BAP Tonfilm (1999) - ein Review von Spike65

BAP: Tonfilm - Cover
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1 Review
6
6 Ratings
8.67
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock


Spike65
28.09.2017 16:58

Das erste Album nach der großen Umbesetzung. Für die scheidenden musikalischen Köpfe Klaus Heuser und Effendi Büchel werden Helmut Krumminga aus Wolf Maahn's Begleitband und Michael Nass aus der nach dem Tod Gerhard Gundermann's verwaisten Gundermann Seilschaft verpflichtet. Damit steigt nach Jan Dix, Jürgen Zöller und Werner Kopal schon der vierte Ex-Wolf-Maahn-Musiker bei BAP ein. BAP besteht also zu diesem Zeitpunkt - nach "Dienstalter" geordnet - aus Wolfgang Niedecken, Jürgen Zöller, Werner Kopal, Jens Streifling, Sheryl Hackett, Helmut Krumminga und Michael Nass und beginnt musikalisch nochmal fast bei Null. Da auf die Schnelle nicht genug neues Songmaterial verfügbar ist, aber eine erste Veröffentlichung mit der neuen Besetzung die Fans bei der Stange halten soll, covert sich BAP hier z.T. selbst: Unter dem Thema "Road Songs" werden 8 BAP Klassiker, die entweder mit Reisen oder mit Tour/Konzerten zu tun haben, in neuen Arrangements aufgenommen. Dazu gibt es zwei Cover-Songs und 6 neue Kompositionen, die jedoch noch nicht aus der Feder von Helmut Krumminga oder Michael Nass, sondern überwiegend von Niedecken und Streifling komponiert wurden - ein bis dahin unveröffentlichter Heuser-Song ist auch dabei. Nachdem das Vorgängeralbum sehr auf radiotauglichen Hochglanz-Sound getrimmt war, schielt dieses Album deutlich weniger auf Verkaufszahlen, sondern bietet eine breitere stilistische Vielfalt bei z.T. deutlich reduzierteren Arrangements.

Mit "Vum donnernde Lääve" und "Ne schöne Jrooß" beginnt das Album mit der Kombination von eingekölschter Blaupause/Vorlage und Ergebnis: Niedecken hatte 1980 "Ne schöne Jrooß" inspiriert durch Wolf Biermann's "Lied vom donnernden Leben" geschrieben, das Biermann bei seinem Konzert in Köln 1976 gesungen hatte. Aus dem eher nachdenklichen Biermann-Aufruf, mehr aus seinem Leben zu machen, entstand bei Niedecken eine Art Kampfansage an alle, die sich mit ihrem kleinbürgerlichen Feierabend-Idyll zufrieden geben. Um erst gar keine Gitarrenhelden-Vergleiche zwischen Krumminga und Heuser aufkommen zu lassen (die natürlich unweigerlich spätestens bei der anschließenden Tour trotzdem kommen mußten), wurde "Ne schöne Jrooß" in ein entspanntes eher akustisches Arrangement gepackt, das Akkordeon von Michael Nass gibt dem Song einen Hauch von Montmatre, Jens Streifling gibt dem Refrain mit der Mandoline Konturen. Der Text wurde aktualisiert, statt Charles Bronson nun der Terminator, und die letzte Strophe mit den Verweisen auf Orwell's 1984 wurde ersatzlos gestrichen, da mittlerweile 15 Jahre seit 1984 vergangen sind. Auch wenn der Song bald wieder rockig in den Setlisten gespielt werden würde, die dritte Strophe kam erst nach Ende der Krumminga-Ära wieder zur 40-Jahre BAP Tour 2016.

"Diss Naach ess alles drin" wird musikalisch ebenfalls neu überarbeitet. Die tristen Strophen 1 und 2 untermalt in der Neufassung ein über Phaser verfremdeter Synthi-Sound, beim rockigen Teil übernimmt das Piano die Führung.

"Rock 'n' Roll Star" ist die kölsche Version des Byrds-Klassikers aus den 60ern. Krumminga & Co arrangieren den Song nahe am Sound des Originals mit 12-saitiger Rickenbacker und Hammond. Ein erster Anhaltspunkt für die Fans in Sachen Krumminga's Gitarrenarbeit an der Elektrischen.

