Kreator Voices Of Transgression - A 90s Retrospective (1999) - ein Review von DarkForrest

Kreator: Voices Of Transgression - A 90s Retrospective - Cover
1
Review
2
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Compilation/Best-Of
Genre(s): Metal: Thrash Metal


DarkForrest
25.06.2019 09:22

Ich habe mich jetzt in den letzten Wochen so richtig schön mit Kreators eher experimenteller Phase beschäftigt und alle Alben von "Renewal" bis hin zu "Endorama" rauf und runter gehört. Bleibt nur noch eine sehr spezielle Compilation mit dem hochtrabenden Namen "Voices Of Transgression - A 90s Retrospective". "Speziell" alleine deswegen weil schon ein bisschen… sagen wir mal Wahnsinn dazu gehört, um auf die Idee zu kommen, eine Art Best Of aus dem unbeliebtesten Material einer Band zu zaubern. Dazu kommt, dass der Name etwas irreführend ist. Zum einen wird das doch recht beliebte "Coma Of Souls" aus dem Jahr 1990 aus dieser "Retrospektive" komplett ausgeklammert - es soll ausschließlich um "Renewal", "Cause For Conflict", "Outcast" und "Endorama" gehen. Zum anderen ist "Voices Of Transgression" nicht etwa ganz am Ende der experimentellen Phase und auch nicht einige Jahre später, sondern noch vor dem Release von "Endorama" erschienen. Jep - Teile dieser Compilation waren damals noch gar nicht draußen und so war "Voices Of Transgression" eine erste Gelegenheit schonmal in das kommende Album reinzuschnuppern.

Neben einem Überblick über die wichtigsten Songs von 1992 - 1999 versteckt sich hier auch das eine oder andere seltene oder gar exklusive Stück - so ziemlich der Grund, warum ich das Teil überhaupt habe. Jetzt werde ich mir nicht alles nochmal Song für Song vornehmen und schreiben, ob sie mir gefallen. Stattdessen werte ich eher daran, ob die einzelnen Alben gut repräsentiert sind und ob sich das Bonusmaterial lohnt oder nicht. Bevor ich das mache muss ich aber trotzdem noch einen eher ärgerlichen Punkt ansprechen: die äußere Gestaltung. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich bin wirklich nicht oberflächlich und mir geht es bei CDs fast ausschließlich um den Inhalt. Aber gerade, wenn man bekanntes Material nochmal auf einer Compilation neu raushaut, dann können das Design, das Cover oder das Booklet eine Rolle dabei spielen, ob der erste Eindruck ist, dass kurz vor dem Release von "Endorama" der Hörer nochmal extra in die Tasche greifen soll oder hier etwas wirklich einzigartiges bekommt. Und naja… Das absolut austauschbare Cover lasse ich ja gerne nochmal durchgehen, aber das lieblos hingeschlunzte Booklet, welches in Wirklichkeit eher ein Katalog - Flyer vom Label ist, stellt wohl so ziemlich den geringsten Aufwand dar, den man sich machen konnte. Vielleicht bin ich auch verwöhnt von den sehr ansprechend gemachten Digi-Books der 2018'er Neuveröffentlichungen, aber mir ist egal ob was hier geboten wird zu damaligen Zeit eher Regel oder Ausnahme war: mir kann keiner erzählen, dass man nicht wenigstens ein paar beliebige Fotos der Band oder von Konzerten aus der Zeit hätte reinklatschen können.

So, nachdem wir uns jetzt kurz darüber geärgert haben, schauen wir uns mal an, wie die einzelnen Alben auf "Voices Of Transgression" vertreten sind. Da hätten wir einmal "Renewal" - kein besonders gutes Album, aber auch keine Vollkatastrophe. Für Kreator - Verhältnisse aber schon eher das untere Ende der Nahrungskette dank gewöhnungsbedürftigen Sound und unnötig komplizierten Songstrukturen. Vielleicht wollte man sehr vorsichtig sein, aber mehr als den Titeltrack gibt es hier nicht, womit das erste Album der experimentellen Phase gleich mal gnadenlos unterrepräsentiert ist. "Renewal" ist gleichzeitig nicht nur einer der besseren Songs auf dem gleichnamigen Album, sondern einer der leichter bekömmlichen und am stärksten Thrash angehauchten. Das ist an sich zwar ganz nett, gibt aber kein wirklich adäquates Bild von "Renewal" ab. Da hätte man mindestens noch das abgedreht psychedelische "Reflection" oder das langsame "Karmic Wheel" mit reinnehmen müssen, damit halbwegs ein Eindruck gegeben ist, wie merkwürdig der 1992'er Output teilweise klingt.

