Fear Factory Linchpin (2001) - ein Review von DarkForrest

Fear Factory: Linchpin - Cover
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6.50
∅-Bew.
Typ: Single/EP
Genre(s): Metal: Death Metal, Industrial Metal, Thrash Metal


DarkForrest
12.10.2021 19:10

"Digimortal" sollte sich als eher umstrittenes Fear Factory Album rausstellen. Die einen fanden es kacke und konnten mit dem erhöhten Nu Metal Anteil wenig anfangen, andere fanden es stark und verteigen das Album bis heute. Was jedoch feststeht: es konnte kommerziell nicht so ganz die durch "Obsolete" sehr hoch gesteckten Erwartungen erfüllen. Auch gab es nicht so wahnsinnig viel Support für die Tour damals und auch nicht mehr ganz so absurd viele Releases um das Album drum herum, wie das noch bei "Demanufacture" oder eben "Obsolete" der Fall war.

Trotzdem gab es mit "Digimortal" und "Invisible Wounds (Dark Bodies)" immerhin zwei Promo-Singles und mit "Digital Connectivity" sogar zum ersten Mal eine Live-DVD zu entdecken. Und mit der Single zu "Linchpin" durfte man sogar ein paar exklusive Songs bestaunen, die es nicht auf das Album geschafft haben. Die normale Single bietet dabei neben dem namensgebenden "Linchpin" zwei bis dato noch nicht veröffentlichte Tracks. Das alleine sorgt schon dafür, dass "Linchpin" vielleicht mal einen Blick wert ist. Australische Fans wurden ca. 1 Jahr später allerdings nochmal mit einer ganz eigenen Version von "Linchpin" verwöhnt - der sogenannten "Special Australian Tour EP". Was ist so "special" daran? Nun, neben einem alternativen Cover finden sich darauf nicht drei, sondern stolze sieben Songs und sogar eine handvoll Videos über die Entstehung der Band und das Album "Digimortal" hat es auf die CD geschafft.

Damals als Teenager in Deutschland und als Internet wirklich für viele von uns noch Neuland war, war es kaum möglich, auch nur von der Existenz einer derart aufgemotzten Version zu wissen. Heutzutage ist es ja zum Glück relativ simpel, sich ein Exemplar via Import klar zu machen und zu schauen, was ich damals alles verpasst habe, aber fangen wir erstmal bei dem an, was auch der Rest der Welt zu hören bekommen hat.

Den Einstieg macht "Frequency" und ich bin mir nicht ganz sicher wann und unter welchen Umständen dieser Song entstanden ist. Er klingt allerdings schon vom ersten Riff an der deutlich nach Nu Metal - scheint damals also aktuell gewesen zu sein. Vielleicht einfach ein Song, den man nicht mehr auf "Digimortal" unterbringen konnte. Das würde auch passen, denn er geht in eine ähnliche Richtung wie "What Will Become" ist aber weniger eingängig und hat ein paar komische Momente, die den Song nirgends so richtig hinführen und ein etwas seltsames Ende, sodass ich verstehen könnte, wenn man "Frequency" einfach verworfen hätte. Um auf so einer Single aufzutauchen reicht die Qualität aber gerade so noch aus.

Anschließend hätten wir dann den Star der Single, "Linchpin" selbst - laut einem aktuellen Interview mit Dino Cazares übrigens der am meisten auf Spotify und Co gestreamte Song der Band ever, der offenbar Metalheads und solche, die eigentlich mit dem Genre nichts weiter anfangen können, gleichermaßen befriedigt. Ich war ja nicht gerade erfreut darüber, dass Fear Factory auf "Digimortal" ihre Songs bewusst simpler gestaltet haben, muss aber zugeben, dass es bei "Linchpin" super funktioniert hat, das was die Band rüberbringen wollte in weniger als 3 ½ Minuten und ohne viel Beiwerk auf den Punkt zu bringen. Der Song ist knackig, melodisch hat ordentlich Power, ist dabei aber abwechslungsreich und ständig passiert irgendwas. Nicht das anspruchsvollste, was die Jungs je geschrieben haben, aber unkomplizierte Unterhaltung, wie sie idealerweise klingt. Was mich aber wundert: warum wird "Linchpin" hier so stiefmütterlich behandelt? Zumindest auf der "Tour EP" wäre doch eine Live-Aufnahme denkbar, oder? Vielleicht auch ein Remix? Nein? Dann eine frühe Version des Songs oder wenigstens ein alternativer Cut? Nope - keine Chance! Einfach nur der Song "Linchpin" in der Version, wie er auf "Digimortal" zu bestaunen war. Das tut der Nummer selbst jetzt keinen Abbruch, aber theoretisch hätte man dann die Single/EP auch "Frequency" nennen können, ohne dass es einen großen Unterschied gemacht hätte.

