Hypnosis Seeds Of Fate (2006) - ein Review von DarkForrest

Hypnosis: Seeds Of Fate - Cover
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1 Review
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1 Rating
7.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Death Metal, Gothic Metal


DarkForrest
11.07.2021 20:55

Nachdem Hypnosis 2001 mit "Humanoid" eher mal sowas wie eine sehr enttäuschende Kuriosität hingelegt haben, konnten sie sich drei Jahre später mit "Cyber Death" wieder überraschend fangen. Im Prinzip war "Cyber Death" alles, was "Humanoid" hätte sein sollen. Bevor sie aber 2008 mit "Synthetic Light Of Hope" dann klarer in Richtung Death Metal gegangen sind und ein technisch sauberes wenn auch etwas langweiliges Werk auf den Hörer losgelassen haben, gab es 2006 noch "Seeds Of Fate". Ich war ziemlich neugierig, wie dieser Übergang zwischen Industrial-Gothic Metal und klassischem Death Metal wohl klingen mochte, allerdings sollte es sich als gar nicht mal so einfach rausstellen, sich näher mit dem vierten Album der Franzosen zu befassen.

Das geht schon damit los, dass "Seeds Of Fate" vergleichsweise schwer zu bekommen ist: keine Absolute Rarität für die man viel Geld lassen muss, aber ein wenig muss man sich schon anstrengen, um dran zu kommen. Mir war die Befriedigung meiner Neugier am Ende 30€ wert und ich habe es seitdem auch noch nirgends günstiger gesehen, sofern es denn überhaupt mal irgendwo online auftaucht. Dazu kommt, dass wir es diesmal wieder mit ziemlich schwerer Kost zu tun haben. Die Songs sind allesamt über 5 Minuten lang und gerne auch länger und ziemlich verschachtelt. Teilweise sind die Grenzen zwischen den Songs fließend, teilweise habt ihr innerhalb eines Songs mehrere Segmente, die fast schon für sich alleine stehen können.

Insgesamt klingt das ganze Ding ziemlich heavy. Wenn die Bouthemy, Abila und Goloubkoff voll aufdrehen - und das tun sie oft - sind wir hier ähnlich schnell und hart unterwegs wie auf "The Synthetic Light Of Hope". Dazu kommt ein etwas weniger polierter Sound. Ähnlich wie auf "Shadoworld" zwar noch kein Geschrammel, aber etwas gröber das ganze und in Kombination mit dem brutaleren Stil, den die Band mittlerweile erreicht hat vielleicht für manche ein etwas zu unsanftes Hörerlebnis, aber ich steh da eigentlich ziemlich drauf. Im Gegensatz zu "The Synthetic Light Of Hope" sind auf "Seeds Of Fate" die Hypnosis-typischen Elemente wie elektronische Spielereien oder Goloubkoff's Vocals noch sehr stark präsent.

Das alles hat bei den ersten Hördurchgängen zwar dazu geführt, dass ich mir das Album wegen dem kernigen Sound und der Tatsache, dass dort relativ viel abgeht gut mit einem Ohr oder im Hintergrund anhören kann, dass es aber ziemlich viel Zeit braucht, um wirklich rein zu kommen es aktiv zu hören und alles zu entdecken, was in die knappe Stunde Spielzeit gestopft wurde. Gleichzeitig gewinnt es dadurch bei mehrmaligen Hören natürlich nach und nach etwas an Qualität, aber man muss schon echt Bock haben, sich mit diesem Brocken ausgiebig zu befassen.

Der Opener "Genesis Of Destruction" wirft einen ohne Intro oder Vorwarnung gleich mitten in die Action und haut dem Hörer gleich mal die geballte Ladung dessen um die Ohren, was Hypnosis so zu bieten haben: hier ein heftiges Riff, da ein unverhoffter Tempowechsel, auf einmal weibliche Vocals und schon sind wir im Refrain. Beim ersten Mal hören konnte ich das alles tatsächlich kaum verarbeiten, aber nach und nach habe ich einige Passagen echt zu schätzen gelernt. Vor allem im Refrain zahlt sich die Experimentierfreude aus. Goloubkoff's Vocals stehen nicht nur in gutem Kontrast zur harten Musik, sondern der Effekt, mit dem das ganze unterlegt wurde gibt der ganzen Nummer zusätzlich noch etwas sehr düsteres und mysteriöses.

