Megaherz Himmelfahrt (2000) - ein Review von DarkForrest

Megaherz: Himmelfahrt - Cover
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1 Review
11
11 Ratings
7.45
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal


DarkForrest
24.09.2023 09:57

Nach über 5 Jahren Wartezeit ist es endlich soweit: Megaherz haben mit "In Teufels Namen" ein neues Album veröffentlicht! Und langsam, wie ich bin, habe ich es natürlich noch nicht geschafft, mir mal die Zeit zu nehmen, in Ruhe rein zu hören. Stattdessen habe ich mit "Himmelfahrt" aus dem Jahr 2000 ein über 20 Jahre altes Album ausgegraben. Und ich musste wirklich etwas tiefer buddeln, denn das dritte Album von Megaherz ist bei mir im Laufe der Zeit so ein wenig in Vergessenheit geraten.

Megaherz haben ein ziemliches Talent dafür, jedes zweite Album richtig gut abzuliefern (man denke zuletzt an "Komet") und bei der anderen Hälfte der Releases nicht so wirklich überzeugen zu können (man denke an "Zombieland" davor). "Himmelfahrt" war damals schon für mich eher eins der etwas schwächeren Alben, kam aber auch genau zwischen dem sehr ordentlichen "Kopfschuss" und dem absolut großartigen "Herzwerk II" raus. Bleibt die Frage, wie gut es sich schlägt, wenn man es mal etwas genauer und losgelöst von der restlichen Diskographie betrachtet und vor allem auch, wie gut es gealtert ist. Ein paar der Songs hatte ich glaube ich locker über 10 Jahre nicht mehr gehört. Neben dem einen oder anderen Klassiker, der mir auch wirklich langfristig im Gedächtnis geblieben ist, hätte ich vor diesem Review tatsächlich auch kaum irgendwelche Songs benennen können, die auf "Himmelfahrt" drauf sind. Mal sehen, ob das ein schlechtes Zeichen ist oder ich das Album eher zu Unrecht so lange vernachlässigt habe.

Zuerst einmal sei gesagt, dass es zwischen "Kopfschuss" und "Himmelfahrt" noch keine nennenswerten Wechsel im Lineup von "Megaherz" gab und auch der Sound nicht grundlegend verändert wurde. Was aber aber schon auffällt, sind die elektronischen Parts, die hier deutlich an Einfluss gewinnen. Mit Noel Pix hat man eigentlich dafür auch genau den richtigen Mann an Board, aber aus irgendeinem Grund schwankt die Qualität hier sehr. Vielleicht sind manche Songs in der Hinsicht einfach nicht gut gealtert und das, was im Jahr 2000 noch hochmodern klang, wirkt jetzt etwas angestaubt - vor allem im Vergleich zu dem, was Pix später zu Eisbrecher beitragen sollte. Oder Keyboards und Samples vertragen sich nicht so gut mit dem Rest der Band. Oft wirkt es so, als hätte man Schwierigkeiten, beides miteinander zu vereinen. Auf "Himmelfahrt" fällt mir das besonders auf, dass wir über längere Zeit entweder die Gitarren komplett im Vordergrund haben oder Pix uns eben fette Beats um die Ohren haut, aber selten harmoniert beides gut miteinander. Und dass genau Alexx und Pix wenig später die Band verlassen haben und eben jenem elektronischen Sound in Eisbrecher mehr Raum gaben, mag ja sicher auch seine Gründe haben.

Auf jeden Fall ist diese zwar sehr hohe Präsenz, aber etwas trockene Präsentation der elektronischen Parts eine der größten Schwächen auf "Himmelfahrt" für mich. Immerhin: beim Opener "Du Oder Ich" besteht dieses Problem nicht so stark. Trotzdem für mich eine komische Wahl, um das Album einzuleiten. "Du Oder Ich" legt direkt ohne Intro los, bleibt die ganze Zeit im Midtempo und lässt fast keinen Raum für irgendwelche Überraschungen, Abwechslung oder besonderen Momente. Nicht falsch verstehen: die Gitarrenriffs sind knackig und dank seiner Einfachheit macht der Song auch nicht wirklich etwas falsch, aber er ist für mich eher sowas wie ein gelungener Filler, den man gut irgendwo in der Mitte des Albums unterbringen könnte.