Deutlich mehr gibt's da schon vom "Cause For Conflict" Album zu hören. Wir haben "Hate Inside Your Head" (klasse Song), das zu kurze "Bomb Threat" (nicht mein Favorit, aber es passt hier sehr gut drauf, weil >2 Minuten Songs fester Bestandteil des Albums waren), "Lost" und "Isolation". "Lost" hätte meiner Meinung nach überhaupt nicht gemusst, da ich es immer eher als Filler Song auf "Cause For Conflict" gesehen habe. "Isolation" passt da wesentlich besser und kommt interessanterweise mit dem Zusatz [edit]. Dieser bedeutet allerdings nicht, dass wir es hier mit neuem Material zu tun haben, sondern lediglich, dass der Hidden Track am Ende entfernt wurde. Weniger ist hier aber tatsächlich mehr und ich bin froh, dass das Ding von seinem "Geschwür" am Ende befreit wurde, da der Hidden Track lediglich aus Lärm bestand und die gefühlt 12 Leute auf der Welt, die dem irgendeinen künstlerischen Mehrwert abgewinnen können sicher genug Spaß mit dem Original haben werden. Ich vermisse so ein wenig "Crisis Of Disorder", einem der herausstechendsten Songs auf dem Album, aber insgesamt ist mir "Cause For Conflict" gut weggekommen.

"Outcast" ist ebenfalls sehr stark vertreten in dieser Retrospektive. Wir haben den Opener "Leave This World Behind" (cool), den Hit "Phobia" (natürlich!), beide langsamen und "doomigen" Nummern "Black Sunrise" sowie den Titelsong "Outcast", was okay ist, da beide Songs klasse sind und ziemlich deutlich zeigen wie düster und schwer das Album daher kommt. Zuletzt gibt's noch "Whatever It May Take". Hä? Letzteres finde ich ziemlich nichtssagend. Bis auf den gescheiterten Versuch, digital verzerrte Vocals einzubauen gibt es hier nicht viel interessantes zu hören. Hätte man komplett einsparen können, um mehr Platz für "Renewal" zu haben, aber insgesamt muss ich trotzdem sagen, dass "Outcast" hier schön zusammengefasst wurde.

Dass man vom damals noch unveröffentlichten "Endorama" noch nicht so viel vorweg nehmen wollte ist sicherlich verständlich. Deshalb gibt es auch nur 3 Song - den Titeltrack "Endorama", den Opener "Golden Age" und das extrem ruhige "Chosen Few". Das reicht aber auch schon ganz gut aus, um ein Gefühl für "Endorama" zu bekommen, da sich die Songs innerhalb des Albums für mein Ohr nicht wahnsinnig stark unterscheiden. Den "Endorama" Part würde ich also auch so stehen lassen. Und damit muss ich wirklich sagen, dass bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler (vor allem was "Renewal" angeht) und persönliche Geschmacksfragen die vier Alben hier wirklich gut repräsentiert werden und das Material definitiv ausreicht, um einen guten Überblick darüber zu bekommen, was die Jungs in dieser Zeit alles angestellt haben.

Spannend wird's jetzt natürlich nochmal mit dem Bonus Material. "State Oppression" - das punkige Cover von Raw Power - war mir ja durch den Re Release von "Cause For Conflict" bekannt. Damals ist es aber soweit ich weiß innerhalb von Europa noch gar nicht veröffentlicht worden und dürfte damit eine ziemlich seltene und unbekannte Nummer gewesen sein. Ganz neu dürfte dagegen das Cover von "Lucretia (My Reflection)" - im Original von Sisters of Mercy - gewesen sein, welches uns Goth Rock in reinster Form präsentiert und klar aus der "Endorama" - Episode der Band zu stammen scheint. Es kommt öfter mal vor, dass ich eine Band dafür kritisiere, dass sie ihren Stil zu sehr verändert. Gar nicht mal, weil ich dafür nicht offen bin oder es nicht meinen Geschmack trifft, sondern einfach weil sich die Band selbst damit keinen Gefallen tut, da sie entweder das neue Genre null beherrscht oder die Stimme des Sängers darauf nicht ausgelegt ist oder was weiß ich. Diesen Punkt konnte ich bei Kreator nie anbringen. Beide Coversongs könnten unterschiedlicher kaum sein und beide funktionieren auf ihre Art sehr gut.

