Eisbrecher Eisbrecher (2004) - ein Review von DarkForrest

Eisbrecher: Eisbrecher - Cover
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1 Review
10
10 Ratings
7.85
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock
Dark Wave/Gothic: EBM


DarkForrest
15.01.2021 18:54

Anfang 2004 nach mehreren Singles war es dann endlich soweit: das erste Eisbrecher-Album mit dem kreativen Namen "Eisbrecher" hatte endlich die Chance, Fans und Kritiker zu begeistern. Am Ende sind es 15 Songs und ein Remix geworden. Für Leute, die Bock drauf haben gibt's noch eine Version mit Bonus-DVD mit Interviews (ja, Livekonzerte waren damals noch etwas schwierig aufzunehmen, bevor das erste Album draußen war) und irgendwo war wohl auch eine Version mit einer CDr und der Einladung, das Album zu brennen, zu haben. Gar nicht mal die dümmste Idee, wenn man ein neues Projekt gründet und möchte, dass es möglichst schnell unter die Leute kommt - zumindest damals, im Jahr 2004 als das Internet noch nicht so ganz das selbe war wie heute.

Wie klingen Eisbrecher denn jetzt nun - speziell im Vergleich zu Megaherz? Laut Alexx Aussage in einem der Interviews auf DVD macht man keine deutsche Härte mehr, sondern elektronischen Trip Rock, denn das ganze ist ja irgendwo ein elektronischer Rock Trip. Wenn das mal nicht einleuchtend ist… Aber okay: wenn man sich schon von den alten Kollegen trennt, um musikalisch in eine andere Richtung zu gehen, dann ist es verständlich, dass man sich dann auch erstmal auf Teufel komm raus einem neuen Genre zuordnen möchte - selbst wenn man dafür ein lustiges Fantasiegenre erfinden muss.

Ein komplett anderes Genre als NDH sollte man auf "Eisbrecher" eher nicht erwarten, obwohl der alte Megaherz-Sound hier zumindest etwas erweitert wurde. Die Gitarren treten hier in den Hintergrund, dafür durfte sich Noel Pix mit allen möglichen elektronischen Spielereien deutlich mehr austoben als bei Megaherz. Ich würde sogar sagen, dass "Eisbrecher" das elektronischte Album der Band ist, bevor man sich später wieder etwas mehr der klassischen NDH angenähert hat. Vor allem mit der Gothic-Szene wird hier immer mal wieder ein bisschen geflirtet, aber etwas, was sich radikal von Megaherz unterscheidet bekommt ihr hier nicht zu hören. Am Ende kann ich dagegen aber gar nicht so viel sagen. Eine NDH-Band im Stil von Megaherz, die etwas mehr mit verschiedenen musikalischen Elementen experimentiert: ich bin dabei.

Das Genre der Neuen Deutschen Härte tut sich ja öfter mal schwer mit anspruchsvollen Texten. "Eisbrecher" macht das ganze nicht unbedingt besser. Neben einigen sehr unbeholfen wirkenden Zeilen trieft das ganze Ding nur so vor Gothic-Kitsch. Damals habe ich immer mal wieder gehört, dass die Texte manchen Leuten etwas zu hart oder derb waren, was mich eher gewundert hat. Okay, zuletzt habe ich ausgiebig :Wumpscut: gehört und jahrelanger Cannibal Corpse Konsum haben die Sache jetzt auch nicht besser gemacht, aber Texte wie "Schampus, Schlitten, Titten, Kokain!" sollten jetzt eigentlich nichts sein, womit Megaherz-Kenner nicht klarkommen.

Ansonsten fällt auf, dass sich das Projekt wirklich ausschließlich um Alexx und Noel Pix dreht. Keine Ahnung, ob sich das mittlerweile geändert hat, aber die Band dahinter war damals eher Beiwerk und Support für Konzerte, während im Booklet lediglich die beiden Köpfe der Band posieren durften.

