Lower (2011) - ein Review von Leodoom

KURSK: Lower - Cover
1
Review
3
Ratings
9.50
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Doom Metal


Leodoom Avatar
30.10.2011 16:23

KYPCK. Wenn in diesen Breitengraden jemand den Namen überhaupt schonmal gehört hat (auf die zweifelhafte Distributionspolitik der Band werde ich später eingehen), dann höhstens in Zusammenhang mit ihrem Russland-Fimmel-Image: Russische Texte über Suizid und den KGB, eine zur Gitarre umgebaute Kalashnikov, Bühnenuniformen im Sowjet-Stil, obligatorische rote Sterne überall und ein alter Lada als Bandauto.Von "russischer Rammstein-Ästhetik" war in Interviews schon die Rede.
Dass die Band hingegen zu den besten neuen Doom Metal Bands der letzten Jahre gehört, hat sich bisher nur wenigen erschlossen. Selbst innerhalb der Metalszene ist Doom ja ein Stil, der von einer Mehrzahl verpönt, belächelt oder einfach ignoriert wird. Und innerhalb der sowieso schon überschaubaren Doomszene tun viele KYPCK als Gimmickband, Kommerzprodukt oder einfach als unnötig ab.

Dabei offenbarte schon das Debutalbum "Cherno" aus dem Jahre 2008, dass es sich bei KYPCK um ein grandioses und vollkommen eigenständiges Projekt handelt. Selten walzten Doom-Riffs so unbarmherzig (und grandios produziert!) wie in "Christmas in Murmansk" über den geneigten Hörer. Selten gab es so großartig aufwühlende Stimmung wie in "Demon". Selten hatte Doom so unglaubliche Ohrwurmmelodien wie in "Stalingrad" zu bieten. "Cherno" war eine grandiose Vertonung Russlands, wie man es sich vorstellt: Kalt, trostlos, einsam.
Doch wohin geht die Reise mit "Nizhe"?

Der Albumtitel des Zweitwerks ist gut gewählt. Es geht tatsächlich - wie die Übersetzung des russischen Worts lautet - abwärts. Tiefer. Tiefer in die Welt der Trostlosigkeiten, tiefer inden Alkoholismus, tiefer in den Suizid.
Der Opener "Posle" ("Danach") ist ein aufrüttelndes Stück Musik mit einem grandiosen Refrain, der sich sofort in die Gehörgänge einfrisst und gleich einen der stärksten Songs des Albums markiert.
Dann folgt mit "Alleya Stalina" ("Die Stalinallee") so etwas wie der "Hit" des Albums. Der Song ist relativ simpel aufgebaut, zieht nicht ganz so runter (natürlich im Vergleich zum Rest des KYPCK'schen Schaffens - das Stück ist immer noch ein depressiver Brocken!) und stellt mit seinem gut mitgröhlbaren Refrain soetwas wie den Nachfolger von "1917" vom Debut dar. Nicht umsonst wurde zu diesem Song ein Videoclip gedreht.
"Tschyshoy" ("Der Fremde") markiert das längste Stück des Albums. Die Riffs fließen in bester Lava-Manier, Sänger Erkki Seppänen klingt hier etwas psychopathisch und lässt das Stück ein bisschen wie eine heftigere Version von Black Sabbath klingen. Die Monotonie, die sich über große Längen des Songs zieht, langweilt nicht, sondern fesselt - was für eine Leistung!
"Felitsa" arbeitet mit einer ähnlichen Stimmung wie "Demon" vom "Cherno"-Album: Schön und irgendwo mit ein wenig Hoffnung als Kontrast zur Trostlosigkeit des restlichen Albums - wenn auch weit weniger als auf "Demon".
Dann folgt mit "Rasriv" ("Das Zerreißen" - dieses Wort ist für mich aber schwer zu übersetzen) das wohl mit Abstand düsterste Stück der Bandgeschichte (und wohl eines der düstersten Stücke Musik die wohl je geschrieben wurden): In selbst für Doom-Verhältnisse walzend-zäher Langsamkeit fleht die Band nicht nur im Text um den finalen Todesstoß. Gelegentliche Clean-Gitarren leiden gegen Powerchord-Walzausbrüche, der Bass brodelt aus der Kanalisation und der Gesang klingt so dermaßen beschwörend, dass ich beinahe selbst schon einen Strick gesucht hätte. Wer bei diesem Stück kalt bleibt, kann auch weiterhin HIM hören. Das wohl intensivste Stück, was die Band bisher geschrieben hat.
"Burlaki Na Wolge" ("Die Wolgatreidler") klingt gegen dieses Monument dann beinahe nichtssagend. Für sich stehend entfaltet dieser schnellere Song abereine bedrohliche Atmosphäre, die einem die Nackenhaare hochjagen kann.
"Bardak" ("Unordnung") lebt von einem Riff, dass so auch auf einer guten Candlemass-Platte nicht negativ aufgefallen wäre. Dieses Stück ist, trotz zweifelloser Qualitäten, das schwächste und unauffälligste Stück des Albums.
"Towarischjam" ("Den Kameraden") lenkt dann, wie bereits "Burlaki Na Wolge" in einer sehr bedrohliche Richtung. Ein beinahe krankes Stück mit seltsamen Gitarreneinstrengseln und einem aufrüttelnden Refrain.
"Waltz Smertij" ("Der Walzer des Todes") lässt das Album dann als reine Akkustiknummer mit spärlichen Gitarren und einem durch den ganzen Raum hallenden Schlagzeug würdig ausklingen.