Dann hätten wir noch "Inferno". Keine Ahnung, was es mit diesem Song auf sich hat, aber alles in allem klingt er ebenfalls so als wäre er eher zu den Goth Rock Zeiten der Band entstanden. Irgendwas passt hier aber nicht so richtig zusammen finde ich. Vielleicht bin das auch nur ich, aber in meiner Wahrnehmung beißen sich die ultra catchy gute Laune Gitarrenriffs doch etwas zu hart mit dem eher apokalyptischen Text von Tod und Zerstörung.
Ansonsten ist das Ding eher simpel gehalten, würde auf kein Album so richtig gut passen, ist hier aber ganz gut aufgehoben. Zum Schluss hätten wir dann noch "As We Watch The West", welches wohl offenbar vorher nur auf der japanischen Version von "Outcast" erschienen ist. Da haben wir in Europa aber wirklich was verpasst! Ähnlich wie "Black Sunrise" haben wir es hier mit einem sehr düsteren und langsamen Song zu tun. Sicherlich muss man das mögen und alleine das Keyboard geklimper am Anfang dürfte dafür gesorgt haben, dass ein guter Teil der Fans direkt ausgestiegen ist. Aber für mich persönlich sind gerade diese abgefahrenen Songs, die genretechnisch weiter vom Thrash Metal entfernt sind, als dass die Band sich das später je wieder trauen würde, ein ganz besonderes Merkmal dieser Zeit. "As We Watch The West" ist da keine Ausnahme und schafft es auch wieder, mir beim Hören angenehme Gänsehaut zu machen.

Damit wäre dann wohl für jeden was dabei auf dieser Compilation. Sicherlich kann man sich fragen, ob "Voices Of Transgression" wirklich eine Daseinsberechtigung hat - für mich aber definitiv ja. Als jemand, der ganz neu auf Kreator stößt und einen Abriss über deren beste Songs haben möchte, würde ich allerdings die Finger davon lassen. Das hier sind weder die Kreator, die in den 80'er Jahren das Genre des Thrash Metal mit definiert haben, noch die Kreator von heute, die mit ihrem modernen Thrash Metal die Charts stürmen. Hier haben wir Kreator in einer Art Identitätskrise, die sich an verschiedensten Genres versuchen - und das interessanter Weise erfolgreicher als gedacht. Klar, bin ich froh dass sie irgendwann zu dem zurückgekehrt sind, was sie am besten können und, woraus sie die kreativsten Ideen schöpfen können, denn ich denke ein zweites "Endorama" oder "Cause For Conflict" wäre schnell langweilig geworden. Trotzdem muss man der Band anrechnen, dass sie sowohl aus groovigem Neo Thrash a la Pantera oder Fear Factory als auch aus Goth Rock etwas auf die Beine stellen konnten. Auf "Voices Of Transgression" kommen diese Kontraste ziemlich gut zur Geltung, wenn zum Beispiel Songs wie "Hate Inside Your Head" oder "Chosen Few" aufeinander prallen.

Thrash Puristen, die die exotische Phase von Kreator immer gemieden haben, sollten "Voices Of Transgression" mal eine Chance geben. Hier bekommen sie alle wichtigen Basics dieser Phase, ohne sich mit den einzelnen Alben rumschlagen zu müssen. Im schlimmsten Fall können sie dann ihre Argumentation, warum Thrash Metal in den 90'ern mal gar nicht geht, besser untermauern. Fans, die Sonst schon alles haben bekommen hier immerhin eine kleine Handvoll größtenteils ganz guter Bonus Tracks. Klar muss jeder selbst sehen, ob sich dafür allein der Kauf lohnt, aber ich bin ganz froh, Kreators "schwierigste" Zeit nochmal komplett nachgeholt zu haben.

Punkte: 7 / 10