Der ursprünglich als Reggae erschienene "Müsli Man" wird auf Tonfilm komplett umgekrempelt: Statt Jamaika-Klängen gibt es nun ein cooles, eher jazziges Arrangement mit Stehbaß, E-Piano und Sax, und auch die Pointe in der letzten Strophe wird komplett überarbeitet, was dem Titel den Beinamen "Schrank-Version" gibt.

"Rita, mir zwei" ist vielleicht so etwas wie Niedecken's Version von Springsteen's "Bobby Jean": Eine flotte, tanzbare Mitsing-Nummer mit eingängiger Hook-Line zum Thema "Erinnerung an eine Jugendliebe". Die Geige bei den Fills und beim Solo spielt wie schon auf dem Amerika-Album Almut Ritter, die Musik stammt von Wolfgang Niedecken. Helmut Krumminga zeigt, daß er Major Heuser beim Harmoniegesang in nichts nachsteht, und er spielt auch die Hookline auf der E-Gitarre, Micha Nass unterstützt mit Piano und Hammond.

"Asphaltpirate" wird hier rockiger interpretiert als das Original auf "Amerika": Nach einer ersten Strophe komplett ohne Rhythmus-Section nur mit E- und Akustikgitarre und etwas Hammond, setzen Zöller und Kopal nicht mit dem erwarteten 4/4tel Rhythmus ein, sondern betonen vor allem die 1 und die 4.

Auch das neue Arrangement von "Wat, usser Rock'n'Roll?" wirkt luftiger, die Synthi-Streicher weichen einem Vibraphon-Sound, statt der rockenden E-Gitarre gibt es eine eher zurückhaltende Akustikgitarre und die Hook-Lines übernimmt die Geige von Almut Ritter.

Die erste offizielle Studio-Version von "Nemm mich met" wurde laut Aussage von Wolfgang Niedecken bewußt mit deutlich weniger Adrenalin arrangiert. Major's signifikantes Intro samt anschließendem Riff und Hookline wurden gestrichen und durch gezupfte Akkordarbeit von Helmut Krumminga und Vocal-Solo von Sheryl Hackett bzw. Harp-Solo von Jens Streifling ersetzt. Das Fundament der Strophe übernimmt auf "Tonfilm" nun das E-Piano von Michael Nass. Und auch der ausufernde Original-Text wurde von 4 nun auf 3 Strophen gestrafft.

Herrlich melodisch im 6/8tel Takt kommt "Jede Draum jedräump" daher, verspielt mit Mandoline, Geige, Akustikgitarre und Piano und einer immer wiederkehrenden Melodie, die irgendwo zwischen Orient und Irish Folk zuhause ist. In bunten Bildern vor exotischem Hintergrund malt Niedecken eine Geschichte von Begegnung, Abschied und Wiederkehr, von der Verführerin und dem Troubadour, die für einander bestimmt sind. Ein wunderbarer neuer Farbtupfer auf der musikalischen Palette von BAP. Jens Streifling an Mandoline und einmal mehr Almut Ritter mit der Geige setzen hier die Highlights.

Das neue Arrangement von "Jupp" grenzte 1999 für so manchen Fan an Denkmals-Schändung. Das nimmer-endende Akustikgitarren-Intro von Major Heuser und auch das Cello von Steve Borg waren Kult - genau wie das E-Gitarrensolo zum Schluß. Nun beginnt der Song mit Klavier und einer programmierten Drum-Loop und am Schluß kommt nicht mehr dieser hymnische Moment, sondern nur noch ein schlichter Schlußakkord. Almut Ritter übernimmt den Streicherpart und Helmut Krumminga bedient die akustische Gitarre, die hier nicht so dominant ist wie beim Original. Hier wurde eindeutig jegliche Vergleichsmöglichkeit mit dem Major gemieden, "Jupp" wurde zu einem Klaviersong umgestrickt, und erst nach dem Abschied von Helmut Krumminga wurde er auf der "40 Jahre BAP" Tour 2016 wieder in seiner ursprünglichen Fassung gespielt.

