Sweet Dreams (1988) - ein Review von quellecair

Sword: Sweet Dreams - Cover
1
Review
13
Ratings
8.15
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Heavy Metal, Power Metal


quellecair Avatar
01.10.2014 13:16

Irgendwann im Jahr 1986, irgendwo in Kanada: Sword schmettern mit "Metalized" nicht nur eines der grossartigsten Debuts auf den Markt, sondern zugleich ein ernsthafter Kandidat für den engeren Kreis der besten Heavy Metal Alben aller Zeiten. Die Reaktionen und Kritiken waren anno dazumal ausnahmslos positiv und das Album wurde mit Lobeshymnen regelrecht überschüttet. Die Erwartungen an den Nachfolger waren logischerweise unermesslich hoch und der Drang - aufgrund der Gunst der Stunde mit wachsender Fangemeinde, nicht zuletzt nach Liveauftritten als Supportact von Grössen wie Metallica, Alice Cooper oder Motörhead - das Album möglichst rasch zu veröffentlichen, versetzte die vier Herren vor eine grosse Herausforderung.

Und zwei Jahre später legen Sword mit "Sweet Dreams" nach. Und der erste Eindruck ist vorerst mal ernüchternd. Der Opener "Sweet Dreams" plätschert unerwartet sperrig und auf den ersten Hörgenuss ungewohnt langweilig dahin und man fragt sich, wo denn die Frische und die Spielfreude geblieben ist. Und dies ändert sich auch an den restlichen Stücken nicht wirklich - zumindest nicht beim ersten Durchlauf. Es kommt Enttäuschung auf, man sehnt sich nach "Metalized"-Feeling, welches man aber vergeblich sucht. Was ist bloss geschehen? Oder hat man das Album als solches nicht verstanden? Man steht vor einem scheinbaren Rätsel.
Nun hat man die Wahl: entweder schmeisst man die Scheibe in die nächste Ecke und vergisst sie einfach wieder oder man nimmt sich die Zeit und gibt "Sweet Dreams" eine zweite Chance und gönnt dem Teil noch ein paar Durchläufe.

Und es lohnt sich! "Sweet Dreams" ist kein nahtloser Nachfolger von "Metalized", wie sich die meisten gewünscht und erwartet haben. Nein, es ist vielmehr eine musikalische Weiterentwicklung einer Band, die man auf diese Weise schlichtweg nicht erwartet hätte und der man einfach zu wenig Zeit für dieses Album gelassen hat. Lässt man sich nämlich bewusster auf die Songs ein, dann wird man Finessen entdecken, die weit über den normalerweise einfach gestrickten Mustern des klassischen Heavy Metals liegen. Sword pflegen zwar ihren "right-in-your-face" Stil nach wie vor mit erfrischenden Riffs, Tempowechseln, herausragenden Gesangslinien und allgemein technisch makelloser Instrumentalisierung, trauen sich aber noch mehr musikalische Bandbreite zu. So wirkt der eine oder andere Song dann halt auf den ersten Hörgenuss etwas gemächlicher oder sperrig, da im Hinterkopf immer noch die zehn Granaten des Debuts geistern.

Der Titeltrack steht dann als ungewohnt ruhige Nummer gleich zu Beginn des Albums und bildet zusammen mit "Land of the Brave" für den Sword-Kenner der ersten Stunde die grösste Herausforderung des gesamten Albums. Wer sich mit diesen beiden Stücken anfreunden kann und darin die musikalische Weiterentwicklung der Band entdeckt, dem werden plötzlich Stücke wie "Back off", "Caught in the Act", "Life on the Sharp Edge" oder das rassige "State of Shock" runtergehen wie Öl.

Heute, wo seit der Veröffentlichung bereits über ein viertel Jahrhundert dazwischen liegt, schaut man "Sweet Dreams" mit etwas anderen Augen an. Zweieinhalb Jahrzehnte hat das Album überstanden und klingt - trotz der etwas stumpfen Produktion - immer noch top und viele Bands würden heute viel dafür geben, ein solches Album herauszubringen. Hätten Sword mit ihrem Debut "Metalized" die Messlatte nicht dermassen hoch gesteckt oder wären die beiden Alben vom Release her vertauscht, hätte "Sweet Dreams" gezündet wie ein Feuerwerk. So aber bleibt am Ende ein Album, welches immerhin Kultstatus besitzt und sehnsüchtig auf das dritte Werk der Kanadier hoffen und warten lässt.

In Anbetracht des Erstlingswerks - bei welchem man nicht drumherum kommt, es als Massstab zu nehmen - muss sich "Sweet Dreams" ganz klar geschlagen geben, trotzt aber selbst im heutigen Zeitalter voller Stolz der Konkurrenz und verpasst nur ganz knapp den Jackpot.

Punkte: 9 / 10


Login
×