Kreator Pleasure To Kill / Flag Of Hate (1986) - ein Review von DarkForrest

Kreator: Pleasure To Kill / Flag Of Hate - Cover
1
Review
2
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Boxset/Bundle
Genre(s): Metal


DarkForrest
26.01.2020 06:39

Heute stelle ich mich mal der Herausforderung ein Album zu reviewen, über das man eigentlich nichts negatives schreiben darf. "Pleasure To Kill" von Kreator hat nicht nur absoluten Kultstatus, sondern ist auch ein Meilenstein der Thrash Metal Geschichte, an dem man eigentlich nicht vorbeikommt, wenn man sich über längere Zeit mit Metal im allgemeinen beschäftigen will. Damals sicherlich auch mit das schnellste und härteste, was man so finden konnte. Doch wie schlägt der Nachfolger von "Endless Pain" aus heutiger (und natürlich auch meiner komplett subjektiven) Sicht?

Aus damaliger Sicht kann ich es jedenfalls schlecht beurteilen. Immerhin ist das Album älter als ich, was es mir etwas erschwert hat, mir das Ding direkt zum Release zu geben. Bin ich deswegen nur ein dreckiger Millennial, der sich ein wenig mit neuerem Thrash Metal beschäftigt hat, jetzt mal eben über die alte Werke stolpert und diese gar nicht zu schätzen wissen kann? Nicht unbedingt. Klar: als ich auf Kreator aufmerksam wurde stand gerade "Hordes Of Chaos" in den Startlöchern und die Härte von "Pleasure To Kill" war schon lange nicht mehr so exklusiv wie 1986. Aber die ersten Songs, die bei mir das Interesse an der Band geweckt haben waren tatsächlich "Pleasure To Kill" und "Awakening Of The Gods". Konsequenterweise habe ich mir dann auch als erstes das Album "Pleasure To Kill" zugelegt, habe es rauf und runter gehört und hatte genug Spaß damit, um mich nach und nach immer mehr mit den Jungs zu beschäftigen.

Eine Kleinigkeit ist mir allerdings damals schon aufgefallen: so sehr es Bock gemacht hat, mir das Album anzuhören, so wenig sind mir die einzelnen Songs im Kopf geblieben. Ausnahme wären da der Titeltrack und "The Pestilence" - also genau die Songs, die damals noch regelmäßiger Bestandteil der Konzerte waren. Bevor ich das Album jetzt gleich auseinander nehme noch ein paar nüchterne Fakten. "Pleasure To Kill" kam gerade mal ein Jahr nach "Endless Pain" raus und wurde später noch zusammen mit der "Flag Of Hate" EP rereleased - genau die Version, die ich auch habe. Es gibt wohl auch eine Version, welche mit der längeren Version der "Flag Of Hate" EP im Bundle kam und entsprechend nochmal 3 Songs mehr von "Endless Pain" beinhaltet, aber wer das Debütalbum hat dürfte da nichts verpassen. Was sofort auffällt ist das Cover: sieht das nicht total geil aus? Für mich eindeutig eine wahnsinnige Steigerung zum Vorgänger.

Was ebenfalls gesteigert wurde wären das Tempo und die Komplexität der Songs und hier beginnen die ersten Probleme. "Endless Pain" klingt im Nachhinein nicht unbedingt wahnsinnig professionell. Allerdings sind die Songs so aufgebaut, dass diese rohe Aggression in der Form ganz gut funktioniert, einige gute Passagen im Kopf bleiben und die mitunter recht simpel aufgebauten Songs funktionieren. Das ist auf "Pleasure To Kill" oft nicht mehr so ganz der Fall, sodass oft alles recht chaotisch klingt. Falls das für jemanden einen besonderen Teil des Charmes ausmacht: cool. Für mich sorgt es eher dafür, dass die Songs recht ähnlich und austauschbar klingen und ich große Probleme habe, irgendwelche guten Riffs oder andere Alleinstellungsmerkmale zu finden, die dafür sorgen dass das ganze auch im Kopf bleibt.

