Paradise Lost Obsidian (2020) - ein Review von Judge Death

Paradise Lost: Obsidian - Cover
2
2 Reviews
12
12 Ratings
9.21
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Death Metal, Doom Metal, Gothic Metal


Judge Death
07.11.2020 20:35

PARADISE LOST! Seit mir die Band vor gefühlten Ewigkeiten bekannt wurde, habe ich die Musik der Briten aufgesaugt wie ein Schwamm – wurde nie enttäuscht, nur jedes Mal begeistert. Dies hat sich auch mit der aktuellen Scheibe „Obsidian“ nicht geändert. Es bedarf halt nicht immer einer Ausnahme, um eine Regel zu bestätigen.

Bei jedem neuem Album von PARADISE LOST, welches angekündigt wird bzw. wurde, habe ich mich stets gefragt in welche Richtung der Sound wohl gehen wird. Als sich PARADISE LOST auf dem Album „Paradiselost“ im Jahre 2005 wieder mehr an der „Draconian Times“ orientierten, war ich guter Hoffnung, dass sie zukünftig wieder eine Reise in die weitere Vergangenheit wagen würden; ist die frühe diskographische Phase bis einschließlich „Draconian Times“ doch meine liebste. Und entsprechend sollte es mit „In Requiem“ so kommen, war diese doch sehr „Icon“-lastig in modernisierter Form. „Faith Divides Us – Death Unites Us“ hat mit teilweise rauerem Gesang und dem Quasi-Nachfolgesong von „Pity The Sadness“, namentlich „Universal Dream“, sogar einen seichten Schritt weiter zurück gen „Shades Of God“ unternommen. Ich war der festen Überzeugung, danach würde ein „Gothic“-mäßiges Doom-Death-Album folgen. Mit „Tragic Idol“ folgte dann zwar „nur“ erneut ein „Icon“-ähnliches Album, welches ich jedoch als die bis dato beste PARADISE LOST der jüngeren Vergangenheit empfand (und das sehe ich nach wie vor so). Sodann hatte ich mich schon damit abgefunden, dass die „Icon“- und „Draconian Times“-Ära der weiteste Punkt in der Vergangenheit sein würde, welchen PARADISE LOST ggf. noch mal aufgreifen würden. Als dann auf der „Tragic Illusion 25“ zwei Neuaufnahmen der Doom-Death-Songs „Gothic“ und „Our Savior“ inkl. Growlgesang auftauchten (und parallel Greg Mackintosh mit VALLENFYRE im Todesblei aktiv war und Nick Holmes als neuer Sänger von BLOODBATH bekanntgegeben wurde), entflammte meine Hoffnung auf eine Death-Metal-Rückbesinnung erneut. Und dieses Mal hatte ich mich nicht zu früh gefreut. Mit der „Plague Within“ folgte eine großartiger Stilmix aus „Tragic Idol“ und „Gothic“ und mit „Medusa“ die sogar noch viel tödlichere Scheibe.

Doch wie würde es danach weitergehen? Wieder Death Metal oder würde da etwa eine zweite „Host“ kommen? Oder was völlig Neues, hatten PARADISE LOST den Kreis ihres Schaffens soweit doch perfekt geschlossen? Gemäß der „Obsidian“-Single „Fall From Grace“ schien es so, als hätten sie im Doom-Death immer noch nicht alles gesagt. Es schien, als würden „Plague Within“ und „Medusa“ konsequent fortgeführt. Dem ist auf „Obsidian“ eigentlich auch so – mit Ausnahmen.

Das Album beginnt mit dem Track „Darker Thoughts“. Eingeleitet durch Akustikgitarren, Streichern und Nick Holmes‘ weichem Gesang explodiert der Song in eine epische Doom-Death-Nummer mit einem growlenden Holmes untermalt von Greg Mackintoshs typischen Gitarrenmelodien. Darauf folgt ein atmosphärisch-melancholischer Part, welcher erneut von einer epischen Walze aufgebrochen wird. Greg zaubert derweil ein fantastisches Solo. Ein akustischer Abgang beendet den Song. „Darker Thoughts“ ist ein grandioser Song, dem aber aufgrund seiner Aufbruchsstimmung ein totaler Abspanncharakter innewohnt, weshalb er ein perfekter Schlusstrack für „Obsidian“ gewesen wäre. Als Opener fühlt sich das an der Stelle irgendwie falsch an.

