Fear Factory Digimortal (2001) - ein Review von DarkForrest

Fear Factory: Digimortal - Cover
1
1 Review
27
27 Ratings
7.96
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Industrial Metal, Thrash Metal


DarkForrest
01.10.2021 19:47

Fear Factory konnten in den 99'ern eine ordentliche Erfolgsstory verzeichnen. Erst der Durchbruch mit "Demanufacture" und dann konnten sie tatsächlich mit "Obsolete" noch einen draufsetzen. 2001 hätte der Nachfolger "Digimortal" oberflächlich betrachtet eigentlich so einiges mitgebracht, um genau daran anzuknüpfen: er ist wieder drei Jahre nach dem Vorgänger erschienen, ein Konzeptalbum, welches die "Mensch VS Maschine"-Trilogie abschließt und mal wieder hat man den Sound in eine etwas progressivere Richtung geschraubt. Doch "Digimortal" ist nicht der absolute Höhepunkt der Band geworden, sondern stattdessen ein finanzieller Flop, nach welchem sich die Band erst einmal aufgelöst hat.

Okay, das war etwas fies formuliert. Der Grund für die Trennung waren eher mal Differenzen innerhalb der Band, welche sich um die musikalische Ausrichtung drehten und natürlich hat sich "Digimortal" auch ein paar mal verkauft, aber im Gegensatz zu den beiden Vorgängern fällt schon auf, dass es bei den Fans nicht so gut ankam. Mir ging's ja ähnlich: obwohl ich es nicht direkt grottig fand, bin ich mit dem vierten Album der kalifornischen Kampfmaschinen nie so richtig warm geworden und kann sogar die Fans verstehen, welche davon ordentlich enttäuscht waren.

Und nein: meine Kritik ist nicht, dass man sich musikalisch weiterentwickelt hat. Der musikalische Fortschritt war schon immer eine der Stärken der Band. Hätte man sich mit "Demanufacture" nicht nochmal neu erfunden und immer wieder Alben im Stil von "Soul Of A New Machine" aufgenommen, dann wären Fear Factory niemals so groß geworden wie Ende der 90'er. Aber die Richtung, in die man sich entwickelt spielt eben auch eine Rolle. Tendenziell ist die Truppe damals komplexer und facettenreicher geworden und hat immer die Elemente betont, welche die Band einzigartig gemacht haben und eben damals noch nicht so oft zu hören waren. "Digimortal" geht einen fast schon gegenteiligen Weg.

Sänger Burton C. Bell meinte damals selbst "We don't need to play a song seven minutes long if we can get the idea across in four minutes." - man wollte seine Songs also weniger komplex gestalten, um so vielleicht etwas zugänglicher zu werden. Das fühlt sich aber gleichzeitig auch wie ein Schritt nach vorne und drei Schritte zurück an, zumal dadurch am Ende tatsächlich alles generischer klingt. Auch schwierig: vom Thrash- und Death-Metal der alten Tage sind wir mittlerweile meilenweit entfernt und jetzt werden auch die Industrial-Metal-Einflüsse deutlich zurück gefahren. Was bleibt sind jede Menge Groove Metal und Nu Metal, welche jetzt massiv in das Album gepumpt werden, um die Lücke zu füllen. Persönlicher Geschmack hin und her: 2001 waren beide Genres nicht mehr der komplett neue heiße Scheiß und die Szene derart übersättigt damit, dass ich mir gut vorstellen kann, dass dadurch die neuen Fans nicht unbedingt in Scharen ausgerechnet zu Fear Factory geströmt sind.

Aber nicht nur inhaltlich wurden ein paar fragwürdige Entscheidungen getroffen. Die Produktion ist diesmal mehr als gewöhnungsbedürftig. Gerade wenn man sich vorher am Sound von "Demanufacture" oder "Obsolete" sattgehört hat, hat hier alles die Power von einem feuchten Furz. Die Vocals klingen auch dann zahm, wenn Burton C. Bell aggressiv shoutet. Ich dachte damals ohne Scheiß, dass die Tour zu "Obsolete" nachhaltig seine Stimmbänder abgefuckt hat oder er sich hier zumindest extra schont, um genau das zu vermeiden. Spätere Alben, auf denen er wieder "normal" klingt, sprechen aber doch gegen diese These. Dino Cazares beschränkt sich nicht nur auf wesentlich simplere und langweiligere Riffs - es fehlt auch der Punch dahinter. Und Christian Olde Wolbers geht am Bass völlig unter. Lediglich die Double-Bass-Attacken von Raymond Herrera haben das ganze - obwohl ein gutes Stück abgeschwächt - einigermaßen unbeschadet überstanden, sodass das Schlagzeug jetzt im Vergleich zum Rest der Band etwas übermächtig klingt. Dafür wurde diesmal wirklich übermäßig viel an Effekten, Samples und sonstigem Beiwerk hinzugefügt. Mit der Zeit gewöhnt man sich ein wenig daran, aber so ganz ist mir nicht klar, warum man den Sound derart abschwächen musste. Dass es hier und da mal etwas ruhiger zugeht, stört mich dabei gar nicht. Aber man will ja hier offenbar gerade Kontraste zwischen soften und brachialen Passagen schaffen. So fehlt aber der Payoff nach einer ruhigen Stelle im Song komplett. Stellt euch vor, das Album würde Anlauf nehmen und mit den Hufen scharren, nur um dann einigermaßen gemütlich auf euch zuzujoggen, statt einen vollen Sprint hinzulegen. Das klingt einfach fucking irritierend.