Etwas anders gestaltet sich da schon "Stone Cold Embrace", welches ebenfalls über 6 Minuten lang ist und quantitativ so einiges zu bieten hat. Ich würde sagen, dass die einzelnen Abschnitte hier etwas gefälliger und einsteigerfreundlicher daherkommen. Allerdings gibt es ein kleines Problem: ich finde sie wurden nicht wirklich gut und passend miteinander kombiniert. Für sich betrachtet klingt alles ganz gut, aber eben sehr beliebig zusammengesetzt, dass einerseits kein richtiger Fluss aufkommen will und andererseits der gesamte Song furchtbar fragmentiert wirkt und sich einfach nicht so gut am Stück hören lässt.

"Soul Mirror" dagegen ist mir als erster Song auf "Seeds Of Fate" gut im Gedächtnis geblieben und das nicht umsonst. Endlich hat man sich mal etwas dabei zurückgenommen, was man noch alles in einen Song quetschen will und lässt sich dafür für jede einzelne Passage angemessen viel Zeit. Dabei ist dann vor allem die Gesangsleistung zu loben. Bouthemy fährt hier das volle Spektrum dessen auf, was seine Stimme so hergibt und Goloubkoff klingt hier emotionaler und intensiver denn je. Besonders unterstrichen wird das im langen Ausklang, welcher nach und nach das ganze musikalische Grundgerüst zurück fährt, bis nur noch Goloubkoff's Gesang alleine übrig bleibt. Äußerst starke Nummer und einer der besten Songs, die ich von der Truppe bis jetzt gehört habe, allerdings gibt es eine Kleinigkeit, die mich etwas irritiert hat: gegen Ende werden wir plötzlich 4 mal mit einem sehr merkwürdigen Effekt konfrontiert, der wie eine Mischung aus Grillenzirpen und sehr schrillem Alarmsignal klingt. Ich habe keine Ahnung, warum er da ist, aber er klingt extrem unangenehm und irritierend. Das kann den Song zwar nicht wirklich versauen, aber WTF?

"The Room" beginnt mit einer etwas seltsamen Mischung aus Ambient-Effekten und sehr leisem Gesang von Goloubkoff, bevor plötzlich der eigentliche Song beginnt, welcher Teile dieser Passage wiederum im Hintergrund haben soll. Nun, im Hintergrund funktioniert das auch ganz gut, aber ich finde es unnötig, das vorher eine Minute lang in der Form so einzuführen. Egal - "The Room" setzt auf ziemlich straighten Metal und das auch noch verdammt effizient. Teilweise kommt er so wuchtig daher, dass ich dazu jederzeit in den Moshpit springen würde und auch eine etwas ruhigere Stelle, bei der Abila sich mal ganz gepflegt am Bass austoben darf, wurde klasse umgesetzt. Allerdings geht es auch hier weiter mit den schmerzhaften elektronischen Effekten. Nach und nach wird im Hintergrund ein sehr seltsam klingendes… Geräusch immer lauter, was gut nervig ist. Zuerst dachte ich, dass etwas mit der CD oder meinen Kopfhörern nicht stimmt oder meine Ohren sich noch nicht ganz von dem Song davor erholt haben, aber nein: das soll so! Sehr unangenehm und ich wette, dass man damit Migräne auslösen kann.

Noch absurder wird es dann mit "Erosion Of Thoughts", welches diesen Effekt nochmals aufgreift und vertieft - ja echt. Er bleibt zunächst im Hintergrund, vor allem bei Goloubkoff's Vocals und verwirrt eher beim Hören bis wir schließlich full on damit beschallt werden - Argh! Es passt noch nicht mal musikalisch irgendwie rein, bremst das Tempo aus und klingt halt… naja scheiße. Erinnert mich an die Zeiten von "Shadoworld" als die Band noch etwas unbeholfen darin war ihre Elektroelemente irgendwie zu platzieren. Davon abgesehen ist "Erosion Of Thought" eine solide aber etwas unspektakuläre Nummer, bei der sich beide Sänger immer mal wieder abwechseln.

