Hypnosis Humanoid (2001) - ein Review von DarkForrest

Hypnosis: Humanoid - Cover
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3.50
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Gothic Metal


DarkForrest
26.06.2021 11:13

Hypnosis haben 1999 mit ihrem ersten Album "Shadoworld" eine solide Mischung aus Metal und Elektro geschaffen, welche zwar einige tolle Momente und noch mehr Potenzial am Start hatte, aber noch keine ganz runde Sache war. Einerseits konnte man die Elektro und Metal noch nicht so richtig gut aufeinander abstimmen, sodass beides auf "Shadoworld" eher mal parallel existiert hat. Auf der anderen Seite klang so manche gute Idee noch etwas amateurhaft umgesetzt. Ein zweites Album wäre da doch die perfekte Gelegenheit, darauf aufzubauen und sich gleichzeitig weiter zu entwickeln. Und tatsächlich: Patrice Abila, Cindy Goloubkoff und Pierre Bouthemy haben 2001 mit "Humanoid" ein weiteres Album eingespielt. Aber nehmen wir es gleich mal vorweg: verbessern konnten sich Hypnosis hier nicht - ganz im Gegenteil.

Die Werke von den Franzosen sind in der Regel eher durchschnittlich - nicht überragend, aber eigentlich auch nie schlecht. Tja, während "Cyber Death" ein kleiner Ausreißer nach oben ist, haben wir es bei "Humanoid" mit einem Ausreißer nach unten zu tun. Schon optisch ist die CD wenig ansprechend. Meistens beschränken sich Hypnosis für ihre Albumcover eher auf abstrakte Motive, während wir hier eine etwas merkwürdige Collage aus den ersten Assoziationen haben, auf die man bei dem Thema "Mensch und Maschine" so kommt, inklusive einem Kind in der Gebärmutter und einem Binärcode - also im Prinzip das, was Fear Factory mit "Soul Of A New Machine" ein paar Jahre zuvor besser und weniger plakativ hinbekommen haben. Immerhin muss man den Einsatz von Gitarristin und Sängerin Cindy Goloubkoff respektieren, die sich selbst nackt auf dem Cover zeigt. Die Rückseite des Jewelcase sieht aus wie das Menü eines schlechten PS1 Games und im Booklet gibt es so tolle Ideen wie dunkelgrün/grauer Text auf dunkelgrün/grauem Hintergrund. Wirklich großartige Idee, aber wenn ich einen Sehtest machen will, geh ich doch lieber zum Optiker.

Auch inhaltlich ist "Humanoid" in vielen Bereichen… seltsam. Die Idee ist zumindest ambitioniert, denn wir haben es hier mit einem Konzeptalbum zu tun, welches die Geschichte von einem im Labor erschaffenen Soldaten erzählt, welcher irgendwann entkommt, sich mit der Welt um ihn herum und seinen eigenen Emotionen auseinandersetzen muss und am Ende sogar verliebt. Hier mal ganz schön wirr erzählt, da mal sehr kitschig haben mich die Lyrics leider nicht wirklich gefesselt. Ich meine der Vergleich zu "Demanufacture" drängt sich ja regelrecht auf und da kann "Humanoid" leider gar nicht gut abschneiden.

Das alles würde ich locker hinnehmen, wenn die Musik es denn rausreißen würde, aber hier gibt es gleich mehrere schlechte Nachrichten. Das größte Problem dürften hier der Sound und die Abmischung sein. Auf "Shadoworld" würde ich das ganze als leicht ungeschliffen und düster bezeichnen. Auf dem letzten Album "The Synthetic Light Of Hope" als wuchtig und bombastisch. Für "Humanoid" fällt es mir schwer die richtigen Worte zu finden. Evtl. schwach? Dünn? Unspektakulär? Die Gitarren haben schon deutlich weniger Power als auf allen anderen Alben, aber am schlimmsten sind hier die Vocals betroffen. Diese klingen irgendwie distanziert und verwaschen und transportieren so gut wie gar keine Emotionen. Zum größten Teil können beide Sänger zwar nichts dafür, wobei mir speziell bei Bouthemy auffällt, dass er hier anstelle von klassischen Growls oft eine seltsame und schwer zu beschreibende Technik, die ich weder als Growls noch als Shouts noch als klassischen Gesang, sondern irgendwas dazwischen beschreiben würde. Das ist jetzt keine exklusive Sache, die wir nur auf "Humanoid" finden und ab und zu gibt er damit auf anderen Alben schnelleren und härteren Songs etwas mehr Variation, aber hier nimmt das so sehr Überhand, dass in Kombination mit der miesen Abmischung die männlichen Vocals total untergehen. Lediglich die Drums wären beeindruckend, wenn sie nicht vom Drumcomputer stammen würden, sind aber in der Form das einzige, was auf diesem Album etwas ballert.

