BAP Amerika (1996) - ein Review von Spike65

BAP: Amerika - Cover
1
Review
10
Ratings
8.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock


Spike65 Avatar
21.09.2017 12:15

Vielleicht das beste BAP-Album aus den 90ern ist "Amerika", mit dem sich die Band augenzwinkernd einen lang gehegten Wunsch erfüllt, denn endlich kann BAP eine Amerika-Tour machen. Sie führt von November 1996 bis August 1997 durch ganz Deutschland mit kleinen Abstechern in die Schweiz. Damit ist das Thema des internationalen Durchbruchs abgehakt und die Band fokussiert sich wieder auf das, was sie am besten kann: Kölschrock.
In der Zwischenzeit haben mit Manfred "Schmal" Boecker und Stefan "Steve Borg" Kriegeskorte zwei weitere Mitglieder die Firma BAP verlassen und werden durch Werner Kopal, der mit Jürgen Zöller zuvor bei Wolf Maahn's Deserteuren schon die Rhythmus-Section gebildet hatte, am Baß und Mario Argandona an der Percussion ersetzt. Mit Jens Streifling kommt der erste Sachse ins Band-Line-up: Er war Mitglied in Niedecken's Leopardefellband wird zur Allzweckwaffe an Gitarre, Mandoline, Bluesharp und Saxophon - und außerdem als weiterer Komponist in der Band. Almut Ritter veredelt das ein oder andere Arrangement als Gastmusikerin mit ihrer Geige und ihrem Chorgesang. Als erster BAP-Longplayer sprengt "Amerika" die zeitlichen Grenzen, die eine Vinyl-Veröffentlichung dem Künstler setzt und nutzt die 74 Minuten Spielzeit des Audio-CD-Standards voll aus.

Mit "Nix wie bessher" schaffen Niedecken und Heuser hier ihren letzten gemeinsamen BAP-Klassiker. Niedecken verbindet gekonnt Kindheitserinnerungen mit dem Thema Veränderung: Der Moment, als auf einmal alles anders wurde, ist Thema dieses Songs. In drei Strophen deckt Niedecken's Text die drei wichtigsten Themen ab: Fußball, Musik und die Liebe. Und jeder Hörer wird damit seine eigenen Erinnerungen an Momente verbinden, die sein Leben verändert haben. Geschickt baut Major Heuser die musikalische Spannungskurve auf: Die erste Strophe beginnt auf der 12-saitigen Akustikgitarre und lädt regelrecht zum mitsingen und mitklatschen ein, eine Überleitung mit Geige und E-Gitarrenpicking führt zur zweiten Strophe, bei der dann Drums, Baß und E-Gitarre voll einsteigen: Der warme Rickenbacker-Sound gibt dem Klangbild seine Fülle. Nach einem rockigen Refrain und einem kurzen E-Gitarren-Solo auf den Anfang der 3. Strophe bleibt zur zweiten Strophenhälfte wieder nur die 12-saitige Akustikgitarre - auch wieder so ein Moment, mit dem man live Stimmung erzeugen kann. Zu den Schlußrefrains steigt dann wieder die komplette Band ein und der Song endet mit einem ausgiebigen Gitarrensolo.

Bei "Silver un Jold" kommt wieder der Geschichtenerzähler Niedecken zum Zug: Er schildert eine kleine Familiensaga, die ausnahmsweise nicht schicksalsbeladen daherkommt, sondern von einem Familienglück erzählt und einer Liebe und Ehe, die Bestand haben. Ein solider Gitarrenrocker, der live Spaß macht. Wie bei fast allen starken Songs der Scheibe stammt die Musik von Klaus Heuser.

Mit "Amok" kommt der dritte Rocker des Albums, in dem Niedecken sich nun auch wieder gesellschaftskritisch äußert: Der Song über den Wegrationalisierten, dessen Job nun ein Computerchip macht, der den endlosen Tag zuhause mit TV-Serien und Alkhol hinter sich zu bringen sucht und innerlich Amok läuft. Auch hier wieder solide kompositorische Arbeit von Klaus Heuser, dessen Musik in Ohr und Beine geht.

"Wie 'ne blaue Ballon" ist eine eher ruhige Nummer, in der Niedecken eine Collage aus Zeitungsmeldungen und Nachrichtenfetzen des weltweiten Tagesgeschehens zusammenfügt mit dem Resumee im Refrain:"Un dä Planet drieht sich wigger, als ob nix wöhr, wie 'ne blaue Ballon". Ein etwas synthi-lastiges Arrangement, in späteren Live-Versionen hat der Song nochmal deutlich gewonnen.

