020) - ein Review von Kampfgelse

Roger Waters: Us + Them - Cover
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1 Review
3
3 Ratings
8.83
∅-Bew.
Typ: Live
Genre(s): Rock: Progressive Rock


Kampfgelse
20.03.2021 10:41

Die rund 150 Konzerte umfassende Tour US & THEM, hat der ewige Misanthrop Platz, zahlreiche Konflikte unserer Zeit und nicht zuletzt seinem größten Intimfeind Donald Trump abzuarbeiten. Mit IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? hat Waters ein respektables Soloalbum abgeliefert. Doch bei der Songauswahl für diese Tour setzt Roger auf ein sicheres Pferd: Die Setlist besteht nahezu aus bekanntesten Songs der populärsten Phase von Pink Floyd. Immerhin scheint er für die erfolgreiche Phase der Band in den 1970ern treibende Kraft gewesen zu sein. TIME und WISH YOU WERE HERE fehlen hier genauso wenig wie das unvermeidliche ANOTHER BRICK IN THE WALL Pt.2, das hier erfreulicherweise in den seltener gehörten Part 3 mündet. Lediglich einige wenige Songs des neues Album haben es in den Mittelteil des Konzerts geschafft – den Rest seines Soloschaffens ignoriert Waters.

Die Einbindung des neuen Materials gelingt hervorragend, die Abfolge der Songs wirkt organisch. Um dem alten Material die gewünschte Aktualität zu verleihen, bedarf es im Grunde nur wenig Aufwand. Songs wie MONEY sind in ihrer Botschaft ohnehin zeitlos, PIGS (THREE DIFFERENT ONES) wird in der Show mittels riesige Leinwände projizierter Trump-Zitate direkt auf den ungeliebten US-Präsidenten bezogen. Das und viele weitere aufwändige Inszenierungen, wie etwa der per Laser mitten im Zuschauerraum rekonstruierte ikonische Cover-Artwork von DARK SIDE OF THE MOON, bleiben allerdings allen vorbehalten, die sich auf einen Kauf der Vinyl-Ausgabe von US & THEM beschränken. Wo der parallel auf Blu-ray veröffentlichte Konzertfilm eine Reizüberflutung an audiovisuellem Bombast mit eindringlicher politischer Botschaft bietet, bleibt auf Vinyl lediglich die Musik. Und die bewegt sich im Verhältnis zur Bühnenshow in relativ konventionellen Gewässern.

Meist halten sich Waters und seine Band eng an die bekannten Studioversionen. Deshalb, und weil in der Regel Publikumsgeräusche kaum hörbar sind, macht der Livemitschnitt gelegentlich einen etwas trockenen und sterilen Eindruck. Bisweilen macht es den Anschein, man hörte alternative, leicht modernisierte Studioversionen der Songs. Die sind immerhin tadellos eingespielt, denn Waters hat bei der Auswahl seiner Begleitband große Sorgfalt walten lassen. Besonders Leadgitarrist Dave Kilminster macht als Gilmour-Ersatz eine gute Figur und meistert mit seinen geschmackvollen Soloeinsätzen die Gratwanderung zwischen Werktreue und eigener Interpretation hervorragend. Als weniger gelungen erweist sich lediglich das Engagement des Sängers und Gitarristen Jonathan Wilson, der mit seiner schwachbrüstigen Interpretation von DOGS nicht annähernd an die Eindringlichkeit der Studiofassung von 1977 herankommt. Zwar ist Waters selbst auch nie für virtuosen Gesang bekannt gewesen, seine mal brüchige, mal aggressive Gesangsstimme hat aber auch mit über 70 Jahren nicht an Charakter verloren.

Keine Frage: Die Konzerttournee US & THEM ist von Waters als Gesamtkunstwerk konzipiert worden, bei dem die zahlreichen Einspieler und aufwändigen Effekte einen ebenso hohen Stellenwert besitzen wie die Songs. Für alle, die die Musik jedoch weitgehend losgelöst von Waters‘ politischer Botschaft in zeitgemäßen, aber doch stets dem Original verpflichteten Interpretationen genießen wollen, stellt der Soundtrack zum Film eine lohnenswerte Ergänzung dar.

Der bereits erwähnte, etwas sterile Livesound, bei dem Publikumsgeräusche stark in den Hintergrund gerückt sind, profitiert von einem sehr sorgfältigen und differenzierten Mix, bei dem alle Instrumente klar im Raum zu verorten sind. Lediglich der Karton der Hülle ist etwas zu dünn geraten, weshalb bei der Aufbewahrung hier besondere Vorsicht geboten ist, um Ringwear zu vermeiden.

Punkte: 8.5 / 10