Norrøn Livskunst (2010) - ein Review von Bardauk

Solefald: Norrøn Livskunst - Cover
1
Review
4
Ratings
9.62
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Black Metal, Progressive Metal


Bardauk Avatar
21.10.2011 13:21

Die Hydra kotzt, singt, tanzt, rockt, schreit, stirbt, kreischt, fetzt, verdreht ihre Köpfe. Und sitzt breitbeinig auf dem norwegischen Olymp.

Ohne Zweifel: Die nordische Lebenskunst ist ein vielbeachteter und -diskutierter Topos der Metalwelt. Die Fülle verschiedenster Bands, die sich seit 20 – 30 Jahren aus den nordischen Landen über die Musikwelt ergossen hat, fasziniert nicht nur durch ihre Quantität sondern ebenso durch große Variabilität. Dass dies sicherlich nicht das Hauptthema von "Norrøn Livskunst" ist, dem neuen Album der Avantgarde-Metaller von SOLEFALD, ist ebenso klar wie die Tatsache, dass ein neues Album der beiden Norweger immer eine Überraschung darstellt. Die Kreativität des Duos Cornelius Jakhelln (STURMGEIST) und Lars "Lazare" Nedland (BORKNAGAR, AGE OF SILENCE) spaltet seit 1995 die Extrem-Metalszene, nach dem viel beachteten Debut "The Linear Scaffold" von 1997 stellte vor allem "Neonism" einen ersten Höhepunkt in der Selbstfindung der Band dar. Dieser Prozess, und das wird die Fans der Band freuen, ist auch 2010 noch nicht abgeschlossen, auch wenn es für das Epos über die nordische Lebenskunst sicherlich weit weniger Morddrohungen geben wird als für das parodistische Manifest "Neonism", das zum ersten Mal Black Metal mit Hip Hop verschmelzen ließ.

Und so beginnt sich das SOLEFALD-Rad nach vier Jahren erneut zu drehen. Falls die Fans erwartet haben, dass die Island-Odysse-Trilogie abgeschlossen werden würde: Zumindest nicht im Albumtitel, soviel ist ja offensichtlich. Den Beginn des Albums macht eine klargesungene Hymne aus, dessen lyrische Grundlage Olav H. Hauge liefert. Hauge ist ein norwegischer Dichter, dessen Hauptmotivik die Natur Norwegens darstellt. Ein kurzer Blick auf die Biographie des Dichters verrät, dass es durchaus Überschneidungen zwischen Hauge und dem einen kreativen Kopf der SOLEFALD-Hydra gibt: Jakhelln lebt seit mehreren Jahren in Berlin und arbeitet dort als Schriftsteller und Lyriker, beide haben Deutsch gelernt. Die spannendste Analogie stellt aber wohl die Tatsache dar, dass beide Künstler eine sehr ironische Ader haben, die sich zumindest bei Hauge erst über die Jahre hinweg stärker in seine Lyrik verwoben hat. Bezieht man diesen Vorgang auf die Diskographie von SOLEFALD stellt man fest, dass diese ironische Komponente ein zentrales Motiv für das Schaffen der Band darstellt – und möglicherweise erst durch diese Konfrontation verschiedenster Stilistika und Kombination eigentlich paradoxer Perspektiven das wahre kreative Potential der Band ausgeschöpft wird.

