Ewigheim Schlaflieder (2016) - ein Review von DarkForrest

Ewigheim: Schlaflieder - Cover
1
Review
2
Ratings
7.75
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal


DarkForrest
05.07.2020 21:33

Auch wenn ich kein besonders großer Fan der kalten Jahreszeit bin, hat diese doch einen gewissen Reiz: es besteht immer die Chance, mit neuem Material von Ewigheim verwöhnt zu werden. Außer "Bereue Nichts" und die zugehörige "Dürrer Mann" EP sind bis jetzt nämlich sämtliche CDs der Thüringer im Herbst oder Winter released worden, was ja auch perfekt zu den melancholischen Alben passt. Nachdem uns zwei Jahre zuvor mit "24/7" das Warten auf das nächste "richtige" Album mehr als versüßt wurde, war es im Herbst 2016 dann endlich soweit: "Schlaflieder" stand vor der Tür.

Ich hatte mir das Album direkt vorbestellt und mir voller Vorfreude aufgehoben, um es nach Feierabend auf dem Weg von der Arbeit nach Hause zu hören. Die Atmosphäre war perfekt: es war herbstlich, wurde langsam dunkel, leicht neblig und ich ließ mich knapp 50 Minuten von den Klängen von Ewigheim einlullen. Tja und ganz am Ende war ich erstmal richtig enttäuscht. Es gab vielleicht 1 - 2 Songs, denen ich direkt etwas abgewinnen konnte. Der Rest war mir zu energielos und zu wenig abwechslungsreich. Aber ich weiß ja, dass manche Songs etwas länger brauchen und ich habe der CD noch ein paar Durchläufe gegeben. Wenig später war ich dann doch in die "Schlaflieder" verliebt.

Was war passiert? Ich denke ich bin einfach mit den falschen Erwartungen an das Album herangegangen. "24/7" war voller Power und in den neuen Songs mehr als abwechslungsreich. "Schlaflieder" schaltet ein paar Gänge runter, fährt seinen ruhigen Stil aber dafür sehr konsequent. Während "Nachruf" ein etwas seltsamer Kompromiss zwischen hart und zart war, gibt es jetzt wieder eine Menge Balladen. Manch einer mag da an das gute alte "Heimwege" denken, aber auch wenn sich Fans dieses Albums sicher auch von "Schlaflieder" angesprochen fühlen dürften, wird hier weniger herumexperimentiert. Ewigheim behalten hier ihren Stil, auf den sie sich auf "Bereue Nichts" geeinigt und welchen sie danach kultiviert haben bei und schaffen damit ein ruhiges und verträumtes Album, was auch eine ordentliche Leistung ist.

Etwas, was auf "Schlaflieder" besonders auffällt, ist der rote Faden. Nicht nur musikalisch geben sich Yantit, Allen B. Konstanz und Schwadorf konsistenter als bisher, auch thematisch soll sich diesmal viel um Schlaf und (geplatze) Träume drehen. Und wer genau hinhört, wird bestimmte Elemente finden, die gleich in mehreren Songs auftreten - sei es die Anrede des Hörers als "Mein Freund" oder die Metapher des süßen Weines, von dem man sich auch schnell mal übergeben muss, wenn man nicht vorsichtig ist - um mal nur zwei zu nennen. Besitzer des Digipacks bekommen diesmal übrigens nicht nur einen, sondern gleich zwei Bonustracks - es lohnt sich also zu dieser Variante zu greifen.

So, vier Absätze gelabert und noch auf keinen Song eingegangen. Den Anfang macht konsequenterweise gleich das "Schlaflied". Auch hier gibt es kein großes Intro, sondern das Album legt direkt los, was aber okay ist und deutlich besser funktioniert als noch auf "Nachruf" mit "Zwischen Menschen". Das ruhige "Schlaflied" führt wirklich behutsam in's Album ein und wird netterweise tatsächlich von Konstanz so ähnlich wie ein Schlaflied vorgetragen, was gleich mal Innovationspunkte gibt und erstaunlich gut funktioniert. Man weiß wirklich, dass man ein ruhiges Album vor sich hat, wenn ein Song im gemütlichen Midtempo wie "Himmelsleiter" im Vergleich eine der schnelleren Nummern ist. Obwohl wir auch hier sicher eher mal geringe Metalanteile haben, setzen die Gitarren doch in den richtigen Momenten sehr schöne Akzente, halten sich aber auch im richtigen Moment im Hintergrund.

Etwas schwerer tu ich mich da schon mit dem knapp 5 ½ minütigen "Mondlied". Es ist lang, schwer, träge, hat diesen hypnotischen Rhythmus und einen passend deprimierenden Text. Insgesamt passt es zwar in allen Belangen wunderbar auf "Schlaflieder", lässt mir aber dafür, dass es sich so zieht ein paar auflockernde Momente vermissen. Ich meine damit jetzt nichts, was die gesamte Atmosphäre stört, aber wenn ich im Vergleich "Stahl Trifft Kopf" oder "Am Meer" höre, dann wird mir dort die Zeit etwas kreativer genutzt. Auch "Ein Stück Näher" ist nicht ganz einfach. Wir haben hier ein paar sehr rockige Gitarren, die das Album etwas auflockern und ein bisschen Tempo hineinbringen. Leider wirkt ein Großteil der musikalischen Untermalung doch etwas austauschbar. Trotzdem hat der Song seine Momente. Gerade in den Passagen, in denen selbige soweit zurückgefahren wird, dass Konstanz fast auf sich allein gestellt ist und dabei einen verdammt guten Job macht, horche ich doch interessiert auf.

