:Wumpscut: Embryodead (1997) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Embryodead - Cover
1
Review
4
Ratings
8.75
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic: EBM, Industrial, New Wave


DarkForrest
14.09.2020 11:41

Wo fange ich bei einem Review zu "Embryodead" an? Zusammen mit der "Gomorra" EP ist es eines der allerersten 'Wumpscut: Outputs, die ich wirklich viel und aktiv gehört habe und damit im Nachhinein Schuld daran, dass ich mich so sehr in dieses Projekt verliebt habe. Damals habe ich es wie bescheuert gehört, langfristig mich aber eher auf einzelne Songs fixiert, die immer mal wieder angehört wurden. Eigentlich eine ganz spannende Idee, nochmal zu schauen, wie sich "Embryodead" als Gesamtkunstwerk gehalten hat.

Allerdings gibt es mittlerweile schon wieder den einen oder anderen Re-Release. Natürlich: Rudy Ratzinger liebt seine Re-Releases. Ich hatte damals die Version aus dem Jahr 1997, welche mit ihrem komplett schwarzen Jewelcase und dem Booklet aus hochwertigem Papier erstaunlich geschmackvoll daherkam - Respekt! Daneben gab es noch eine aufwendige Box (wie das zuletzt bei :Wumpscut :eh die Regel geworden war - damals aber recht neu) mit der Bonus - CD "Music For A German Tribe", die heute ziemlich schwer zu bekommen sein dürfte. Für mich spannend war da eher die "15th Anniversary Edition", die 2012 herauskam, da das Material der 2. CD bis dato noch gar nicht veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich vor allem um instrumentale Versionen der Songs auf dem Hauptalbum, die hier und da mit Remixes gespickt wurden.

Das klingt nicht unbedingt spannend, aber wie der gierige Vollständigkeitsfanatiker, der ich bin habe ich natürlich nochmal zugegriffen und meine alte Version, gegen die 2012'er Version eingetauscht. Rein äußerlich nicht unbedingt ein guter Deal. Ähnlich wie die "Monument Edition" von "Music For A Slaughtering Tribe" kommt sie in so einer Digibox, die durch das längliche Format unnötig Platz wegnimmt, aber trotzdem nicht mal ein Booklet enthält. Das neue Cover ist im Vergleich zum schlichten Logo auf schwarzem Hintergrund auch gewöhnungsbedürftig. Das ist sicherlich Geschmackssache, aber ich kann diesem pornografischen Motiv im HR Giger Style nicht so viel abgewinnen. Aber natürlich ist das äußere bei mir zweitrangig und ich bin eher an den eigentlichen Songs interessiert.

Fangen wir mal ganz von vorne beim eigentlichen Album an. Glatte 10 Songs sind ursprünglich drauf gewesen und man merkt eine dezente Weiterentwicklung im Vergleich zu "Bunkertor 7". Vieles klingt deutlich melodischer, technisch ausgereifter, reiner Industriallärm ist seltener geworden und trotz Experimentierfreude findet Rudy hier einen guten und abgerundeten Kompromiss zwischen Härte und Zugänglichkeit. So wie ich mich hier von Anfang an gut zurecht gefunden habe, kann ich auch :Wumpscut: - Neulingen dieses Album mit gutem Gewissen als Einstiegsdroge empfehlen. Textlich mag es dagegen manchmal etwas schwer und düster daherkommen. Auch wenn "Embryodead" nicht unbedingt ein Konzeptalbum ist, zieht sich durch mehrere Song ("Embryodead", "Womb", "Stillbirth") thematisch ein gewisser roter Faden. Ist vielleicht nicht der perfekte Soundtrack zur Familienplanung. Nicht ganz unähnlich wie auf "Music For A Slaughtering Tribe" ist "Embryodead" mehr oder minder zweigeteilt. Die erste Hälfte kommt etwas schneller und lauter daher, während die zweite Hälfte ruhigere und entspanntere Klänge wagt, ohne allerdings zu hart in den Ambient Bereich abzurutschen.

"Golgotha" ist fast schon der perfekte Einstieg für ein Album wie "Embryodead". Eine Goth - Hymne, die sehr gut in's Ohr geht, aber deutlich wichtiger klingt als ich sie in Erinnerung hatte. Hier dürfte eigentlich kaum jemand etwas aussetzen können. Der Titeltrack ist da schon wesentlich aggressiver. Die Vocals werden einem hier mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Härte um die Ohren gehauen und auch musikalisch passt alles. Ein Problem habe ich lediglich mit den deutschen Samples aus irgendeinem Kinderfilm, der mir nicht bekannt ist. Sie wirken hier schon hart deplatziert, geben der ganzen Nummer eine unnötige Comedy Komponente und passen auch so für mich schlecht rein. Alles kindliche (egal ob Kinderstimmen, -gesänge, -lieder, -lachen und sonstiges, was so aus dem Kontext gerissen und in eher düsterer Musik verwendet wird) ist da so ein bisschen wie die Ananas auf der Pizza und muss schon sehr gut passen, damit es mir schmeckt. Hier beißt es sich einfach nur mit dem Song.