"Saach, wat ess bloß passiert?" kommt rockig-funkig daher. Wieder eine neue Klangfarbe bei BAP, für die kompositorisch Jürgen Zöller und G. Fleer Wolfgang Niedecken unterstützt haben - wie auch bei der Komposition von "Wirklich noch nie". Wohl die einzigen BAP-Songs, für die Jürgen Zöller Tantiemen erhält. Inhaltlich liest Niedecken einer nicht genau spezifizierten Dame die Leviten darüber, mit welch oberflächlichen Typen sie verkehrt und droht, darüber zur reinen Dekorationspuppe zu verkommen. Im Grunde also nochmals die Message von "Queen vun dä Ihrestrooß", nur diesmal mehr als Gardinenpredigt denn als Blues.

Der Titelsong der Scheibe, "Amerika", kommt als atmosphärisch dichter, ruhiger Song daher. Inspiriert von einem Foto vom Einmarsch der US-Truppen im zerbombten Köln versetzt sich Niedecken in die Szenerie und läßt zwei imaginäre Kölner einen Dialog darüber führen, was das für Befreier sind und wie es wohl da drüben im "gelobten Land" über'm großen Teich sein mag:" Et heeß, do wöhr jeder jlisch, ejal, ob ärm oder risch – Amerika, un do kräät jeder sing Chance, e’ Paradies vun ’nem Land – Amerika.". Warme Synthi Layer und Werner Kopal's Baßlinie bilden das Fundament, auf das Major Heuser im Stil von Pink Floyd minimalistisch seine Stratocaster hintupft, während zum Refrain die Hammond und der Chor die Führung übernehmen. Jens Streifling soliert am Saxophon. Auch heute noch einer der absoluten Gänsehaut-Erzeuger bei BAP-Konzerten.

Mit dem an Tom Petty's "Free falling" erinnernden "Niemohls verstonn" gibt Jens Streifling seinen Einstand als BAP-Komponist. Textlich skizziert Niedecken den ahnungslosen braven Ehemann, der es gar nicht mitbekommen hat, wie seine Ehe in der Sicherheit des Alltäglichen sanft entschlafen ist, und wie seine Frau klammheimlich ein neues Leben für sich ins Auge faßt. Nicht umsonst gibt es von diesem Titel auf einer Maxi-Single auch eine "E Street Version". Gitarre und Hammondorgel bestimmen das Arrangement.

"Talk Show" ist einer der Songs, die es nichtmal ins Live-Set von BAP geschafft haben. Bissig und bitterböse karrikiert Niedecken die Welt der Late-Night-Talk-Shows mit ihrer bunten Mischung aus Promis, Stars und Sternchen, Politikern und Freaks. Dabeisein ist alles, gesehen werden auch wenn man nichts großartiges zu sagen hat. Effendi Büchel zeichnet verantwortlich für die Komposition.

Ein warmes Synthi-Pad und Akustische Gitarre bilden das Fundament von "Do jeht ming Frau", dem Lobgesang auf Niedecken's Frau Tina, die gerade Niedeckens erste Tochter Isis zur Welt gebracht hat. Im Refrain bringen Flöte und Akkordeon einen Hauch von Highlands ins Arrangement. Kompositorisch ist immer noch Major Heuser für die Liebeslieder zuständig, auch wenn er die Klasse von "Do kanns zaubere" und "Paar Daach fröher" hier nicht ganz erreicht.

"Novembermorje" ist der bildreiche Nachruf auf Niedecken's Maler-Freund Michael Buthe, der im November 1994 wie es Niedecken ausdrückt "an einer Überdosis Lebensfreude" verstarb. Klaus Heuser's Musik zaubert eine orientalische Morgenstimmung für die ersten zwei ruhigen Strophen und geht dann in einen rockigeren Teil über, in dem Niedecken's Text Erinnerungen und Bilder zu einer Collage über Buthe's Leben verwebt. Die Musik steigert sich zum Klangrausch, Effendi's Hammond übernimmt eine tragende Rolle, Major soliert darüber und Niedecken setzt mit der letzten Strophe ein:"Dä Zaubrer laach nit mieh ...". Der Klangrausch bricht plötzlich ab und nur die Hammond leitet über in die Morgenstimmung vom Anfang mit Gitarre und Synthi-Pad. Ein bildreicher Text von Niedecken mit perfekt dazu passender Musik von Klaus Heuser machen "Novembermorje" zu einer der eher unbekannten Perlen im BAP-Repertoire. Seit der Radio Pandora Tour 2008/9 ist dieser Song dank vieler Fan-Wünsche wieder mehr im Live-Repertoire der Band zu finden.

"Völlig ejal" ist ein knackiger Rocker ohne größere Ambitionen, einfach ein Song über den freien Tag am Badesee. Auch dieser Song tanzte live nur einen Sommer - äh Winter.

