Wehrmacht Biermächt (1988) - ein Review von walzenstein

Wehrmacht: Biermächt - Cover
1
Review
9
Ratings
8.56
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal Thrash Metal, Crossover


walzenstein Avatar
06.04.2018 10:58

1988 … mein Kumpel aus Warnemünde mit etwas regimeängstlichen Eltern, lud mich während einer Angelnacht auf der Warnemünder Westmole zu sich ein und sagte mir, er hätte eine neue Band entdeckt, die er auf Kassette hat. Bei ihm angekommen, holte er eine ORWO-Kassette heraus, schloss leise die Tür und raunte mir grinsend zu: „Pass mal auf, das ist WEHRMACHT!“. Bereits –zig Mal überspielt war die Qualität natürlich äußerst übel und während er sich über ein Interludium, wo man nur Gekotze hört, herzlich amüsierte, schloss ich diese Band eher musikalisch ins Herz. Das war mein erster Kontakt zu dieser amerikanischen Band und bei dem Album handelte es sich um das Debüt „Shark Attack“.
Ein paar Monate später bin ich in den schönen Thüringer Wald gefahren. Da war natürlich auch mein Monorekorder Stern R4100 dabei. Abends suchte ich dann mal nach ein paar Sendern und blieb plötzlich bei Hessen 3 hängen, wo grad HELLOWEEN lief. Nach Bands wie DEATH, BATHORY und IMPULSE MANSLAUGHTER kündigte der Moderator dann WEHRMACHT an und spielte „You broke my heart“ von der neuen Platte „Biermächt“. Ich war sofort hin und weg und wollte unbedingt diese Scheibe haben. Nur war das zu Ostzeiten etwas schwierig und der Fall der Mauer noch nicht wirklich in Sichtweite. Doch kannte ich jemanden in Rostock, der fast alle Neuerscheinungen auf Vinyl besaß und auch die „Biermächt“ sein Eigen nannte. Ich kaufte auf dem Schwarzmarkt eine Leerkassette von „drüben“ und er überspielte sie mir.

Dass damals irgendwelche Aufschreie bezüglich des Bandnamens aufkamen, ist wohl klar. Aber WEHRMACHT haben gleich deutlich gemacht, dass sie nichts mit braunem Dreck zu tun haben, sondern lediglich Bier haben wollen und so hatten sie nicht nur Zuspruch aus der Metalszene, sondern auch aus dem Punk-Bereich, wo ihre durchgehend schnelle Mischung aus Hardcore und Thrash Metal wunderbar ankam.
Die unverwechselbare, ja manchmal schon witzige Stimme von Tito brannte sich bei mir sofort ins Ohr. Die sägenden Riffs und die schwindelerregenden Leads taten ihr Übriges. Dass WEHRMACHT sich selbst nicht allzu ernst nehmen und eher übers Saufen singen, sagt der Albumtitel bereits und dennoch kommt bei den Amis immer wieder Sozialkritik durch. Und mit dem Titel „The Wehrmacht“, in dem es heißt: „Crushing the weak those in their way, THANK GOD, HITLER DIED, we prayed for the day....Under the Swastika all bullshit stands the master race carried the plans...ovens were warning chambers were full but Hitler had fallen out of control, WE ARE NOT FASCIST...!“, distanzieren sie sich nochmal lyrisch vom Faschismus.

WEHRMACHT haben es zudem noch drauf, wirkliche Gassenhauer zu schreiben, obwohl das Highspeeddrumming dominiert. So animiert „Munchies“ einfach nur geil zum Mitgrölen und „Night Of Pain“ ist schon ein kleines Meisterwerk, was auch den Jungs von NAPALM DEATH nicht entgangen ist, so dass sie es kurzerhand für „Leaders not Followers Part 2“ gecovert haben. Überhaupt gelingt es WEHRMACHT, richtig geile Melodien in die Songs einzubauen und sich somit von gewöhnlichem Geknüppel abzusetzen.
Einen kleinen Wettbewerb, wer denn wohl den kürzesten Song auf einem Album hat, haben WEHRMACHT dann wohl auch für sich entscheiden können. Mit „Everb / E...! / Micro-E! „ haben sie gleich drei „Lieder“ zusammengefasst, die nur Millisekunden andauern. Das kann man ruhig als Gruß an NAPALM DEATH verstehen.

Ich bin mir sicher, dass die Musik von WEHRMACHT polarisiert, denn für einige wird das nur Bullshit sein. Bei mir hingegen läuft diese Scheibe seit 25 Jahren regelmäßig, mit Vorliebe auf Vinyl vom guten alten Plattenspieler. Wie eine solche Scheibe ankommen würde, wenn sie erst heute erschienen wäre, weiß ich nicht. Jedoch kam „Biermächt“ im Jahre 1988 heraus und hat mich geprägt. Quasi ein Wegbereiter meiner musikalischen Vorlieben.
Von mir kann es da nur die Höchstpunktzahl geben. Auch wenn das eventuell für Diskussionen sorgen wird. Die Scheibe ist einfach nur von Anfang bis Ende geil!
„DRAFT BEER, NOT ME!
DRINK BEER, BE FREE!“

Punkte: 10 / 10