Einer der Klassiker auf "Himmelfahrt" ist natürlich der Titeltrack selbst, der auch als einziger Song eine Single spendiert bekommen hat. Auch heute noch eine großartige, verträumte Hymne an die Freiheit, die ein gutes Stück komplexer klingt als das meiste, was Megaherz mit Alexx zu der Zeit so gemacht haben. Obwohl das gute Stück über 6 Minuten geht, wirkt es zu keinem Zeitpunkt langweilig. Obwohl "Himmelfahrt" fast so klingt, als wäre es für den neuen Sänger Lex geschrieben, hat man sich komischerweise nie dafür entschieden, es zu covern und stattdessen 14 Jahre später mit "Himmelsstürmer" einen komplett neuen, inhaltlich extrem ähnlichen Song und qualitativ leicht schlechteren Song zu schreiben. Auch wenn ich "Himmelsstürmer" immer noch ganz gut finde, ist das hier der Song, dem ich im direkten Vergleich jederzeit den Vorzug geben würde.

"Showdown" zeigt dann zum ersten Mal ganz gut, wie es klingt wenn man in den Strophen nur ein paar sehr einfache Beats hat, um die Vocals zu hinterlegen und sich dann im Refrain auf ein sehr einfaches Riff verlässt. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber doch etwas langweilig. Auch die Gesangsleistung von Alexx ist hier noch etwas begrenzt, was sich zusätzlich nicht unbedingt positiv auf "Showdown" auswirkt.

"Menschmaschine" ist schon wieder ein Song, der mit seiner Kritik an der modernen Leistungsgesellschaft ein Thema bietet, dass später nochmal unter Lex mit "Keine Zeit" aufgegriffen werden sollte. Bei "Menschmaschine" gefällt mir, dass Schlagzeug und Gitarren ein solides Grundgerüst bieten und ordentlich Druck erzeugen und man sich dann auf dieser Basis an ein paar ganz kreative elektronische Experimente wagt und ein paar interessante Samples einbaut oder mal für 'nen Moment die Vocals elektronisch verzerrt.

Mit "Windkind" haben wir dann unseren damals noch obligatorischen Märchen-Song und ich hoffe mal, dass ich mich nicht komplett zum Trottel mache, wenn ich jetzt behaupte, dass hier Hänsel und Gretel zitiert werden. Man könnte sich jetzt lustig machen, dass der Song textlich vielleicht etwas "drüber" ist, aber eigentlich ist das für mich 'ne ziemlich gelungene Darstellung von Eifersuchtswahn, die wir hier haben. Untermalt wird das Ganze dann sehr passend mit einer musikalischen Kulisse, die erst recht bedrohlich wirkt und dann komplett durch die Decke geht. Selten habe ich die gesamte Band derart ausrasten gehört, ohne dass es in stumpfes Geprügel ausartet (wie bei dem einen oder anderen Song auf "Wer Bist Du?") wie am Ende von "Windkind".

Einen ziemlich krassen Moment hatte ich auch, als ich mir "Falsche Götter" nochmal angehört habe. Ist das am Ende nicht Matze Jablonski, der später für ein Album der neue Sänger von Megaherz werden sollte? Ein Blick in's Booklet bestätigt den Gastauftritt. Außerdem hatte er wohl auch Background-Vocals bei "Windkind", die mir null aufgefallen sind - sehr cool! Ansonsten ist "Falsche Götter" ein ganz solider Song, der vorsichtig mit ein paar Gothic-Elementen spielt, aber noch ein klein wenig vom damaligen Konzept der Band zurückgehalten wird. Wäre wahrscheinlich besser als Eisbrecher-Song gewesen.

Jetzt kommt ein Song mit derart dämlichen Lyrics, dass ich ihn damals immer etwas peinlich fand. Allerdings muss ich sagen, dass "Ruf Mich An" mit seiner Interpretation vom Thema Telefonsex fast schon gut gealtert ist. Was ich damals unangenehm fand, ist heute derart beknackt, dass es mir zumindest die ersten paar Durchläufe ein Schmunzeln entlocken konnte. "Ruf! Mich! An! Du mieser kleiner Spritzer!" und dazu dann noch das ganze Gestöhne - ernsthaft? Okay, aber bis auf diesen Weirdnessfaktor kann ich auch heute wenig an dem Song finden. Musikalisch ist das hier eine ganz einfache Kiste. Man kann sicherlich noch positiv anmerken, dass man immerhin weibliche Background-Vocals organisiert und ganz kreativ eingebaut hat, aber wirklich meinen Geschmack treffen wird das hier wohl nie.

