Ulla Meinecke Kurz Vor Acht (1986) - ein Review von Spike65

Ulla Meinecke: Kurz Vor Acht - Cover
1
Review
2
Ratings
8.75
∅-Bew.
Typ: Live
Genre(s): Rock Pop-Rock
Singer/Songwriter/Liedermacher


Spike65 Avatar
06.11.2018 13:11

Dieses Live-Album dokumentiert die erfolgreichste Phase der Karriere von Ulla Meinecke in den 80ern und wurde im Jahr nach dem Rockpalast-Auftritt in der Zeche Bochum aufgenommen. Kern des Sets bilden vier hervorragende Songs vom Album "Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig", mit dem ihr 1983 der Durchbruch gelang.

Die Scheibe wird mit einem grandiosen Heiner Pudelko Cover eröffnet: Die derbe Liebeserklärung "Was ich an dir mag" mit dem bluesigen Harp-Part ist allerdings das erdigste, was auf dieser Scheibe zu hören ist, denn der Großteil des Sets stammt musikalisch aus der Feder von Spliff-Mastermind Herwig Mitteregger und ist daher eher Synthi-lastig - doch nicht weniger schlecht. "Nie wieder", das leere Versprechen, nicht mehr auf diese gutaussehenden Typen reinzufallen, die nur auf eine wilde Nacht aus sind, kommt rockig daher mit funkigen Breaks - die Band ist hervorragend besetzt und bestens eingespielt, die komplexen Arrangements sitzen auf den Punkt. Mit "Feuer unterm Eis" geht es gänsehautmäßig weiter, Ulla's samtene Stimme stellt die Nackenhaare auf - auch George Kochbeck am E-Piano trägt durchaus Mitschuld daran. Doch bevor es zu romantisch wird, kommt eine Story, in der Ulla aus dem Blickwinkel der genervten Barfrau das unbeholfene Geturtel von Frischverliebten kommentiert - als perfekte Überleitung zum selbstbewußt-selbstironischen "Zu fett für's Ballett", das in den Strophen cool, im Refrain mitreißend rockend dazu aufruft, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn man (bzw. Frau) nicht aussieht wie Heidi Klum - oder um in der Zeit zu bleiben Brooke Shields, die ironischerweise mittlerweile auch zu fett ist für's Ballett.
Und weiter geht's in Sachen Beziehungsthemen mit einer Publikumsbefragung zu Traummännern und dem Song "Erwischt", bei dem Micha Brandt an der E-Gitarre deutlich mehr zu tun hat, als er es mittlerweile als ständiger Begleiter von Klaus Hoffmann hat. Richard Wester's Saxophon erzeugt ein weiteres Mal Gänsehaut beim stimmungsvollen "Hafencafe" von Manfred Maurenbrecher, danach swingt es grandios beim Randy Newman Cover "Politische Wissenschaft" über Rote Knöpfe und Großmacht-Ansichten aus USA. Doch zurück von der Weltpolitik zu den Beziehungsthemen: Es geht um's verlassen werden und die Ersatzdroge, die hilft, die frustige Wirklichkeit zu ertragen bzw. zu verdrängen. "Video" besingt eingängig poppig die Wirklichkeitsflucht, danach zieht "Die Blonde" die Bilanz der Verlassenen:"Pack sein Bild in ne Rakete rein und schieß sie auf den Mond". Im Reggaerhythmus besingt Ulla im Anschluß ihre zeitweilige Heimatstadt Frankfurt und spart nicht an textlichen Seitenhieben.
Zum Finale erklingt der unverwechselbare swingende Rhythmus, den Ulla bei aktuellen Auftritten vom Cassettenrecorder abspielen läßt: Edo Zanki war im Studio an den Tasten, die hier live George Kochbeck virtuos bedient, während auch hier wieder Richard Wester geil am Sax soliert - über all dem schwebt aber Ulla's Samtstimme "Du bist die Tänzerin im Sturm, du bist ein Kind auf dünnem Eis, du schmeißt mit Liebe nur so um dich - und immer triffst du mich ..." - das minimalistische Arrangement ist immer noch unerreicht und man muß einfach mitswingen. Eine weitere Story zu Beziehungsthemen leitet über zm nächsten Klassiker vom "Wenn schon nicht für immer"-Album, der das Publikum nochmal ordentlich rockt:"Die Zauberformel wirkt nicht mehr und keine Beschwörung bringt dich lebend her ..." - der Song vom loslassen. Nach der Vorstellung der Band kommt mein persönliches Highlight, das mitreißende "Dach der Welt", das sich immer weiter steigert und in einem furiosen Sax-Solo endet. Als letzte Zugabe folgt die ruhige Klavierballade "Wenn ich jetzt weiterrede", das den Hörer in die Nacht entläßt.

Die Scheibe ist zum einen dank der musikalischen Vielfalt, zum anderen aber auch durch die spitzzüngig pointiert erzählten Stories zwischen den Songs ausgesprochen kurzweilig, aber trotzdem sehr stimmungsvoll und gibt das Live-Erlebnis recht authentisch wieder. Aus meiner Sicht eine der besten deutschsprachigen Live-Platten der 80er, deren Sound sie unverkennbar auch widerspiegelt mit Synthi-lastigen Arrangements und glockigen E-Pianos, die aber durch rockende E-Gitarre, tolle Sax-Soli und funkigen Baß nie in seichte Pop-Gewässer abzuschweifen drohen. Ulla ist aktuell fleißig auf Tour und macht bis zu 100 Auftritte quer durch die Republik im Jahr, und wer sie mal live erleben will, sollte das umgehend tun - es lohnt sich! Ich sehe sie demnächst in Stuttgart.

Punkte: 9 / 10