Ist “What The Fuck Is Wrong With You People?” dadurch mainstreamtauglicher geworden? Ganz so weit würde ich noch nicht gehen. Ja, wir sind hier mittlerweile ein gutes Stück von den Rhythm & Noise Tracks der Anfangstage entfernt und die meisten Songs hier eröffnen sich einem sofort, ohne dass man erstmal reinkommen muss. Außerdem gibt es hier wahrscheinlich mehr clubtaugliche Tracks als auf den beiden Alben davor. Andererseits wurde an Tempo und Härte kaum etwas gedreht, sodass man schon ein Freund der härteren elektronischen Musik sein muss, um damit Spaß zu haben. Die Lyrics sind dieses Mal abgefuckter denn je und der “Parental Advisory Content” Sticker, auf den LaPlegua sicherlich sehr stolz ist, ist nicht umsonst auf dem Cover. Ob man das cool und edgy oder einfach nur peinlich findet, bleibt jedem selbst überlassen. Bei mir ist es wahrscheinlich ein wenig von beidem, wobei Combichrist auch eines der Projekte ist, das ich nicht unbedingt wegen der Lyrics höre.
Wie schon beim Vorgänger kann man sich auch dieses Mal aussuchen, ob einem das normale Album reicht, oder es noch eine Bonus-CD dazu geben soll. Entscheidet man sich für zweiteres, dann bekommt man auch dieses Mal ein komplettes eigenständiges Album als Bonus, welches über 50 Minuten an neuem Material bietet und genretechnisch stark vom Hauptalbum abweicht, was für sich genommen und unabhängig von der Qualität schon cool ist. Aber auch das eigentliche Album ist mit 14 Tracks über 72 Minuten ein ziemlicher Brocken geworden. Jetzt muss das Material darauf nur noch gut sein.
Combichrist machen es dieses Mal spannend, denn mit “5am [Afterparty]” haben wir erstmal ein knapp einminütiges Intro im Stil einer Voicemail, dass zumindest inhaltlich einen kleinen Vorgeschmack darauf gibt, wie oft einem das Wort “Fuck” noch so im Laufe des Albums erwarten wird. Ich vergesse meistens, dass es dieses Intro gibt, da es weder etwas Sinnvolles zum Album beiträgt, noch irgendwie stört. Also springen wir gleich mal zum ersten richtigen Song.
“What The Fuck Is Wrong With You?” ist dann im Prinzip der Titeltrack und wir werden mal wieder richtig gut in's Album eingeführt. Das Ganze ist nicht übermäßig komplex aufgebaut, ballert an den richtigen Stellen und hat einen sehr prägnanten Refrain - also genau die richtigen Zutaten für einen absoluten Ohrwurm, der den anderen Tracks zwar nicht die Show stiehlt, aber trotzdem Lust auf den Rest des Albums macht.
“Electrohead” ist schon etwas ungewöhnlicher - der Name ist hier definitiv Programm und wir haben einen der elektro-lastigsten Combichrist-Songs überhaupt. Der Beat ist hier wahnsinnig treibend und auch wenn der ganze Spaß recht simpel aufgebaut ist und sich nach etwa der Hälfte quasi einfach nur nochmal wiederholt, macht “Electrohead” so viel Spaß, dass es auch die ganzen 6 Minuten über weder monoton noch repetetiv wird.
Danach sticht “Adult Content” etwas hervor, denn der Track kommt ziemlich oldschoolig daher. Wir haben hier recht minimalistische elektronische Arrangements, in die ein paar einfache Sprachsamples gemischt wurden. Technisch gefühlt etwas sauberer umgesetzt, als auf dem Debütalbum und in besserer Soundqualität, aber ansonsten fühle ich mich doch sehr stark in die ganz frühen Rhythm ‘n Noise Zeiten zurückversetzt. Für sich genommen und wenn man es einzeln hört, klingt “Adult Content” echt gut, nur auf “What The Fuck Is Wrong With You People” geht es ein wenig unter - vor allem so weit vorne im Album, wo sich eher mal die großen Hits aneinander reihen.
So zum Beispiel “Fuck That Shit” - der perfekte Song, um knapp 6 Minuten lang einfach nur den Kopf auszumachen und ordentlich abzugehen. Vor allem live oder im Fitnessstudio ist das Teil ganz wunderbar, um einen ordentlich in Bewegung zu halten, aber selbst mit Kopfhörern fällt es mir nicht leicht, nicht zum Beispiel im Bus die “Fuck That Shit!” Hookline laut mitzusingen.
Eine kurze Verschnaufpause bietet “Brain Bypass”, das vielleicht eine ähnliche Rolle einnimmt wie “Who’s Your Daddy, Snakegirl?” auf “Everybody Hates You”. “Brain Bypass” ist ebenfalls instrumental, recht lang, sehr minimalistisch und passt gefühlt ähnlich gut auf die Bonus-CD wie auf das Album. Dieses Mal werden ganze 8 ½ Minuten gefüllt und am Anfang konnte ich damit fast gar nichts anfangen. Die Art, wie die Sprachsamples zusammengeschnitten wurden, fand ich verwirrend und irgendwie hat mir der rote Faden gefehlt. Nachdem ich es oft genug gehört habe, um mich in dem Song zurecht zu finden, gefällt er mir aber ganz gut und auch wenn er sich noch stärker vom Rest des Albums unterscheidet, als “Adult Content”, passt er mir besser in das Hörerlebnis, wenn ich das Album am Stück höre - vielleicht, weil er so dominant ist, dass er nicht so leicht untergehen kann oder weil ich die Pause ganz passend finde.
