Kreator Endless Pain / End Of The World (2000) - ein Review von DarkForrest

Kreator: Endless Pain / End Of The World - Cover
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1 Review
6
6 Ratings
8.42
∅-Bew.
Typ: Boxset/Bundle
Genre(s): Metal: Thrash Metal


DarkForrest
27.07.2019 23:21

Wenn es um Thrash Metal der 80'er Jahre geht werden viele direkt nostalgisch und entwickeln so ein kollektives "Ach ja, damals…" - Gefühl. Das kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Thrash Metal war damals in seiner Blütezeit und Alben wie "Reign In Blood" von Slayer oder "Agent Orange" von Sodom sprechen da für sich. Ich persönlich bin allerdings zu jung, um die Zeit damals oder die Identitätskrise der 90'er bewusst mitbekommen zu haben. Als ich zum Thrash Metal kam, hat er sich gerade in den frühen 2000'ern so einigermaßen gefangen und war auf dem Weg zurück zum alten Glanz. Dadurch bin ich vielleicht etwas unbefangener oder eben in eine ganz andere Richtung befangen, als die Fans der ersten Stunde.

So bin ich auch ganz ehrlich, dass ich mit Kreators Phase ab "Violent Revolution" von 2001 am meisten anfangen kann und das obwohl ich durch "Pleasure To Kill" zu der Band gekommen bin und mein ewiger Lieblingssong "Terrible Certainty" ist. An sich bin ich da eh für alles offen, was die Jungs aus dem Ruhrpott rausgehauen haben. Lediglich an ihr Debüt "Endless Pain" habe ich mich noch nie so richtig gewagt. Klar: der Titeltrack, "Flag Of Hate" und "Tormentor" sind soweit durch Konzerte etc. bekannt, aber das war's auch schon. Zeit, das ganze nochmal anständig nachzuholen und mich für eine der mittlerweile unzähligen Versionen zu entscheiden. Neben Re-Releases mit der "Flag Of Hate" EP gibt es auch welche mit der "End Of The World" Demo und seit 2017 mit der "End Of The World" Demo und Teilen der "Blitzkrieg" Demo. Letzteres ist sicherlich die vollständigste Version, wenn es um den ganz alten Krempel geht und bietet obendrein noch zahlreiche Kommentare der Band im Digi-Book.

Man beachte: die Jungs waren damals so ca. 16-17 Jahre alt, hatten das Studio für 14 Tage und haben das ganze Album aber in nur 10 Tagen aufgenommen und produziert. Dafür bin ich echt positiv überrascht, was den Sound angeht. Klar haben wir hier keine Hochglanzproduktion aber der eher rohe und unpolierte Sound passt perfekt und am Ende kann man es sich auch heute noch wunderbar anhören. Selbst das Cover Artwork ist zwar krude, spricht mich aber direkt mehr an als die ersten Versuche von einigen Genrekollegen. Mit seinen hellen Farben und Abwesenheit irgendwelcher Monster/Dämonen auch sehr untypisch für Kreator. Textlich wurde alles verwurstet, was irgendwie böse und satanisch klingt. Krieg, Schmerzen, Tod und Dämonen wären da einige Schwerpunkte. Selbst Mille ist im Nachhinein der Meinung, dass die Lyrics doch sehr abwechslungsarm und platt geraten sind. Textzeilen wie "Green and red monsters torment your mind - The power of death will destroy mankind" bringen einem heute eher zum Schmunzeln, als dass sie einem das Fürchten lehren, haben aber sicher auch ihren eigenen Charme.

Musikalisch kann sich "Endless Pain" auch heute noch gut hören lassen. Erwartet hatte ich irgendwie etwas deutlich primitiveres und ranzigeres. Stattdessen komme ich direkt gut rein und habe Spaß mit den Songs. Damals haben sich noch Mille und Drummer Ventor die Vocals geteilt, was sich nach "Pleasure To Kill" dann irgendwie zerschlagen hat. Hier wechseln sich die beiden nach jedem Song ab, was das ganze etwas auflockert, denn auf den ersten Blick hören sich die einzelnen Songs doch recht ähnlich an. Milles Krächzen ist hier noch nicht so vielseitig wie seine späteren Vocals (Wer hätte es gedacht?) dafür aber umso abgefuckter im positiven Sinne, Ventor setzt dagegen auf etwas tiefere Töne und gerade Songs wie "Cry War" harmonieren sehr gut damit, aber insgesamt schafft es Mille hier stärker hervor zu stechen.

Wirklich ordentlich los geht's mit "Endless Pain", hier gesungen von Ventor, was lustig ist da ich den Song durch Konzerte natürlich immer mit Milles Stimme in Verbindung bringe. Ich persönlich finde auch, dass Mille hier besser als Sänger passt, aber vielleicht bin ich da auch voreingenommen. Ansonsten gibt's hier nichts auszusetzen. Das Ding ist schnell, präzise, kommt ohne jegliche Spielereien aus und passt auch heute noch super in jedes Live Set. "Total Death" ist jetzt nicht unbedingt viel komplexer, geht aber gefühlt noch etwas mehr nach vorne und ist 100% headbangbar. Das Solo gegen Ende ist dann die Krönung.