Die nächsten beiden Songs wurden für das PS1-Game "Demolition Racer" geschrieben. "Machine Debaser" ist dabei ein Instrumental, welches in eine sehr ähnliche Richtung geht wie "Full Metal Contact", einem der Bonustracks auf "Digimortal". Insgesamt vielleicht etwas abgerundeter und ausgereifter. Man merkt aber, dass es eher als Hintergrundmusik entworfen wurde und weniger, um es sich einfach nur ohne Kontext anzuhören. Trotzdem ist es für so eine Nummer überraschend abwechslungsreich und definitiv für meine nächste Playlist vorgemerkt, wenn ich mal wieder ein Rennspiel zocke, bei dem mir der Soundtrack nicht zusagt. Der nächste Song "Demolition Racer" (übrigens schon exklusiv für die EP) ist gerade einmal 50 Sekunden lang und wahrscheinlich eher als Intro oder Teaser für das Game gedacht. Interessanterweise hat er aber sogar Vocals und Lyrics. Als "Song" im eigentlichen Sinne sicherlich schwer zu bewerten, aber als nette kleine Kuriosität für Fans sicher ganz interessant.

Auch ein Remix von "Invisible Wounds (Dark Bodies)" ist mit am Start - der Song vom ganzen Album, bei dem ein Remix am wenigsten Sinn macht, abgesehen vielleicht von "Memory Imprints (Never End)". Der "Suture Mix" ist dann auch eher mal ein Art Neuschnitt mit einigen neuen Effekten und sogar sporadisch eingefügten Piano-Parts und naja… der Song profitiert nicht wirklich davon. Das Original wird dadurch jetzt nicht so sehr verunstaltet, dass man es sich nicht mehr anhören kann, ist in dieser Fassung aber eindeutig die minderwertige Version.

Zum Abschluss sind sogar noch zwei Live-Aufnahmen mit am Start. Wer jetzt etwas von der "Digimortal"-Tour erwartet, wird allerdings enttäuscht. Beide Aufnahmen sind schon ein bisschen was älter, dafür bekommen wir mit "Replica" und "Edgecrusher" aber auch zwei echte Klassiker. Ich habe mich ja schon das eine oder andere Mal über die Live-Performance von Fear Factory lustig gemacht. Ich weiß nicht, ob der ganz spezielle Stil der Band live einfach schwer replizierbar ist, aber Burton C. Bell und Co zählen zu den wenigen Bands, die im Studio deutlich besser klingen als live. Immerhin: beide Aufnahmen auf der "Linchpin"-EP klingen immer noch ein gutes Stück besser als das, was ich selbst so an Live-Erfahrungen mit Fear Factory machen durfte.

"Replica" wurde 1996 in Phoenix, Arizona aufgenommen und die Taktik hier war offenbar einfach so brutal und mit so viel Power wie möglich zu spielen, damit es nicht so auffällt, wenn man nicht jeden Ton trifft und das funktioniert sogar ziemlich gut. Vielleicht liegt es auch daran, dass "Soul Of A New Machine" zu dem Zeitpunkt noch nicht so lange her war, aber ich bekomme hier noch massive Thrash- und Death Metal Vibes, was dem Song eine interessante neue Richtung gibt. "Edgecrusher" stammt von der "Obsolete"-Tour '99 und ist wenigstens ein Song, der auch in Australien aufgenommen wurde. Der Sound ist hier etwas speziell. Die Gitarren klingen ziemlich verwaschen und die Vocals sind oft viel zu leise. Der Fehler liegt hier wohl eher bei der Soundtechnik oder Aufnahmequalität an sich und weniger bei der Band. Auf der anderen Seite kommen Stimmung und Atmosphäre hier richtig schön rüber (besser als bei "Replica") und auch das Publikum rastet richtig schön aus. Die beiden Live-Songs sind entgegen aller Erwartungen also doch ein ziemliches Plus.

Und als ob das noch nicht genug ist, gibt es auf der CD noch einen Multimedia-Part mit ein paar kurzen Videos, die unter anderem Interviews zeigen, bei denen sich die vier Bandmitglieder zur Entstehungsgeschichte von Fear Factory äußern oder wir ihnen dabei über die Schulter schauen können, wie sie gerade "Digimortal" aufnehmen. Gerade für Fans ein sehr netter Zusatz.

Damit ist "Linchpin" insgesamt eine echt stabile EP geworden, die aber vor allem was für sehr treue Fans sein dürfte. Klar: wer nicht genug von Fear Factory oder speziell "Digimortal" bekommen kann, der bekommt hier einiges zu hören und zu sehen und den einen oder anderen exklusiven und bis dato unveröffentlichten Song zu bestaunen. Klar ist aber auch, dass ein guter Teil davon nicht unbedingt mit dem sonstigen Material mithalten kann, aber eben auch nicht dafür produziert wurde, um es mit den großen Hits aufzunehmen oder zum neuen Geheimtipp der Band zu werden. So sind zum Beispiel "Demolition Racer" oder der Remix zu "Invisible Wounds (Dark Bodies)" zwar qualitativ nicht besonders hochwertig, aber schon interessant anzuhören. Für den Fear Factory Fan, der richtig tief einsteigen will, ist "Linchpin" allemal zu empfehlen, dann aber möglichst als EP. Einsteiger brauchen sich aber nicht unbedingt die Mühe machen, sich das Teil extra zu importieren und sollten sich vielleicht erstmal "Demanufacture" oder "Obsolete" geben.

Punkte: 6.5 / 10


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