Eisbrecher Zehn Jahre Kalt (2014) - ein Review von DarkForrest

Eisbrecher: Zehn Jahre Kalt - Cover
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1 Review
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1 Rating
4.00
∅-Bew.
Typ: Compilation/Best-Of
Genre(s): Metal: Industrial Metal


DarkForrest
28.08.2021 06:25

Dass Eisbrecher mit "Die Hölle Muss Warten" ein Album auf ihre Fans losgelassen haben, dass zumindest in meinen Augen die Standards der Band nicht so richtig erfüllen kann, hatte ich ja bereits im entsprechenden Review erwähnt. Allerdings sieht es auch drum herum etwas mager aus. Zwar gab es die eine oder andere (Promo-) Single, die aber fast allesamt inhaltlich wenig zu bieten hatten. Außer der "Verrückt"-Single findet man als Fan eigentlich nichts, was irgendetwas beinhaltet, was nicht eh schon auf dem "Miststück Re-Release" vom eigentlichen Album vertreten ist.

Eine kleine Kuriosität aus der Zeit rund um "Die Hölle Muss Warten" konnte ich dann aber doch noch ausfindig machen - eine Compilation namens "Zehn Jahre Kalt", welche für den internationalen Markt konzipiert und in der Form glaube ich nie in Deutschland veröffentlicht wurde. Das Booklet deutet darauf hin, dass die CD speziell die amerikanischen Fans beglücken sollte. Und warum auch nicht? Eisbrecher machen ja an sich ordentliche Musik und klar gibt es sicher auch einige amerikanische Hörer, die ordentliche Neue Deutsche Härte zu schätzen wissen.

Was ich aber bis heute nicht raffe ist, welches Konzept jetzt genau hinter "Zehn Jahre Kalt" stecken sollte. Ich meine im Prinzip wäre ja der logischte Schritt, einfach eine Best Of über den Atlantik zu schicken. Wenn man cool sein will, dann vielleicht eine mit Songs, von denen man glaubt, dass sie bei den US-Fans besonders gut ankommen. Okay, nach welchen Kriterien man das jetzt auswählen würde, weiß ich auch nicht, aber trotzdem… Und wenn man richtig cool wäre, würde man vielleicht sogar extra einen englischen Song nur für diese Best Of aufnehmen. Aber was weiß ich schon? Eine Best Of, die diese Bezeichnung verdienen würde, kam zum Beispiel 2011 raus und nennt sich "Eiskalt". Wir hätten hier zwei CDs, eine gute Auswahl an Songs, ein paar Remixes und das eine oder andere Video. Und das beste: "Die Hölle Muss Warten" war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf dem Markt, sodass man von dessen Songs sogar verschont wird.

"Zehn Jahre Kalt" geht für mich aber nie und nimmer als klassische Best Of durch. Das zeigt sich schon an der mageren Zahl von 10 Songs. Ich will jetzt nicht gierig klingen, aber eine Best Of sollte nicht kürzer sein als jedes Album, was die Band bis dato veröffentlicht hat. Auch die Auswahl der Songs zeigt recht schnell, dass das hier in eine ganz andere Richtung geht. In welche, weiß ich aber auch nicht so genau, also splitte ich sie einfach mal in drei Kategorien auf: 4 Songs sind einfach nur das "Miststück" Upgrade von "Die Hölle Muss Warten", 3 Songs sind Remixes und 3 Songs sind neue Versionen alter Songs. Immerhin: die Remixes und neuen Versionen sind tatsächlich exklusiv auf "Zehn Jahre Kalt" zu finden.

Damit wird die Zielgruppe sogar noch spezieller. So richtig sehe ich nicht, warum das die CD für einen internationalen Hörer sein sollte, der sich mal eben einen Überblick über das Schaffen der Band machen möchte - zumal sich 8 von 10 Songs auf "Die Hölle Muss Warten" beziehen. Als deutscher Fan, der alle Alben bei sich rumliegen aber sonst nichts besseres zu tun hat, als auch noch den letzten merkwürdigen Remix auseinander zu nehmen, spricht mich diese merkwürdige CD dagegen schon eher an. Also auf geht's!

