Utopia (2012) - ein Review von Nasreddin

Distorted Harmony: Utopia - Cover
1
Review
1
Rating
9.50
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Progressive Metal


Nasreddin Avatar
29.09.2012 18:26

Meine Güte, selten haben mich die ersten zwei Minuten eines Albums so weggeblasen wie der Anfang von "Uotpia". Gleich im ersten Song knallen die Israelis DISTORTED HARMONY eine gelungene Prog-Salve nach der anderen aus den Boxen. Ich hatte das anfangs für einen schönen Einstieg gehalten, doch dieser Einstieg dauert fast eine Stunde und zieht sich durch das gesamte Album.

Den sechs Songs hört man es keine Sekunde an, dass diese Band erst drei Jahre auf dem Buckel hat. Total ausgereift präsentieren sie uns ihre Vorstellung von Prog Metal, ohne sich in Klischees oder Griffbrettartistik zu verlieren. Bereits in den knapp neun Minuten des Openers 'Kono Yume' agiert der Fünfer aus Tel Aviv auf höchstem Prog-Niveau, was die Kombination verschiedener Songteile betrifft. Für nicht-Prog-taugliche Ohren vermutlich zu viel des Guten, aber für uns Komplexitätsfanatiker geht hier die Sonne auf. Das wird genau so wenig langweilig, wie der Fußballverein aus Herne-West Deutscher Meister wird - nämlich nie!

Vom gleichen Schlag ist auch die folgende Nummer 'Breathe', die nach einem ruhigen Intro mal so richtig loslegt. Ihr mögt DREAM THEATER, wenn es bei denen so richtig zur Sache geht? Das hier ist genau die richtige Adresse für diejenigen, die die Gradlinigkeit beim Traumtheater zurzeit etwas vermissen. Doch es wäre nicht DISTORTED HARMONY, wenn es in einem Galopp durchknallen würde. Deswegen schieben sich immer wieder sphärische Passagen mit schönen Akkordfolgen zwischen die Headbanger-Abteilungen. Ein Rezept für das optimale Austarieren von Härte und Eingängigkeit scheinen die Jungs nebenbei auch noch entdeckt zu haben. Einer der besten Songs, die ich dieses Jahr gehört habe!

Beim Blick auf die Uhr fällt auf, dass noch 38 Minuten aber lediglich vier Songs ausstehen. Nicht untypisch für proggige Mucke und umso schöner, dass die Zeit hier wirklich dazu genutzt wird, viele Ideen miteinander zu verweben, anstatt es künstlich in die Länge zu ziehen. So auch bei 'Obsession, dem nächsten Neun-Minüter auf "Utopia". Die Lobeshymne lässt sich zur Freude des Autoren nahtlos fortführen. Gleiches gilt für 'Blue', den kürzesten Track mit siebeneinhalb Minuten Spielzeit. Mit kompaktem Riffing, neckischen Spielereien und überhaupt sehr interessanten Sounds wird dem Hörer aufs Neue klar gemacht, dass man noch großes vorhat. Ich behaupte: DISTORTED HARMONY brauchen den Vergleich mit den großen Namen ähnlicher Couleur nicht zu fürchten.

Falls jemand bis hierhin gelesen aber trotzdem Zweifel an der musikalischen Qualität von "Utopia" hat, der wird vielleicht bei 'Unfair' überzeugt. Absolut unkitschig und unfallfrei manövrieren sich die jungen Proggster durch heikle Fahrwasser, setzen hier und da Neo-Prog-Ausrufungszeichen und grooven, was das Zeug hält. Wenn nicht früher als erwartet die Welt untergeht, gehört dieser Song definitiv auf die Best-Of-2012-Liste!

Last but not least buhlt der Titelsong um die Gunst der Hörer. Auf dem gleichen, atemberaubenden Niveau, wie die vorherigen Songs ist 'Utopia' ein riesiges Stück Zuckerwatte für hungrige Besucher der Prog-Kirmes. Die musikalische Ausrichtung des Albums wird hier im Prinzip auf zwölf Minuten zusammengefasst und enthält so ziemlich alle Trademarks, die sich der Prog-Hörer zurzeit wünschen kann. Ich wüsste nicht, was man daran zu meckern hätte.

Dass dieses Jahr ausgerechnet im Prog-Bereich einige Eigenproduktionen so stark einschlagen, war nicht vorher zu sehen. Dass ein Release davon aus Israel kommt, hält die Szene lebendig und sorgt für Abwechslung. Ich kann nur empfehlen, im Netz mal reinzuhören und dann die Scheibe zu kaufen. Alles andere wird man bereuen!

[zuerst erschienen auf Powermetal.de : http://powermetal.de/review/review-Distorted_Harmony/Utopia,21087.html ]

Punkte: 9.5 / 10


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