Denn danach kommt mit “Get Your Body Beat” der nächste richtig große Hit, der sich ansonsten wahrscheinlich ein wenig mit “Fuck That Shit” gebissen hätte. “Get Your Body Beat” ist ähnlich elektronisch wie “Electrohead” und löst dabei einen ähnlichen Bewegungsdrang aus, wie “Fuck That Shit”. Ist dabei auch ziemlich gut gealtert und wird auch nach häufigem Hören nicht wirklich langweilig. Auf jeden Fall eine gute Wahl, um daraus eine Single zu machen.
Mit “Deathbed” wird es dann etwas langsamer, aber auch brachialer. Im Vergleich zu den Songs dafür, haben wir vergleichsweise viele Lyrics und Strophen, die etwas komplexer aufgebaut sind. Im Refrain entlädt sich dann die ganze Energie. Auf Seiten der Vocals haben wir auch definitiv eine ordentliche Grundlage, aber die elektronische Musik vermag hier nicht so richtig die passende Stimmung aufzubauen. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass “Deathbed” als Metal-Song mit der aktuellen musikalischen Aufstellung von Combichrist deutlich stimmiger klingen würde.
Auch mit “In The Pit” bin ich nicht ganz zufrieden. Der Song hat einen relativ geilen Refrain, der sich auch gut ins Gehör hämmert, aber dort überhaupt hin zu kommen ist schon ziemlich umständlich. Die erste Minute passiert fast gar nichts und danach gibt es erstmal ziemlich lange Gesangspassagen, die nirgendwo so richtig hinführen. Holt mich nicht so richtig ab.
Auf der anderen Seite haben wir dann wieder “Shut Up And Swallow”. Der ganze Spaß geht fast 6 Minuten und lässt sich ebenfalls lange Zeit, bis es richtig los geht, funktioniert aber trotzdem so viel besser als “In The Pit”. Das liegt unter anderem daran, dass der Song schon mit einer ziemlichen Intensität startet, aber trotzdem gut Spannung aufbaut und sich immer mehr steigern kann, bis LaPleguas Vocals einsetzen, die hier perfekt angepisst und brutal klingen. Schöne Sache.
Bei “Red” wird leider wieder die Bremse angezogen. Auch hier: ruhiger Anfang, der sich dann irgendwann zu einem intensiven Refrain steigert. Spätestens mit “A Throat Full Of Glas” sollte LaPlegua zeigen, dass auch das bei Combichrist gut funktionieren kann, aber selbst wenn hier der Refrain etwas mehr Power hat, klingt “Red” für mich wie eine etwas unausgereiftere Version von “A Throat Full Of Glas”.
Mit “Are You Connected” wird es dann zum Glück endlich wieder unkompliziert und tanzbar. Gefühlt ist das hier der schnellste Song auf dem Album. Vielleicht nicht super brachial und ohne edgy Lyrics, aber er geht trotzdem gut nach vorne und macht einfach Spaß.
Okay, mit “Give Head If You Got It” kommen auch wieder Fans der anspruchsvollen Lyrics und gesellschaftskritischen Themen auf ihre Kosten. Man kann von Lines wie “All you feminist cunts, you know that you want it” sicherlich halten, was man will, aber ähnlich wie bei “Are You Connected” haben wir auf der musikalischen Seite perfekte elektronische Klänge, die wirklich gut in's Ohr gehen.
Den Abschluss macht dann “All Your Bass Belongs To Us” - ein Instrumental, bei dem der Name Programm ist und nochmal alles an elektronischer Power aufgefahren wird, was man so zu bieten hat. Ordentliches Ende für das eigentliche Album.
Die Bonus-CD gestaltet sich diesmal etwas anders, als bei “Everybody Hates You” - ja, es ist auch dieses Mal sehr elektronisch und minimalistisch, aber weniger atmosphärisch. Statt Dark Ambience haben wir ein paar sehr simple Loop-Tracks, die, wenn man sie hintereinander hört, theoretisch auch einen einzigen großen Track bilden könnten. Gar nicht mal so einfach, was zu den einzelnen Tracks zu schreiben, da sie sehr ähnlich klingen und wenig “Inhalt” im klassischen Sinne bieten, aber probieren wir es mal.
“God Warrior” ist hier schon eine kleine Ausnahme, da wir hier zumindest noch ein paar Sprachsamples haben und zwar in Form einer komplett irren Kandidatin der amerikanischen Version von Frauentausch, die damals wohl ein ziemlicher Vorreiter zu den heutigen Internetkuriositäten war und die ich vorher auch nicht kannte. Aber: das psychotische Geschrei passt hier erstaunlich gut zu den dröhnenden Bässen und hämmernden Beats, was “God Warrior” zu einem der wenigen Songs auf CD 2 macht, die auch ganz gut für sich stehen können.