Fangen wir aber erst mal mit dem langweiligen (da schon bekannten) Part an: das "Miststück"-Upgrade. Wir haben hier natürlich das namensgebende "Miststück 2012" - quasi eine moderne Version von Megaherz' Megahit "Miststück", dass auch heute noch auf keinem Megaherz-Konzert fehlen darf. Und da es noch unter Alexx entstanden ist, war es damals auf Eisbrecher-Konzerten ebenso willkommen. Jetzt haben Megaherz nicht nur einen leicht anderen Sound als Eisbrecher, auch war das "Kopfschuss"-Album damals schon ordentlich alt, was es absolut gerechtfertigt hat, den Song nochmal mit modernen Eisbrecher-Sound aufzunehmen.

Ebenfalls noch interessant ist "Metall", welches erstaunlich Arsch tritt und gerade zum poppigen Main-Album musikalisch einen ganz guten Kontrast schafft, aber einen doch recht peinlichen und selbst für NDH-Verhältnisse plumpen Text hat… Hey: vielleicht ist das genau ja ein gutes Kriterium für eine internationale Veröffentlichung! (-;
Bleiben zum Schluss nur noch das poppige "Wenn Zeit Die Wunden Heilt" und das rockige "Zu Leben" - zwei überaus durchschnittliche Songs, mit denen ich nie ein Problem hatte, für die ich mir aber das Album nicht nochmal separat im Re-Release gekauft hätte.

Da ich eh schon die "Miststück-Edition" von "Die Hölle Muss Warten" habe, bringt mir dieser Part von "Zehn Jahre Kalt" zwar nichts, aber immerhin: wer nur die reguläre Version im Schrank stehen hat, würde hier direkt ein besseres Upgrade bekommen als wenn er sich das Album noch ein zweites Mal holt. Spannender wird es für mich aber bei den neuen Versionen bekannter Songs, wobei "neue Versionen" nicht heißt, dass sie das "Miststück"-Treatment bekommen haben und neu eingespielt wurden, sondern eher mal, dass wir es hier mit unterschiedlich stark bearbeiteten Versionen der Originalsongs zu tun haben.

Am auffälligsten wäre da direkt "Eisbrecher 2013", welches ganz klar als modernere und aufgemotztere Version des Klassikers gedacht war. Im Gegensatz zu "Miststück" nicht ganz so notwendig, da das Original selbst heute noch zeitgemäß klingt und soundtechnisch nicht großartig von Eisbrecher des Jahres 2013 abweicht, aber mir würden jetzt auch schlechtere Kandidaten für so ein Unterfangen einfallen. Alles in allem passt diese Version ganz gut, obwohl ich das Original immer noch bevorzuge. Alles klingt jetzt etwas action- und effektreicher, jedoch auf Kosten der typisch kalten Atmosphäre. Als Ersatz für die 2004'er Version also nur mäßig geeignet, aber als Alternative für etwas Abwechslung völlig okay.

Weniger aufregend ist dagegen der Neuschnitt von "Adrenalin" - eine nur leicht modifizierte Version des Klassikers aus dem Jahr 2006. An sich haben wir es hier ja mit einem geilen Song auf einem geilen Album zu tun, aber man muss schon ganz genau hinhören, um akustische Unterschiede beim Neuschnitt auszumachen. Da ich am Original nichts auszusetzen habe, mag das nicht unbedingt schlecht sein, schmälert aber natürlich den Neuigkeitswert dieser Version.

Und schließlich hätten wir noch den "Darcut" von "Rette Mich" - einem unangenehm schmalzigen Song auf "Die Hölle Muss Warten". Ich weiß zwar nicht, was ein "Darcut" sein soll, aber ich frage mich tatsächlich gerade mehr, warum man ausgerechnet eine neue Version von "Rette Mich" auf den unschuldigen Hörer in den USA loslassen musste - zumal es selbst auf dem Album nur ein klassischer Filler war, der in der Masse an Songs schnell unterging. Und wie ihr euch schon denken könnt: viel wurde auch hier nicht verändert. Er ist insgesamt etwas kürzer (okay, kleine Verbesserung) und wurde gefühlt etwas vereinfacht, aber auch hier muss man schon genau hinhören, um den Unterschied zu hören.

