Into The Light That I Have Known (2014) - ein Review von iheardeadpeople

Kristina Jung: Into The Light That I Have Known - Cover
1
Review
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Rating
9.00
∅-Bewertung
Typ: Single/EP
Genre(s): Singer/Songwriter/Liedermacher


iheardeadpeople Avatar
01.12.2014 19:55

Und jährlich grüßt das Murmeltier...
Mit den ersten kälteren Tagen zum Ende eines jeden Jahres kommt auf leisen Sohlen auch die Melancholie, gewissermaßen der Soundcheck bevor der Winter schließlich und endlich beginnt, seinen geschmeidigen Blues zu spielen... Ein Exklusivkonzert ist es beileibe nicht, so geht es wohl vielen Menschen so, dass je ungemütlicher es draußen wird, auch das innere Wohl zu frösteln beginnt...
Ich persönlich empfinde diese Art der Schwermut durchaus als etwas Schönes, nicht dauerhaft, aber in diesen ganz speziellen Momenten mit sich - sein schmerzendes Herz zu pflegen, wenn sich der Trubel draußen in den Straßen und die Gedanken im Inneren in Nebelwände hüllen - im Sessel direkt an der Heizung kauernd, mit Blick aus dem Fenster, eingewickelt in eine warme Decke, begleitet von einer leckeren Tasse heißem Tee, den absurdesten Schlaf- und Schnarchgeräuschen der Vierbeiner im Ohr, die sich einquartierenderweise auf dem Fensterbrett direkt über dem Wärme ausstrahlenden Heizkörper einmummeln und der dazu passenden Musik…
Und die Songs die sich auf “Into The Light That I Have Known” finden lassen, sind ebensolche die passender nicht sein könnten…

“Into The Light…”, die Debüt-EP der im wunderschönen Rostock beheimateten Kristina Jung, deren langjährige Chorerfahrung auch auf ihrem Erstlingswerk nicht lange unentdeckt bleibt, erschien im September des Jahres 2014 auf dem charmantesten aller- und zugleich meinem heimlichen Lieblings-DIY-Label Woodland Recordings… Das Ganze in minimaler Auflage und viel Liebe zum Detail verpackt in einer wundervoll gestalteten Box, welche neben der CD-R und den Liedtexten auch stimmige Illustrationen von Adam Cooper-Terán enthält… Für einen schmaleren Obolus gibt es die EP alternativ auch als MP3-, FLAC- oder Wasauchimmer-Download, inklusive 17 seitiger PDF-Datei - randvoll mit Texten, Zeichnungen und Bildern…

Gebürtig stammt die Weltenbummlerin übrigens aus Baden-Württemberg - vielleicht hat es ja deshalb “nur” zu einer EP gereicht?! Aber das ist auch der einzige mit einem Augenzwinkern zu verstehende Vorwurf, den man der knauserigen Exil-Schwäbin machen kann… Denn was das Mini-Album bietet, ist in weiten Teilen von großer Schönheit! Melodisch, düsterer Folk mit nicht zu verkennender Reminiszenz an die Klassik, den Soul, Blues und Rock ‘n‘ Roll. So ist ihr Künstlername auch durchaus als eine Hommage an Neil Young zu verstehen... Die Einflüsse Joni Mitchell's, Leonard Cohen's oder Will Oldham’s sind ebenfalls nicht von der Hand zu weisen...
Aufgenommen in Freiburg im Breisgau, singt Kristina Jung hemmungslos traurig und aufwühlend über Verlangen, Versuchung und Schuld, begleitet sich dabei selbst auf der akustischen Gitarre, dem Piano und wird stellenweise unterstützt von Markus Heinzel am Bass und Eryk Pawlik an der zweiten Gitarre…

Und während mein Blick aus dem Fenster geht, merke ich wie stimmig ihre Musik in dieser Sekunde ist: Alles wird weicher, samtiger, leiser, kühler, dunkler… In wunderbarer Schönheit geschieht das!
Es entstehen Bilder voller Emotionen, man hat direkt die handelnden Figuren und Geschichten im Kopf… Dabei zeigt sich auch, wie vielseitig Kristina mit ihrer wahnsinnig tollen und tief ergreifenden Stimme umgehen kann und wie breit ihr Repertoire gefächert ist: Sanft, sinnlich, gefühlvoll, leidenschaftlich, vor allem aber nachhaltig und außergewöhnlich... Und meine Seele schwingt mit…

In “King With No Throne” etwa, einem Lied über (je nach Deutung) das Sich-verloren-Haben, Einsamkeit und Verlassenheit… Oder im knisternden “Wish You Were A Hunter“, welches mit seiner ihm ganz eigenen Atmosphäre betört und trunken macht… Das Kleinod der Platte ist aber ohne Wenn und Aber das großartig arrangierte und einmalig versonnen & selbstversunken vorgetragene “Rostock / Show Me Where You Hide Your Longing”…
Welch eine Hymne!
Im Vergleich ungewöhnlich hoffnungsfreudig und von Optimismus erfüllt, ist genau das der Titel, welchen ich nach dem Durchlaufen der CD wiederholt anknipse und eben jener, der mich folglich aus der seligen Versunkenheit und meinem Sessel pellen lässt…

Danke für's Zulesen!

Punkte: 9 / 10


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