Wirklich fesselnd wird es dann wieder bei "Einmal Noch" und Ewigheims Beweis, dass sie es mittlerweile drauf haben, ihre Balladen zu perfektionieren. Die Formel aus ruhigen Strophen und Refrain mit schweren Gitarren geht hier voll auf. Dann wird das ganze noch sehr emotional vorgetragen und wir haben beste Gänsehautgarantie. Auch "Dies Ist Der Preis" trifft voll in's schwarze. Obwohl wenn wir hier weit vom Doom Metal entfernt sind, klingt der Song angenehm düster und schwer. Erreicht wird das durch ziemlich cleveres Songwriting und gutes Timing der einzelnen Elemente. Genau wegen solchen Songs sind mir die "neueren" Alben ab 2012 lieber als die Klassiker. Im Anschluss gibt es den einen Song, der bei mir direkt beim ersten Hören zünden konnte, nämlich "Besessen Und Entseelt" - natürlich der Song, der auf diesem Album am meisten Gas gibt - wie sollte es auch anders sein? Aber was soll ich sagen: Hier ist es wirklich schwer ruhig zu bleiben und ich war fast schon erstaunt, "Besessen Und Entseelt" bei der Livetour zu "Schlaflieder" nicht zu hören. Worauf es aber letztlich bei so gefälligen Songs auch ankommt: er hat den Test der Zeit bestanden, sich wenig abgenutzt und nervt auch nach knapp 4 Jahren noch nicht.

"Wir, Der Teufel Und Ich II" ist eher thematisch als musikalisch eine Fortsetzung zum ersten Teil auf "24/7". Im Gegensatz zu episch - orchestralen Klängen gibt es diesmal eine ruhige (ja wie sollte es auf "Schlaflieder" auch anders sein?) Elektroballade, die mich sogar ein wenig an Samsas Traum erinnert, zumindest erscheint mir die Vorstellung, Alexander Kaschte genau diesen Song singen zu hören, nicht komplett abwägig. Das Konzept geht aber auf und ganz nebenbei wird etwas Abwechslung geschaffen, ohne am Tempo etwas drehen zu müssen. Den Abschluss des regulären Albums bietet ein Song, der einfach nur "..." genannt wurde, da er laut Konstanz "sprachlos machen" soll - okay. Am Ende geben sich Ewigheim hier tatsächlich erstaunlich ernst - jeder einzelne Pianoanschlag scheint hier mit Bedacht gewählt und der ebenfalls sehr ernste Text kommt dieses Mal ohne die übliche Portion Sarkasmus und schwarzen Humor aus. Das trägt dazu bei, dass das ganze Album ähnlich wie "Heimwege" nicht so gut einfach mal so am Stück zu hören ist, ist in der Umsetzung aber gut gelungen.

Mit den beiden Bonustracks gibt's auf der anderen Seite als Zugabe noch etwas Classic Ewigheim. "Des Teufels Schönstes Kind" macht einfach nur Spaß zu hören und hätte gut auf "Bereue Nichts" gepasst und mit "Negativ" gibt sich die Band mit einem Augenzwinkern ihrer pessimistischen Grundhaltung hin, ein wenig wie bei "Mal Ehrlich" nur mit etwas soliderer musikalischer Grundlage. Durch die überdurchschnittliche Songlänge ist "Schlaflieder" damit dann nach 9 bzw. 11 Songs auch schon gut ausgefüllt.

Ich muss sagen, dass ich ziemlich beeindruckt bin. Es kommt nicht oft vor, dass so ein fast durchgängig ruhiges Album mir so ein breites Lächeln auf's Gesicht zaubert. Die ersten Anlaufschwierigkeiten wundern mich im Nachhinein nicht, denn rein musikalisch ist das meiste hier softer als ich es gewohnt bin. Das braucht bei mir immer ein bisschen. Dafür wurde "Schlaflieder" mit jedem Mal hören für mich besser und hat sich auch heute noch nicht abgenutzt. Trotzdem ist es ähnlich wie "Heimwege" kein Album, welches ich mir immer gut am Stück geben kann, dafür ist es mir dann doch zu düster - schwer. Kleinere Makel finden sich tatsächlich nur in recht seltenen Momenten, die nicht ganz meinen Geschmack treffen und natürlich bleibt diesmal die Abwechslung etwas auf der Strecke - dafür gibt's 'nen stabilen roten Faden und manchmal kann man eben nicht beides haben. Unterm Strich bleibt "Schlaflieder" aber nach wie vor ein sehr gutes Album.

Punkte: 8.5 / 10