Viljans Öga (2012) - ein Review von noiseagain

Änglagård: Viljans Öga - Cover
1
Review
2
Ratings
10.00
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rock Progressive Rock


20.09.2012 23:57

Review für POWERMETAL.DE vom 14.09.2012

ÄNGLAGÅRD – bei diesem Namen schnalzt der Kenner gediegenen Prog
Rocks die Zunge. Wir begeben uns zurück ins Jahr 1992. Ein Jahr, in dem zwei Meisterwerke progressiver Musik erschienen, nämlich "Images & Words" (DREAM THEATER) und "Into The Everflow" (PSYCHOTIC WALTZ). Zwei? Nein! Drei!

Denn ÄNGLAGÅRD aus Schweden debütierten auch 1992 mit ihrem herzerwärmenden Prog-Rock-Statement "Hybris". Einschlägige Prog-Seiten überschlugen sich mit Höchstnoten und dies völlig zu Recht, denn "Hybris" zählt zu den besten Prog-Veröffentlichungen überhaupt und MUSS in jeder Sammlung eines dieser Musikrichtung verschriebenen Fans stehen. Für die Nicht-Kenner: ÄNGLAGÅRD spielen weitgehend instrumentalen Retroprog schwedischer Prägung, das heißt, eher auf der melancholischen Seite mit vielen Mollakkorden, den ausufernde, bombastische und meist sehr lange Kompositionen prägen. Man hört neben der klassischen Rockbesetzung tonnenweise alte Tastenmonster, vor allem Mellotron und Hammond (gespielt von Tomas Johnson), dazu eine melodieprägende Flöte (Anna Holmgren) und einen sehr prägnanten, schnurrenden Bass (Johan Brand). Das Besondere an ÄNGLAGÅRD ist, dass sie auf der einen Seite extrem komplexe Songstrukturen aufbauen und nach Herzenslust frickeln, auf der anderen Seite aber immer im Fluss musizieren und eine enorme kompositorische Klasse hinter alle Arrangements stecken. "Extrem eigenständig", "Meisterwerk", "zeitlos schön" und "Freude, Staunen, Bewunderung" sind Zitate, die man für "Hybris" findet.

1994 kam dann mit "Epilog" noch ein zweites Epos heraus, das ähnlich euphorisch aufgenommen wurde, mir jedoch am Ende etwas zu unzugänglich komponiert war. Nun, ich habe es vermutlich (noch) nicht verstanden.

Nun zu "Viljans Öga": 18 Jahre nach "Epilog" gibt es nun die Sensation zu vermelden, dass ÄNGLAGÅRD ein drittes Album aufgenommen haben. Und wie ist es? Kurz und bündig auf den Punkt gebracht: Es klingt schon nach zehn Sekunden unverwechselbar nach ÄNGLAGÅRD, dabei eher nach "Hybris" als nach "Epilog", ist jedoch noch etwas melancholischer arrangiert, wobei vor allem den leisen Passagen mehr Raum gegeben wird.

Für die, die mehr wissen wollen, hier "Viljans Öga" Song für Song (vier davon gibt es):

'Ur Vilande' (15:47) lässt sich am besten mit einer Wanderung durch eine imposante Alpenlandschaft im Frühling beschreiben: Mellotron, Akustikgitarre und Flöte suggerieren blumenübersäte, leicht bewaldete Almenlandschaften, bevor ein erstes Crescendo Blicke auf imposante, steil abfallende Nordwände freigibt. Und dorthin wird es gehen. Die Musik türmt sich auf und der Weg schlängelt sich immer ausgesetzter vorbei an immer immer bizarreren Felsformationen, umgesetzt durch komplexer werdende Improvisationen, Taktwechsel und ineinandergreifende Melodien, bei denen man immer wieder fasziniert innehalten muss, weil es einem den Atem verschlägt. Und immer, wenn man meint, den Gipfel erreicht zu haben, tut sich eine noch größere Szenerie auf und es geht immer steiler in die Höhe. Erst am Ende beruhigt sich der Puls und man genießt eine freie Rundumsicht auf das sich ausbreitende Gipfelmeer. Fantastisch!

Gegen 'Sorgmantel' (12:06) jedoch wirkt 'Ur Vilande' wie eine leichte Genusstour. Nach langsamem Beginn frickeln sich ÄNGLAGARD hier in ein Nirvana aus versetzten Takten, schrägen Harmonien, sich aufsteilenden Felstürmen und geben dem Frickelprogger (Freikletterer?) zehn Minuten lang einen ausgesetzten Gratritt an der Grenze des Absturzes. Vollkommen abseits jeglicher Songwriting-Konventionen wird hier die musikalische Freiheit zelebriert. Noch fantastischer!

'Snardom' (16:15) rückt nun etwas in die Symphonic-Prog-Ecke, weite vergletscherte, geröllige Hochgebirgslandschaften tun sich auf, doch natürlich wird auch hier jedes Detail dieser nur scheinbar gleichförmigen Szenerie vertont. Das klingt ein wenig so wie die FLOWER KINGS, wenn sie sich aller Fesseln entledigen. Nach etwa sieben Minuten entzerren sich der Tonknoten etwas und münden in eine großartige Melodie, über die in der Folge auf alle möglichen und unmöglichen Arten variiert wird. Dabei wird es auch mal ganz leise und sanft, was das epische Ende des Songs im Vergleich noch etwas gewaltiger erscheinen lässt. Mit THRESHOLDs Ohrwurm-Melodie bei 'The Hours' wohl meine "Melodie des Jahres".

Bleibt noch 'Langtans Klocka' (13:22): Hier fühle ich mich eher an eine verwunschene Feenlandschaft erinnert als an Gebirge. Der Track ist insgesamt etwas stiller und von der Melodieführung noch epischer als 'Snardom', dabei auf urtypisch ÄNGLAGÅRDsche Weise aber immer noch extrem verfrickelt. Die gegen Ende immer wieder auftauchende, schräge Dreivierteltakts-Karnevalsmelodie lässt dabei auch Erinnerungen an 'Circus Brimstone' von den FLOWER KINGS – einen meiner Alltime Faves der Band - aufkommen. Wenn das mal nix ist!

Fazit: "Viljans Öga" ist mindestens genauso stark wie die beiden hochgeschätzten Alben aus den 90ern und wird jeden, der diese kennt, restlos begeistern. Generell sollte jeder Progfan, der es instrumental und komplex mag, in allen drei ÄNGLAGÅRD-Alben seine Erfüllung finden.

Punkte: 10 / 10


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