Hey, erinnert ihr euch noch daran wie Sepultura ihren Sound um irgendwelche indigenen Trommeln erweitert haben? Ich habe mit vielem gerechnet, aber nicht damit, sowas mal bei Hypnosis zu hören, aber bis zu einem gewissen Grad bietet "Altered Reality" genau das und das Verrückte: es funktioniert sogar ganz gut - wobei ich aber mal stark davon ausgehe, dass der gesamte Sound komplett aus dem Computer stammt. Das und der etwas abgehackte Rhythmus geben dem Song etwas Abwechslung und ein paar einfache Alleinstellungsmerkmale, welche ziemlich Laune machen. Mehr braucht es manchmal gar nicht, um mich zufrieden zu stellen.

An diesem Punkt verlässt mich beim aktiven Hören dann so ein wenig die Konzentration. Was würde jetzt also besser passen als ein 7 ½ Minuten langer Brocken von einem Song? Tja, mit "Low Life Process" kommt jetzt genau das - puh. Der Song ist an sich ganz ordentlich, aber halt… lang. Sehr nett ist ein ruhigerer Moment, bei dem Bouthemy mit den Vocals drei Gänge runterschaltet und nicht mehr wirklich growlt aber auch noch nicht ganz singt. Auf "Humanoid" kam das absolut inflationär vor und war mehr oder weniger seine bevorzugte Art, sich verbal auszudrücken, was dem Album auch nicht gerade gut getan hat, aber hier passt es echt wie Arsch auf Eimer.

"Glittering Words" schafft es bei mir ein wenig unter dem Radar zu laufen, ohne besonders gute oder schlechte Eindrücke zu hinterlassen und könnte damit auch gut auf "The Synthetic Light Of Hope" passen. Bei dem Rausschmeißer und Titeltrack "Seeds Of Fate" wird nochmal wirklich alles aufgefahren, was der Truppe eingefallen ist und das in einer epischen Länge von 8.20 Minuten. Tatsächlich bietet der Song nicht nur alles, was das Album ausmacht, sondern mehr oder weniger alles, was man so mit der Band in Verbindung bringen würde inklusive ein Intro, welches auch gut auf "Shadoworld" gepasst hätte, Samples, die 1:2 genauso auf "The Synthetic Light Of Hope" vorkommen, harten Death Metal Sound, fast schon tanzbaren Elektrosound und und und. Und am Ende kann das alles aufgrund der Länge des Tracks sogar alles halbwegs sinnvoll untergebracht werden. Wenn ich jemandem einen Song vorspielen müsste, welcher die Band gut repräsentiert, würde ich definitiv den hier nehmen. Schließlich ist sogar noch Platz für einen sehr ausführlichen ruhigen Ausklang und wenn das Album schon etwas unsanft begonnen hat, dann hört es zumindest sehr sanft und gemächlich auf.

Damit wären wir dann durch und unterwegs mit einigen echt guten und anderen echt fragwürdigen Momenten konfrontiert worden. Aber ich muss sagen: das gute überwiegt. Gerade im direkten Vergleich zum etwas trockenen Nachfolger freue ich mich, dass "Seeds Of Fate" noch ziemlich experimentell geblieben ist und nehme dafür ein paar komische Stellen gerne in Kauf. Alles in allem gefällt mir dieses Album sogar ziemlich gut und kann unerwartet sogar "Cyber Death" noch ganz knapp überbieten. "Seeds Of Fate" ist vieles: ungewöhnlich, hart, sanft, weird, intensiv, unangenehm zu hören, melodisch, sperrig, spaßig aber fast nie langweilig. Und der doch eher etwas härtere Sound macht es dem Album leicht, mich bei der Stange zu halten. Ein paar Anläufe hat es zwar gebraucht, bis ich richtig drin war, aber es ist definitiv ein Gewinn. Muss man als jemand, der die Band nicht kennt jetzt unbedingt auf die Suche gehen und sich "Seeds Of Fate" irgendwo besorgen? Nein, so gut ist das Album natürlich nicht. Da wäre das besser verfügbare "Cyber Death" nach wie vor die bessere Wahl um zu schauen, ob man mit diesem etwas eigenwilligen Cyber-Metal etwas anfangen kann.

Punkte: 7.5 / 10