Shiny Eyed Babies (2014) - ein Review von noiseagain

Bent Knee: Shiny Eyed Babies - Cover
1
Review
3
Ratings
9.33
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rock Progressive Rock


25.05.2015 09:30

Der legitime Nachfolger zu ROSE KEMPs “Unholy Majesty”?

Der Teaser mag viele wohl ein wenig verwirren. Doch was ich damit andeuten möchte ist, dass "Shiny Eyed Babies" für mich wohl bald zu den besten Alben aller Zeiten zählen könnte, und dass es auf eine gewisse Weise eine Ähnlichkeit zur unheiligen Majestät der britischen Musikrebellin ROSE KEMP aufweist.

Bei BENT KNEE singt mit Courtney Swain nämlich auch eine Sängerin der absoluten Extraklasse, die eine ähnlich markante, die Seele der Hörers aufwühlende und an den richtigen Stellen Mark und Knochen aufreibende Stimme hat, wie meine bisherige Sanges-Nummero-Uno. Und bevor diese mit "Golden Shroud" den Doom versklavte und danach gelangweilt mit der Musik aufhörte, hat sie mit "Unholy Majesty" ein Album jenseits aller Stile aufgenommen, welches klassische Songformate aufgeweicht, Elemente aus allem Verfügbaren so zusammengebogen hat, dass sie ihr und nur ihr gehorchen und auf dessen Basis sie ihre gesamte Persönlichkeit mit aufreibenden und unter die Haut gehenden Texten und Kompositionen ausbreitet.

Und genau dies macht Courtney Swain bei BENT KNEE auch. Aber es klingt ganz anders. Courtney spielt nicht Gitarre, sondern sitzt am Klavier. Und obwohl der Hörer zumindest bei den ersten Kontakten mit der Musik völlig von ihr eingenommen sein wird, ist sie nicht die absolute Chefin im Ring. Es ist eine richtige Band, um die es hier geht und sie heisst BENT KNEE. Also Vorhang auf!

Die Band fand sich auf dem Berklee College of Music in Boston - übrigens auch die Geburts-Stätte für DREAM THEATER. Für mich erscheint es wie eines dieser grandiosen wie seltenen Ereignisse, wenn etwas zusammen kommt, das zusammen gehört, denn jeder einzelne Musiker trägt dazu bei, dass "Shiny Eyed Babies" so mitreißend, so tiefgründig, so einzigartig klingt. Neben Courtneys einnehmenden Vocals setzt hier jeder Einzelne seine unverzichtbaren Akzente. Da wären die Farbtupfer, die Chris Baum mit seiner Violine setzt, einem Instrument, das bekanntermaßen am ausdrucksstärksten bei ruhigen Passagen wirkt, hier gerne aber auch gezupft oder aber im Stile des Solovirtuosen eingesetzt wird. Dann sei Ben Levin zu erwähnen, dessen akzentuiertes wie originäres Spiel vielleicht erst bei genauerer Betrachtung auffällt, das aber erheblichen Mehrwert zur Musik beiträgt. Ähnliches gilt für Bassistin Jessica Kion, die auch immer wieder Backing-Vocals beisteuert.

Die Formel - gute Musiker gleich gute Musik - geht im Falle von BENT KNEE also voll auf, dennoch ist es so gut wie unmöglich zu schildern, was BENT KNEE so besonders macht, dass ich sie auf einen Level mit meinen absoluten Lieblingen aller Zeiten stelle. "Shiny Eyes Babies" ist - das wird mit jedem Hören deutlicher - für mich persönlich ein neues "Into The Everflow", "Images & Words", "Fastest Trip To Cybertown" oder aber "Unholy Majesty". Jeder einzelne Song erzählt ein ganzes Menschenleben, so scheint mir, jeder Song hat überraschende Wendungen und Momente, die mich innerlich zum Beben bringen. Die folgende Song-für-Song-Analyse ist deshalb zwar sehr aufwändig aber unerlässlich.