"Wirklich noch nie" ist der Song über die ungefragte "Lebensberatung", die einem überall in Medien und in der Öffentlichkeit ihre Meinung aufnötigen will, sei es per Plakat, Werbetrailer oder direkt durch ein aufgezwungenes Gespräch. Es ist Niedeckens Statement zur selbstbewußt vertretenen eigenen Meinung und Selbstbestimmung.

"Asphaltpirate" ist die Hymne an die nimmermüde Crew, die vor, während und nach den Konzerten dafür sorgt, daß alles reibungslos abläuft und das Publikum eine tolle Show bekommt, und daß die Unmengen von Gerätschaften noch in der Nacht zur nächsten Tourstation transportiert werden. Es sind immer wieder dieselben Gesichter, und zu manchen Roadies entwickeln Niedecken und BAP schon fast familiäre Bindungen. Übrigens der erste reine Wolfgang Niedecken Song auf einer BAP-LP seit "Affjetaut" 1980. Nachdem bis 1988 praktisch alle Musiken von Klaus Heuser stammten, sind auf "Amerika" nur noch 8 der 14 Titel mit "Niedecken/Heuser" angegeben.

Mit "Weihnachtsnaach" adaptiert Niedecken den Kultsong "Fairytale of New York" der Pogues ins Kölsche und duelliert sich gesanglich herrlich mit Nina Hagen, die den weiblichen Gesangspart übernimmt. Typisch Niedecken, den bürgerlichen Weihnachts-Kitsch mit fassadenkletternden Weihnachtsmännern und illuminierten Fußgängerzonen mit dieser trashigen Weihnachtshymne zu beantworten. Und die Band, verstärkt durch Paddy goes to Holyhead Geigerin Almut Ritter, ist mit viel Freude dabei, sich mal im Irish Folk auszutoben. Sehr gelungen das Ganze.

"Amerika" ist der Höhepunkt der späten Major-Phase. Mit "Nix wie bessher", "Amerika" und "Novembermorje" enthält das Album gleich drei absolute Fan-Favoriten. Aber auch Songs wie "Wie'ne blaue Ballon" und "Niemohls verstonn" fanden sich auch 10 Jahre später wieder mal in den Setlisten, und "Asphaltpirate" und "Do jeht ming Frau" wurden später in neuen Versionen nochmals veröffentlicht. Zur Erscheinung des Albums machte BAP eine 4-Tage-Tour per Sonderzug mit 11 Kurz-Konzerten auf den großen Bahnhöfen der Republik. Kurz gesagt: BAP war wieder mit Spaß bei der Sache.

Die Remaster Bonus CD lohnt sich dank 6 Single-Tracks bzw. Beiträgen zu den Jubiläums-CDs von Lindenberg und der Sendung mit der Maus, plus 3 Live-Versionen.

Punkte: 9 / 10


Bap: Amerika (Remastered)

Audio CD

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Tracklist:

  1. Nix wie bessher (Remastered 2006)
  2. Silver Un Jold (2006 Digital Remaster)
  3. Amok (2006 Digital Remaster)
  4. Wie 'Ne Blaue Ballon (2006 Digital Remaster)
  5. Saach, Wat Ess Bloss Passiert? (2006 Digital Remaster)
  6. Amerika (Remastered 2006)
  7. Niemohls Verstonn (2006 Digital Remaster)
  8. Talk Show (2006 Digital Remaster)
  9. Do Jeht Ming Frau (2006 Digital Remaster)
  10. Novembermorje (2006 Digital Remaster)
  11. Völlig Ejal (2006 Digital Remaster)
  12. Wirklich Noch Nie (2006 Digital Remaster)
  13. Asphaltpirate (2006 Digital Remaster)
  14. Weihnachtsnaach (Remastered 2006)
  1. Lass Se Doch Reden (Vom "Wahnsinn"-Album) (2006 Digital Remaster)
  2. Jebootsdaachspogo (Von Der "Lass Se Doch Reden"-Maxi) (2006 Digital Remaster)
  3. Ich Danz Met Dir (Vom "Wahnsinn"-Album) (2006 Digital Remaster)
  4. Cello (Remastered 2006)
  5. Bein Bess Ahn De Ääd (Von Der "Wehnachtsnaach"-Maxi) (2006 Digital Remaster)
  6. Niemohls Verstonn (E-Street-Version, Von Der "Amerika"-Maxi) (2006 Digital Remaster)
  7. Hungry Heart (Live, Von Der "Ahnunfürsich"-Maxi; 2006 Digital Remaster)
  8. Nix Wie Bessher (Live, "Rockpalast", Koblenz 1996; 2006 Digital Remaster)
  9. Amok (Live, "Rockpalast", Koblenz 1996; 2006 Digital Remaster)