Brujeria Raza Odiada (1995) - ein Review von DarkForrest

Brujeria: Raza Odiada - Cover
1
Review
4
Ratings
7.75
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Death Metal


DarkForrest
09.10.2020 19:29

So langsam laufen sich Brujeria warm: während ich mit dem Debüt "Matando Güeros" nur bedingt etwas anfangen konnte, trifft der Nachfolger "Raza Odiada" schon etwas mehr meinen Geschmack. Ob man die neue Entwicklung nun mag oder auch nicht, ist es doch beeindruckend wie schnell sich die Band entwickelt hat, denn gerade einmal zwei Jahre hat es gedauert, bis das zweite Album in den Startlöchern stand. Dazwischen hatten unsere satanistisch veranlagten Druglords sogar noch etwas Zeit mit ihrer "El Patrón" Single Pablo Escobar himself zu huldigen.

Musikalisch dürfte "Raza Odiada" am wenigsten klar einem festen Genre zuzuordnen sein. Die Grindcore-Einflüsse von "Matando Güeros" sind zwar noch da, aber deutlich zurückgefahren. Insgesamt überwiegt Death Metal, aber dazwischen darf es auch mal punkig bis groovig sein. Vor allem Dino Cazares und Raymond Herrera scheinen hier ein paar Einflüsse aus den guten alten Tagen der Fear Factory Anfangszeit mitgebracht zu haben. Soundtechnisch klingt jetzt alles etwas sauberer und die Drums nicht mehr ganz so sehr nach Maschinengewehrfeuer, wodurch sie auch live leichter zu replizieren sein dürften. Die Gitarren sind weiter richtig schön tief gestimmt und auch der Bass ist wieder gut zu hören, was ja für mich ja durchaus eine der größten Stärken von "Matando Güeros" war.

Obwohl seit dem letzten Album nicht viel Zeit vergangen ist, schwankt die Qualität der Songs etwas. Manches klingt wie aus älteren Zeiten ausgegraben und manches ist auch tatsächlich aus älteren Zeiten ausgegraben und klingt entsprechend. "Padre Nuestro" hatten wir zum Beispiel schon auf der ¡Machetazos! EP. Außerdem sind merkwürdigerweise direkt beide Songs der "El Patrón" Single dabei. Einerseits nett, dass das Album die Single quasi ersetzt und ich sie mir nicht extra kaufen muss, andererseits wirkt das Album dadurch auch ein auch künstlich aufgeblasen. Wenn man alles am Stück hört, wirkt "Raza Odiada" auch nicht unbedingt wie aus einem Guss, was witzig ist, da "Pocho Aztlan", welches in einem Zeitraum von immerhin 16 Jahren entstanden ist, wesentlich geradliniger wirkt.

Was auch gleich auffällt: Viele Songtitel sind Fortsetzungen von Songs des Vorgängers. Dazu muss ich natürlich sagen, dass Brujeria trotz des rauen Songs recht tiefgründige Texte haben, die ihre eigenen kleinen Geschichten erzählen. Es lohnt sich also schon, sich vorher noch einmal thematisch mit den entsprechenden Vorgängersongs auf "Matando Güeros" auseinander zu setzen. Und bevor mir irgendeiner die Scheiße glaubt, die ich hier schreibe: natürlich beziehen sich die Songs eher mal grob thematisch aufeinander und wer die Texte halbwegs ernst nimmt, hört wahrscheinlich eh die falsche Band. Ihr müsst euch also nicht unbedingt "Chingo De Mecos" (Spermaladung) geben,um in den lyrischen Hochgenuss von "Chingo De Mecos II" (Spermaladung II) zu kommen.

Der erste Eindruck von "Raza Odiada" ist gleich mal ganz ordentlich. Jello Biafra, Sänger von den Dead Kennedys schlüpft zu Beginn in die Rolle des damaligen erzkonservativen Gouverneurs von Kalifornien Peter Wilson (dessen Name hier zu Pito Wilson - hö hö, Pito heißt Schwanz - verunglimpft wurde) und hält eine kleine Rede, die etwas unsanft von Sturmgewehren unterbrochen wird. Die ersten Riffs dröhnen los und der Moshpit kann beginnen. Ziemlich geile Art, das Album zu beginnen und zahlreiche Youtube Videos von Konzerten die so eröffnet wurden zeigen, dass man so echt gut Stimmung in den Laden kriegen kann.

"Colas De Rata" gibt ordentlich Gas, ist kurz und schnell. Und hey: ich bin nicht abgeschreckt. Das Ding geht verdammt gut ab und die Backroundvocals tragen einen guten Teil zur Qualität bei. Richtig groovig und fast schon entspannt wird es mit "Hechando Chingazos (Greñudos Locos II)" - wahrscheinlich der erste richtig hartnäckige Ohrwurm, den Brujeria je rausgehauen haben.

