Ewigheim Heimwege (2003) - ein Review von DarkForrest

Ewigheim: Heimwege - Cover
1
Review
10
Ratings
8.90
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic: Gothic Rock


DarkForrest
21.05.2020 19:43

Ewigheim haben mit "Mord Nicht Ohne Grund" ein ganz gutes, aber doch auch etwas ausbaufähiges Debüt hingelegt. Nach gerade einmal zwei Jahren sollte dann schon mit "Heimwege" die Fortsetzung folgen und für gut acht Jahre das letzte Album bleiben. Nun sind Ewigheim nach wie vor eine durchaus abwechslungsreiche Band, doch während sie seit ihrem Comeback 2012 auf einen recht konsistenten Stil setzen, klingen die ersten beiden Alben… anders.

"Mord Nicht Ohne Grund" war ziemlich experimentell, bunt zusammengewürfelt und roh. "Heimwege" ist dagegen das mit Abstand ruhigste Album der Band. Und ja: das hat mich tatsächlich abgeschreckt und dazu geführt, dass ich lange Zeit nur einzelne Songs ausgiebig gehört habe, während ich dem Album als Gesamtwerk kaum eine Chance gegeben und mir stattdessen lieber immer wieder das neuere Material gegeben habe, wenn es mal Ewigheim sein sollte. Dabei gibt sich das Album nach außen doch recht selbstbewusst: der Sticker, der auf dem Digipack klebt, sagt mir "Featuring Members of: Eisregen and The Vision Bleak… erinnern die Songs zuweilen an ruhigere Rammstein - Stücke oder warten mit einem (Gothic -) Doom - Einschlag der Marke Type O Negative auf.". Na das nenne ich mal Namedroping! Außerdem haben wir laut Booklet neben Eisregens Theresa "2T" Trenks an der Geige noch ein ganzes fucking Streichensemble unter der Leitung von Allen B. Konstanz am Start. Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt's auf Wunsch diesmal sogar eine zweite Bonus - CD. Am Ende dürfen wir zwar beruhigt feststellen, dass wir es hier nicht mit einem Rammstein - oder Type O Negative - Ripoff zu tun haben, sondern sich die Band weiterhin ihren eigenen Stil bewahrt hat. Auf der anderen Seite gibt man sich hier sowohl musikalisch als auch textlich anspruchsvoller als mir das auf allen anderen Ewigheim Alben aufgefallen ist - manchmal auch mehr als es dem Album gut tun würde.

Ruhige Songs, Balladen, eine düstere und nachdenkliche Grundstimmung: alles nichts ungewöhnliches bei Sänger Allen B. Konstanz und Texter Yantit. Allerdings nimmt das hier wirklich schon extreme Ausmaße an. Die ganz ruhigen Stücke sind hier keine Ausnahme, sondern durchaus häufig vertreten und Gitarre und Schlagzeug werden dafür deutlich mehr geschont als sonst. Auch textlich macht sich das bemerkbar. Vor allem der schwarze Humor und die teils recht grotesk dargestellten Situationen des Vorgängers aber auch der neueren Alben fehlen hier fast komplett. Dafür sind die Texte düsterer und melancholischer denn je. Manche mögen "Heimwege" genau dafür. Allerdings ist es so natürlich auch gerne mal recht schwere Kost, die einen ganz gut runterziehen kann.

Beispielhaft dafür ist schon das dezente "Vorspiel", welches das Album ganz ruhig einleitet - anders als der merkwürdige "Einlauf" des Vorgängers. So richtig los geht's dann aber mit "Das Rad Der Käfer" und wahrscheinlich auch dem Grund, warum irgendjemand darauf gekommen ist, Ewigheim mit Type O Negative zu vergleichen. Alles läuft hier sehr langsam. Die Gitarren klingen fast schon doomig, die Vocals eher hypnotisch. Ganz dezent mischen sich auch gleich die ersten Streichinstrumente zusammen mit dem Keyboard in den Hintergrund. Für mich persönlich ist das "ganz gut". Ich kann hier wirklich nichts finden, was ich objektiv bemängeln könnte und ich kann auch grundsätzlich mit diesem Tempo etwas anfangen, aber um es mir wirklich oft und gerne anzuhören ist es mir zu monoton.

