Nargaroth Era Of Threnody (2017) - ein Review von MrPsycho

Nargaroth: Era Of Threnody - Cover
1
Review
2
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Black Metal



19.09.2018 19:52

Huch, was ist denn das? Ist das Nargaroth? Ja, irgendwie schon. Aber irgendwie auch noch was ganz anderes. Sowas wie Melodie, Hooklines, Epik. Aber passt das? Darf das passen? Bei Nargaroth? Spätestens seit dem - zugegebenermaßen etwas experimentiellen, aber dennoch tollen Jahreszeiten-Album - steht für mich fest: Ja, verdammt, auf jeden Fall!
Hätte man nach der Spectral Visions Of Mental Warfare direkt meinen können, Ash bzw. Kanwulf hätte zu sehr Gefallen an den Knast-Alben Vikernes' gefunden, so überrascht Era Of Threnody auf ganzer Linie. Weder findet man auf dieser Platte den hundertprozentig typischen, rohen Black Metal-Sound der "normalen" Alben Nargaroths, noch wird der mit dem Vorgängeralbum eingeschlagene burzumeske Weg weiterverfolgt.
Dafür bekommt man mit dem 2017er-Album ein essentielles Stück Musikgeschichte serviert, das sich im Kopf festsetzt. Ash schafft mit Era Of Threnody ein Kunststück, von dem viele alteingesessene Bands nur träumen können: Nach knapp 20 Jahren immer noch überraschen und begeistern zu können, ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen.
Bereits der Opener Dawn Of Epiphany ist eine Klasse für sich und zeigt, wohin die Reise gehen soll: Nach dem einleitenden Sprechpart übernehmen cleane Gitarren mit einem romantischen Flamenco-Theme, begleitet von Chor und Glockenschlägen, bevor Ash in gewohnter Manier mit infernalischen Distortion-Gitarren sowie gewohntem Gesang loslegt. Selten bekommt man mit einem Intro bereits einen solchen Gänsehaut-Moment beschert, Wahnsinn.
Auf dem zweiten Song, Whither Goest Thou, darf man dann den erwähnten Chor nochmal etwas ausladender belauschen. Und spätestens hier wird einem klar, dass Ash durchaus ein Händchen dafür hat, zu experimentieren und entsprechende Passagen wohldosiert einzusetzen. Gerade immer dann, wenn man sich an den Ausflügen in ferne Gefilde sattzuhören droht, reißt einen das bekannte Black Metal-Gewand aus der Träumerei. Und wo wir schon bei Träumerei sind: Die anfangs erwähnten romantischen Flamenco-Gitarren ziehen sich ebenfalls wie ein roter Faden durch das jüngste Werk Nargaroths. As Orphans Drifting In A Desert Night, The Agony Of A Dying Phoenix und der Titelsong Era Of Threnody sind da die perfekten Beispiele dafür. Und so seltsam es klingt, aber Ash schafft es, der Platte gerade durch diese Art des Gitarrenspiels einen unverwechselbaren und sehr harmonischen Touch zu geben, der in extremer Ambivalenz zu den Black-Passagen steht und gerade deshalb wunderbar funktioniert.
Und als wäre das alles nicht schon genug, hat Era Of Threnody mit Love Is A Dog From Hell und TXFO noch zwei reinrassige Black 'n' Roll-Granaten mit an Bord, wie man sie vielleicht eher von Carpathian Forest erwarten würde. Und spätestens dann weiß man gänzlich nicht mehr, was man an diesem facettenreichen Album nun am besten finden soll.
Ist man also mit TXFO, dem neunten Song des Albums, durch, drängt sich die Frage auf, wie man dieses Ausnahmewerk nun beenden wird. Und dann beginnt mit melancholisch-schleppenden Gitarren My Eternal Grief, Anguish Neverending, parallel dazu Doppelstimme in Form von klarem Sprechgesang sowie Keifgesang. Das letzte Drittel des Songs gehört nur noch einem fast zerbrechlich wirkenden Cleangesang. Ein würdiger, erhabener Schluss für solch ein Meisterwerk von Album.
Man kann von Nargaroth und Ash respektive Kanwulf halten, was man will - auch ich hatte und habe da so manche Probleme mit dem Kerl. Was er da aber auf Era Of Threnody mit über einer Stunde Spielzeit geschaffen hat, sucht im heutigen Black Metal-Bereich seinesgleichen. Wo andere Bands auf der Stelle treten oder lieber Experimente vermeiden, um die traditionellen Fans nicht zu verärgern, schreibt man hier moderne Black Metal-Geschichte mit Chören, romantischen Flamenco-Gitarren und ruhigen, melodiösen Passagen. Era Of Threnody ist schlicht eine der Überraschungen im Black Metal schlechthin.

Punkte: 8 / 10