Mit "Mayday!" kommt nun die rockigste Neukomposition der Scheibe, eine Niedecken/Streifling-Coproduktion. Die Gitarrenarbeit zitiert immer wieder zwischendurch den "Street Fighting Man" der Rolling Stones, Niedecken's Text setzt sich mit der bunten Medienwelt des Satellitenfernsehens auseinander und mit der zunehmenden Abstumpfung, wenn Katastrophenmeldungen und Kriegsbilder von knallbunten Werbefilmen unterbrochen werden und Daily Soaps und Billig-Talkshows das Fernsehvolk berieseln und verdummen.

"Vüür Johr un Daach" ist die letzte Niedecken/Heuser-Komposition, die auf einer BAP Studio CD erscheint. Eine Midtempo-Nummer wie auch "Rita, mir zwei", auch im Arrangement recht ähnlich. Krumminga's Gitarrenarbeit hat auch hier etwas von Rolling Stones, der Text wurde wie bei "Shanghai" von einem Bild in einem Hotelzimmer inspiriert - diesmal eine Frau in einem altertümlichen Hochzeitskleid, über das Niedecken seine Mutmaßungen anstellt, welche Geschichte dahinter stecken mag.

"Wo bess du jetz?" entstand schon bei den Sessions für das Vorgängeralbum 1998 auf Elba. Akustische Gitarre und Pedal Steel dominieren diesen eher ruhigen Song, im Refrain übernimmt Micha's Hammond die Hauptarbeit. Sheryl Hackett zeigt ebenfalls ihre stimmlichen Qualitäten beim Refrain.

Das Remake von "Ruut-wieß-blau-querjestriefte Frau" bekommt einen Schuß Country in der Gitarrenarbeit und durch die Fiddle von Almut Ritter. Ansonsten vielleicht noch am nähesten an der Urversion von allen Remakes auf Tonfilm.

"Ewije Affhängerei" ist der Song von den schier endlosen letzten Stunden vor dem Auftritt, die man irgendwie überstehen muß und die Zeit totschlagen, bis es endlich raus geht auf die Bühne. Musikalisch ein weiterer Gitarrenrocker aus Jens Streifling's Feder mit eingängigem Mitsing-Refrain.

Zum Schluß gibt es als Hidden Track noch eine kurze Instrumental-Fassung des Openers "Vum donnernde Lääve".

Mit Tonfilm beginnt eine neue musikalische Ära bei BAP. Helmut Krumminga bringt eine neue Farbe in die Gitarrenarbeit, die Zeit der klassischen Major-Riffs ist vorbei. Major's melodiöse, stilistisch eher an Pink Floyd und Clapton erinnernde Soli waren nun Vergangenheit: Helmut Krumminga's Technik hatte mehr von dreckigen Stones-Licks und ab und an auch einen Hauch von Hendrix. Für viele altgediente Fans war das eine nur schwer zu verdauende Umstellung. Der neue Keyboarder brachte weniger radikale Änderungen im Sound. Neu auch als Element die Vocal-Soli von Sheryl Hackett, die sich live z.T. legendäre Gesangsduelle mit Streifling's Saxophon lieferte. Für die Band an sich änderte sich allerdings - für die Fans nicht erkennbar - die Tatsache, daß es ab jetzt nur noch einen in der Band gab, der am Ende alle Entscheidungen treffen konnte. Ab Tonfilm war Wolfgang Niedecken der Chef und die restlichen Bandmitglieder seine vertraglich verpflichteten Mitarbeiter.

Die Remaster Bonus CD bietet neben dem unveröffentlichten Studio-Demo "Fette Ratten", der im Original von Schröder Roadshow stammt, diverse Live-Versionen von Tonfilm-Tracks, aber auch von älteren BAP-Songs in neuen Arrangements der Tonfilm-Tour, und die zwei Live-Cover-Songs "Hey hey, my my" und "Leopardefellhoot".

Punkte: 8.5 / 10