Ganz anders sieht es mit "Der Tanz Der Motten" aus. Meine Güte - Ich liebe "Der Tanz Der Motten". Von den Gitarren her sehr rockig geraten ist es ein absoluter Ohrwurm, der trotzdem nie nervt und textlich für mich als gelungene Metapher genau on Point. Einer dieser Songs, die irgendwie nie alt werden. Wirklich schräg wird es dann mit "Mondtier" - einer von mehreren Songs, die komplett ohne Gitarre auskommen. Stattdessen geben die Synthesizer und die traurige Violine dem Song einen sehr eigenwilligen Touch. Ewigheim haben sich hier jedenfalls sehr weit aus ihrer musikalischen Comfort Zone gewagt. Ich habe hier fast schon das Gefühl Element Of Crime zu hören. Davon abgesehen eignet sich der Song perfekt dazu, innerhalb kürzester Zeit deprimiert zu werden, falls das als etwas positives zu werten ist.

"Leib Im Laub" hebt weder die Stimmung noch das Tempo, aber zumindest erinnert die Gitarren daran, dass wir es doch noch mit einem Gothic Metal Album zu tun haben. Diese angenehm schweren und schleppenden Gitarrenriffs sind auch gleichzeitig das, was den sonst etwas eintönigen Song rettet und ihm sowas wie ein Alleinstellungsmerkmal gibt. "Humus Humanus" ist wahrscheinlich der Song, der am ehesten nach klassischem Ewigheim klingt. Schön melodisch und eine fröhliche beschwingte Atmosphäre mit fröhlichem Text, der von Bienen, Blumen und Natur handelt: erwachsen aus einer verwesenden menschlichen Leiche - genau mein Humor. (-:

Wirklich ambitioniert gibt sich dann "Der Prophet". Hier wird versucht Metal mit klassischer Musik zu mischen. Auch wenn Bands wie Fleshgod Apocalypse das mittlerweile etwas spannender inszenieren können, bin ich zum größten Teil doch ziemlich beeindruckt vom Ergebnis. Dafür, dass Ewigheim vor allem damals nur ein recht kleines Sideproject war klingt das doch alles ziemlich episch. Auch der Gesang von Konstanz in den Strophen, der zwischendurch ein bisschen nach Dennis Mikus von Eisheilig klingt, ist mal was neues. Zu viel des Guten wird es mir erst gegen Ende. Die Passage mit dem Operngesang würde noch irgendwie klargehen, aber wenn zum Schluss Konstanz dann selbst versucht das Ding in dem Stil zuende zu bringen: Nope, dafür geben seine Gesangskünste nicht genug Variation her, auch nicht mit Unterstützung vom Heldentenor an seiner Seite.

Wie könnte man dieses Album jetzt perfekt abschließen? Mit einer sehr langsam, langen und traurigen Hardcore - Ballade? Warum nicht gleich mit zwei davon? "Odem" treibt dieses Konzept besonders weit und hätte eigentlich besser ganz an das Ende gepasst. Hier haben wir als Instrumentale Begleitung lediglich Piano und Violine, was den Gesang ganz gut hervor hebt. Ganz gelungen, aber mal wieder einmal eher schwere Kost. Der Abschluss "Heimweg" ist nicht unbedingt leichter und fröhlicher, aber musikalisch etwas breiter aufgestellt. Mit 6.35 Minuten aber für mich persönlich zu lang. Dafür ist nicht genug Grundlage da, um mein Interesse die ganze Zeit bei dem Song zu lassen.

Da "Heimwege" als einziges Ewigheim Album eine Bonus CD hat, sind wir hier aber noch nicht fertig. Für Fans des Vorgängers dürften die 4 Bonus Tracks interessant sein, denn sie heben sich doch sehr vom Hauptalbum ab und fahren genau die experimentelle Schiene, die zuvor "Mord Nicht Ohne Grund" gefahren ist.