Wenig geändert wurde an dem Konzept, dass Mille und Ventor sich die Vocals teilen bzw. zwischen den Songs abwechseln, was nach wie vor eine nette Idee ist. Der Sound klingt noch recht ähnlich wie auf dem Vorgänger. Mir persönlich sind hier die Drums etwas zu präsent. Ich weiß nicht, ob das so stark auch bei "Endless Pain" ausgeprägt war, aber wenn's wirklich schnell wird, dann überschreit das Geknüppel gerne mal alles. Die Texte sind weiterhin nicht der Rede wert. Themen wie Massenmord und Dämonen wurden scheinbar wahllos zusammen geworfen und das Ergebnis ist nicht so gut gealtert. Im Vergleich zu späteren Werken der Band wirkt es billig - im Vergleich zu stumpfen Gewaltorgien, die Bands Cannibal Corpse wenige Jahre später raushauen sollten recht zahm.

Was ich dagegen sehr mag, ist die Tatsache dass es diesmal ein vollwertiges Intro gibt. Ja, die Krähen, der Wind, die Synths und die Gitarre wirken schon arg kitschig, aber die Art und Weise wie das ganze präsentiert und anschließend vom Opener "Ripping Corpse" plattgewalzt wird, wird einfach nie alt. Dementsprechend wurden die Konzerte auch sehr lange genau damit eröffnet, bis dieses Intro 2012 durch "Mars Mantra" von "Phantom Antichrist" ersetzt wurde. Eigentlich ein Unding, dass diese schönen Intros so lange von der Band sträflich vernachlässigt wurden. Mit "Ripping Corpse" und dem anschließenden "Death Is Your Saviour" kann sich dann jeder selbst davon überzeugen, was reines Tempo und Härte in Kombination mit etwas mehr Komplexität wert sind - beide Songs setzen da nämlich sehr stark drauf und versuchen gleich am Anfang des Albums alle Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. In beiden Fällen haben erst Mille und dann Ventor ziemliche Probleme einigermaßen mit ihren Vocals das Tempo halten zu können, sodass alles sehr unorganisiert wirkt. Ja, man kann dazu abgehen, aber keiner von beiden Songs will so richtig bei mir hängen bleiben.

"Pleasure To Kill" macht seine Sache da schon deutlich besser. Hier ist passt auch in den schnellen Passagen alles gut zusammen und Mille ist einigermaßen im Takt und man traut sich sogar in der Mitte das Tempo zu drosseln. Das Ergebnis: ein richtig geiles Gitarrenriff und einige Momente, die diesen Song wirklich einzigartig machen. Auch "Riot Of Violence" kann mich voll überzeugen - vor allem weil man sich hier traut, nicht einfach nur den schnellsten Thrash Song ever erschaffen zu wollen, sondern andere Wege geht und hier und da auch mal das durchaus vorhandene Talent für ordentliche Melodien durchscheinen lässt. Auch "The Pestilence" hat sich meiner Meinung nach nicht umsonst so lange in den Livesets gehalten. Das Ding ist fast 7 Minuten lang und die Zeit wird ganz gut genutzt ein wenig mit dem Tempo zu spielen, selbiges auch mal runter zu fahren, was neben mal wieder einigen gut klingenden Passagen dafür sorgt, dass auch die Highspeed Momente besser rauskommen.

Weil das aber offenbar nicht extrem genug war muss "Carrion" sich wieder deutlich einseitiger geben und der nächste schnellste Thrash Song ever sein. Das führt eher dazu, dass wir über weite Strecken so gut wie gar keine Abwechslung bekommen, bis uns dann nach etwa der Hälfte des Songs das erste Mini - Gitarrensolo beglückt. Da fällt mir ein, dass ich noch nichts zu den Gitarrensoli gesagt habe, die hier eigentlich recht zahlreich vorhanden sind. Aber, Alter - was soll ich dazu sagen? Sie sind bestenfalls lieblos hingewichst, schlimmstenfalls komplett improvisiert. Halbwegs durchdacht ist jedenfalls keins davon und erwartet bloß nicht, dass euch eins davon für länger als die Dauer des Songs im Kopf bleibt.

"Command Of The Blade" gefällt mir wieder relativ gut. Das einzige Mal, dass Ventor hier richtig singt und obwohl das Tempo konstant hoch ist klingt alles ganz ordentlich. "Under The Guillotine" ist dagegen nichts wirklich besonderes. Der Refrain bleibt noch halbwegs im Kopf, ansonsten hätte ich große Probleme irgendwas spezielles zu dem Song zu sagen.

