BAP Da Capo (1988) - ein Review von Spike65

BAP: Da Capo - Cover
1
Review
16
Ratings
7.62
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Pop
Rock


Spike65 Avatar
08.09.2017 14:34

Nach Queen nun Bon Jovi: Das zweite Album aus der Reihe "Kölschrock im internationalen Sound". Major Heuser war tatsächlich mit Produzent Mack in Los Angeles im "Trainingslager" für dieses Album und das hört man der ein oder anderen Komposition an. Die Produktion übernahm zwar offiziell nun wieder BAP, aber die Soundvorstellungen der Band um Wolfgang Niedecken haben sich gewandelt. BAP steckt hier mitten in einer Krise, die Band ist nicht mehr zusammen im Studio zum erarbeiten der Songs/Arrangements, der Major liefert zum Teil fertig produzierte Playbacks ab, an denen die anderen nur noch marginale Änderungen machen. Niedecken schreibt im Buch "Verdamp lang her" 1999, daß "Da Capo" so etwas wie das Solo-Album vom Major sei, das er nur noch betexten und besingen durfte. Auch bezeichnend, daß zum erstenmal seit 1982 wieder eine Cover-Version auf dem Album ist - das zeugt davon, daß es nicht genügend eigenes Material gab, auf das sich die Band hätte einigen können.

"Stadt im Niemandsland" eröffnet die Scheibe und setzt eine erste Duftmarke: BAP hat seinen Sound weiter aufpoliert und so klingt der Opener ein wenig nach "The final Countdown". Etwas Bombast-Gitarre für Refrain und Überleitung, die Strophen keyboardlastig. Major Heuser hat seine klassische Paula gegen einen top-modischen Strat-Clone mit nach oben gebogenem "Bananen"-Wirbelbrett eingetauscht und will mit den ganz Großen mithalten.

Bei "Fortsetzung folgt" darf Effendi Büchel mit den Shakuhachi-Klängen des neuen Roland Synthi protzen. Das Arrangement im Vergleich zu manchem auf der Vorgängerscheibe diesmal luftiger, transparenter. Die Gitarre hält sich hier auch wieder schon fast komplett aus der Strophe heraus und kommt erst bei Überleitung und Refrain mit Power-Chords dazu. Niedeckens kritischer Text über Jugendarbeitslosigkeit wird radiotauglich verpackt und erklettert die Hitparaden - man gastiert damit sogar bei Gottschalk's "Wetten daß?!": Dieser Song wird tatsächlich mit Platz 10 bis heute der größte Charts-Erfolg von BAP.

Im Oktober 1987 spielte BAP als erste westliche Rockband eine Tour von 8 Konzerten in China. "Shanghai" ist eine Reminiszenz daran, die allerdings keinerlei Bezug nimmt auf die Konzerterlebnisse, sondern sich an einem Bild festmacht, das eine unbekannte Frau zeigt. Niedecken entdeckte das Bild in einer Plakatmaler-Werkstatt, es zeigt eine Heldin der Arbeit, deren Bild in komplettem Kontrast zum westlich dekadenten Ambiente des Hotels stand, in dem die Band gerade logierte. Niedecken sinniert über diese Diskrepanz ohne aber allzu konkret zu werden. Zwei kurze Strophen, die von Synthi-Layern untermalt werden. Major intoniert dazu auf der akustischen Gitarre die Hookline, die irgendwie eher spanisch als chinesisch anmutet. Alles irgendwie nicht wirklich weltbewegend - auch das ein Indiz für die Krise der Band, wenn bei nur 9 Songs auf dem Album eine so schwache Nummer dabei ist.

Mit "Op dä Deckel vum Clown" setzt Niedecken seinen musikalischen Helden, den Kinks ein Denkmal. Es ist die kölsche Version von Dave Davies' Solo-Hit "Death of a Clown". Und tatsächlich macht sich Niedecken die Mühe, den verschrobenen englischen Originaltext möglichst werkgetreu in sein kölsches Idiom zu übertragen. Eine reine Spaßnummer, die dem Album allerdings gut tut. It's only Rock'n'Roll but I like it ...