Immerhin: Hypnosis ist es jetzt etwas besser gelungen, ihren Sound zu vereinheitlichen. Anders als auf "Shadoworld" haben wir jetzt nicht mehr den einen Industrial Metal Song, der dann von dem einen Gothic Metal Song abgelöst wird usw., sondern ein etwas homogeneres Hörerlebnis. Überhaupt beschränkt man sich diesmal etwas mehr auf die Kerngenres der Band: Death Metal und Elektro. Allzu ausufernde Melodic-Geschichten oder Gothic Metal-Parts gehören jetzt der Vergangenheit an. Gerade die Elektronik-Anteile dürften auf "Humanoid" mit am höchsten sein und während sie manchmal immer noch wie ein Fremdkörper wirken, gibt es mittlerweile auch Stellen, an denen sie ganz gut in den Metal integriert wurden.

"Who?" beginnt zum Beispiel direkt rein elektronisch und leitet dann einigermaßen gekonnt zu leider nicht ganz so knackigen Gitarren über. Ansonsten ist die Nummer ziemlich monoton bis irgendwann aus dem Nichts Goloubkoff's Vocals aufploppen, die nicht so recht zum Rest des Songs passen wollen.

"New Life" kann sich qualitativ zumindest ein wenig steigern. Das Gitarrenriff am Anfang klingt ordentlich und vor allem der Refrain, bei dem Goloubkoff stark dominiert und Bouthemy sich darauf beschränkt "New Life!" zu shouten klingt auch in dieser Abmischung erstaunlich nett. Das sind ein paar gute Ansätze, aber leider nichts, was einen 5 ½ minütigen Song tragen kann, wodurch er ziemlich schnell repetitiv wird.

"Homeless" kommt erstaunlich schnell zur Sache und klingt direkt zu Beginn so als wären wir mitten im Song. Auch hier kann vor allem der Refrain überzeugen, der quasi das Gegenteil zu dem von "New Life" darstellt. Diesmal übernimmt Bouthemy mit einer gar nicht so schlechten Performance die Führung, während Goloubkoff im Hintergrund etwas mehr Variation reinbringt. Man kann sagen, was man will, aber im Duett funktionieren die beiden ganz gut. Aber auch hier haben wir wieder das Problem, dass wir ein paar gute einzelne Elemente haben, mit denen aber erneut 5 ½ Minuten gefüllt werden wollen. Diesmal resultiert das in einigen Längen, in denen gerne mal knapp 30 Sekunden so gut wie gar nichts passiert.

Für "Mother" hat man eine weitere Interessante Methode gefunden, die Spielzeit etwas zu strecken. Die ersten 43 Sekunden sind ein etwas merkwürdiges Intro, welches für mich inhaltlich nichts zum eigentlichen Song beiträgt - ein leichtes Summen, ein leichtes blubbern, japanische Sprache - ich weiß auch nicht, was uns die Künstler damit sagen wollen. Und natürlich ist das ganze derart leise abgemischt, dass man instinktiv die Lautstärke bis Anschlag nach oben dreht und einem dann vom eigentlichen Song, der sehr plötzlich und unvermittelt beginnt fast die Kopfhörer explodieren. Davon mal abgesehen ist "Mother" aber eines der wenigen Highlights auf "Humanoid" - ja auch sowas gibt's hier: gute Songs. Beide Sänger holen hier alles aus sich raus und können noch nicht mal durch den schlechten Sound gebremst werden, im Midtempo geht die Fusion aus Metal und Elektro gut auf und ein paar schöne Ideen wie eingestreute Keyboards oder eine sehr ruhige Passage mit fast schon geflüsterten Vocals runden das Ganze sehr gut ab.