Ab “Dead Again” wird es dann allerdings etwas stumpf und monoton - so wie es ja auch gewollt ist. Immerhin: die Kombination einzelner Samples ist hier ganz stimmig, aber dafür, dass der ganze Spaß über 4 ½ Minuten geht, passiert mir hier zu wenig. Etwas mehr Variation dabei, wie man die einzelnen Elemente zumindest anordnet, wäre vielleicht nicht verkehrt gewesen.
“Verdammt” gefällt mir schon wieder etwas besser. Auch wenn es anfangs fast noch stumpfer ist, entwickelt sich das Stück zumindest ein wenig, indem hier neue Elemente eingefügt werden, die dann auch erstaunlich stimmig klingen. Lustig: es wurden die Sprachsamples von damals aus “Penalty Shot” recycled, die auch hier ziemlich gut rein passen.
“AM” drosselt das Tempo dann zunächst, baut aber nach und nach eine ziemlich imposante Soundkulisse auf. Schöne Entwicklung, die sich dank der eher kurzen Spielzeit auch nicht zu lange zieht.
Bei “Dawn Of Man” ist es fast anders herum. Hier haben wir einen relativ langen Track, der sich während der Spielzeit kaum verändert. Dafür sind die einzelnen Sounds an sich ziemlich cool. Hätte jetzt vielleicht nicht unbedingt knapp 6 Minuten gehen müssen, ist aber in Ordnung.
Ich finde, dass “Jack Torrence” da einen ganz guten Kompromiss aus den beiden Songs davor bildet: mittlere Laufzeit, ganz gutes Tempo von Anfang an und trotzdem noch genug Entwicklung, dass es nicht langweilig wird.
Ein kleines Highlight auf der Bonus-CD ist dann “Another Corpse Under My Bed”. Die einzige Verbindung zu “The Corps Under My Bed” auf dem Vorgänger, die ich hier sehe sind die gleichen Sprachsamples, die hier allerdings deutlich dezenter verwendet wurden. Davon mal abgesehen ist “Another Corpse Under My Bed” einfach eine super tanzbare Instrumental-Nummer, die man so fast auch auf eins der älteren Alben als regulären Track hätte packen können.
“Body:Part” fällt dagegen wieder etwas simpler aus. Das ganze klingt sehr minimalistisch mit etwas komisch komprimiertem Sound, aber ganz coolen Samples dazwischen.
“Hal 9000” klingt sehr ähnlich nur qualitativ etwas besser. Ähnlich wie “Body:Part” zieht sich der Track ganz schön in die Länge und mittlerweile fängt es langsam an, etwas ermüdend zu werden.
Zum Glück sind wir mit “Shut Up And Bleed” dann auch am Ende der Bonus-CD angekommen und haben hier nochmal einen richtig geilen, brachialen Abschluss, bei dem uns alles mögliche an Electrosounds um die Ohren gefeuert wird, was man noch so übrig hatte.
Ich glaube, es ist einfach schwierig, die einzelnen Songs auf der zweiten CD zu beurteilen. “God Warrior”, “Another Corpse Under My Bed” und “Shut Up And Bleed” sind die einzigen Tracks, die ich mir separat anmachen würde und die wirklich ein eigenständiges Erlebnis bieten. Der Rest ist denke ich auch weniger dafür gemacht, dass man ihn aufmerksam hört und sich bewusst Gedanken darüber macht. Als Hintergrund-Beschallung geht die Bonus-CD aber in Ordnung.
Und das Album an sich? Auf jeden Fall kann man sagen, dass wir auch hier wieder ein gutes Combichrist-Album haben. Im Vergleich zu “Everybody Hates You” dürfte “What The Fuck Is Wrong With You People” etwas größere Schwankungen in der Qualität haben. Highlights wie “Get Your Body Beat”, “Fuck That Shit” oder “Shut Up And Swallow” hauen so dermaßen rein, dass sie Qualitätsstufen erreichen, die auf dem Album davor offenbar noch nicht möglich waren. Daneben gibt es einige gute und solide Songs, die dem Durchschnitt von “Everybody Hates You” in nichts nachstehen. Auf der anderen Seite gibt es hier mit “In The Pit”, “Deathbed” oder “Red” auch ein paar Songs, die wirklich nicht zünden wollen, was auf dem Vorgänger weniger stark ausgeprägt war.
Trotzdem möchte ich “What The Fuck Is Wrong With You People” nicht in meiner Sammlung missen und wenn man hören will, was die elektronische Zeit von Combichrist so groß gemacht hat, dann kommt man an diesem Album eigentlich nicht vorbei. Die Bonus-CD ist ein netter Zusatz, im Gegensatz zum Vorgänger aber nicht ganz so obligatorisch und eher was für Hardcore-Fans.
Punkte: 8.5 / 10