"Rääts un links vum Bahndamm" ist ein weiterer Bon Jovi-Rocker - für mich die stärkste Nummer des Albums. Stark wie Niedecken die morgendliche Bahnfahrt mit dem Sammelsurium von Fahrgästen und flüchtigen Eindrücken beim Blick durch's Zugfenster schildert und darin klammheimlich eine verbotene erste Nacht beichtet. Es ist der erste Song für seine spätere zweite Frau Tina, die er auf der 1987er Tour mit den Complizen in der Abfertigungsschlange am Kölner Flughafen kennengelernt hatte. Noch ist Niedecken aber mit Carmen, der Mutter seiner zwei Söhne verheiratet - wenn auch mittlerweile nur noch auf dem Papier: Die Würfel sind gefallen, der Vagabund und Streuner hat sich gegen das Familienleben entschieden und hat die Gefährtin gefunden, die dieses Leben mit ihm bis heute teilen wird. Musikalisch arbeitet Klaus Heuser mit Hochglanz-Licks im Intro und zwischen Refrain und Strophe, unter den Strophen läßt das Achtel-Stakkato das Tempo des Intercity fühlbar werden und man sieht vorm inneren Auge die heruntergekommenen Güterbahnhofs-Areale, die Industriegebiete und Schrebergärtenanlagen vorbeihuschen. Die im Text nur vage angedeutete gemeinsame Nacht wird im Zwischenstück von Effendi auf Synthi-Layer gebettet. Es ist neben "Fortsetzung folgt" der einzige Song der LP, der auch nach dem Ende der Major-Ära in den Setlisten zu finden ist - und im Gegensatz zu "Fortsetzung folgt" wird er nicht nur zu den Jubiläums-Touren berücksichtigt, sondern findet sich auch komplett neu als Akustik-Ballade arrangiert auf Niedecken's 2013er Solo-Album "Zosamme alt".

Mit "Sandino" nimmt Niedecken Stellung zum aktuellen Geschehen in Nicaragua, indem er dem 1934 ermordeten Freiheitskämpfer ein Denkmal setzt und seinen Enkeln Erfolg wünscht in ihrem Kampf gegen die von den USA unterstützten Contras. Jürgen Zöller, seit 1987 der neue Trommler bei BAP, der diesen Posten 27 lange Jahre innehaben sollte nachdem ihn Niedecken aus der "Konkursmasse" von Wolf Maahn's Deserteuren verpflichtet hatte, macht mit einem kräftigen Uptempo-Beat das Fundament für Major's spanische Konzertgitarrenlicks unter den Strophen. Beim Refrain greift Klaus Heuser dann zur verzerrten E-Gitarre und rockt.

"Dat däät joot" ist eine der schwächsten Balladen im BAP-Repertoire - ein letzter Nachruf auf die gescheiterte Ehe mit Carmen, ein Appell, der einzig davon zeugt, daß Niedecken noch nicht klar ist, daß er selbst schon Tatsachen geschaffen hat und die Entscheidung längst gefallen ist. Die Musik protzt mit den neuesten technischen Möglichkeiten wie glockigen Synthi-Loops und Percussion vom Digi-Drum-Pad: Eine Leistungsschau des japanischen Synthi-Herstellers Roland. Steve Borg am Fretless Baß ist bis zum einsetzen von Zöller's Drums zum zweiten Refrain der einzige nicht-digitale Klang. Im Vergleich zu "Do kanns zaubere" klingt diese Ballade künstlich und steril, da helfen auch die wärmsten Synthi-Pads nichts. Und auch Major's Hochglanz-Solo kann diesem Song keine Seele einhauchen. Live ließ er sich per Hebebühnen-Plattform zu diesem Solo über das Publikum schwenken - auch das ein bis dahin von BAP nicht gewohnter Show-Effekt, den man sich bei den internationalen Stars abgeschaut hatte. Vielleicht schon fast sinnbildlich, denn in dieser Phase verlor BAP ein wenig den Boden unter den Füßen.