Dass man damals wenigstens noch ein bisschen experimenteller unterwegs war als heute, hört man schon am Opener "Polarstern", bei dem Alexx ein paar technische Daten einspricht, statt zu singen. Ist das jetzt ein ausuferndes Intro oder schon ein minimalistischer Song? Keine Ahnung, aber um das Album gut einzuleiten funktioniert es erstaunlich gut. Der erste komplette Song "Herz Steht Still" ist dann das perfekte Gegenstück zum Opener "Mein Herz Schlägt" vom Megaherz-Album "5", welches im gleichen Jahr rauskam. Beide Songs sind klasse um das jeweilige Album und den damit verbundenen Stil des Sängers zu repräsentieren. Im Falle von "Eisbrecher" und Alexx sind das extra tiefe Vocals zu kälteren und synthetischeren Klängen als bei den Megaherz-Album Kollegen.

Etwas klassischer klingt da schon "Willkommen Im Nichts" - definitiv der rockigste Song auf Eisbrecher, der mit seinen "Sex, Drugs and Rock n' Roll"-Lyrics auch auf "Herzwerk II" nicht großartig aus der Reihe getanzt wäre. Ich mag sowas ja mal ganz gerne und um Live mal ordentlich die Sau raus zu lassen ist das natürlich die perfekte Nummer. In einem der Interviews auf der DVD meinten Alexx und Noel, dass vor allem "Mein Blut" bei der schwarzen Szene ankommen dürfte. Das mag sein, aber "Schwarze Witwe" wurde ja wohl auch mal eindeutig mit dem Hintergedanken geschrieben, einen Hit bei der Gothic-Fraktion zu haben. Das Ergebnis ist jetzt zwar nicht unbedingt anspruchsvoll, aber eine ganz eigene Atmosphäre muss man diesem Song definitiv zugestehen und ähnlich wie "Fanatica" eignet es sich perfekt für kurzweiliges Vergnügen auf der Tanzfläche.

Instrumentals waren damals bei Eisbrecher ebenfalls noch eine Sache und auch hier finde ich es schade, dass man irgendwann damit aufgehört hat. Auf "Eisbrecher" gibt es davon zwei. "Ruhe" ist das erste, das kürzere und das langweiligere. Einfach nur ein bisschen sehr langsames Pianogeklimper. Als Intro für einen anderen Song wäre das vielleicht noch ganz reizvoll, aber ausgerechnet zwischen "Schwarze Witwe" und "Angst?" wirkt es richtig deplatziert. Mit "Angst?" und "Fanatica" hätten wir dann auch genau die beiden Songs, die vorab schon von der "Fanatica"-Single bekannt waren: zwei gute Songs, die beide jeweils komplett andere Stärken der Band ausspielen "Angst?" für die eher harten Momente und "Fanatica" für die eher zarten Momente.

Mit "Taub-Stumm-Blind" haben wir den ersten Song, mit dem ich nie so richtig warm geworden bin. Ich kann hier gar nicht die eine große Sache finden, an der der Song für mich scheitert. Irgendwie ist alles daran etwas merkwürdig: ein Refrain, der null zünden will, komisches, Tempo, komischer Aufbau, komischer Text - definitiv nichts, was ich mir gerne über 5 Minuten anhöre. Auch "Dornentanz" kann dank etwas trashigen Text und langatmigen Strophen bei mir nicht so ganz punkten, aber wenigstens sind hier Hookline und Refrain so auf den Punkt, dass der Song für mich noch nicht ganz verloren ist.

"Hoffnung" ist das zweite Instrumental, welches ein bisschen länger, elektronischer und in meinen Ohren deutlich besser ist als "Ruhe". Er klingt zwar auch so als wäre er mal das Grundgerüst für einen vollwertigen Song gewesen, welches man dann doch nicht verwendet hat, aber trotzdem auf's Album packen wollte, aber so wie er jetzt ist, ist er für mich so ziemlich der entspannteste Song, den Eisbrecher bisher gemacht haben. Macht mir tatsächlich immer gute Laune, wenn ich es höre. (-:

"Eisbrecher" von Eisbrecher auf "Eisbrecher" ist so ziemlich der ultimative Eisbrecher-Song und bei einem Song, welcher schon den Namen der Band trägt, sollte man sich natürlich besser Mühe geben. Zum Glück scheinen Eisbrecher einen Großteil ihrer Ressourcen in diesen Song gesteckt zu haben. Vom Songwriting her wirkt er definitiv gut ausgereift, Gitarren und Elektronik greifen perfekt ineinander, die Melodie ist vielleicht etwas generisch, trifft aber dafür wohl so ziemlich jeden Geschmack und die perfekte Mitte zwischen hart und herzlich wird hier erreicht. Da gibt's nichts zu meckern.