Um direkt mal einen Überblick zu bekommen, wie sich das alles auf das Album auswirkt, sind die ersten beiden Songs eigentlich direkt super geeignet. "What Will Become" hat ein extrem simples Gitarrenriff, nicht besonders viel Inhalt und setzt voll und ganz auf den Refrain, den man selbst im Vollrausch direkt nach einem mal Hören verinnerlicht haben dürfte. Sobald ein paar sehr nette Drums doch mal etwas Druck machen, wird das Tempo direkt hart ausgebremst, indem einfach mal ein paar Sekunden gar nichts passiert, außer dass ein wenig geflüstert wird - natürlich ohne entsprechenden Payoff im Anschluss. "Damaged" setzt auf genau dieselbe Formel: wenig Inhalt, simple Riffs - hey, sogar das Flüstern nach dem zweiten Refrain ist mit dabei! Minimale Unterschiede hören wir darin, dass das Riff doch etwas Cazares-typischer klingt, die Vocals in den Strophen dafür aber auch etwas unbeholfener. Finde ich an den ersten beiden Songs alles scheiße? Nicht unbedingt. Sie sind sogar ziemliche Ohrwürmer und nettes Fast Food für zwischendurch, aber eben auch extrem austauschbar.

Gerade als ich Angst bekomme, dass das ganze Album jetzt knallhart diesen Stil durchzieht und ich hier 11 mal den gleichen Song serviert bekomme, hält der Titeltrack doch etwas Variation bereit. Vor allem der ultramelodische Refrain weiß echt zu gefallen. Ja, das klingt schon sehr poppig, aber Burton C. Bell liefert seine ultracleanen Vocals hier gut ab und gerade solchen Momenten schmeichelt die Produktion natürlich besonders. "No One" ist da fast schon das perfekte Gegenbeispiel - einer der wenigen Versuche, durchgehend hart zu klingen, aber natürlich wird dafür niemals genug Druck aufgebaut. Die Vocals nähern sich mal wieder dem Nu Metalschen Sprechgesang an und alles in allem klingt "No One" wie ein "Edgecrusher" für Arme.

So, aber jetzt wird's endlich mal gut: "Linchpin" macht einfach Spaß und hat sich zurecht lange im Live-Set gehalten. Das charakterische Eröffnungsriff reißt einfach mit und hat nunmal wirklich das Zeug Metaler weltweit spätestens wenn der Sänger "Can't take me apart!" schreit zum Hüpfen zu bringen (und einen Teil vielleicht auch dazu, genervt mit den Augen zu rollen). Meiner Meinung nach ein starker Song, der ganz gut gealtert ist. Aber es wird sogar noch besser: "Invisible Wounds (Dark Bodies)" ist eine schön intensive Halbballade, welche über weite Strecken angenehm melancholisch klingt, zwischendurch aber auch einiges an Power aufbieten kann. Nichts davon steht im Widerspruch zum Konzept oder Sound des Albums, aber es zeigt, dass Fear Factory auch einigermaßen anspruchsvolle Nu Metal Songs kreieren können, bei denen man nicht nach einer Minute direkt weiß, wie der Rest des Songs klingt.

