Face Down The Will To Power (2005) - ein Review von DarkForrest

Face Down: Will To Power, The - Cover
1
Review
3
Ratings
8.67
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Thrash Metal


DarkForrest
23.03.2020 20:37

Ihr sucht noch einen Geheimtipp für ordentlichen aggressiven Thrash-/Deathmetal ohne viel Bullshit? Face Down könnte da Abhilfe schaffen. Während das Debüt "Mindfield" noch etwas langsam in die Gänge kam und auf Groove angehauchten Thrash à la Pantera setzte, ist den Schweden 1997 mit dem Nachfolger "The Twisted Rule The Wicked" ein absolutes Meisterwerk gelungen - geil ist da gar kein Ausdruck! Tja und das war's dann auch schon… vorerst.

2004 haben sich die Jungs dann neu gegründet, mit einer Demo zurückgemeldet und 2005 dann auch mit "The Will To Power" ein neues Album veröffentlicht. Tja und dann war's das auch schon fast wieder. 2008 gab's als letztes Lebenszeichen noch eine Split mit Remasculate (die ich eher so mittel fand) und 2011 war dann ganz schluss. War in der zweiten Phase die Luft raus? Nicht unbedingt. "The Will To Power" war damals das Album mit dem ich zu der Band gekommen bin und da ich mich dann sofort auf alles andere an Material gestürzt habe, kann es so scheiße nicht gewesen sein. Allerdings ist mir eine Sache damals entgangen: das Ding wurde auch in einer Version released, die mir die ganze Zeit so nicht bekannt war - eine DVD Box mit zwei zusätzlichen Songs von der 2004'er Demo, was ich jetzt kürzlich erst bemerkt habe. Holy Fuck! Natürlich habe ich direkt das einzige gemacht, was jeder vernünftige Mensch in der Situation machen würde, meine reguläre Version an einen anderen Metalhead weiter gegeben und mir besagte Special Edition geholt.

Wollen wir mal schauen, wofür ich den Extraplatz im Regal jetzt eingetauscht habe: "This limited Edition includes not only the ultra brutal Album "The Will To Power", but also an extra special DVD with three live Songs from the best and largest Metal Festival of Scandinavia… Sweden Rock Festival 2005. You will also get a "behind the scene" Photo Shot Gallery. Two Bonus songs are also included on the CD." Wow! Okay, um ehrlich zu sein: die Livesongs und Fotogallerie gab's auch auf der Version, die ich vorher hatte. Aber dafür gibt's hier neben einem hübschen Booklet im Großformat noch einen Sticker und ein Poster. Aber scheiß drauf - eigentlich ging's mir nur um Vollständigkeit und die beiden Bonus Songs.

Wo ich dem netten Text auf der Verpackung aber direkt recht gebe ist bei dem Prädikat "ultra brutal". Sänger Marco Aro scheint nach seiner Zeit bei The Haunted deutlich angepisster als vorher, die Gitarren klingen ordentlich knackig und die Härte wurde nochmal deutlich angezogen. Abwechslung ist zwar noch da und ganz selten gibt es mal etwas ruhigere Momente (also so für wenige Sekunden) ansonsten versucht die Band gar nicht erst die leisen Töne zu treffen. Stattdessen wird eher mit dem Monstertruck drüber gefahren.

Trotzdem hat "The Will To Power" etwas, was "Think Twice" nicht mehr hatte - ein ordentliches Intro. Der erste Song "Drained" prescht nämlich nicht direkt drauf los, sondern baut nach und nach an Intensität auf. Nicht, dass hier unnötig Zeit verschwendet wird oder so, aber so wird das Album wirklich gut eingeleitet. Überhaupt kann "The Will To Power" eins verdammt gut: die Reihenfolge und Platzierung der Songs macht durchweg Sinn und die Übergänge sind großartig. Klingt nach Kleinscheißerei aber hört euch das Album mal am Stück an und achtet drauf. Wird oft unterschätzt.

"Blood Tiles" schafft es sogar noch ein klein wenig mehr Härte aus der ganzen Nummer zu kitzeln und die Gitarren dreschen nur so auf einen ein, dass es eine wahre Freude ist. Für etwas mehr Abwechslung sorgt dann "Heroin" - sowohl textlich als musikalisch. Die hypnotische Melodie am Anfang und zwischendurch ist ein ziemliches Highlight, unerwartete Tempowechsel lassen hier nichts langweilig werden und Drogenkonsum dürfte ein einigermaßen frisches Thema für Face Down sein. Nicht zu vergessen Marco Aros Schrei nach ca. ⅔ des Songs.

