Eisbrecher Vergissmeinnicht (2006) - ein Review von DarkForrest

Eisbrecher: Vergissmeinnicht - Cover
1
1 Review
3
3 Ratings
7.33
∅-Bew.
Typ: Single/EP
Genre(s): Metal


DarkForrest
08.02.2021 15:14

Mit ihrem zweiten Album "Antikörper" konnten Eisbrecher die Messlatte nochmal ein ganzes Stück nach oben legen. Ich hab das Ding damals rauf und runter gehört, gönne es mir auch heute noch ab und zu und habe mir vor 3 Jahren das Album und die "Leider"-Single reviewtechnisch nochmal ganz intensiv vorgenommen. Die "Vergissmeinnicht"-Single habe ich irgendwie immer gekonnt ignoriert, aber wo ich schonmal dabei bin, mir Eisbrecher-Singles nachzukaufen, habe ich dann doch nochmal zugegriffen und kann jetzt einen Haken hinter alles machen, was mit "Antikörper" zu tun hat.

"Vergissmeinnicht" wurde genauso wie "Leider" ein paar Monate vor dem Album released und soweit ich weiß gibt es die beiden Singles sogar zusammen im Bundle. Die Tracklist wirkt schonmal vielversprechend: im Mittelpunkt steht natürlich "Vergissmeinnicht", welches hier als Radio Edit und zweimal in Remix-Form enthalten ist. Dazu gibt es noch einen Track vom (damals) kommenden Album und ein Making Of "Schwarze Witwe" als Multimedia-Track - nicht schlecht, könnte man meinen.

Von den beiden Singles ist "Vergissmeinnicht" glaube ich die offensichtlichere Auskopplung - der klassische Hit, auf den die Band richtig stolz ist. Tatsächlich bewegen wir uns hier schon hart an der Grenze zur Popmusik oder gar zum schwarzen Schlager, was zwar erstmal abschreckend klingt, aber nicht so schlimm ist, wenn man erstmal reinhört und mit dem ganzen Kitsch halbwegs umgehen kann. Ja, super innovativ ist der Song jetzt nicht, aber in der Umsetzung verdammt gut gelungen. Wenn man schon so einen Song raushauen möchte, dann wenigstens so. Die Melodie bleibt direkt hängen, live funktioniert das ganze perfekt und die Gitarren können sich auch hören lassen, sodass eine gewisse Härte trotzdem garantiert ist. Aber auch der ganze Rhythmus und vor allem Alexx' dunkle Stimme geben dem ganzen doch eine gewisse Intensität.

Ich war natürlich gleich neugierig wie sich der Radio-Edit von Original unterscheidet und schon die auf die Sekunde gleich lange Laufzeit hat mich etwas stutzig gemacht - ja wir haben es hier 1:1 mit dem Original zu tun. Jetzt weiß ich nicht, wie ich das finden soll. Einerseits bin ich kein großer Fan davon, Songs zu raffen und auf eine knackigere Laufzeit zu kürzen. In 90% der Fälle fehlt dann einfach nur was und vielleicht ist man mit dem uneditierten Song ja besser dran. Andererseits ist das maximal irreführend, "Radio Edit" zu schreiben, wenn nichts editiert wurde - zumindest nichts, was ich akustisch wahrnehmen kann. Hätte man nicht einfach "Album Version" dahinter schreiben können und gut ist?

Der erste Remix trägt den kreativen Namen "Vergissmeinnicht [Vergissmeinnicht Remix]" und hat irgendwas an sich, was für mich einfach nicht passen will. Wenn man genau hinhört, wird auch schnell klar, was. Wie zu erwarten ist der Remix recht elektrolastik und hat eine sehr eigenständige Melodie. Die ist sogar ziemlich cool und hat trotz des leicht gesteigerten Tempos etwas sehr entspanntes. Erinnert mich ein wenig an die instrumentalen semi-tanzbaren Remixes der neueren :Wumpscut:-Alben. Es ist also nicht unbedingt ein Remix, mit dem man testen will, wie schnell man die Bude auseinander nehmen kann, aber der jetzt auch nicht unbedingt unbrauchbar für die Tanzfläche ist. Hätte man das so stehen lassen, hätte man eine ganz ordentliche minimalistische Nummer, die man sowohl im Club als auch mal gemütlich zu Hause laufen lassen könnte. Aber man muss ja unbedingt noch die Vocals unterbringen und da wird's kompliziert. Wie passt Gesang, der ganz klar für einen NDH-Song mit Poprock-Einschlag konzipiert wurde da rein? Genau: überhaupt nicht. Haut man die einzelnen Parts aus Strophen und Refrain trotzdem einfach so rein, beißt es sich halt ziemlich, klingt nicht gut und immer dann wenn entweder die Vocals kurz digital bearbeitet wurden um in die Melodie zu passen oder der Song angepasst wurde um zu den Vocals zu passen, indem er mit Vollbremsung zum Stehen kommt, um kurz den Pianoparts des Originals Platz zu machen, klingt es nur noch seltsamer und erzwungener. Der Remix ist jetzt nicht komplett scheiße oder so und wenn die Musik einfach so für sich ohne Vocals läuft, klingt er sogar gut. Aber insgesamt passt hier für mich zu vieles nicht zusammen, um damit wirklich meine Freude zu haben.