Wirklich gute Qualität liefert dagegen "Hurra - Wir Leben Noch". Das Streicher-Intro ist schonmal ziemlich innovativ und der ganze Song platzt nur so vor Energie. Eine gute Wahl, um ihn später mit Lex nochmal neu aufzulegen und genau das wurde auch getan. Und zwar so gut, dass ich die neue Version ein sogar kleines Bisschen mehr mag, als diese Version hier, allerdings ist die Version auf "Himmelfahrt" immer noch ein sehr guter Song, der auch wirklich alle Grundlagen für das spätere Cover geschaffen hat.

Ebenfalls neu aufgelegt wurde "Das Licht Am Ende Der Welt", wobei ich hier allerdings deutlich das Original auf "Himmelfahrt" bevorzuge. "Das Licht Am Ende Der Welt" ist sozusagen die Ballade auf "Himmelfahrt" und wenn Alexx sich mal traut, einen Gang runter zu schalten und fast schon verletzlich zu klingen, dann kann das eine wahre Freude sein. Außerdem haben wir hier ein frühes Beispiel davon, wie er singt, statt zu rappen, brüllen, stöhnen oder was er sonst so am Anfang seiner Karriere gemacht hat.

"Beiss Mich" ist dann auch wieder so ein Song, der wahrscheinlich besser bei Eisbrecher aufgehoben wäre. Tanzbarer Elektro trifft hier auf unverschämt kitschigen Goth-Rock. Im Nachhinein wirkt das Ganze fast schon wie ein Prototyp von dem einen oder anderen späteren Eisbrecher-Song, was "Beiss Mich" zu einem interessanten Song macht. Für sich betrachtet, kann er mich aber nicht wirklich beeindrucken.

Gegen Ende werden bei "Tötet Den DJ" nochmal ein paar Aggressionen rausgelassen. Teilweise klingt das vor allem im Refrain angenehm hart, allerdings gibt es mir auf dem Weg dahin zu viel Leerlauf, bei dem mir zu wenig passiert.

Mit "Tanz Auf Dem Vulkan" haben wir dann aber einen etwas gelungeneren Abschluss. Noel Pix wurde hier ein wenig dazu verdonnert, sich zurück zu halten, sodass das Ganze sehr gitarrenlastig geworden ist, aber davon mal abgesehen, wird hier in knapp 6 Minuten nochmal das ganze Programm geboten, was Megaherz uns auf "Himmelfahrt" präsentiert haben: ziemlich harte Parts, aber auch ganz gute melodische Momente und eine ordentliche Leistung von Alexx - schöner Schlussstrich für "Himmelfahrt".

Da es diesmal am Ende keinen Remix gibt, ist das Album damit dann auch durch, wobei "Himmelfahrt" mit 12 Songs und gut 54 Minuten Länge eh schon sehr umfangreich ist. Alles in allem ist es zwar immer noch ein bisschen hit and miss für mich, aber ich muss sagen, dass ich es im Nachhinein doch besser finde, als ich es in Erinnerung hatte. Ja, der eine oder andere unspektakuläre oder gar schlechte Song hat sich dort zwar eingeschlichen, aber neben echten Klassikern wie dem Titeltrack verstecken sich hier und da auch ein paar nette Tracks, die ich zu Unrecht so lange nicht mehr gehört habe. Außerdem liefert "Himmelfahrt" erstaunlich viele Grundlagen für spätere Werke - sowohl von Megaherz als auch Eisbrecher - angefangen bei musikalischen Einflüssen über Themen für Songtexte bis hin zu Songs, die später nochmal gecovert wurden.

Vielleicht ist "Himmelfahrt" nicht das Album von Megaherz, was jeder kennen muss und vielleicht ist es auch nicht die beste Wahl zum Einstieg, aber wenn man "Kopfschuss" mag oder als Eisbrecher-Fan mal hören will, wie Alexx und Noel Pix angefangen haben, ihren eigenen Stil in's NDH-Genre zu bringen, dann ist "Himmelfahrt" es auf jeden Fall wert, das eine oder andere mal rein zu hören.

Punkte: 6.5 / 10


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