Mit "Saison der Container" kommt der dritte Bon Jovi Rocker - oder ist das gar AC/DC, bei denen hier abgekupfert wird? Tatsächlich könnte man auf die ersten Zeilen auch "Livin' easy, livin' free, season ticket on a one-way-ride" singen. Die Musik ist der perfekte Stadion-Rocker, der Text ist die aktualisierte Fassung bzw. Fortsetzung von "Südstadt verzäll nix" - das Ganze jedoch nicht mehr mit dem Charme des amateurhaften Arrangements von 1981, sondern im Mainstream-Rock-Sound der End-Achziger.

Den Abschluß des Albums bildet der vielleicht berührendste Song:"Flüchtig" ist der Nachruf auf den am 15. Juli 1987 an Krebs verstorbenen Interims-Schlagzeuger Pete King mit der traurigen Erkenntnis von Niedecken, daß er den stillen Engländer in dem halben Jahr der Zusammenarbeit in der Hektik des Tourbetriebes nie wirklich kennengelernt hatte. Gefühlvoll setzt Major Heuser die traurige Stimmung auf Dobro und akustischer Gitarre um, Effendi steuert sparsam Klavier und Synthi-Streicher bei.

Insgesamt ein Album mit Stärken und Schwächen: Die Rocknummern sind zwar gelungen, doch im Grunde zu glatt für das, was man von BAP gewohnt ist. So manches kommt fast schon ein wenig poppig daher oder droht in Kitsch zu entgleiten. Am direktesten kommen im Grunde die Spaßnummer "Deckel" und das abschließende "Flüchtig".
Hinter den Kulissen von BAP herrscht seit dem "Ahl Männer"-Album ein heftiges Tauziehen zwischen Major Heuser (unterstützt von Steve Borg und Fonz) und Wolfgang Niedecken, der sich nach dem Abgang von Jan Dix nur noch auf seinen Freund Schmal Boecker in der Firma BAP verlassen kann. Während die Major-Fraktion zu gerne den internationalen Markt erobern würde, ist Niedeckens Überzeugung, daß BAP nur in der kölschen Sprache überzeugend und authentisch sein kann. Dieses Tauziehen sollte auch das folgende Album "X für e' U" noch maßgeblich beeinflussen. Danach kam ab 1993 eine Phase von Besetzungsänderungen, an deren Ende 1999 Niedecken als einziger der "klassischen" Besetzung der frühen 80er verbeleiben sollte und sämtliche neuen Bandmitglieder nur noch Angestelltenstatus hatten. Die "Firma BAP" wurde 1999 endgültig aufgelöst und das Projekt "Banddemokratie" als gescheitert ad acta gelegt.

Die Remaster Bonus CD mit 10 Live-Songs lohnt sich hier vor allem, weil 6 davon Cover-Songs bzw. Versionen mit eingekölschtem Text sind, von denen es 5 auf keinem BAP-Album gibt.

Punkte: 8 / 10


Bap: Da Capo (Remaster)

Audio CD

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Tracklist:

  1. Stadt im Niemandsland (2006 Digital Remaster)
  2. Fortsetzung folgt... (Remastered 2006)
  3. Shanghai (2006 Digital Remaster)
  4. Op dä Deckel vom Clown (2006 Digital Remaster)
  5. Rääts un links vum Bahndamm (2006 Digital Remaster)
  6. Sandino (2006 Digital Remaster)
  7. Dat däät joot (2006 Digital Remaster)
  8. Saison der Container (2006 Digital Remaster)
  9. Flüchtig (2006 Digital Remaster)
  1. Born To Be Wild (Live, "Werner-Rennen", Hartemholm 1988; 2006 Digital Remaster)
  2. Eez steht he Manhattan (Live, München 1988; 2006 Digital Remaster)
  3. Stellt üch vüür (Imagine) (Live, Köln 1989; 2006 Digital Remaster) - Bläck Fööss
  4. Rääts un links vum Bahndamm (Live, Bonn 1989)
  5. Biko (Live, Köln 1988)
  6. Rockin' All Over The World (Live, Köln 1991)
  7. Fortsetzung folgt (Live, St.Wendel 1989)
  8. Shanghai (Live, St.Wendel 1989)
  9. Op dä Deckel vom Clown (Live, St.Wendel 1989)
  10. Saison der Container (Live, St.Wendel 1989)