:Wumpscut: Gomorra (1995) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Gomorra - Cover
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10.00
∅-Bew.
Typ: Single/EP
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial


DarkForrest
27.06.2019 20:34

Okay, das wird jetzt ein bisschen "nerdy", aber ich wollte einfach mal einen etwas näheren Blick auf einen der besten (wenn nicht den besten) Outputs meines Lieblings- elektronischen Projektes :Wumpscut: werfen. Rudi Ratzinger hat wirklich viel an Alben, Singles, Compilations und was weiß ich nicht alles veröffentlicht und als Einsteiger ist es gar nicht mal so leicht zu wissen, wo genau man da anfangen soll. Schwankungen in der Qualität gibt's immer mal wieder und nicht jede CD ist gleich gut zugänglich.

Ich bin sehr froh, dass ich damals mit der 1994'er Single "Gomorra" in Kombination mit dem Album "Embryodead" angefangen habe. Nein, ich will nicht behaupten, dass ich mir das damals schon zum Release mit 7 Jahren gegeben habe, aber als ich irgendwann wirklich zufällig einfach mal zugegriffen habe, waren das die ersten beiden CDs, die ich mir angehört habe und ich war fortan infiziert.

"Gomorra" ist ist kurz nach dem Debüt "Music For A Slaughtering Tribe" erschienen - etwa zur gleichen Zeit wie auch die ebenfalls großartige Single "Dried Blood". Ich weiß jetzt nicht genau, welche von den beiden zuerst da war, aber viele Fans werden die beiden wohl als Bundle "Dried Blood Of Gomorrha" besitzen. Ich habe beide separat und werde mich in diesem Review nur auf die (für meinen Geschmack) etwas stärkere "Gomorra" beziehen. Außerdem habe ich den 1997'er Re Release, welcher neben einem ganz leicht veränderten Schriftzug auf dem Cover eine - warum auch immer - etwas veränderte Reihenfolge der Tracks bietet. Sonst dürfte aber alles gleich sein.

Insgesamt wird hier mehr auf Qualität statt auf Quantität gesetzt. Konkret heißt das: 4 Songs, 1 kurze Promo und gut 20 Minuten Laufzeit. Die Titel suggerieren allesamt, dass es sich um Remixe handelt, was die Sache etwas verwirrend gestaltet. Ich kenne zwar die eine oder andere Alternative Version der Songs, aber von keinem einzigen das Original ohne irgendeinen zusatz. Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich jetzt nicht jede ultrarare Demo von Ratzinger mein eigen nenne.

Los geht's mit "Untermensch" - in der adored Version wohlgemerkt (und eine andere ist mir auch nicht bekannt). Hier zeigt sich ganz gut, dass Provokation gut funktionieren kann, wenn sie anständig umgesetzt ist. Was dabei "anständig" ist, liegt sicher immer im subjektiven Ohr des jeweiligen Hörers. Aber während ich bei einigen späteren Veröffentlichungen von :Wumpscut: immer mal wieder das Gefühl hatte, dass Provokation dort als Selbstzweck dient, finde ich sie hier sehr gelungen, indem zum Beispiel Zitate aus der "Blechtrommel" verwendet wurden ("Es war einmal ein leichtgläubiges Volk. Das glaubte an den Weihnachtsmann. Doch der Weihnachtsmann, war in Wirklichkeit der Gasmann!"). Musikalisch gibt es hier ebenfalls nicht das geringste zu bemängeln. Rudi schafft es vor allem im sehr markanten Refrain, im Gedächtnis zu bleiben und lässt hier nichts anbrennen.

Als nächstes hätten wir den Dessert MIXX von" Crucified Division", zumindest in der 1997'er Version - ansonsten käme zuerst "In The Night". Hier ist mir zumindest noch die deutsche Version "Verflucht Bis Ihr Verhungert" ein Begriff, obwohl ich diese Version hier mit englischen Lyrics doch klar bevorzuge (okay, ist vielleicht nur Gewohnheit). Ganz anders als der "Untermensch" kommt "Crucified Division" deutlich langsamer daher und hypnotisisiert den Hörer geradezu. Obwohl die Synths hier sehr einzigartig klingen fällt mir ähnlich wie im Track davor auf, dass Rudi hier sehr viel aus seiner Stimme rausholt. Gerade "Crucified Division" wäre als a capella Version jetzt nicht gänzlich abwegig. So oder so tritt das Ding jedenfalls voll in's schwarze!

Dann hätten wir da noch den full range Track von "In The Night" (was auch immer ein full range Track ist). Für alle, die auf einer :Wumpscut: CD mindestens einen Song mit maximalem Tempo und Aggression brauchen: "In The Night" ist genau für euch! Gut 5 Minuten geht's brutal nach vorne und obwohl wir es hier mit einem Song zu tun haben, der sowohl eure Anlage als auch eure Nachbarn auf eine harte Probe stellen wird, kommt dabei noch überraschend viel düstere Atmosphäre rüber. Das nenne ich mal Lärm mit Anspruch.

Okay, wir hatten den Ohrwurm, den langsamen hypnotischen Song und den Brecher. Wie können wir das noch toppen? Oh, ich weiß: mit etwas sehr komplexen, was zwar gut in's Ohr geht aber an sich so abwechslungsreich ist, dass man auch beim zehnten mal hören noch etwas neues entdecken kann. Und da kommt "Turns Off Pain" in der Recommended Version in's Spiel. Empfehlen kann ich diese Version auf jeden Fall jedem, der… Naja eigentlich jedem. Wir haben hier einige Tempowechsel, klasse platzierte Samples und eine Vielseitigkeit in Ratzingers Stimme, wie man sie selten hört. Auch hier bevorzuge ich das englische Original der deutschen Version "Schaltet Den Schmerz Ab", auch wenn diese irgendwie ihren eigenen Reiz hat.

Ganz zum Schluss gibt's dann noch eine kleine Promo für das damals kommende Album "Bunkertor 7", welche musikalisch gesehen jetzt keinen großen Mehrwert bietet (auch wenn der Refrain des Titeltracks in verlangsamter Geschwindigkeit ganz lustig klingt), aber für Fans eine ganz nette Kuriosität darstellen dürfte.

Insgesamt bleibt mir zu "Gomorra" nicht viel mehr zu sagen, außer dass :Wumpscut: als Projekt hier 4/4 mal komplett in's schwarze trifft. Ich kann mich anstrengen wie ich will: ich finde hier einfach nichts, was ich nicht mag. Ich will auch gar nicht wissen, wie oft ich mir die einzelnen Songs oder die CD als ganzes schon gegeben habe - aber es dürfte oft gewesen sein, also mal so richtig oft. Wer überlegt, mal näher in :Wumpscut: rein zu hören dem sei "Gomorra" (oder von mir aus auch das Bundle "Dried Blood Of Gomorrha") wärmstens an's Herz gelegt. Ihr müsst nicht viel Zeit investieren und bekommt sofort eine Vorstellung davon wie kreativ, vielseitig und voller Ideen der gute Rudi damals war.

Punkte: 10 / 10