Etwas mehr Substanz haben da schon die drei exklusiven Remixes - einmal "Prototyp" und zweimal "Verrückt". Wenig überraschend, dass das die zwei Hits des Albums sind und damit die einzigen beiden Songs, bei denen sich glaube ich alle einig sind, dass die was taugen, aber wahrscheinlich auch besser so, dass die Wahl nicht auf sowas wie "Rette Mich" gefallen ist.

Der "Daniel Myer Rmx" von "Prototyp" richtet sich nach dem Schema, das man von einem typischen Eisbrecher-Remix erwarten würde - er lässt die Vocals und Struktur des Songs in Ruhe, macht aber alles irgendwie elektronischer und tanzbarer. Bei einem Song wie "Prototyp" passt das aber ganz gut. Als netten Bonus gibt's gegen Ende sogar noch 'ne kleine Dubstep Bassline. Damit ist der Remix ganz nett und aus Mangel an besseren Remixes von "Prototyp" ist es sogar gut, dass er existiert.

Bei "Verrückt" hätten wir einmal den "Maxwell Smart Remix", der ebenfalls der typischen Eisbrecher-Remix-Formel folgt. An sich ist das okay, weil er trotz Elektro-Betonung noch deutlich anders klingt als der schon bekannte Remix von Combichrist auf der entsprechenden Single und damit einen etwas entspannteren eigenen Stil abdeckt. Allerdings tut es ihm nicht unbedingt gut, dass er die Vocals unverändert lässt. Spätestens im Refrain harmoniert das ganze nicht mehr richtig mit der Musik und das hält den Remix etwas zurück.

Bleibt nur noch der "Breakout Mix" - ebenfalls von "Verrückt" und ja: das einfache Konzept von einem Remix wird hier wirklich dreimal unterschiedlich benannt (Mix, Remix und Rmx). Ich muss ganz klar sagen, dass mir der "Breakout Mix" am besten gefällt. Der Stil ist ziemlich eigen und schwer zu beschreiben, macht aber Laune und - behold! - es wurden sogar teilweise die Vocals editiert. Nicht viel, aber das reicht schon, um die ganze Geschichte deutlich interessanter zu machen.

Jetzt stellt sich nur noch eine Frage: Wie bewertet man sowas wie "Zehn Jahre Kalt"? Vor allem, wenn man nicht weiß, welche Zielgruppe das eigentlich ansprechen soll? Wenn ich nur danach gehe, wie sehr es mich anspricht, dann bleibt leider tatsächlich nicht so viel übrig, was für mich auf dieser Compilation eine Bereicherung darstellt. Andererseits fällt mir aber auch kaum eine Personengruppe ein, die sich sagen würde "Hey, genau so eine CD von Eisbrecher könnte ich noch gebrauchen!". Allenfalls noch Leute, die das Original von "Die Hölle Muss Warten" haben und es sich nicht nochmal extra für die "Miststück-Edition" kaufen wollten. Aber ob ihr es glaubt oder nicht, hat selbst eine CD wie "Zehn Jahre Kalt" noch eine eigene Promo-Single mit dem kreativen Namen "Zehn Jahre Eisbrecher", um noch mehr Verwirrung zu stiften.

Die einzigen Pluspunkte verdient die Compilation bei mir für die Exklusivität von gut der Hälfte der Songs und selbst hier schwankt die Qualität stark. Während ich von den Neuschnitten wenig bis gar nichts habe, konnte mich der eine oder andere Remix doch ein wenig überzeugen. Reicht, damit ich "Zehn Jahre Kalt" mag? Nope! Der amerikanische Markt hat da sicherlich etwas mehr verdient. Aber zum Glück gibt's ja heutzutage das Internet, sodass auch Eisbrechers Fans auf der anderen Seite des Atlantik in den Genuss ordentlicher Best Ofs oder Alben der Jungs kommen können.

Punkte: 4 / 10