Auch 2010 werden Genregrenzen mit einem berserkerhaften Wahnwitz zerstört, wieder aufgerichtet und erneut in Grund und Boden gejazzt. Doch zurück zum Beginn des Albums: In TYR-hafter Epik wird das Gedicht von Hauge in schönstem Norwegisch vorgetragen, geschickt verfeinert durch einen märchenhaften, weiblichen Gesang. Wie wunderschön! Und wie wunderschön der Kontrast zur Verbeugung von Chucky der Mörderpuppe, die in 'Tittentattenteksti' zum Zuge kommt. Schon mit den ersten Tönen des Songs entzückt den Hörer eine wohlbekannte Stimme, zumindest wenn man sich 'Gateways' von aktuellen DIMMU-BORGIR-Album angehört hat: Agnete Maria Forfang Kjølsrud singt sich hier in gewohnt hysterisch-genialer Art und Weise die teuflische Seele aus dem Leib. Ohne SOLEFALD und DIMMU BORGIR nun vergleichen zu wollen: Unterschiedlicher könnten die Kompositionen nicht sein, denn wo bei der (tollen!) Hochglanzproduktion von DIMMU BORGIR allein der Einsatz der Stimme die Überraschung darstellt, fasziniert bei 'Tittentattenteksti' ( - was für ein genialer Songtitel!) weniger die Art des Gesangs von Agnete, als vielmehr das geniale Break, in dem die Gute plötzlich zu scatten beginnt. Dieser Ausflug in den Jazz passt sich perfekt in die Mörderpuppenode ein und ist im wahrsten Sinne des Wortes unerhört gut. Insgesamt wurde bei "Norrøn Livskunst" sehr viel Wert auf perfekt ausgearbeitete Gesangsstrukturen gelegt, was insbesondere bei der überraschend straighten Pop-Rock-Metal-Big-Band-Eskapade 'Vitets Vidd I Verdi' herauskommt. Mehrstimmige Arrangements treffen sicken Big-Band-Funk, der in dieser Kombination bislang nur von LEE HARVEY & THE OSWALDS aus München gespielt wurde. Skandinavien trifft nordisches Italien – geht es besser?

Natürlich darf auch ordentliches Metal-Riffing nicht fehlen – und bei aller Liebe zu Exkursen jeglicher Art: SOLEFALD verstehen es einfach, geile Riffs mit dem gewissen Extra zu schreiben. 'Raudedauden' ist einer dieser Black-Metal-Songs mit ausgefeilt fetzendem Riffing, der gleichzeitig das Prinzip in Frage stellt. Eingebunden in den Albumkontext, stellt er eine Art Metaebene, einen transzendenten Raum dar, der in diesem post-black-metallischen Schaffen als Rückbesinnung ebenso wie als klare Absage an die Möglichkeit einer Existenz des Black Metals im Jahr 2010 fungiert. Dieser musikalisch vollzogene gedankliche Twist ist nicht die einzige Verknüpfung verschiedenster Ebenen. Passend zum lyrischen Konzept des Albums veröffentlicht Jakhelln demnächst einen Gedichtband, der die Idee dahinter aufgreift. Diese Verzahnung von Lyrik und Musik auf einem derart hohen Niveau ist das Sahnehäubchen auf dem explosiven Schokokuchen direkt aus der Fabrik des verrückten Pendants zum abgedrehten Fabrikbesitzer Charlie.

Fazit: So homogen wie noch nie schaffen SOLEFALD den bisherigen Höhepunkt ihrer 15 Jahre Bandgeschichte. Das Genresprengen ist weit weniger Selbstzweck als beispielsweise bei "Neonism", es scheint fast so, dass das Prinzip der Provokation einem musikalisch-lyrischen Ganzen untergeordnet wurde. Das macht "Norrøn Livskunst" sicherlich nicht weniger bissig oder gar weniger variabel als die Vorgänger, aber es verbindet die Epik, die Metalattitüde und die hohe Qualität der Kompositionen auf einem neuen Niveau. Fans werden sich über die tolle Produktion genauso wie über die Erfüllung der Standards freuen, alle anderen werden sich genauso schwer mit dem Schaffen der Band tun, wie in der Vergangenheit. Freunde komplexer Kunst und avantgardistischer Genresprengungen mit der Garantie einer schlichten Aberkennenung der Existenz von Tellerrändern sollten sich "Norrøn Livskunst" auf jeden Fall zu Gemüte führen.

Anspieltipps: Norrøn Livskunst, Tittentattenteksti, Vitets Vidd I Verdi

Powermetal.de: http://powermetal.de/review/review-Solefald/Norr_n_Livskunst,17199.html

Punkte: 9 / 10


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Tracklist:

  1. Song til stormen
  2. Norron livskunst
  3. Tittentattenteksti
  4. Blackabilly / Stridsljod
  5. Eukalyptustreet
  6. Raudedauden
  7. Vitets vidd i Verdi
  8. Hugferdi
  9. Waves over Valhalla [An Icelandic odyssey, Part 3]
  10. Til heimen yver havet

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