Eine komplette Ballade gibt es dann mit "Frage". Während mich die langsameren Songs auf "Die Hölle Muss Warten" eher mal nur gelangweilt haben, finde ich es bemerkenswert, dass "Frage" so gut funktioniert und ich den Song tatsächlich mag. Das mag einmal daran liegen, dass die softe Ballade hier nicht inflationär verwendet wird und auf "Eisbrecher" noch etwas besonderes ist oder daran, dass sie nicht komplett Schema F folgt und man sich immerhin die Mühe gemacht hat, im Refrain u.a. mit den Gitarren die Intensität zu steigern.

Langsam geht's auf's Ende zu. "Zeichen Der Venus" hat bei mir ein bisschen gedauert, bis ich es mochte. Was ich daran aber cool finde ist der Kontrast zwischen den sehr ruhigen Strophen und den brachialen Refrain. Simpel aber effektiv. "Mein Blut" ist dann der Song, der explizit für die Gothic-Szene geschrieben wurde und gleichzeitig die allererste Single - definitiv solide das Ergebnis. Der letzte richtige Song "Sakrileg 11" ist im Prinzip ein recht klassischer Megaherz-Schlussmach-Song mit etwas fetteren Beats. Ist das originell? Nein. Ist das ein Problem? Nein! Das Ding geht gut nach vorne und schließt das eigentliche Album nochmal ganz actionreich ab. "Eigentliches Album" deshalb, weil am Ende der Clubmix von "Fanatica" nicht fehlen darf, der so auch auf der gleichnamigen Single zu finden war und das Album damit auf über eine Stunde Laufzeit hebt. Ein kurzes Vergnügen ist "Eisbrecher" damit sicher nicht.

Vor allem nicht, wenn man dann noch Lust hat, sich die Bonus-DVD zu geben und Alexx und Noel dabei zu beobachten wie sie für das Fotoshooting für Booklet und Promos inklusive Team auf einen verschneiten Berg rumkraxeln und nebenbei noch für Schattenreich.TV ein Interview geben. Wem das immer noch nicht genug ist, der kann sich noch ein Studiointerview mit den beiden geben oder durch ein paar Bilder vom Fotoshooting klicken. Als Zugabe zum Album ist das auf jeden Fall ganz nett.

Nach 14 Jahren, immer mal wieder Hören einzelner Songs und dem ausgiebigen Hören zu Reviewzwecken würde ich sagen, dass "Eisbrecher“ ein gutes Album ist. Nicht absolut genial, aber auch nicht einfach nur solide. Was mir gefällt ist, dass hier noch etwas mehr experimentiert wurde. Ich bin jetzt nicht so firm mit den letzten beiden Eisbrecher-Alben, aber an irgendeinem Punkt gab es pro Album 2-3 große Hits und dazwischen sehr viel generisches Füllmaterial. "Eisbrecher" hat da ein etwas heterogeneres Bild an Song. Hardcore-Balladen, einfache Tanznummern, Instrumentals, härtere Stücke - alles dabei. Und ein paar Songs wie "Willkommen Im Nichts", "Eisbrecher" oder "Hoffnung" habe ich sogar wirklich in mein Herz geschlossen.

Klar, NDH wird auch hier nicht neu erfunden, anspruchsvolle Unterhaltung wird eher nicht geboten und die Texte sind manchmal etwas peinlich. Trotzdem leisten Alexx und Noel Pix hier einen guten Einstieg, der bis jetzt recht gut gealtert ist.

Punkte: 7 / 10


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