"Storm Of The Beast" versucht das ganze etwas langsamer angehen zu lassen und nutzt seine gut 5 Minuten Länge um erstmal ein wenig ordentliche Gitarrenarbeit zur Schau zu stellen, bevor es erst nach über einer Minute richtig losknüppelt. Ansonsten passen hier Ventors Vocals gut mit dem Rest des Songs zusammen und ich habe nichts zu meckern. Danach haben wir mit "Tormentor" einen weiteren Klassiker, der schon zu der Zeit entstanden ist, als die Band sich noch genauso nannte. Für dieses Album irgendwie unglaublich catchy und mal ein Beispiel, wo die Länge von unter 3 Minuten dem Song eher zu Gute kommt.

"Son Of Evil" ist für mich der erste Qualitätsabfall auf dem Album. Das Gitarrenriff klingt eher generisch und in den schnellen Passagen passen Ventors Vocals eher schlecht als recht. Auch hohe Screams scheinen so gar nicht sein Ding zu sein. "Flag Of Hate" wäre dann wieder ein absoluter Klassiker und auch heute noch ein Highlight auf jedem Konzert. Seinerzeit ist sogar eine eigene EP draus entstanden. Auch wenn ich jetzt gleich gesteinigt werde: so ganz habe ich den Hype nie verstanden. "Flag Of Hate" ist ein guter Song, keine Frage, aber abseits des einprägsamen Refrains und der Tatsache, dass hier wirklich mit sehr hoher Geschwindigkeit gespielt wird hat er mir gar nicht so viel zu bieten, was ihn über Jahrzehnte und so viele Alben hinweg abhebt. Für sich betrachtet aber natürlich trotzdem ein Highlight auf "Endless Pain".

Mein heimlicher Favorit bleibt aber "Cry War". Was für ein geiles Riff! Einige Tempowechsel machen das Stück vergleichsweise komplex für "Endless Pain" Verhältnisse und wenn Ventor gleichzeitig versucht den Refrain zu singen und dabei böse aufzulachen ist das absolutes Gold. "Bonebreaker" und "Living In Fear" haben dann beide wieder ordentlich Tempo und machen an sich auch wenig falsch, sind für mich aber eher nette Hintergrundbeschallung ohne besonders große Höhepunkte. Nochmal kurz aufhorchen lässt mich dann "Dying Victims" welches ruhig anfängt und dann recht schnell das Tempo steigert und ganz gut Härte mit Schnelligkeit verbindet.

Damit wären wir auch schon mit dem eigentlichen Album durch, welches erstaunlich gut gealtert ist und sich auch heute noch ohne Nostalgiebonus von meiner Seite klasse hören lässt, obwohl mir hier und da ein wenig die Abwechslung fehlt und alles natürlich noch nicht so technisch ausgereift ist wie auf späteren Outputs.

Aber wir haben ja noch die Demos - beide 1984 als die Band noch Tormentor hieß aufgenommen. Zuerst haben wir da zwei von vier Songs der "Blitzkrieg" Demo. Die anderen beiden sind auch auf der "End Of The World" Demo erschienen und es wäre wohl zu redundant gewesen, die hier nochmal extra drauf zu packen. Ein wenig kann ich verstehen, warum man so lange gewartet hat, bis man sich endlich getraut hat, das Material auf CD zu pressen. Ich meine jeder hat mal klein angefangen und ich will mich hier gar nicht über die damaligen Möglichkeiten der Band lustig machen, aber im Prinzip ist es kaum hörbar. Was wir hier haben ist ein ziemlich heftiger Soundbrei, aus dem ab und zu mal ein wenig hohes Gekreische zu hören ist. Interessanterweise klingt gerade "Messenger Of Burning Hell" erstaunlich punkig und passt (zumindest von dem, was sich akustisch noch identifizieren lässt) musikalisch eher weniger zu dem, was Kreator später werden sollten.

Die "End Of The World" Demo kann sich dagegen deutlich besser hören lassen. Während "Blitzkrieg" wahrscheinlich in irgendeiner Garage mit 'ner Kartoffel aufgenommen wurde, ist die Qualität von "End Of The World" für eine Demo aus der Zeit wirklich klasse. Neben den drei Songs "Tormentor", "Cry War" und "Bonebreaker", die auch auf "Endless Pain" in besserer Qualität vertreten sind haben wir hier noch "Armies Of Hell", welches über 5 Minuten lang ist und wo sich die Band so richtig ordentlich verausgabt. Das hätte man locker auch auf's Album packen können und bietet mir sogar deutlich mehr Qualität als sagen wir mal "Son Of Evil" oder "Living In Fear". Abgesehen, dass die Songs auf der Demo noch etwas keimiger klingen (ob positiv oder negativ muss jeder selbst wissen) sind sie hier natürlich noch etwas amateurhafter umgesetzt. Vor allem einige Screams sind hier… naja "niedlich". Die absolute Spielfreude der Band und das Talent schimmern hier aber auch schon durch. Auf jeden Fall nochmal eine ordentliche Bereicherung die Urphase der Band zu hören.

Unterm Strich bleibt ein starke Einstieg mit ein paar Schönheitsfehlern. Noch nicht jeder Song kann hier so zünden wie auf späteren Alben und ganz ohne Leerlauf kommt "Endless Pain" leider nicht aus. Auch die Abwechslung wird hier noch nicht so groß geschrieben. Der Sound und das insgesamte Feeling sind aber überraschend gut, sodass ich die Scheibe gerne noch das eine oder andere Mal gebe, um meinem Nacken keine Ruhe zu gönnen.

Punkte: 7 / 10


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