Michael Kiwanuka Kiwanuka (2019) - ein Review von Kampfgelse

Michael Kiwanuka: Kiwanuka - Cover
1
Review
3
Ratings
8.33
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Soul/R&B


Kampfgelse
29.11.2019 10:52

Er ist retro und steht dazu: Der 32-jährige, im Norden von London aufgewachsene Michael Kiwanuka kann im Grunde nur mit der Musik der Siebzigerjahre etwas anfangen. Die zeitgenössische Böllerästhetik des Dancefloor-Künstlers Labyrinth, der mit ihm arbeiten wollte, verschreckt ihn; für Rapper Chipmunk spielte er bei einigen Sessions Gitarre, konnte aber nicht wirklich an dessen Sounds andocken. Statt auf die in Großbritannien höchst populären Dizzee Rascal und Usher abzufahren, sprachen ihn einzig Siebzigerjahre-Helden wie Bill Withers, Donny Hathaway, Roberta Flack und Marvin Gaye wirklich an. Neben Bob Dylan, John Martyn und Led Zeppelin, wohlgemerkt.

Inhaltlich ist Kiwanukas selbstbewusst „Kiwanuka“ betiteltes drittes Opus eine opulente Fortsetzung seines alten Songs „Black Man in a White World“. Er hat einen sehr würdigen, politisch unterfütterten Singzyklus entworfen, den er mit gesprochenen Interludien präsentiert. Das ist der Darreichungsform, die eins Marvin Gaye für sein epochales „What‘s Going on“ gewählt hat, sehr ähnlich.

Produziert wurde das aktuelle Werk einmal mehr von Inflo und Danger Mouse. Ihre subtilen Arrangements erinnern an die besten Arbeiten von David Axelrod, der in den frühen Siebzigern die Musik von Lou Rawls, Cannonball Adderley und David McCallum veredelt hat.Ganz nach Axelrod-Sound, der übrigens exzessiv im Hip Hop gesampelt wurde, klingt das soulige „Living in Denial“. Es hypnotisiert geradezu mit seinen entrückten, halligen Bläsersätzen, seinem verträumten E-Piano-Groove und seinen introvertierten Beats. Wenn Kiwanuka „And You Try And Try Falling In And Out Of Love“ singt dann lehnt er sich an ein pointiertes Arrangement. Dieses bildet einen wunderbaren Kontrapunkt zum Vortrag des Sängers. Mit sehr viel Soul in der Stimme erzählt er von Situationen, die von emotionaler Indifferenz geprägt sind. So selbstbewusst hat Kiwanuka noch nie über Zweifel gesungen. Auch die Ballade „Piano Joint (This Kind Of Love)“ klingt wie ein zukünftiger Klassiker.

Aufgenommen wurde sie in den New Yorker Electric Lady Studios, wo einst Stevie Wonder einige seiner bekanntesten Songs eingespielt hatte, vielleicht hatte das Kiwanukas Stimme ein besonderes Charisma verliehen? Für „I‘ve Been Dazed“ wurde ein Gospelchor engagiert, und um die Fühlung zum Transzendentalen besser nachvollziehbar zu machen, wurde gegen Ende eifrig die Hall-, Echo- und Delay-Taste bemüht.

Am schwächsten finde ich das erste Stück, „You Ain‘t The Problem“, ein uneben gebautes, zu epigonales Lied, in dem sich Kiwanuka selbst Mut zusingt. Weit besser klingt er in einer Psychedelic-Soul-Nummer wie „My Hero“, bei der mittels unwiderstehlicher Melodie, quietschigen Riffs und wüsten Gitarrensolos hoher Liebreiz entzündet wird. Insgesamt ist dieses Album ein sogenannter Slowburner: seine Pracht zeigt sich mir erst nach einigen Hördurchgängen. Dann kam aber alles umso intensiver und bewusster über das Gehör in mein Gehirn.

Punkte: 8 / 10


Various: Big Little Lies
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