Sepultura Morbid Visions / Bestial Devastation (1991) - ein Review von DarkForrest

Sepultura: Morbid Visions / Bestial Devastation - Cover
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2 Reviews
17
17 Ratings
7.09
∅-Bew.
Typ: Boxset/Bundle
Genre(s): Metal: Death Metal, Thrash Metal


DarkForrest
07.04.2026 21:22

Wenn der Name Sepultura fällt, dann gibt es immer recht verschiedene Assoziationen, welche die einzelnen Leute mit Brasiliens bekanntester Metalband verbinden. Thrash Metal Puristen werden von Alben wie “Beneath The Remains” oder “Arise” schwärmen. Wer etwas offener für moderne Einflüsse ist, denkt vielleicht an “Chaos A.D.” oder “Roots” und selbst die ganzen späteren Alben mit Derrick Greene als Sänger haben vielleicht ein paar ganz treue Fans als positive oder ein paar Oldschoolfans als negative Beispiele im Kopf. Was spontan eher wenige auf dem Schirm haben, ist aber die Anfangszeit der Band, bevor sie unter anderem durch Andreas Kisser an der Gitarre etwas professioneller und damit auch erfolgreicher geworden ist. Das war die Zeit, in der eine Truppe Teenager irgendeine wilde Mischung aus Death Metal, Thrash Metal und vielleicht sogar etwas Black Metal gemacht hat. War halt auf der einen Seite nicht so ikonisch wie die absoluten Höhepunkte der Band, gleichzeitig aber auch nicht so polarisierend wie die modernen Einflüsse der späteren Alben.

Trotzdem kann es ganz interessant sein, nochmal zu den Anfängen zurück zu gehen und da hätten wir einmal die “Bestial Devastation” EP, die ursprünglich als Split mit Overdose erschienen ist und das erste Album in voller Länge “Morbid Visions”. Praktischerweise gibt es seit 1991 einen Release vom 1986 erschienenen “Morbid Visions”, auf welchem “Bestial Devastation” gleich mit drauf ist und ich habe mir mal den Spaß gemacht, das ganze Ding etwas ausgiebiger zu hören.

Was direkt auffällt ist natürlich, dass die frühen Sepultura sich noch sehr stark von dem unterscheiden, was später ihren Sound prägen sollte. Man verlässt sich hier vor allem auf sehr viel Energie und Ambition, möglichst lauten, schnellen und brutalen Metal zu spielen. Das wirkt dann auch ungefähr so professionell, wie man es von einer Truppe Teenager, die ihren Idolen aus Europa und den USA nacheifern, so erwarten würde. Der Sound ist nicht gut, man ist sehr großzügig dabei, wie die Instrumente gestimmt wurden und die Lyrics sind nicht nur primitiv und auf simple Themen wie Satan, Dämonen und Zerstörung fixiert (wie man das damals halt so gemacht hat), sondern auch per Wörterbuch in's Englische übersetzt und damit etwas fehlerhaft. Ich versuche das alles mal neutral zu betrachten: ich bin eh kein Experte oder Musiker und werde jetzt nicht jede technische Unsauberkeit zerpflücken. Gleichzeitig gibt's von mir aber auch keine Bonuspunkte für die begrenzten Möglichkeiten, die man damals hatte. Ich bewerte einfach nur das Gesamtergebnis aus Sicht eines Standard-Metalfans. Was man direkt raushört, sind gewisse Einflüsse damaliger Thrash Metal Bands - ich fühle mich zum Beispiel an einigen Punkten ziemlich an “Endless Pain” von Kreator erinnert. Das ist einerseits ganz positiv (da Kreator) andererseits auch nicht, da “Endless Pain” jetzt nicht gerade mein Lieblingswerk von denen ist.

Los geht der ganze Spaß erst einmal mit dem Album - wir heben uns “Bestial Devastation” also für den Schluss auf. Normalerweise würde jetzt ein kurzes Intro kommen, aber beim Re-Release, den ich habe, fehlt dieses, sodass es direkt mit dem Song “Morbid Visions” losgeht. Der Opener ist insgesamt recht simpel gehalten: es wird sofort losgemeddelt ohne irgendwelche Gefangenen zu machen oder zu sehr auf Präzision zu achten und dazwischen gibt es ein recht einfach gehaltenes aber doch einprägsames Riff, bis das ganze Ding plötzlich mit einem sehr schrammeligen Solo endet, das keinen echten Mehrwert liefert und ungefähr so klingt, als würde man eine Rostige Kreissäge mit einem kaputten Schleifstein bearbeiten (wird hier noch öfter vorkommen). Nichts Weltbewegendes, aber es funktioniert irgendwie auf eine sehr basale Art und Weise.