Einen guten Hinweis, worum es bei BENT KNEE geht, liefert allerdings schon das Artwork. Auf dem Falt-Inlay ist auf der einen Seite das Bild eines Jungen und eines Mädchens zu sehen, die aus dem Fenster schauen. Sie sehen auf etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie Baum, aber in Wahrheit einen Atompilz darstellt. Links und rechts davon steigen schwarze Luftballons auf. Allein schon dieses Bild macht nachdenklich, ist aber nichts anderes als ein Spiegel des musikalischen Inhaltes. Auf der anderen Seite des Inlays sind die Lyrics aufgeschrieben und man sieht Bilder von einem Teddybären mit Radioaktiv-Zeichen auf dem Bauch, einem Schuh, einer Gasmaske, und wieder den Luftballon und den Atompilz. Es sind also die kleinen Momente der Schönheit, die hier mit den großen Katastophen der Menschheit Arm in Arm gehen und bricht man es auf das Essentielle herunter, kann dieser Gegensatz bei BENT KNEE innerhalb von Sekunden allein durch Courtney Swains Stimme zum Ausdruck gebracht werden. Und damit sind wir schon mitten in der Musik.

"I had a shiny eyed baby who fell out of my womb, I kissed her hello, I kissed him goodbye and that’s how we go from cradle to grave". Diese allumfassend zynischen Worte führen uns in das Album ein, jazzig anmutende Pianoklänge und eine freudliche Frauenstimme ertönen dazu, bevor die erste globale Katastrophe angeleuchtet wird. Ölverschmierte Federn, ein teerschluckender im Meer versinkender Vogel, dem sich die Haut kräuselt, während er giftige Gase einatmet, das sind die Bilder, mit denen BENT KNEE uns in die traurige Realität hinter den kindlichen Vorstellungen eines niedlichen Teddys konfrontiert. Courtney heult und schreit, als wäre sie selbst dieses Tier und unter harschen elektronischen Sounds, fiesen, verzerrten Gitarren-Akkorden, undurchdringbaren Rhythmen braut sich neben der lyrischen auch eine musikalische Schreckensvision zusammen ('Way Too Long').

Doch was kümmert uns das Elend der Tiere, wenn wir selber mental vertrocknen? Dies ist eines der zentralen Themen bei BENT KNEE und es manifestiert sich besonders gerne beim Thema Liebe. Diese kann bekanntlich zu einem der größten Unglücksfälle im Leben werden, und wenn Courtney besingt, wie die Libido einer Frau bis in das tiefste Innere vertrocknet, nachdem die Liebe aufgehört hat, ist man als Hörer vielleicht anfangs verstört ob der nackten Offenheit, hat aber bei genauerer Betrachtung einfach nur Mitleid ('Dry'). Verstörend und dramatisch wird die Musik darboten, greifbar wird die tiefe Verzweifung der Protagonistin, die wie entfesselt singt um ihr Leid, von dem man gar nicht wusste, wie groß es sein kann, mitzuteilen.

Der Glaube ist das nächste Thema, dem BENT KNEE sich widmet. Auch das ist etwas, das, wie die Liebe, zum Schönsten und Wertvollsten zählt, was ein Mensch besitzen kann. Dessen ist sich die Band auch sehr bewusst und ihre Musik hält dieses Wissen stets in Ehren, doch zu jedem Luftballon gibt es in BENT KNEEs Welt - unserer Welt - auch einen Atompilz. Wie viele Menschen verkaufen ihren Körper für ihren (Irr-)Glauben an Institutionen, die von der religiösen Grundidee so weit entfernt sind wie ein Terror-Regime von einer frei denkenden Gesellschaft? Wie oft ist das Resultat dann ein Knall, der den verkauften Körper in all seine Einzelteile zerfetzt und möglichst viele andere mitreisst? Und was passiert danach mit der Seele?

Doch keine Angst, BENT KNEE ist keine politische Band, die den Moralzeigefinger erhebt. Und bei 'I’m Still Here' wird es gleich auch wieder sehr viel persönlicher, denn der Track ist so etwas wie eine besondere Art der Trauerbewältigung, in dem Ben Levin die schwere Krankheit seines Großvaters, der daduch ein anderer Mensch geworden ist, verarbeitet. Dazu gibt es auch ein sehr lohnenswertes und trauriges Musikvideo. Sucht danach!