"Nizhe" ist eine konsequente Fortführung zu "Cherno": Es wird auf die selbe Formel gesetzt, aber anstatt sich einfach nur zu kopieren wurde hier verfeinert und optimiert: Die Songs sind variabler, kommen gleichzeitig mehr auf den Punkt und sind griffiger geworden. Gleichzeitig sind plakative Effekte wie der fast schon überzogen-poppige "Stalingrad"-Refrain eher subtileren Elementen gewichen - und trotzdem gibt es auch auf Album Nummer Zwo einige Ohrwurmmomente. Und nicht zuletzt wird noch viel mehr auf die Stimmung eingegangen, die man bereits auf "Cherno" erzeugte, hier aber noch weiter perfektioniert hatte. Die russische Sprache, die hier beinahe dialektfrei und grammatikalisch richtig dargeboten wird, mag für viele befremdlich wirken, passt auf den zweiten Blick aber einfach perfekt zu den Kompositionen von KYPCK und bietet im Gegensatz zum omnipräsenten Englisch nicht nur eine Möglichkeit, sich klangtechnisch abzugrenzen und sich eine eigene Nische in der immer enger werdenden Metalwekt zu suchen, sondern auch unzählige Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks, die einem sonst verborgen bleiben würden. KYPCK nutzt hier beides meisterhaft. Und auch die Texte sind sehr interessant und gehen oft tiefer als man es erwarten würde.

Abgerundet wird das ganze von der vorzüglich-drückenden Produktion vom mittlerweile ausgestiegenen Schlagzeuger Kai H. M. Hiilesmaa (bekannt durch seine Produktionen für HIM, Sentenced etc.), die die Songs erst so richtig nach vorne bringt, sowie dem grandiosen Artwork- und Bookletdesign, für das Fotos des russischen Künstlers Aleksej Repkin benutzt wurden und eine russische Kanalisation in eine wundersame, gleichermaßen einladende und bedrohliche, in jedem Fall aber schaurig-schöne Welt verwandelt. So wie KYPCK es mit der russischen Geschichte tun.


Zu guter letzt wollte ich aber noch ein paar Worte zur seltsamen Distributionspolitik loswerden; das Album erschien über Yellow House Recordings. Von der Plattenfirma habe ich noch nie gehört, und die Seriennummer "YHR-001" deutet auch stark darauf hin, dass es diese vor diesem Album nicht gab.
Ein eigenes Label zu gründen, haben Bands seit jeher gemacht und es ist stärker im Kommen denn je - die Globalisierung und das Internet im speziellen sowie günstiger und besser werdendes Homerecordung machen es ja möglich, Firmen wie SAOL erkannten die Zeichen der Zeit früh und steigen langsam aber sicher in ihrer Bedeutung - ein Trend, der in den nächsten Jahren noch explodieren wird.
Ob es nun auf mangelnde Fachkenntnis der Beteiligten (die ich so erfahrenen Musikern aber nicht vowerfen dürfte) liegt; daran, dass die Band sich ausserhalb von Finnland und Russland anscheinend kaum verkauft hatte und ihr Debut mittlerweile unberechtigterweise auf dem Grabbeltisch verscherbelt wird - oder schlichtweg an der Faulheit und dem Desinteresse der beteiligten Akteure: "Nizhe" ist südwestlich der Ostsee nicht zu bekommen. Kein einziger Mailorder bietet diese CD an - zumindest zu einem akzeptablen Preis. In Finnland ist sie erhältlich, aber dank der hohen Umsatzsteuer dort unsagbar teuer, wenn man sie sich bestellen will.
Um auf einen Preis von unter 20 Euro zu kommen, musste ich einen Bekannten bitten, mir eine "Nizhe" von seinem Finnland-Urlaub mitzubringen. DASS kann jedoch nicht die Zukunft sein. Die Band hat eine Fangemeinde hier in Mitteleuropa - keine so große wie Sentenced vielleicht, aber auch weitaus kleinere Bands und Labels bekommen es hin, ihre Produkte flächendeckend und zu humanen Preisen in Europa anzubieten. Hier besteht fürs dritte Album arger Nachholbedarf!

Ansonsten hoffe ich, dass jeder sich selbst ein Bild macht und sich eine Chance gibt, in die Welt von KYPCK einzutauchen. Die Belohnung sind Klangwelten, die gleichermaßen neu- und fremdartig wie berührend sind. NASDROWJE!


Anspieltipps:
"Posle", "Alleya Stalina", "Rasriv"



Für alle die sich selbst ein Bild machen wollen, hier der Videoclip zu "Alleya Stalina":

http://www.youtube.com/watch?v=fliA5Hr8PeA

Punkte: 9.5 / 10


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