Das gleiche kann ich leider nicht über "She" sagen. Insgesamt ziemlich vocal-lastige Nummer, bei der sich Goloubkoff und Bouthemy abwechseln. Seltsam klingt vor allem das Duett, welches Bouthemy sich mit sich selbst liefert und die Tatsache, dass sowohl die männlichen als auch die weiblichen Vocals innerhalb der Story (ja, die gab's ja auch noch) das gleiche lyrische Ich verkörpern, was hier irgendwie besonders auffällt. Und dass man nach ca. der Hälfte des Songs die erste Hälfte einfach nochmal mit geringen Abwandlungen wiederholt, obwohl der Song noch nicht mal die 3-Minuten-Marke knackt, macht es nicht unbedingt besser.

"Evilized" schraubt zumindest Tempo und Härte nach oben. Die Drums sind zwar nicht echt, gehen aber ganz gut ab und an diesem Punkt nehme ich, was ich kriegen kann. Einfach nur seltsam wird es allerdings nach der Hälfte des Songs, wenn wir von einer unpassenden und langen Technopassage erschlagen werden, von der sich der Song auch leider nicht mehr wirklich erholen kann.

"I'm Your God" hat das Problem, dass es ziemlich überladen ist. Das Tempo und der Stil wechseln hier so schnell, dass ich teilweise schlecht mitkomme und am Ende wenig hängen bleiben. "Disgust" ist eher mal eine Art Überleitung zum nächsten Song und eigentlich sind solche Überleitungen etwas, was Hypnosis gut können. "Deep" auf "Cyber Death" ist für sich genommen schon ein tolles atmosphärisches Stück. "Wasted Lands" auf "The Synthetic Light Of Hope" passt nicht nur gut in's Albumkonzept, sondern ist auch das perfekte Intro für den folgenden Song. Aber das hier? Ein kurzer, 16-sekündiger… sagen wir mal "Dialog" ohne Kontext oder irgendeinen musikalischen Inhalt. Selbst irgendwelche generischen Ambient-Sounds wären ja schon was. Über den französischen Akzent will ich mich gar nicht lustig machen, aber die Tatsache, dass alles komplett ohne Emotionen vorgenuschelt wird, macht es nicht gerade besser.

Auch das anschließende "Hate Me" hat nicht besonders viel zu bieten, was mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern könnte und plätschert eher so mit seinen etwas holprigen Vocals dahin. Mit "Agony" erreichen wir das Ende von "Humanoid" und haben ganz unverhofft doch noch einen guten Song. Es beginnt angenehm atmosphärisch, Goloubkoff legt hier nicht nur gute Vocals hin, sondern holt auch gut was aus der Leadgitarre raus, die Tempowechsel machen hier ausnahmsweise mal Sinn und die Nummer bleibt bis zum Schluss recht intensiv. Ein wirklich ordentlicher Abschluss für ein schwaches Album.

Tja, das war jetzt ziemlich enttäuschend als Gesamtkunstwerk und Hypnosis' zweiter Versuch, mit einem Album zu punkten. Obwohl klar unterdurchschnittlich ist "Humanoid" aber trotzdem kein kompletter Griff in's Klo. Auf der einen Seite haben wir mit "Mother" und "Agony" zwei gute Songs an Board. Keine perfekten Songs, bei denen ich direkt ausflippe, aber wirklich gute Songs, die so nicht nur völlig klargehen, sondern auch den Gesamtschnitt etwas heben. Und natürlich lassen mich auch bei den meisten anderen Songs hier und da mal ein paar interessante Momente kurz aufhorchen. Auf der anderen Seite sind die meisten Songs zwar schwach umgesetzt und langweilig, aber selten so katastrophal, dass sie schon beim Hören wehtun, obwohl man an bestimmten Stellen aber auch sagen muss, dass dazu nicht mehr viel fehlt.
Am Ende muss man sich natürlich fragen, ob es an diesem Punkt noch so einen großen Unterschied macht, ob wir es hier nur mit einem unterdurchschnittlichen und langweiligen Album oder dem absoluten Bodensatz zu tun haben.

Auch wenn "Humanoid" ganz sicher ersteres ist, würde ich von diesem Album klar abraten, zumal es eines der etwas unbekannteren Werke der Franzosen zu sein scheint. Es ist jetzt keine Rarität, aber im Gegensatz zu so manch anderem Hypnosis-Werk auch meistens nicht mal so eben auf eBay zu finden. Nur wenn ihr die anderen Alben kennt, mögt und noch mehr wollt oder großes Interesse an Kuriositäten habt, wäre "Humanoid" mal einen Blick wert. Der Rest lässt lieber nochmal "Demanufacture" laufen.

Punkte: 3.5 / 10


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