"Im Leib Der Wahrheit" konzentriert sich zum Beispiel wieder sehr auf elektronische Elemente und hat wie schon die Songs auf "Mord Nicht Ohne Grund" zu leise Vocals. Ganz nette Auflockerung und auf der "B-Seite" mehr als okay, aber kein Song, der lange in Erinnerung bleibt. Ganz im Gegensatz zu "Der Bauer Im Ruin" mit seinem ganz leichten Country Touch. Das ist nicht nur sehr innovativ, sondern bringt auch einen der mitsingbarsten Refrains von Ewigheim mit, den man sich vorstellen kann - echt klasse.

"Nur Meine Liebe Zählt" klingt dagegen fast gar nicht mehr nach Ewigheim - besteht es doch so gut wie nur aus ein paar treibenden Beats und ein paar Samples. Definitiv nicht das, was ich erwarten würde, wenn ich mir Ewigheim anmache, aber auf der Bonus CD gut aufgehoben. Wer Lust auf skurrile Texte und wilde Experimente bei den Vocals hat und vielleicht auch den Hidden Track auf "Mord Nicht Ohne Grund" mochte, kommt mit "Wenn Schweine Fliegen" nochmal auf seine Kosten.

Die Bonus CD bietet vielleicht quantitativ nicht viel, aber ist doch ein sehr sinnvolles Extra für alle, die mal ein wenig Abwechslung vom eigentlichen Album brauchen und die letzte Gelegenheit für Fans erster Stunde nochmal die ganz klassische Urform von Ewigheim zu hören.

"Heimwege" als Gesamtkunstwerk hat sich für mich dann doch besser geschlagen, als ich es in Erinnerung hatte. Ich habe es wirklich etwas zu Unrecht so lange vernachlässigt. Es ist definitiv weniger eintönig als ich dachte und so mancher Song sticht doch sehr positiv heraus. Auch wirkt es im Vergleich zum Vorgänger abgerundeter und technisch ausgereifter. Man muss die Jungs auch für ihren Mut loben, so sehr auf ihr Streichensemble und ruhige Balladen zu setzen und damit vielleicht dem einen oder anderen, der hier mehr Metal erwartet, vor den Kopf zu stoßen. Trotzdem kommt mir "Heimwege" manchmal etwas zu hochtrabend daher und wird den eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht. Ja: die Texte sind interessanter und tiefgründiger als vieles im deutschsprachigen Metal und bieten definitiv mehr als das meiste im NDH Bereich, sind aber auch nicht gerade hochintellektuell oder eignen sich, um stundenlang darüber zu philosophieren. Und klar: musikalisch ist "Heimwege" recht innovativ, aber auch nicht gerade hochkomplexer Progressive Metal.

Am Ende des Tages bin ich ganz froh, dass Ewigheim ihren Sound noch einmal geändert und auf etwas zugänglichere Alben gesetzt haben, auch wenn ich für diese Meinung von Fans des Albums sicherlich mit Tomaten beworfen werde. Das heißt nicht, dass ich "Heimwege" nicht mag. Im Gegenteil: an manchen Stellen ist es großartig. Allerdings muss ich auch wirklich in Stimmung für genau die doch recht spezielle Atmosphäre dieses Albums sein. Außer "Der Tanz Der Motten", "Humus Hunanus" und evtl. "Der Prophet" eignet sich hier recht wenig für eine Ewigheim - Playlist. Am Stück hört es sich besser. Allerdings kann ich es mir auch nicht besonders oft in kurzer Zeit am Stück geben. So bleibt es natürlich irgendwo etwas ganz besonderes und ich bin froh, dass es "Heimwege" gibt. Ein zweites Album in dem Stil hätte ich aber auch gar nicht gebraucht. Was bleibt ist eine Steigerung zu "Mord Nicht Ohne Grund" und immer noch etwas Luft nach oben.

Punkte: 7 / 10


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