Zwischen dem Debüt “Oracles” und der EP “Mafia” gab es ja schon ein paar Änderungen im Stil und dem Lineup der Band, was sich hier weiter fortsetzt. Neben einem neuen Bandlogo, hat jetzt auch Francesco Ferrini zur Band gefunden, der bis heute festes Mitglied ist und das Piano und die ganzen orchestralen Parts zuständig ist. Die ganze Klassik-Komponente, die auf “Oracles” noch eine nette Spielerei war und auf “Mafia” langsam fest in die Musik integriert wurde, ist ab diesem Album nämlich jetzt wirklich fester Bestandteil der Musik. Auf “Agony” haben wir also erstmals die volle Fleshgod Apocalypse - Erfahrung, bei der Technical Death Metal komplett mit Symphonic Metal kombiniert wird.
Ansonsten hat sich am Lineup wenig geändert. Francesco Paoli bleibt an den Drums und Tommaso Riccardi übernimmt wieder die Growls. Letztere sind hier und da etwas variabler als noch auf “Mafia”, bleiben aber ziemlich solide Standard Death Metal Growls. Die Produktion ist auch wieder so, dass die Drums klar bevorzugt wurden und am stärksten heraus zu hören sind, aber gefühlt stört das hier weniger, da die Songs diesmal so aufgebaut sind, dass das Dauerfeuer an den richtigen Stellen auch mal kurz Pause macht, um die anderen Instrumente in's Spotlight zu holen. Ansonsten darf Bassist Paolo Rossi auch hier wieder seine cleanen Vocals auspacken und dabei sehr hohe Tonlagen erreichen, die sich irgendwo im Sopran-Bereich bewegen. Das hat schon immer die Fans gespalten. Mir hat das eigentlich immer sehr gut gefallen, auch wenn es hier und da vielleicht etwas Überhand nimmt. Trotzdem finde ich die Tonhöhen, die er hier erreicht, ziemlich beeindruckend und sie bilden doch einen recht guten Kontrast zu den Growls.
Wie schon auf “Mafia” sind die Songs auf “Agony” wieder vergleichsweise umfangreich. Uns erwarten davon 8 Stück + Intro + Outro und für Besitzer der Limited Edition noch ein Bonus-Track. Los geht es mit dem Intro “Temptation”, das gleich mal die orchestrale Seite der Band hervorhebt und auf welchem erstmalig ganz dezent im Hintergrund Veronica Bordacchini zu hören ist, die ab diesem Album immer mal wieder als Gastsängerin aufploppt und ein wenig Operngesang beisteuert. Davon abgesehen klingt es zwar ziemlich episch und dramatisch (würde jetzt auch als Score zu einem Horrorfilm nicht gänzlich deplatziert wirken), beeindruckt mich aber nicht so richtig. Obwohl das Tempo sich langsam steigert, trägt es mir zu schnell zu dick auf. Aber der Übergang zum ersten richtigen Song ist dafür absolut nahtlos und sehr gelungen.
“The Hypocrisy” feuert dann direkt aus allen Rohren und dreht innerhalb kürzester Zeit alles auf, was die Italiener auf diesem Album zu bieten haben. Normalerweise finde ich es immer gut, wenn der Opener einen guten Überblick über das ganze Album gibt, aber da “Agony” doch so einiges zu bieten hat, wirkt dieser Song für den Anfang doch recht überladen. Wir haben hier wirklich talentierte Gitarristen, die sich hier schon direkt ordentlich austoben, Drums des Todes, orchestrale Arrangements, Tempowechsel und spätestens als dann die Sopran-Gesänge aus dem Nichts kamen, war ich beim ersten Hören erst einmal etwas überfordert mit “The Hypocrisy”. Mittlerweile mag ich den Song, er hat ein paar coole Highlights und es gibt hier einiges zu entdecken, aber das hat bei mir echt eine Weile gedauert, bis ich so richtig damit warm geworden bin.
“The Imposition" war da lustigerweise für mich deutlich zugänglicher. Hier ist das Tempo zwar nochmal etwas erhöht, aber der Aufbau ist etwas simpler und vor allem die klassischen Parts sind hier deutlich greifbarer und ergänzen sich wesentlich besser mit dem Rest vom Album. Erinnert Dank dem Tempo und der Intensität ein wenig an die Songs auf “Oracles” nur, dass alles etwas besser hängen bleibt und dem Song nicht nach 2 Minuten die Luft ausgeht. Cool finde ich auch, wie ungefähr die letzte Minute lang das Orchester für sich alleine spielen kann und der Übergang hierzu extrem gelungen ist. Auf “Oracles” hätten wir jetzt einen harten Cut vom Death Metal zu irgendeiner Klassik-Passage gehabt und man merkt hier richtig gut, wie sehr sich die Band in gerade mal zwei Jahren entwickelt hat.
Das Album steigert sich direkt mal wirklich schnell und legt mit “The Deceit” nochmal ordentlich einen drauf. Hier gewinnt das Album wieder an Komplexität und wir haben ziemlich schöne Kontraste inklusive Rossis cleane Vocals, die hier wirklich scheinen können oder eine kurze Passage in Latein. Auch die Lead-Gitarre hat hier ihren Moment und obwohl hier sehr viel zusammengewürfelt wurde, geht es hier etwas weniger chaotisch zu, als bei “The Hypocrisy”. Für mich ein absolutes Highlight, das bis heute nicht alt geworden ist.