Bevor es zum zweiten Remix geht, haben wir noch "Wie Tief?" - den letzten Song vom "Antikörper"-Album. Eine ziemlich seltsame Wahl. Der Song ist eher mal etwas härter geraten und setzt eher einen Kontrast zu "Vergissmeinnicht" als sich thematisch einzufügen, was absolut okay ist. Aber ich persönlich kann mit wirklich jedem anderen härteren Song auf "Antikörper" deutlich mehr anfangen - "Phosphor" oder "Kein Mitleid" hätten hier wesentlich mehr geknallt. "Wie Tief?" ist jetzt auch keine totale Gurke, aber für Eisbrecher-Verhältnisse doch erstaunlich unmelodisch und einer der ganz wenigen Filler auf "Antikörper", der neben dem Rest des Albums ziemlich untergeht. Vielleicht wollte man nicht zu viel von "Antikörper" vorwegnehmen oder die Band war sich selbst bewusst, hier eine vergleichsweise unspektakuläre Nummer am Start zu haben und hat sich erhofft, dass sie hier mehr zur Geltung kommt? Keine Ahnung - "Wie Tief?" ist jedenfalls irgendwie in Ordnung, wäre jetzt aber für mich kein Grund, sich die Single zu kaufen um schonmal in's Album rein zu hören, was falls man das noch nicht hat.

Bleibt noch ein Remix von "Vergissmeinnicht" - nämlich der "Phase III Remix". Zuerst die gute Nachricht: Obwohl dieser Remix wie zu erwarten ebenfalls durch und durch elektronisch ist, passen Musik und Vocals hier wenigstens gut zusammen. Die schlechte: um das zu erreichen musste die Musik entsprechend basal, poppig und unspektakulär gestaltet werden. Das kann man zwar so machen, aber im Prinzip haben wir jetzt einen Song, der sich ziemlich streng an den Ablauf des Originals hält, nur statt einer Band mit wuchtigen Gitarren und ordentlichen Drums haben wir jetzt recht billig wirkendes Elektrogedudel im Hintergrund. Das wertet "Vergissmeinnicht" jetzt nicht unbedingt auf. Ich würde sagen, damit wäre bewiesen, dass der Song sich nicht für Remixes anbietet.

Damit wäre der eigentliche Part der Single durch, aber wir haben ja noch als kleinen Bonus das Making of "Schwarze Witwe". Wer jetzt eine 30-Minütige Doku darüber erwartet, wie das Musikvideo entstanden ist, inkl. Interviews mit allen Beteiligten, der dürfte ein bisschen… sehr enttäuscht sein. Die "Leider"-Single hatte einen ähnlichen Multimedia-Track, der lediglich aus ein paar willkürlich zusammengeworfenen Touraufnahmen unterlegt mit "Willkommen Im Nichts" bestand. Das war etwas unspektakulär, aber einigermaßen okay für das, was es war. Hier haben wir jetzt ein paar Aufnahmen davon wie irgendein Musikvideo entsteht ("Schwarze Witwe" ist es glaube ich nicht, aber keine Ahnung, Musikvideos interessieren mich eh nur bedingt) unterlegt mit dem Song "Schwarze Witwe", wodurch die ganze Geschichte nicht länger geht als der eigentliche Song. 80% davon sind einfach normale Aufnahmen des Videos und ganz selten sieht man mal für eine Sekunde kurz einen Kameramann oder so im Bild. Mein persönliches Highlight war ein pixeliger Shot von zwei Ommas, die zufällig vorbeilaufen und den Dreh aus der Ferne beobachten. Das ist ein bisschen cool, aber ansonsten ist das ganze vielleicht gut gemeint, aber wirklich nichts, was man sich zweimal anschauen muss und etwas, was absolut null Informationsgehalt hat.

Irgendwie bemerke ich hier ein Muster: jeder einzelne Track klingt in der Theorie richtig gut, enttäuscht in der Umsetzung aber. Der Radio Edit ist kein Radio Edit, der eine Remix ist ambitioniert, funktioniert aber nicht, der andere ist okay umgesetzt aber komplett langweilig, der Song vom Album ist der langweiligste Filler, den man dort finden konnte und das Making of ist… irgendwas aber keine Making of. Wenn man davon mal absieht, bleibt zumindest ein gewisses Grundniveau bei allen Tracks bestehen, welches dafür sorgt, dass man nie absolute Schlotze zu hören bekommt. "Vergissmeinnicht" ist an sich ein geiler Song und hier ja auch im Original enthalten, die Remixes sind zwar nicht der Rede wert, aber jetzt auch nicht schlimm und "Wie Tief?" ist halt unscheinbar aber auch ohne Bedenken genießbar.

Hätte ich mir die Single im Sommer 2006 gekauft, wäre meine Vorfreude auf das eigentlich richtig geile "Antikörper" jetzt nicht durch die Decke gegangen, aber sie hätte die Wartezeit etwas verkürzt. Aber aus heutiger Sicht würde ich eher mal zum Kauf beider Singles abraten (und wenn dann eher dazu, zum etwas besseren "Leider" zu greifen) und empfehlen, sich einfach auf das Album zu konzentrieren und damit Spaß zu haben.

Punkte: 4 / 10