Ein sehr ähnliches Konzept findet sich bei “Mayhem”, wobei es hier für mich leider nicht mehr so ganz funktioniert. Gefühlt wurde hier das Tempo sogar noch mehr gesteigert, aber während man eine Weile mit Highspeed durch die Gegend thrasht, wird wenig geliefert, was dem Song irgendeinen Wiedererkennungswert bietet und irgendwann ist dann auch plötzlich die Luft raus und es gibt ziemlich lange Phasen in denen erschreckend wenig passiert. Dadurch zieht es sich dann und ich bin jedes Mal beim Hören erstaunt, dass “Mayhem” nur gut 3 Minuten andauernd, so wie der Song teilweise gestreckt wird.

“Troops Of Doom” beweist dann, dass es tatsächlich noch wichtigeres gibt, als Vollgas, denn das etwas langsamere Riff ist unglaublich heavy und extrem einprägsam. Das scheinen auch Sepultura so zu sehen, da sie den Song später nochmal neu eingespielt haben, wobei ich ja tatsächlich auch Fan vom wesentlich brutalerem Original bin. Und hey: auch wenn “Troops Of Doom” sich ein klein wenig mehr Zeit nimmt, ist es nicht weniger hart und später auch schnell, als die beiden Vorgänger - nur eben mit mehr Hand und Fuß.

Mein Highlight auf dem Album ist aber “War”. Hier werden wirklich Tempo und Härte sehr effektiv miteinander verknüpft und Max Cavalera, der sich langsam eingesungen hat, ballert die Vocals hier wie mit einem MG raus. Trotzdem hat der Song genug Abwechslung und Variation zu bieten, dass er tatsächlich die ganzen 5 ½ Minuten interessant bleibt - darunter ein paar gute Tempowechsel und Breaks, die auch gerne mal durch ein sehr brachial geschriebenes “Waaaaar!” begleitet werden, was sich unglaublich befriedigend anhört.

“Crucifixion” setzt ebenfalls auf Abwechslung und geht über 5 Minuten, komischerweise verwirrt mich der Song im Vergleich zu “War” aber viel mehr, als er sollte. Teilweise fehlt der rote Faden, teilweise wechselt das Tempo sehr unerwartet, teilweise haben die Vocals extrem viel Hall drinnen und teilweise wirkt das Ding auch komplett überladen. Nachdem dann auch noch plötzlich ein satanistisches Gebet eingebaut wurde, sollte es dann eigentlich wirklich reichen, aber nö: gerade wenn man denkt, dass es das jetzt war, wird plötzlich doch einfach weiter gezockt.

“Show Me The Wrath” funktioniert etwas besser für mich. Wir haben ein cooles, etwas langsameres, Intro und danach wird eigentlich durchgehend Vollgas gegeben. Vielleicht fehlt es auch hier ein wenig an Momenten, die wirklich gut in Erinnerung bleiben, aber wenigstens passiert hier durchgängig irgendwas cooles, ohne dass es zu unnötigen Längen kommt wie bei “Mayhem”.

Bei “Funeral Rites” wird dann allerdings sehr heftig von “Troops Of Doom” recycled - das Intro ist fast dasselbe mit ein paar Abwandlungen. Für sich genommen klingt “Funeral Rites” gar nicht mal unbedingt schlecht, aber im Gesamtkontext vom Album klingt es einfach nur wie ein etwas schlampiger gespieltes “Troops Of Doom” und bietet daher kaum Mehrwert.

Den Abschluss von “Morbid Visions” liefert dann “Empire Of The Damned” - ein ganz solider Abschluss, der nochmal von allem ein bisschen was bietet, was wir bisher auf dem Album gehört haben, aber auch nichts neues mehr mitbringt.

Damit sind wir mit dem Album durch, haben aber noch die “Bestial Devastation”-EP vor uns. Was hier grundsätzlich auffällt: die Qualität ist deutlich besser, als ich es erwartet hätte. Klar: schon das Album ist schrammelig und die EP ist noch schrammeliger, aber der Sprung in der Qualität ist kein wahnsinnig großer und da Sepultura hier noch nicht ganz so auf maximales Tempo aus sind, lässt sich “Bestial Devastation” in manchen Teilen sogar etwas besser hören als “Morbid Visions”.

Das Intro “The Curse” ist auch auf dem Re-Release erhalten geblieben. Im Prinzip besteht es aber auch nur aus Max Cavalera, der vor dem Geräusch von Kirchenglocken irgendwas satanistisches in das Mikro rülpst. Also weiter zum ersten richtigen Song, dem Titeltrack. “Bestial Devastation” bringt alles mit, was man auch so vom durchschnittlichen Song auf “Morbid Visions” erwarten würde. Insgesamt keine Offenbarung, aber hier und da mit ein paar Tempowechseln garniert, die irgendwo auch Sinn ergeben und sogar mit einem Solo, welches halbwegs als solches zu erkennen ist - beeindruckend!