'Dead Horse' ist dann wieder ein mit reichlichen Metaphern bebilderter Beitrag zur schwindenden Liebe, die durch zu viele nicht eingehaltene Versprechungen in die Brüche geht, obwohl die ursprüngliche Intention nicht schlichter sein könnte: "I just wanted to be happy". Drama pur gibt es auch bei 'Battle Creek', in dem die Protagonistin wohl einen Kriegschauplatz besucht, an dem sie dem Tod so nahe wie nie zuvor entgegen treten muss. Sie fragt sich, woher all dieser Hass kommt und was diesen veranlasst haben könnte. Schließlich fragt sie, ob sie nicht sogar selber daran Schuld sein könnte. Dabei verliert sie ihr Herz. Glaubt mir, es bedarf einer besonderen musikalischen Begabung, so ein Gefühl auch beim Hörer hervorzurufen. BENT KNEE hören ist garantiert kein Zuckerschlecken.

Ja, schwer ist es zu beschreiben, was diese Musik mit einem anstellt, aber irgendwie doch auch nicht. Sie berührt, as simple as that. Dies gilt ganz besonders für 'Sunshine', der Adaption eines alten Liebesliedes, das schon 1941 von BING CROSBY und später von JOHNNY CASH (und vielen anderen) gespielt wurde. BENT KNEE macht wohl etwas ähnliches mit dem Lied wie es wohl auch ROSE KEMP gemacht hätte. Sie dekonstruiert ihn, verdreht seine Aussage, macht daraus ein Betrugs-Drama, das wiederum nichts als emotionalen Schutt und Asche zurücklässt. Wie einst NEVERMORE mit 'Sound Of Silence', nur mit weiblichem Charme und natürlich völlig anderen klanglichen Mitteln wird hier also ein lieblicher Evergreen in ein abartiges Zerrbild seiner eigentlichen Idee verwandelt, ein Mahnmal der menschlichen Schlechtigkeit und zugleich ein Monument der unzerstörbaren Schönheit von Musik. Damit ist dieses Lied die Essenz der Kunst von BENT KNEE. Die Hauptmelodie des Originals wurde pfiffigerweise an keiner Stelle verändert, was den Song sogar für das rein analytische Hirn hochinteressant macht.

Wer jetzt glaubt, das Album würde gegen Ende wie viele andere etwas schwächer werden, wird sich freuen, dass er sich täuschen darf. 'Skin', 'Being Human' und 'Toothsmile' holen noch einmal alles aber auch alles heraus, was mit Musik möglich ist und BENT KNEE wendet sich hier etwas weg von der deskriptiven Schilderung der kleinen und großen Dramen hin zu Wegen, damit umzugehen. Die Texte vermitteln, dass man wachsam durch eine Welt gehen soll, in der man Gefahr läuft, in allen Belangen "vergiftet" zu werden. Vergiftet im Großen vom unmoralischen Sytem der Mächtigen, dessen manipulative Instanzen uns bildlich gesprochen glänzende, weiße Zähne vorgaukeln ('Toothsmile'), vergiftet aber auch im Kleinen durch allerlei Chemikalien in der Nahrung, Staub und Dreck in unserer Luft, Sedativa für unsere Seele. Da ist er wieder, der radioaktiv verstrahlte Teddybär.

Aber auch wenn in 'Being Human' besungen wird, dass vielleicht der Tod besser sei als unser diesseitiges Dasein ('You never liked the thought of being human anyway, death is one more option to explore'), verdeutlicht die Band immer wieder zwischen den Zeilen und vor allem durch die Strahlkraft ihrer Musik, dass die kindliche Sicht auf unsere Welt mit all ihren Schönheiten immer noch das größte Gut ist, das es zu erhalten gilt. Und wenn ihre Kunst dazu beiträgt, dies ins Bewusstsein der Menschen zurück zu bringen und es dort zu bewahren, so wäre ein großes, ein riesengroßes Ziel erreicht.

Das kleine Ziel, dem Musikhörer einfach nur eine Freude zu machen, ihn zu berühen und zum Denken zu bringen, sollte BENT KNEE mit diesem Album jedoch mit Leichtigkeit erreichen. Die Musik ist einfach zu toll, um ignoriert zu werden. Also bitte gebt der Band eine Chance, Hörproben gibt es im Netz in großer Zahl und stilistische Präferenzen dürften, sollten, werden bei BENT KNEE keine Rolle spielen. Das ist Musik für jedermann!

www.powermetal.de 5.05.2015

Punkte: 10 / 10


Login
×