So Fine! (1994) - ein Review von Janeck

Waltari: So Fine! - Cover
1
Review
4
Ratings
8.75
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal


Janeck Avatar
21.12.2015 10:08

"So Fine!" habe ich erst kürzlich für mich wiederentdeckt, gute 10 Jahre nicht mehr gehört und wie damals in den Neunzigern habe ich mich zappelnd und willig diesem Dopamin-Ansturm unterworfen.
Wie gut das Album auch heute noch klingt; frisch, unverbraucht, mitreißend und glücklich machend - überzogene Dekadenz, verpackt in einer der für mich besten (Metal) Produktion, die in den 90ern realisiert wurde.
Der Sound, entstanden unter Mikko Karmila und der Beihilfe von WALTARI selber, hebt sich nicht nur durch seine glasklare, druckvolle und ausbalancierte Feinheit ab, der zudem passend die Moderne und den einzigartigen und sehr schrägen Crossover-Charakter fantastisch betont, sondern ist eine dieser typischen Produktionen, die man wohl als zeitlos bezeichnet. Spontan fällt mir da nur noch "Angel Dust" von FAITH NO MORE als Vergleich ein.
Im Grunde genommen ist "So Fine!" ein unberechenbarer Überraschungstrip, vollgestopft mit kreativen Ideen, genreübergreifenden Stilvermischungen und brachialer Rücksichtslosigkeit und degradiert eigentlich so jede progressive Schlagerkapelle, die in den Neunzigern Ekel erzeugten, zu Komapatienten. Auf "So Fine!" wird dies wie bei kaum einem anderen (Kunst)Werk aus dieser Zeit enthüllt und gnadenlos zur Schau gestellt. Sinnlich, frech, verspielt, neugierig, ballaststoffarm, funky, ohne Regeln und komplett fetzig - eben ein knallbunter musikalischer Kindergarten, wo der Fantasie keine Grenzen gesetzt werden.
Mike Patton knattert der besoffenen Alten von 2 UNLIMITED auf einem Bravo-Meeting unter einer Überdosis Koffein den nächsten großen Dancefloor-Hit bis unter die Schädeldecke, rutscht wegen den vielen Rhythmuswechseln des Ficksoundtracks, für den sich VOIVOD verantwortlich zeichnen, aus Versehen in den Auspuff von Anita Doth, die explosionsartig kreischt wie am Spieß (lölchen), wobei Mike Patton erst dadurch zu seinem Lebenswerk FANTÔMAS inspiriert wurde, vorher noch das Gestörten-Monstrum "Disco Volante" veröffentlicht, wo er diesen Moment seelisch verarbeitet und noch Jahre später Shane Embury von NAPALM DEATH von diesem Erlebnis erzählt, wie Grindcore eigentlich wirklich funktioniert.
Eine scheinbar kleine unbedeutende Geschichte, die aber scheinbar einige Wellen auslöste. Man könnte sich natürlich auch stundenlang auf den wohl geilsten Metal-Tanz-Hit der 90er stürzen, den Aufbau auseinandernehmen, den Refrain studieren, über den fantastischen (Jung)Frauenchor philosophieren und jede Ohrwurmmelodie bereitwillig folgen. Oder man bestaunt 'A Forest', eine der besten umgesetzten und mit eigenem Duft versehenen Coverversionen, die ich irgendwo auf einem Album gehört habe. Aber WALTARI können halt noch so viel mehr. Ob es völlig überzogene Comic-Lieder wie 'Piggy In The Middle' sind, Tanzflächenfüller wie 'To Give', Seilhüpfsongs wie 'Mad Boy' und 'The Beginning Song', die Psychoanalyse 'Autumn', mächtige Eurodance-Zitate wie 'Rhythm is a Cancer' oder das verstörende und abschreckende Abschlussmonster 'Mysterious', wo noch mal alles aus der Anstalt WALTARI aufgeboten wird - "So Fine!" gehört zu eines der wasserdichtesten, wichtigsten und befreiendsten Meisterwerken, was dem Heavy Metal in den 90er Jahren passiert ist.
Gibt's heute solche Kreativkinder eigentlich noch in der "Szene"?

Punkte: 8 / 10


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