Auch hier gibt es wieder einen fast nahtlosen Übergang zum nächsten Song “The Violation”, welcher mit ganz zarten Streichinstrumenten beginnt und dann langsam an Intensität gewinnt. War für mich tatsächlich der erste Fleshgod Apocalypse Song, der mich so richtig gecatched hat und über den ich mich in die Band verliebt habe. Er ist auch vergleichsweise zugänglich und melodisch und hat einen ganz gut übersichtlichen Aufbau. Kein Wunder, dass ausgerechnet “The Violation” auch ein Musikvideo spendiert bekommen hat. Wäre wahrscheinlich auch der Song, den ich neben der “Mafia”-EP Newcomern zuerst an’s Herz legen würde.
Aber selbst das lässt sich noch steigern: “The Egoism” ist für mich der absolute Höhepunkt auf “Agony”. Hier wird wirklich alles komplett abgerissen, die Riffs sind brutal und die Vocals heftig wie sonstwas. Gleichzeitig setzt das Piano hier ein paar schöne Akzente, ohne dass es sich mit dem Rest der Musik beißt und irgendwann bekommt Bordaccini einen richtig starken Moment, in dem wir ihre Operngesänge bestaunen können - absolut großartig!
Nach diesen drei absoluten Meisterwerken, kann “The Betrayel” für mich nicht mehr so ganz mithalten. Klar: sämtliche Kernstärken des Albums sind auch hier vorhanden, aber irgendwo fehlt mir hier das Alleinstellungsmerkmal. Der Song ist ordentlich, klingt angenehm zu hören und trotzdem vergesse ich ihn immer mehr oder weniger, während ich das Album höre.
Da sticht “The Forsaking” schon deutlich mehr hervor. Das Tempo ist hier ein wenig gedrosselt, sodass der Track eher wie eine epische Hymne anmutet, die durch die Riffs maximal dramatisch daherkommt. Der exzessive Piano-Einsatz unterstreicht das ganze noch und die Vocals klingen hier komplett anders - irgendwie verwaschener mit mehr Hall und in anderer Tonlage. Fast schon Black Metal angehaucht, sodass ich zuerst dachte, dass wir hier einen anderen Sänger haben, aber es ist wohl weiterhin Riccardi. Macht mir jedes Mal Gänsehaut, wenn ich es höre.
“The Opression” ist dann der offizielle Rausschmeißer und ähnlich wie bei “The Betrayel” kann ich hier kaum etwas Negatives sagen, aber mir fehlen hier ein wenig die Alleinstellungsmerkmale. Immerhin: die cleanen Vocals geben dem Song hier sehr viel und lassen ihn deutlich melodischer wirken, was ich echt cool finde. Davon abgesehen sticht hier nicht allzu viel hervor.
Dann gibt es noch den obligatorischen instrumentalen Piano-Titeltrack, der ja bei Fleshgod Apocalypse Tradition ist. Grundsätzlich erstmal eine tolle Sache, um das Album sacken zu lassen und einen ruhigen Ausklang zu haben und das kriegt “Agony” auch wieder locker hin. Trotzdem fand ich “Mafia” dahingehend deutlich besser und atmosphärischer. “Mafia” klingt für mich auch für sich alleinstehend super, während mir “Agony” tatsächlich nur als Outro etwas taugt.
Wer die limitierte Version hat, kann sich dann mit dem Bonustrack und Cover-Song direkt wieder rausreißen lassen. Natürlich passt es überhaupt nicht in den Fluss des Albums, nach dem ruhigen Outro noch einen regulären Song rein zu packen und bei “Mafia” hat es ja auch geklappt, das Cover vor dem Outro in die EP zu integrieren, wobei ich hier zugeben muss, dass es bei “Agony”, dem Gesamtkonzept und den Songs, die teilweise echt nahtlos ineinander übergehen, schwer gewesen wäre “Heartwork” in das Album zu integrieren. Wahrscheinlich gibt es hier tatsächlich einfach keine saubere Lösung, wo man den Bonustrack hinpackt. Der Song selbst ist ein Cover von Carcass, präsentiert sich hier etwas melodischer als das Original, ist aber ähnlich wie das At The Gates Cover durchaus gelungen. Fleshgod Apocalypse schaffen es hier wieder, die Stile beider Bands miteinander zu vereinen. Für mich lohnt sich deshalb alleine dafür schon die Limited Edition.
Auch insgesamt ist “Agony” ein echtes Brett geworden. Komplett toppen kann es die “Mafia”-EP zwar nicht, aber es kann für mich das eh schon sehr hohe Niveau aufrechterhalten. “Mafia” hatte für mich den ausgeglicheneren Stil, der Technical Death Metal und Symphonic Metal perfekt vereint hat und irgendwie auch die stabilere Qualität ohne größere Ausreißer in die eine oder andere Richtung. Wenn “Agony” durchgehend die Qualität der ersten drei Tracks auf “Mafia” hätte bieten können, dann wäre das hier locker eine 10/10 geworden. Auf der anderen Seite haben wir hier Meisterwerke wie “The Egoism”, “The Deceit” und evtl. noch “The Forsaking”, die nochmal ordentlich die Qualität von dem steigern, was auf “Mafia” geboten wird. Und echte Tiefpunkte gibt es hier auch nicht. Klar, “The Betrayel” oder “The Opression” sind für mich keine all Time Favourites, aber ich kann sie mir immer anhören und habe Spaß damit. “Agony” hat es damit geschafft, die Entwicklung von Fleshgod Apocalypse voranzutreiben und das Niveau der Band weiter zu zementieren.
Punkte: 9 / 10