"Down Where We Belong" ist dagegen mal ein richtiger Ohrwurm. Ich habe selten Ratzinger so melodisch singen gehört. Das hier klingt fast schon poppig - also auf eine abgefuckte, dunkle Industrialart. "Slave To Evil" ist das ganze Gegenteil davon. Hier gibt es eher wenig Melodie, an der man sich festhalten kann. Musik und Vocals sind eher stumpf und monoton vorgetragen und harmonieren auch nicht so perfekt miteinander, was sicher so gewollt ist, das ganze aber auch zu einem Song machen, der sicher ein paar Anläufe braucht. Wenn man erstmal drin ist, kann das aber eine ganz lohnenswerte Angelegenheit sein, denn mangelnde Intensität kann man ihm sicher nicht vorwerfen.

Aber die Konkurrenz ist groß und wir erreichen den Höhepunkt des Albums: zwei Songs, die unterschiedlicher kaum sein könnten aber beide absolute Meisterwerke sind. "War" ist brutal und simpel: während Rudy über den ewigen und sinnlosen Kreislauf von Krieg, Töten, Schmerz und Rache philosophiert, werden wir mit stumpfen und immer heftiger werdenden Beats bombardiert. Wenn ihr das in der richtigen Lautstärke hört, dann bombt das nicht nur euer Trommelfell weg, sondern auch eure ganze Wohnung inkl. Stadtviertel in der sie steht und auf dem atomaren Staub, der übrig bleibt wird die nächsten Jahrzehnte nichts mehr wachsen. Was gibt es daran nicht zu mögen?
"Is It You" leitet den ruhigeren Part von "Embryodead" ein und wenn ihr einen unglaublich beklemmenden Song über Angst, Verlust und Paranoia hören wollt, dann seid ihr hier goldrichtig. Auch heute kriege ich noch regelmäßig Gänsehaut, wenn ich diesen Song höre.

"Pest" ist definitiv etwas experimenteller. Sicher nicht jedermanns Sache, aber so wie Rudy hier vor allem mit den Vocals experimentiert, kommt was ganz interessantes bei rum. Creepiges Flüstern, tiefes Grunzen, intensives Schreien - alles da und gut abgemischt mit unheilsvollen Samples und elektronischen Arrangements. "Womb" gibt sich musikalisch eher minimalistisch und hat als Hauptgimmik die verzerrte Stimme des Embryos eines ungewollten Kindes zu bieten, der aus der Gebärmutter mit der Mutter spricht. Je nach Hörer dürfte das beängstigend oder eher albern klingen.

"Angel" ist da wieder deutlich angenehmer zu den Ohren und eine der ruhigsten und melancholischsten Nummern, die damals von :Wumpscut: ausgegangen sind. Während mir das damals etwas unspektakulär erschien, bin ich mittlerweile doch recht verzaubert davon und höre es mir gerne an, wenn es mal nicht auf die Fresse sein muss. Viel schneller oder actionreicher wird es auch mit "Stillbirth" nicht mehr, dafür mit den vielen verzerrten Klängen und Ambient-Elementen nochmal angenehm unheimlich. Guter Abschluss für die eher ruhigere zweite Hälfte, der zeigt, dass :Wumpscut: sich auch in dieser Disziplin seit "Music For A Slaughtering Tribe" weiterentwickelt hat.

Damit wären wir dann auch am Ende des regulären Albums, welches bis sich auf ein paar kleine Ausrutscher irgendwo zwischen gut bis absolut genial bewegt und mit "War" und "Is It You" zwei absolute Meisterwerke des deutschen EBM und Industrial hervorgebracht hat.
Aber wir haben ja noch die Bonus - CD vor uns. Fairerweise muss ich sagen, dass natürlich von vorneherein klar war, worauf ich mich hier einlasse. Und schon im Vorfeld sieht die Tracklist nicht besonders gut aus. Es gibt ja immer wieder Fans, die sich beschwert haben, dass auf den Bonus - CDs zum Schluss fast ausschließlich Remixes zu finden waren und dass das ja wohl die einfachste und billigste Art sei, eine hohe Quantität an Songs zu erzeugen, die man dann auf einer Bonus - CD auf den Markt werfen kann. Teilweise sicher zurecht. Allerdings muss natürlich erstmal ein Künstler gefunden werden, der so einen Remix produziert und selbst ein wenig Arbeit hineinsteckt um dann mehr oder weniger doch etwas komplett neues zu erschaffen. Wisst ihr, was noch einfacher und billiger ist: einfach instrumentale Versionen der Songs auf die Bonus-CD zu hauen.