"Insanity" setzt dagegen auf altbewährtes und kann dementsprechend auch nicht viel falsch machen. Tempo ist recht weit vorne, Refrain einprägsam und alles in allem ist der Song hochgradig moshbar. Als nächstes hätte wir meinen Nummer 1 Song, wenn ich mal richtig angepisst bin - seit mittlerweile über 10 Jahren - nämlich "The Will To Power", welcher sich mit einem der am miesesten gelaunten Serienmörder ever, Carl Panzram, beschäftigt und sein Zitat "I wish you all had one neck and that I had my hands on it." mal eben zum Refrain macht. Musik und eingestreute Zitate gehen hier super Hand in Hand und ganz langsam klingt es mit Pianogeklimper aus, welches gleichzeitig das Intro für "Grey" ist - wie gesagt: klasse Übergänge. "Grey" beginnt dann sehr melancholisch wechselt aber geradeso noch in gutturalen Gesang bevor man sich wundern kann. Ziemlich coole Leistung, traurig melodische Elemente mit dem brutalen Sound der Band so gut und nahtlos unter einen Hut zu bringen. Die Lyrics, welche vor Trauer und Wut nur so strotzen, tun dazu ihr übriges.

Mut "Heretic" hätten wir dagegen wieder etwas mehr Business as usual zu einem von Face Downs Lieblingsthemen - das Christentum. Musikalisch wird hier alles geboten, was "Insanity" auch schon auf dem Kasten hatte. Das ist okay, aber "The Delusion" bietet da zumindest ein wenig mehr Abwechslung mit seinem gesprochenen Intro und dem leicht abgehackten Gesang.

Mit "War Hog" wird gegen Ende nochmal richtig aufgedreht - herrlich übertriebene Nummer, bei der Marco Aro sich komplett die Seele aus dem Leib schreit. Den Abschluss des regulären Albums bietet dann "The Unsung". Nichts experimentelles wie "One Eyed Man" auf "Mindfield" oder "With Unseeing Eyes" auf "The Twisted Rule The Wicked" aber doch mit deutlich langsameren Tempo als die restlichen Songs. Schöner Abschluss.

Zum Schluss bleiben nur noch die beiden Bonus Songs "My Sacrifice" und "Strife", die neben "Heretic" auf der 2004'er Demo, an die ich nie dran gekommen bin, zu hören waren. Zumindest kann ich verstehen, dass man sich dafür entschieden hat "Heretic" auf das Album zu nehmen, da das ganz klar der ausgereifteste der drei Songs ist. Schlecht sind die anderen trotzdem beide nicht. Am ehesten mag ich noch "My Sacrifice" als gutes und kompromisslose Headbangmaterial ohne viel drum herum. "Strife" klingt dagegen ein klein wenig unfertig, aber trotzdem noch gut hörbar.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die DVD. Der Inhalt ist leider echt mager. Warum nur drei live Songs? Trotzdem weiß ich die Aufnahmen zu schätzen, denn so leicht findet man gar kein Livematerial der Jungs. Und was soll ich sagen: sie machen ihre Sache gut. Insgesamt geht der Sänger recht brutal zur Sache, was dazu führt, dass er bei der etwas schnelleren Nummer "Life Relentless" nicht jeden Ton trifft, aber dafür gibt er dem damals auf "Mindfield" noch etwas ruhigeren "Holy Rage" eine ganz andere Richtung - definitiv mehr Rage als Holy. Und hey: selbst "My Sacrifice" geht hier ziemlich gut nach vorne. Ein paar Kleinigkeiten passen vielleicht nicht ganz. Zum Beispiel klingen die Background Vocals echt beschissen - autsch. Und was ist mit dem Publikum los? Wo sind die Moshpits? Warum zerlegen sich die Leute nicht gegenseitig? Wenn ich die Chance gehabt hätte die Band mal live zu sehen würde ich nicht nur dastehen und ein wenig headbangen. Überhaupt wirkt der ganze Rahmen recht klein für "The best and largest Metal Festival of scandinavia", auch wenn sie das Ding jetzt sicher nicht geheadlined haben. Und die schwedischen Ansagen von Aro sind doch echt nett. Ansonsten gibt es zum Schluss nur noch eine Fotostrecke in der man die Band in irgendwelchen Sanddünen klettern und posieren sieht unterlegt mit einem endlos Loop von "Heroin" - okay.

Gut, das Bonusmaterial holt jetzt nicht wahnsinnig viele Punkte raus. Das ist aber auch nicht unbedingt nötig, denn "The Will To Power" ist für sich genommen schon ein fantastisches Album. Face Down haben endlich die Härte und Power erreicht, die der Musik genau gerecht wird ohne, dass es stumpf und uninspiriert klingt wie auf "Think Twice". Die Songs wirken hier alle noch sehr durchdacht und haben hier und da ein paar auflockernde Elemente. Kein Song klingt hier nicht gut. Einziges Manko wäre für mich, dass im direkten Vergleich zum perfekten Vorgänger ein bisschen Abwechslung fehlt. Songs wie "Heretic", "Insanity" oder "Blood Tiles" sind für sich alle nett, leisten zusammen aber irgendwann kaum noch einen neuen Beitrag zum Gesamtkunstwerk. Trotzdem: wenn ihr härteren Metal mögt - hört euch den Scheiß unbedingt an!

Punkte: 9 / 10