Als netten Bonus bzw. "Xtra long Play" laut Rückseite der CD hätten wir noch die "Flag Of Hate" EP. Den ersten Song "Flag Of Hate" kennt bereits jeder, der "Endless Pain" gehört hat. Auf diesem Album übrigens so mit der schnellste Song und auch derjenige, der am besten auf "Pleasure To Kill" passen würde. Genau deshalb hat er auch eine ähnliche Wirkung auf mich wie die meisten Songs, die auf pure Geschwindigkeit und Härte setzen: an sich immer nett anzuhören, aber warum ausgerechnet dieser Song zur Legende wurde, eine eigene EP bekommen hat und heute noch Pflichtprogramm auf jedem Konzert ist, erschließt sich mir nicht ganz. Aber die Tatsache, dass Kreator so stolz auf "Flag Of Hate" waren, dass sie es nochmal gesondert released haben sollte definitiv zeigen, wohin die Reise gehen sollte.

Interessant sind am Ende noch die beiden exklusiven Songs "Take Their Lives" und "Awakening Of The Gods". Beide recht lang, zweiterer gar 7.29 Minuten. Am Ende mag ich beide recht gerne "Take Their Lives" wird zwischendurch mal etwas gleichförmig, hat aber auch die eine oder andere nette Überraschung am Start. "Awakening Of The Gods" ist bis heute einer meiner absoluten Favoriten. Auch hier gibt's zwischendurch ordentliches Tempo, aber eben nicht nonstop. Dazwischen darf man auch mal wirklich netten Riffs oder einem Refrain lauschen, der gerade dadurch dass er sich etwas langsamer gibt an Härte gewinnt. Und hey: sogar das Solo kann man sich anhören. Wenn "Pleasure To Kill" songtechnisch so oder so ähnlich aufgebaut wäre, hätte ich absolut gar nichts daran auszusetzen.

So, jetzt habe ich ziemlich viel gemeckert. Heißt, dass etwa, dass ich dieses Heiligtum des Thrash Metal gar nicht mag? Nein, das heißt es nicht, nur zum verehren hat es nicht ganz gereicht. Eines muss man "Pleasure To Kill" und grundsätzlich allen Kreator Alben aus der Anfangszeit lassen: das Hörerlebnis ist immer klasse. Reine Härte und Tempo machen vielleicht alleine kein legendäres Album aus, sind aber doch eine ganz gute Grundlage und selbst Songs wie "Carrion" oder "Death Is Your Saviour" die null im Gedächtnis bleiben hören sich zumindest die meiste Zeit ganz ordentlich an und machen es mir schwer still sitzen zu bleiben. Und: man kann sich alles immer wieder anhören. Obwohl ich mich vor allem mit den Alben ab "Violent Revolution" aufwärts wohlfühle werden diese oft für eine gewisse Zeit langweilig, wenn man sie so 20 mal am Stück gehört hat, was auch daran liegt dass man jedes Element nach 3 mal hören auswendig kennt - ein Phänomen, welches ich auf den alten Scheiben und damit auch "Pleasure To Kill" nicht beobachte. Und im Vergleich zu den etwas kuriosen Sachen der 90'er (heftigstes Beispiel wäre sicher "Renewal") muss ich mir das Album auch nicht erst 20 mal schön hören um überhaupt etwas damit anfangen zu können. Ich habe "Pleasure To Kill" jetzt in den letzten Tagen und Wochen sehr oft hintereinander gehört und ich hatte beim ersten Mal Spaß damit und kann es mir auch jetzt noch anhören, ohne dass es mir aus den Ohren raus hängt und das rechne ich "Pleasure To Kill" hoch an.

Auf der anderen Seite fällt es mir schwer wirklich eine große Steigerung zum Vorgänger zu sehen. Für alles, was hier besser als auf "Endless Pain" gemacht wird finde ich etwas, was hier weniger gut passt. Vielleicht war "Endless Pain" etwas weniger extrem mit weniger krassen Momenten, aber gleichzeitig hat es als Gesamtwert besser funktioniert. "Pleasure To Kill" wirkt mir da oft zu austauschbar und wenn ich Songs höre, die so klingen als würde man wahllos Drums, Gitarren und Bass zusammenwerfen irgendwas extremes drüber singen und zwischendurch mal ein paar Gitarrensoli improvisieren dann ist das nur bedingt perfekt. Irgendwie gleicht sich das für mich am Ende aus und macht "Pleasure To Kill" weder besser noch schlechter als den direkten Vorgänger. So sehr ich das Album nicht nur mögen würde: mit der großen Liebe zwischen uns beiden wird das nichts werden.

Punkte: 7 / 10