Als Zweites folgt die Vorabsingle „Fall From Grace“. Beginnend mit der typischen Weeping-Guitar schreitet der Track als Slo-Mo-Stampfer voran und mündet immer wieder in die wimmernden Harmonien. Nick Holmes kredenzt Clean- und Growlgesang. „We’re all alone“, lautet die Kernmessage. Groovende Gitarren entfalten einen dichten Soundteppich. Die Drums bollern ordentlich. Ein kurzes, aber gestochenes Quietsche-Solo gibt es obendrauf. Ultrafetter Track! Darauf folgt die zweite Single „Ghosts“. Eines der absoluten Highlights der Scheibe. Eine höchst eingängige Uptempo- und clubtaugliche Nummer mit „Draconian Times“-mäßigem Interlude. Ein Song mit Bassgewummer, sägenden Melodiespitzen und generellem Greg-Mackintosh-Melodiewahnsinn. Da hat sich einer richtig ausgetobt. Dazu Nicks durchgängig tiefgothischer Cleangesang á la Type O Negative. Wäre der Song weniger Heavy, hätte er zumindest vom Vibe her gut auf „One Second“ gepasst.

„The Devil Embraced“ startet wieder sehr getragen. Akustik, kurz Orgelklänge im Hintergrund, dann ein Keyboard. Wenn die Gitarren einsetzen kommt der Doom ins Haus. Tribalartige Drums zu Nicks eindringlichem Cleangesang, darauf ein atmosphärischer Doom-Death-Part und natürlich: die wimmernde Harmonie. Hart und zart wechseln sich in kurzen Abständen immer wieder ab. „Forsaken“ ließe sich am besten als eine Mischung aus „Beneath Broken Earth“ und „Return To The Sun“ (beide von der „Plague Within“) beschreiben. Eingeleitet durch einen (Konserven?-)Chor und Cleangesang folgen knallender Doom und finster-anmutige Melodiebögen. Der kurze pumpende Riff danach erinnert an selbigen aus dem Song „True Belief“ von der „Icon“, nur etwas verwaschener. Gesanglich bleibt es clean, jedoch in rauerer Darbietung, wie er z.B. auch auf der „Faith Divides Us“ vorgekommen ist. Episch!

„Serenity“ ist etwas schneller unterwegs, beinahe Melodic Death Metal der Tägtgren-Schule in melancholisch. Atmosphärische Einschübe. Ein kurzweiliger Klopper. „Ending Days“ lädt zum Schwelgen ein, setzt viel auf gediegene Atmosphäre und gewinnt lediglich im Refrain-Part instrumental an Härte. Der Track ist verhältnismäßig eher ein unauffälliger, wenn auch kein schlechter Song. „Hope Dies Young“ beschreitet einen ähnlichen Weg, orientiert sich aber eher am Songmaterial des „Paradiselost“-Albums und ist griffiger. Der bessere Song von beiden. „Ravenghast“ haut dafür wieder in die fiese Doom-Kerbe mit Growl-Clean-Wechseln, andächtigen Weeping-Guitars, Pianoklängen, Todesgroove, bissigem Solo. „Ravenghast“ könnte der Part 2 von „Fall From Grace“ sein. Mächtig!

Und es bleibt mächtig mit „Hear The Night“. Beginnend als CANDLEMASS/PARADISE-LOST-Crossover mit Todesgrowls mündet der Track in den typisch anmutigen PARADISE LOST-Sound mit einer simplen und prägnanten Cleangesangslinie, die sich im Kopf festsetzt. Top-Refrain. Top-Song. Der Rausschmeißer „Defiler“ steigt mit fetter Melodie ein (die Art von Melodie, bei der man paradoxerweise die Mundwinkel nach unten zieht und sich denkt: cool!). Abermals wird viel Doom-Gedröhne geboten und gegrowlt was das Zeug hält. Killermelodien halten immer wieder Einzug. Greg tobt sich final noch mal richtig aus.

Mit „Obsidian“ ist den Briten erneut ein großartiges Album gelungen. Die fragwürdige Positionierung des ersten Songs und die zwei unauffälligen Songs („Ending Days“ und „Hope Dies Young“) sind die einzigen Kritikpunkte, die jedoch nicht schwer wiegen. Dafür ist die Platte eine wunderbare Zusammenfassung von PARADISE LOST der letzten 15 Jahre inklusive „One Second“- und „Draconian Times“-Querverweise. Als Schlussalbum der aktuellen Phase wäre es perfekt. Man darf also gespannt sein, wie es mit dieser wandlungsfähigen Band weitergeht. Ich persönlich finde, dass sie künftig ihre Mittelphase wieder intensiver aufgreifen sollten und diesen Sound genauso erfolgreich modernisieren, wie es ihnen auch mit ihrer Frühphase gelungen ist. „Symbol Of Life“, Part II. Das wär’s.

Punkte: 9.5 / 10


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