Fast schon punkig wird es, wenn die Mexikaner uns mit "La Migra (Cruza La Frontera II)" zeigen, wie man sicher über die Grenze in die USA kommt. Sehr geile Nummer, die mit Mariachi-Screams verfeinert wirklich positiv hervorsticht. "Revolucion" ist da etwas bodenständiger, aber auf eine recht angenehme Art. Das Ding mag zwar eher einfache Kost sein, aber durch das eher langsame Tempo und den fast schon hypnotischen Refrain trotzdem ein ziemlicher Hinhörer. Über "Consejos Narcos" gibt's dann ein paar Ratschläge vom Drogendealer. Für alle spanisch sprechenden unter uns mag das ganze textlich ganz lustig sein, aber außer der leichten Comedywirkung hat die Nummer musikalisch leider wenig zu bieten.

Auch "Almas De Venta" holt mich wenig ab. Schnell, chaotisch und wenig Struktur - hätte also bis auf den guten Sound fast schon besser auf "Matando Güeros" gepasst. "La Ley Del Plomo" wäre dann so ziemlich das Gegenteil davon - für Brujeria-Verhältnisse sehr langsam, vor allem bei den Vocals, mit einem schön wuchtig, schwerem Sound. Definitiv ein Highlight! Aber wer hätte gedacht, dass "Chingo De Mecos" unbedingt eine Fortsetzung braucht? Genau: ich auch nicht. Trotzdem gibt's für euch hier "Los Tengo Colgando (Chingo de Mecos II)". Ein ähnlicher Filler wie vorher schon, dafür wieder mit jeder Menge ¡Meeeecoooos!

So langsam aber sicher nimmt die Qualität von "Raza Odiada" ab, denn auch "Sesos Humanos (Sacrificio IV)" zieht an mir vorbei, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, ist aber immerhin auch schnell vorbei. Bei "Primer Meco" frage ich mich so langsam, wer bei der Truppe dafür verantwortlich war, die thematischen Schwerpunkte zu setzen, aber gut: dann eben ein Song über's Wichsen. Auch hier wird eher auf Humor gesetzt, den ich mit 12 sicher großartig gefunden hätte. Und ganz ehrlich: die Texte sind mir eigentlich komplett Latte - ich kann eh kein spanisch und muss den Scheiß immer vorher googlen, wenn ich wissen will worüber hier eigentlich gegrowlt wird - aber leider hat die Musik drum herum nunmal hier nicht besonders viel zu bieten.

Einen kleinen Schub an Qualität gibt es dann nochmal gegen Ende mit der "El Patrón" Single. Der namensgebende Song "El Patrón" und "Hermanos Menéndez" klingen zwar beide vom Sound her fast wie aus einer anderen Zeit - naja, nur ein Jahr, aber trotzdem deutlich schrammeliger als der Rest - sind aber ganz ordentlich aufgebaut und gehen beide völlig klar. "Padre Nuestro" ist irgendwie noch von damals aus den Anfangstagen der Band übrig geblieben, ohne es auf "Matando Güeros" geschafft zu haben wie ein guter Teil der anderen Songs und wird jetzt eben hier verwurstet. Ich sage mal so: ich wäre jetzt nicht traurig gewesen, darauf zu verzichten, aber er tut auch nicht besonders weh. Ist halt musikalisch schon hart primitiv.

Zum Abschluss gibt es mit "Ritmos Satánicos" ein sehr angemessenes Outro. Knapp sieben Minuten lang werden wir erst von einem fast schon doomigen Gitarreninstrumental in unseren Bann gezogen, bevor Juan Brujo eine Art satanisches Gebet spricht. Sehr, sehr stimmungsvoll! Und irgendjemand hat diesmal sogar mitgedacht und dieses Outro wirklich an's fucking Ende gepackt, ohne wie bei "Matando Güeros" noch das Single-/EP-Füllmaterial hinten dran zu kleben. Sehr gut.

Bei der schwankenden Qualität finde ich "Raza Odiada" gar nicht mal leicht zu bewerten. Einerseits wurden qualitativ hier im Vergleich zum Vorgänger einige Schritte nach vorne getan. Beide Alben sind zwar irgendwie voll von eher belanglosen Songs, die sich nicht so sehr aus der Masse abheben und haben ein paar echte Highlights. Dennoch ist die Qualität des Füllmaterials diesmal schon um einiges besser und die Highlights sind zahlreicher. Natürlich ist das auch nur meine subjektive Meinung. Mir ist schon klar, dass die Grindcore-Fans, die "Matando Güeros" abgefeiert haben, "Raza Odiada" bestenfalls nicht mehr so schön ranzig finden und schlimmstenfalls der Meinung sind, dass Brujeria sich hier total verkauft haben und ab "Raza Odiada" nur noch kommerziellen Dreck machen. (-;

Auf der anderen Seite baut das Album gerade in der zweiten Hälfte leider kontinuierlich ab und wirkt immer noch nicht ganz ausgereift. Gerade wenn ich es mit der Zeit ab "Brujerizmo" vergleichen, fallen mir nochmal ein paar deutliche Qualitätsunterschiede auf, aber die Truppe ist mit "Raza Odiada" schon ganz eindeutig auf dem richtigen Weg und das in recht großen Schritten. Für netten unkomplizierten Spaß zwischendurch taugt mir das Ding jedenfalls allemal.

Punkte: 6.5 / 10