Versteht mich nicht falsch: ich habe nichts gegen instrumentale Versionen bestehender Songs an sich. Manchmal kann das ganz interessant klingen (siehe "Black Death" oder "Soylent Green"). Und vielleicht gibt es ja auch ein paar wenige, die vorhaben eine :Wumpscut: Karaoke - Party zu schmeißen. Allerdings ist das nicht gerade der beste Weg mir den Re - Release eines Albums schmackhaft zu machen, wenn 8/13 Songs einfach nur instrumentale Versionen bestehender Songs sind. Ohne jetzt auf jeden einzeln eingehen zu wollen, würde ich sagen, dass das Ergebnis unterschiedlich gut klingt. Gerade "Embryodead" wäre für mich nicht das Album der Wahl für so ein Vorhaben, da Rudys Vocals hier einen vergleichsweise hohen Anteil zur Qualität der Songs beitragen. Ein guter Teil der Songs verkommt dadurch zu ganz okayem Hintergrundgeklimper, dem man nicht unbedingt große Aufmerksamkeit schenken braucht. Eine Ausnahme wäre für mich "Stillbirth", dass auch so ganz ausgezeichnet funktioniert und ohne die Vocals noch mal auf einen ganz neue Art reizvoll ist. So ganz einig war man sich offenbar auch nicht bei den Samples. Bei "Pest" etwa bleiben sie drinnen, während sie bei "War" nicht zu hören sind, was schade ist, da "War" in instrumental auf einmal überraschend öde klingt und zumindest die Samples das ganze evtl. etwas aufgelockert hätten. Interessant wäre sonst höchstens noch, dass das Instrumental zu "Angel" auf dem sehr genialen Remix basiert, der auch auf "Born Again" zu finden ist, statt auf dem Original. Keine Ahnung, warum man sich dafür entscheiden hat, aber auf jeden Fall ist es so sehr angenehm zu hören.

Spannender als der ganze Instrumental - Part wären da wahrscheinlich die Remixes. Aus irgendeinem Grund hat man sich entschieden "Slave To Evil" und "Womb" kein Instrumental, sondern stattdessen einen Remix zu spendieren. Als erstes hätten wir den Infact Remix von "Slave To Evil", der das leicht sperrige Original etwas flotter und zugänglicher macht, ohne dass daraus jetzt gleich was für die Tanzfläche wird. An sich absolut okay, aber auch nicht sooo wild. Das Original ist am Ende doch etwas lohnender, wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat. "Womb" kommt auf CD 2 im Beton-K-Remix daher und ändert im Grunde nicht all zu viel an der Ursprungsformel des Originals, macht aber einen guten Job, die ganze Wirkung nochmal etwas zu intensivieren - eine ganz gelungene Verbesserung zum Original.

Zum Abschluss gibt es noch drei zusätzliche Remixes, die ihren Weg auf die Bonus-CD gefunden haben. Den Anfang macht der Aghast View-Remix von "Embryodead", welcher zwar sehr cool und aufwendig ist, aber leider komplett recycled von der "Born Again" Compilation. Das ist ziemlich uncool und für mich ein weiteres Indiz, dass man eigentlich nicht genug Material hatte um einen Re-Release in der Form zu zu rechtfertigen. Die Helpmann Unearthed-Version vom selben Song dagegen war zumindest mir vorher nicht bekannt und ist ganz nett, da sie das Ausgangsmaterial ziemlich stark modifiziert und trotzdem noch gut klingt, aber mit ca. 2 Minuten auch ein bisschen kurz. Den Abschluss bildet "Down Where We Belong" im Minimal Setting, was eher mal eine noch stärker vereinfachte Variante der Instrumentalversion ist. Auch das Teil lässt mich nicht gierig nach der Bonus-CD lächzen, aber es wirkt fast so als hätte man das ganze Stück so optimiert, dass "Down Where We Belong" sich besser für ein Instrumental eignet und sich so besser hören lässt als das ursprüngliche Instrumental. Besser als nichts, was?

Das wäre dann auch tatsächlich schon alles, was die 15th Anniversary Edition zu bieten hat. Am Ende bleibt eine recht enttäuschende Neuauflage eines großartigen Albums und die Frage, ob das hätte sein müssen. Rudy Ratzinger zeigt ja doch recht starke Schwankungen bei seinen Neuauflagen und von "Muss man unbedingt haben!" bis hin zu "Eher was für Hardcore - Fans." ist alles dabei. Das hier dürfte die bisher schwächste neue :Wumpscut: Bonus - CD sein, an die ich mich erinnern kann. Trotzdem ist die 15th Anniversary Edition so wie sie ist natürlich als Album nicht scheiße. Hat es sich gelohnt, meine alte Version gegen die neue einzutauschen? Nope, zumal die 15th Anniversary Edition auch nicht gerade extrem einfach und billig zu bekommen ist. Falls ihr "Embryodead" noch gar nicht habt und auf Booklets verzichten könnt, macht ihr natürlich nichts falsch, wenn ihr euch direkt diese Version zulegt. Falls ihr "Embryodead" schon habt oder euch zulegen wollt und nur die reguläre Version findet, verpasst ihr mit der Bonus - Instrumental - CD aber auch nichts nennenswertes. Holt euch lieber "Born Again", welches hauptsächlich Remixes zu "Embryodead" bietet und erfreut euch daran.

Punkte: 8 / 10