"Acres Of Skin" ist nicht mehr ganz so spannend. Es schlägt in eine ähnliche Kerbe wie "No One" und hat dementsprechend die selben Probleme. Wenn man mir in einem Monat einen von beiden Songs vorspielen würde, weiß ich auch nicht genau, ob ich sofort blind sagen könnte, um welchen von beiden es sich handelt. So, jetzt kommt der ultimative Aufreger des Albums: bei "Back The Fuck Up" experimentieren Fear Factory sehr stark mit Hip Hop und werden dabei sogar durch Rapper B-Real bei den Vocals unterstützt - wie können sie nur?! Ich vertrete jetzt einfach mal die unbeliebte Meinung, dass das Ganze gar nicht mal so schlecht geworden ist, wie es von vielen Fans im Nachhinein immer gemacht wurde. Burton C. Bell und B-Real harmonieren ganz gut, die Übergänge zwischen Metal und Hip Hop sind nahtlos und eine gewisse Härte ist hier ja doch raus zu hören. Fear Factory waren ja eigentlich schon immer offen für neue Genres, egal ob Hardcore Punk, Industrial Rock oder sogar ausgerechnet New Wave - warum also nicht auch Hip Hop? Würde ich mir ein ganzes Album in dem Stil kaufen? Nein! Würde ich "Back The Fuck Up" als absolutes Highlight auf "Digimortal" bezeichnen? Nein! Aber ich finde es insgesamt gelungen. Und es bringt etwas Abwechslung rein und die kann "Digimortal" ganz gut gebrauchen.

Mit "Byte Block" traut sich dann das erste Mal die 5-Minuten-Marke zu überschreiten - mit längerem Intro und allem. Das ist nicht schlecht, auch wenn ein guter Teil der Zeit tatsächlich durch das Intro und eine sehr lange, ruhige Passage, die sich ziemlich zieht, eingenommen wird. Der Rest klingt wieder ziemlich konventionell, kann mich aber durch seinen Refrain überzeugen. "Hurt Conveyor" mag ich auch ganz gerne. Hier wird vor allem auf Geschwindigkeit gesetzt und die wird deutlich besser transportiert als die "Härte" eines "No One". Eine richtig nette Überraschung gibt es dann zum Schluss. Man hat es sich bei aller Simplifizierung dann doch nicht nehmen lassen, das Album mal wieder mit einem langen und ungewöhnlichen Song zu beenden. "(Memory Imprints) Never End" ist langsam und klingt extrem kühl und melancholisch zugleich. Auch wenn das nicht den Nerv von jedem Fan treffen wird, bin ich sogar einigermaßen begeistert wie stark dieser Epilog klingt.

Oh, aber da war ja noch was: auch "Digimortal" kommt auf Wunsch als Digipack mit ein paar Bonustracks. Vier sind es an der Zahl und diesmal konnte ich nicht wirklich herausfinden, woher sie stammen und in welchem Kontext sie aufgenommen wurden - außer "Full Metal Contact", welches glaube ich Teil des Soundtracks für ein Rennspiel darstellt. Es ist ein recht kurzes Instrumental, welches aber gut nach vorne prescht und einen viel satteren Sound liefert, als man es von "Digimortal" gewohnt ist. Für ein Rennspiel sicher nicht der schlechteste Song, aber eben auch extrem simpel - selbst für ein Instrumental. Als nette Kuriosität aber ganz cool.

"Dead Man Waking" und "Repentance" sind beide ganz nett und überzeugen vor allem durch ihren ordentlichen Sound, der dem von "Digimortal" ebenfalls deutlich überlegen ist. Der Wechsel in den Vocals von heftigen Shouting und cleanem Gesang erinnert an eine Mischung der ersten drei Alben. Lediglich inhaltlich wirken sie etwas farblos. "Strain Vs. Resistance" reißt aber so richtig mit - Wow! Ordentliches Tempo und 3 ½ Minuten permanent auf die Fresse. Jetzt weiß ich wieder, was ich auf "Digimortal" vermisst habe.
Damit ist auch diesmal das Digipack die überlege Version des Albums. Vielleicht nicht absolut essenziell, aber zumindest wird man hier etwas entschädigt, wenn einem das Main-Album nicht hart genug war.

Auch wenn ich jetzt viel auf "Digimortal" und seinen Sound rumgehackt habe: komplett furchtbar finde ich es nicht. Es hat mich sogar ein paar mal positiv überrascht. Songs wie "Linchpin", "Invisible Wounds (Dark Bodies)" oder "(Memory Imprints) Never End" zeigen, dass Fear Factory auch im Nu Metal souverän agieren können und auch zwischendurch kommt immer mal wieder gute Laune auf, wenn man nicht unbedingt auf anspruchsvollen Metal aus ist. Die schwache Produktion ist allerdings schon ein fettes Minus und der Anteil an Songs, die lediglich als Filler taugen ist hier schon deutlich erhöht. Am Ende würde ich sagen, dass wir es hier mit Fear Factory Light zu tun haben. "Digimortal" ist eher mal was für Fans, die offen für ein paar Experimente sind. Neulinge steigen besser bei "Demanufacture" oder "Obsolete" ein und Nu Metal Fans dürften mit klassischen Nu Metal besser bedient sein.

Punkte: 6 / 10