Yes Close To The Edge (1972) - ein Review von metal lounge

Yes: Close To The Edge - Cover
2
2 Reviews
47
47 Ratings
9.06
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock: Progressive Rock, Psychedelic Rock



05.05.2015 13:00

Man muss nicht lange zuhören, um die Musik schrecklich zu finden.
Man muss sich sicher gewissenhafter damit beschäftigen, um die Musik großartig zu finden.

Ich liege irgendwo dazwischen, die Ausrichtung schwankt mal zu Ersterem, mal zum Zweiten. Bestimmt geht es vielen leidenschaftlichen Musikhörern so, die sich ebenfalls nicht als Fans der Band bezeichnen würden.

Genialität trifft auf Kakophonie (bewusst überspitzt gesagt), der schrille wie höchst vielseitige Wakeman an seinen Keyboards ist daran ganz maßgeblich beteiligt. Oder müsste ich sagen: Genialität erschafft erst die kakophonischen Momente, die vor allem das Titelstück zu Beginn in seinen flotteren Abschnitten schwer zugänglich macht? Der Start in das Werk wird also nicht gerade einfach gemacht. Andersons Gesang bzw. seine Stimmlage ist sehr gewöhnungsbedürftig. Absolut interessant ist das Spiel der Rhythmusfraktion, die Gitarrenarbeit ist tatsächlich erstaunlich zurückhaltend.
Wunderbare sphärische Klänge erschaffen YES besonders in "And You And I", meinem Favoriten. Aber auch hier empfinde ich manches als, nun ja, schwierig.

Ein schwer zu fassendes Werk mit seinen drei kontrastreichen Kompositionen, aber faszinierend allemal. Mal Exzentrik, mal ruhige Zurückhaltung. Nur frag ich mich beim Hören der Stücke: Die sind ja fast alle ("Close To The Edge" und "And You And I") in die Teile a. bis d. untergliedert. Klare, simple Songstrukturen gibt es nicht, die Teile laufen irgendwie fort, ohne dass immer ein Zusammenhang klar wird, mal ist es auch nur ein Solopart. Wären diese Abschnitte denn eigentlich nicht austauschbar, ohne dass man es großartig bemerken würde? Ohne dass es stören/irritieren würde? Und die Songs würden trotzdem weiterhin funktionieren?
Das mag irgendwie Quatsch sein und belegen, dass ich/man den Stücken nicht immer ganz folgen kann. Doch "schuld" ist da ja ganz allein die Band selbst, die eben solche ungewöhnliche Kompositionen zusammenarrangiert hat. Nur mal zum Vergleich: Mit dem zwei Jahre früheren Opus "Child In Time" von DEEP PURPLE hätte man sich so etwas nicht überlegen müssen, ist hier die Struktur doch klarer. Eine straighte Rockband trotz allem.
Bei YES ist dieses Songstruktur weitaus freier, aufgelöster. Das haben sie nicht als einzige gemacht, aber doch zeigt sich hier die Größe und die Eigenwilligkeit der Band in ihrer Herangehensweise.
Genug jetzt mit diesen Überlegungen.

Ich denke, jede Wertung zwischen vier - drunter sollte es aber nicht sein - und zehn Punkten ist auf ihre Weise gerechtfertigt. Ich wähle mal einen etwas diplomatischen Mittelweg. Allein schon, weil die YESsche Großartigkeit eben auch mal gewaltig nerven kann. Darauf kann ich mich nicht allzu oft einlassen. Diese verrückten Progger, ist doch wahr!

Punkte: 7.5 / 10