“Antichrist” setzt dann doch etwas stärker auf Tempo und eine möglichst hohe Frequenz an Arschtritten, als auf Technik, aber auch das funktioniert auf eine recht primitive Art und immerhin gibt es hier permanent auf die Fresse, ohne dass Leerlauf droht.

"Necromancer" ist dann mein Favorit auf “Bestial Devastation” und ein Song der sehr frühen Sepultura, den ich schon seit langer Zeit in mein Herz geschlossen habe. Das Ding hat unglaublich viel Power und die Vocals von Cavalera klingen hier wirklich so dämonisch, dass man damit die Toten aus den Gräbern erwecken könnte. Am besten gefällt mir die Stelle nach dem chaotischen Solo, wenn plötzlich das Tempo gedrosselt wird und Cavalera “Necromancer - Death Invoker!” schreit, was absolut evil klingt, auch wenn ich früher immer "Necromancer - Dirty Fucker!” verstanden habe und das bis heute nicht aus meinem Kopf kriege.

Mit” Warriors Of Death” endet dann der ganze Spaß und gefühlt ist das hier im Vergleich zum Rest schon eine ruhige Ballade. Zumindest ein Großteil des Songs begnügt sich damit, dass auf halbwegs melodische Art ein paar Instrumente nebeneinander herspielen und so einigermaßen aufeinander abgestimmt sind. Insgesamt ist das nicht gerade großartig, aber zumindest ein wenig Abwechslung zu all dem, was wir vorher gehört haben.

Aber ganz fertig sind wir immer noch nicht, denn der Re-Release hat noch zwei Bonustracks. Zuerst haben wir die Demo-Version von “Necromancer” und ich bin überrascht: dafür, dass wir hier noch weiter mit der Qualität runtergehen, klingt es etwas weniger räudig, als erwartet. Ich kenne da von Sodom oder Kreator schlimmeres Demo-Material. Heißt natürlich trotzdem nicht, dass ich “Necromancer” unbedingt nochmal in einer etwas schlechteren Version brauche, aber das ist ja auch nicht der Sinn dahinter und als Anschauungsmaterial finde ich es durchaus interessant.

Ganz zum Schluss haben wir noch eine Live-Version von “Antichrist”. Müsste vielleicht so in etwa zu “Beneath The Remains”-Zeiten entstanden sein und dürfte zumindest zum Re-Release 1991 noch recht aktuell gewesen sein. Der Witz dahinter: die Lyrics wurden ein wenig für unsere uniformierten Freunde von der Polizei angepasst, sodass der Song jetzt auch “Anticop” heißt. Aber auch abseits von den Lyrics ist “Antichrist” in dieser Version kaum wiederzuerkennen. Es wird hier in einem deutlich schnelleren Tempo gespielt und kommt nochmal ein wenig aggressiver daher, als im Original. Sehr coole Alternative, die ich mir ganz gerne mal gebe, wenn ich einen Eindruck davon kriegen will, wie Oldschool-Sepultura live klangen.

Damit sind wir dann auch endgültig durch und ich muss zugeben: nachdem ich jetzt “Morbid Visions” und “Bestial Devastation” in den letzten Wochen ausführlicher gehört habe, kann ich beiden Werken etwas mehr abgewinnen als vorher, aber ich denke, das was ich für mich da rausholen kann, wird immer etwas limitiert bleiben. Ja, der schrammelige Sound gepaart mit der Energie, die Sepultura damals hatten, klingt für sich alleine genommen schon extrem cool. Ich kann hier in eine beliebige Stelle auf der CD reinhören und werde wahrscheinlich ganz basal eine gute Zeit haben, wenn der ganze Spaß im Hintergrund läuft und ich nicht genau hinhöre.

Aber mit der Zeit zeichnen sich dann doch gewisse Höhen und Tiefen ab. “Troops Of Doom”, “War” und “Necromancer” sind echt gut, für das, was sie sind, und funktionieren auch perfekt mit genau diesem Sound. Auf der anderen Seite offenbaren sich für mich bei Songs wie “Mayhem” oder “Crucifixion” dann auch wieder ziemlich eindeutige Schwächen, die mich beim Hören nerven. Wie bei einigen frühen Thrash-Werken geht es mir auch hier so, dieses Debüt etwas zu primitiv ist, um so richtig meinen Geschmack zu treffen - bei Sepultura vielleicht noch ein wenig mehr, als bei der Konkurrenz, da die Unprofessionalität, mit der das Ganze eingespielt wurde, hier noch etwas offensichtlicher ist. Trotzdem kann ich mir “Morbid Visions” und “Bestial Devastation” absolut anhören.

Als Fan von Sepultura kann man beide Releases theoretisch auch komplett skippen und verpasst damit nicht wirklich was. Gleichzeitig kann man hiermit als Fan vom frühen Extrem-Metal wahrscheinlich extrem viel Spaß haben, auch wenn man sonst mit Sepultura nicht viel anfangen kann.

Punkte: 5 / 10


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