Fish Weltschmerz (2020) - ein Review von frankjaeger

Fish: Weltschmerz - Cover
1
Review
3
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock: Progressive Rock


frankjaeger
03.10.2020 16:30

Eine melancholisch-tiefsinnige Klimax seines Schaffens!

Mit diesem Titel darf man sicher kein fröhliches Album erwarten, aber der schottische Barde ist auch nicht für leicht konsumierbare Lieder bekannt. Nein, seine Stärke sind melancholische oder politische, in jedem Fall aber nachdenkliche Lieder, in denen sich immer wieder mal Aggression oder Hoffnung Bahn bricht. "Weltschmerz" soll das letzte Studiowerk des Hünen sein und eines steht jetzt bereits fest: Sollte sich das bewahrheiten, verliert die Rockwelt einen ganz großen Sänger und Lyriker, der mit diesem, seinem zehnten Soloalbum noch einmal ein nahezu perfektes Songwriter-Rock-Album serviert. Urteil: Kaufen. Wer mehr wissen will, kann weiter lesen. Aber eigentlich ist selbst entdecken natürlich viel spannender.

Dreißig Solojahre, Höhen und Tiefen, aber gerade in den letzten Jahren ist Derek Dick, wie Fish mit richtigem Namen heißt, wieder zur absoluten Hochform aufgelaufen. Nachdem der Vorgänger "Feast Of Consequences" bereits ziemlich makellos war, schafft er es auch auf "Weltschmerz" wieder, fast schon beim ersten Hören mitzureißen, wie bereits bei dem ruhigen 'The Grace Of God', bei dem der brillante Song nach zwei Durchgängen Widerhaken in die Hirnwindungen setzt und der Text selbstverständlich, wie fast immer bei Fish, zwingend zum Lied gehört. Erst scheint es ungewöhnlich, das Album so ruhig zu beginnen, aber der Song stimmt schön auf das ein, was noch folgen soll. Und entpuppt sich nach ein paar Spins als unwiderstehlich.

Das folgende 'Man With A Stick' wurde bereits zuvor auf der EP "A Parley With Angels" veröffentlicht und hat nichts von seiner Faszination verloren, nur kann ich jetzt den Text mitlesen, denn ich muss zugeben, dass ich manchmal nicht alles verstehe, Sätze wie "Bamboo staffs and sjambok switches, cudgels bludgeoning hearts and minds" machen es nicht ganz trivial, Fish zu folgen. Bemerkenswert ist die rhythmische Leistung in diesem Stück. Das schöne Liebeslied 'Walking On Eggshells' ist melancholisch, aber auch hoffnungsvoll, und das trotzige 'This Party's Over' geradezu leichtfüßig, bevor mit dem über fünfzehn Minuten langen 'Rose Of Damascus' der emotionale Höhepunkt der ersten CD folgt. In bester Progtradition erzählt der begnadete Lyriker zu leichter, aber komplexer Rockmusik eine seiner unnachahmlichen Geschichten, die immer viel Raum für Interpretation lassen, bevor er nach etwa der Hälfte in einen langen gesprochenen Part mündet, der mit dramatischer Musik unterlegt ist, und anschließend zurückfindet in das Hauptthema. Ja, Fish hat hier etwas zu erzählen, aber auch die Instrumentierung verdient Aufmerksamkeit, denn neben Streichern ist auch eine Oud zu hören.

Die zweite CD beginnt mit dem ruhigen 'Garden Of Remembrance', zerbrechlich und sanft intoniert, mit einem schönen Refrain, eine Ode an die endlose Liebe, bevor man mit 'C Song (The Trondheim Waltz') wieder etwas folkige Stärke tanken kann im täglichen Trott, auch wenn der letzte Vers klingt wie eine Abschiedsrede des Sängers. Mit 'Little Man What Now?' wird es nochmal ruhig und melancholisch, das Lied ist bereits von "A Parley With Angels" bekannt, genauso das anschließende 'Waverly Steps (End Of The Line)', das mit beinahe vierzehn Minuten ein kraftvolles Prog-Statement ist.

Den Abschluss des Albums bildet der Titelsong, in dem Fish noch einmal lyrisch die Anklage führt und tatsächlich so etwas wie die Kulmination seines Schaffens kreiert. Genauso wie "Weltschmerz" viele Elemente der Karriere Fishs aufgreift und an seine frühe Solophase erinnert, aber ohne fröhliche Gemütsaufheller, auf diesem Album begreift er sich mehr denn je als Barde, Geschichtenerzähler und Songwriter, abzüglich der Wutausbrüche seiner Jugend. Wo er früher mit lyrischen Sprühdosen auf den imaginären Wänden des Daseins plakativ den Mächtigen in Großbuchstaben die Stirn bot, sieht man seine Anklagen nun mit Feder und Tinte mit elegantem Schwung auf Pergament entstehen und sich windend entwickeln wie Ranken in den Arkaden des Lebens eines erfahrenen Poeten.

Zum Schluss soll noch erwähnt werden, dass die Besetzung mit langjährigen Mitstreitern wie Robin Boult, großartigen Unterstützern wie Doris Brendel oder Prog-Meister John Mitchell und vielen weiteren auch nichts zu wünschen übrig lässt und die warme, differenzierte Produktion ebenfalls makellos ist, wofür Calum Malcolm ein besonderes Lob zu zollen ist.

War es das jetzt wirklich? Eigentlich darf jemand wie Fish nicht einfach aufhören. Ich habe Hoffnung, dass er vielleicht den Trott von Alben und Touren verlässt, aber vielleicht kriegen wir ja dennoch immer mal wieder ein neues Lied oder einen Festivalauftritt. Und sollte er irgendwann von seinem Rücktritt zurücktreten, dann würde eine meiner geheimen Hoffnungen wahr werden, auch wenn er im Interview letztes Jahr klar gesagt hat, dass das Touren nicht leichter wird. Umso mehr sollten wir uns auf die kommende Tournee freuen und solange "Weltschmerz" hören.

(Veröffentlicht bei: https://powermetal.de/review/review-Fish/Weltschmerz,37268,37094.html)

Punkte: 9.5 / 10


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