Joseph Boys Rochus (2019) - ein Review von lupinchen*

Joseph Boys: Rochus - Cover
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Review
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Rating
10.00
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Punk



01.06.2019 03:40

Die Joseph Boys liefern mit "Rochus" ein starkes Debüt! Von vorn bis hinten spielt das Album auf einem konstant hohen Niveau, kein Lied fällt raus. Die Kunst, an die sich die Band schon im Namen anlehnt, kann man ihr zuschreiben, auch wenn sie hier keinen neuen Stil erfindet. Oft erinnert sie nämlich an die früheren Oiro, sowohl aufgrund der abgehackt-sozialkritischen Texten als auch musikalisch. Der Gesang ist ähnlich (wahrscheinlich, weil Sänger Andi Artelt früher auch mal bei Oiro war), die Musik ebenso vertrackt. Das Ganze klingt an vielen Stellen angenehm dissonant, manchmal leicht düster. Die Gitarren umspielen beidseitig die Gesangsmelodie, stottern vor sich hin und grätschen an den richtigen Stellen dazwischen. Das Schlagzeug treibt unablässig voran, wirbelt Staub auf und zieht ab und zu die Aufmerksamkeit auf sich. Alle Instrumente versuchen sich gegenseitig zu überrunden. Das ist dann so eingängig, dass man schon beim zweiten Durchlauf laut mitsingen will: "Wir Rabauken und Proleten können gut mit unserem schlechten Image leben".
Dabei bleiben die Texte nicht hinter der Musik zurück. Andi A. singt von seiner Beziehung zur Vernunft (es ist kompliziert), übt Selbstdarstellung mit kreativen Lügen oder kritisiert das kapitalistische Konsumverhalten in "Logische Obsoleszenz". Das Talent besteht hier nicht nur in der politischen Relevanz, sondern auch in der interessanten, bildlichen Verpackung und im Geschichtenerzählen. Da ist alles ganz fundamental politisch, selbst wenn es nur um individuelle Freiheiten geht: "Waschen, schneiden, legen / Diese Frisur, die braucht kein Beileid / Nicht gewagt und nicht verrückt / Das nennt man künstlerische Freiheit". Die kleinen persönlichen Krisen werden in "Drama Drama" in Perspektive gesetzt: "Hungersnot und Flüchtlingsboot, wohnungslos und Kältetod - und was geht mich das an?" und am Ende beteuert die Band, wenn es drauf ankommt, sind wir "Allegleich". Das ist nicht nur musikalisch höchst relevant, sondern auch äußerst sympatisch.

Highlights: Waschen Schneiden Legen, Vernunft, Freizeitstätte Garath, Fundbüro

Punkte: 10 / 10