Thin Lizzy Shades Of A Blue Orphanage (1972) - ein Review von Philomena

Thin Lizzy: Shades Of A Blue Orphanage - Cover
1
1 Review
9
9 Ratings
7.61
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock


Philomena
08.04.2015 17:42

Wir erinnern uns: Die drei Iren von THIN LIZZY hatten ihre Heimat Richtung London verlassen, um dort bekannt zu werden. Die Erstveröffentlichung bei der Plattenfirma Decca war trotz manchen schwierigen Bedingungen ein künstlerischer Erfolg, es wurden ca. 20.000 Platten abgesetzt. Die Saat für den nächsten Karriereschritt war gelegt, bei den DJ-Größen John Peel und Kid Jensen gab es viel Airplay. Die kurz nach dem Debüt veröffentlichte EP „New Day“ wurde allerdings kaum wahrgenommen. Trotzdem ging es im Auftrag von Decca 1972 wieder in London ins Studio.
Leider konnte die zweite Veröffentlichung die Erwartungen nicht richtig erfüllen. „Shades Of Blue Orphanages“ (der Titel wurde aus den beiden Vorgängerbands von Lynott/Downey und Eric Bell extrahiert) hat auf jeden Fall seine Reize und Höhepunkte, zeigt die Band aus meiner Sicht aber – wie auch zwei Jahre später „Nightlife“ – noch auf der Suche nach dem eigenen musikalischen Selbstverständnis.
Gründe finden kann man einige: Die Produktion von Nick Tauber ist bescheiden, die Songs decken ein viel zu großes Spektrum ab und wirken teilweise etwas unausgereift, gar fragmentarisch. Philip Lynott konnte sich nicht so richtig entscheiden, ob er der Rocker oder ein folkbeeinflusster Songwriter sein wollte. Mit der Zeit kann man dem Album einige schöne Seiten abgewinnen, beinharte „Black Rose“ und „Thunder And Lightning“ – Anhänger sollten sich allerdings im eigenen Interesse eher behutsam nähern: Mit dem interessanten „Baby Face“, dem soliden „Call The Police“ und mit Abstrichen „Brought Down“ sind nur drei etwas härtere Rocktitel vertreten. Der mit viel Schlagzeug gefüllte Opener „The Rise And Dear Demise Of The Funky Nomadic Tribes“ ist zu lang und zu inkonsequent wie auch die sehr kurz gehaltene Elvis-Hommage „ I Don't Want To Forget How To Jive“ oder das folkige „Chatting Today“.
Aber es gibt auch echte Höhepunkte. Das atmosphärische und über die Jahre bei mir an Sympathie gewinnende „Buffalo Gal“, melancholisch von der Lyrik und der Musik und die Zuckerballade „Sarah“. Und der wieder einmal die irische Heimat rezitierende und feiernde Titelsong. Ganz feine Poesie von Phil mit Kindheits- und Jugenderinnerungen gespickt: „When we were kids he used to go over the back wall into old Dan's scrapyard. Into the snooker hall where most us kids were barred. An' into the roxy and the stella where film stars starred. That's where me and Hopalong an' Roy Rogers got drunk and jarred“. Roy Rogers war übrigens ein singender B-Movie-Cowboy-Darsteller. Diese Irland glorifizierenden Lieder haben schon früh meine Leidenschaft für das damals für mich völlig unbekannte Land entfacht. Und ich habe manche Bücher über die irische Geschichte in meiner Jugend gierig verschlungen.
„Shades Of Blue Orphanages“ konnte insgesamt nicht an den starken Vorgänger anknüpfen und das hätte damals schon das Ende einer hoffnungsvollen Band sein können. Phil blieb aber seiner Band loyal verbunden – auch als eines Tages der DEEP PURPLE-überdrüssige Ritchie Blackmore auftauchte und mit Phil und Ian Paice eine gemeinsame Band plante, mit dem Arbeitstitel „BABY FACE“. Das wäre sicher hoch interessant gewesen, hätte aber wohl das Ende von THIN LIZZY bedeutet. Der Vertrag mit Decca sah noch ein drittes Album vor, das die Band musikalisch ein gutes Stück nach vorne bringen sollte.

Punkte: 9 / 10